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Kafka-Atlas
Kafka in Neuseeland
von Norman P. Franke
‘The Angel of History’ (Foto: Stuart Lloyd-Harris) aus der
Aufführung Kafka’s Amerika am Free Theatre, Chistchurch
Als liberaler Rechtsstaat mit einer langen pragmatischen Tradition, viel
antipodischer Sonne und Common Sense, gilt Neuseeland als eines der am
wenigsten ‚kafkaesken‘ Länder der Welt. So mag das Interesse, das dem Werk und
Leben Franz Kafkas in Aotearoa entgegengebracht wird, auf den ersten Blick überraschen.
Die Rezeptionsgeschichte Kafkas ist jedoch lang und vielfältig. Sie verläuft am Anfang über
zwei Hauptlinien: die deutschsprachigen Exilierten aus dem nationalsozialistischen
Deutschland und die früh verfügbaren, oft über Großbritannien und die USA vermittelten,
Kafka-Texte und Übersetzungen. In der Folgezeit hat praktisch die gesamte angelsächsische
Kafka-Literatur - sowohl die übersetzten Originaltexte, als auch wissenschaftliche und
künstlerische Auseinandersetzungen mit Kafkas Werken – die (Hochschul-)Bibliotheken und
zugleich Literatur- und Pädagogikseminare und dann auch manche Schulzimmer im
Südpazifik erreicht.
Die literarische Kafka-Rezeption verlief weniger über direkte Adaptionen und explizite
Intertexte als über eine Aufnahme wichtiger thematischer und ästhetischer Strategien des
Prager Autors, die dann in einem neuseeländischen Kontext eingesetzt und weiterentwickelt
wurden. Wie dies vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts
geschah, mag der Auszug von James K. Baxters Analyse eines Frank Sargeson Textes
exemplarisch zeigen. Der wohl bedeutendste Lyriker Neuseelands schrieb über seinen
Kollegen, der heute als der erste dezidierte Kurzgeschichten- und Romanautor des
neuseeländischen Postkolonialismus bekannt ist: „In This Summer, the myth of the lost man
who has no place in society... is fully developed. [...] [Sargeson] knows as well as Kafka the
hysteria; and has explored the frozen underside of our well-lighted world of fried steak and
football queues, hoping… to find the backstairs to Heaven.” Kafkas modernes drangsaliertes
Individuum erscheint im Kontext Aotearoas als ‘lost man’, die bürokratische Hysterie, die
etwa dem Josef K. aus dem Process entgegenschlägt, war Sargeson, der wegen seiner
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Homosexualität von der Prüderie und der Gesinnungspolizei Mittelneuseelands verfolgt
wurde, in anderer, aber ähnlicher Form vertraut. Die Schilderung der Banalität der
antipodischen bürgerlichen Welt mit ihren Grillparties und ihrer Ballsport-Begeisterung
enthüllt z.T. eine eisige pyschologische Rückseite, die dann später bei den
Auseinandersetzungen um die ‚Springbok-Rugby-Tour‘ des südafrikanischen ApartheidRegimes auch gesellschaftspolitisch offenbar wurde. Zugleich wird mit dem Verweis auf
Kafka eine metaphysische und politische Sehnsucht benannt, die Baxters Gedichte inmitten
des säkularen Utilitarismus in Neuseeland immer wieder ins Gedächtnis rufen.
Interessante Anhaltspunkte für Sargesons frühe Kafka-Rezeption finden sich in seiner
Autobiographie, in dem er auf seine literarische Zusammenarbeit mit dem jüdisch-deutschen
Exildichter Karl Wolfskehl eingeht, der von 1938 bis zu seinem Tod 1948 in Auckland Zuflucht
fand. Sargeson, der Wolfskehl zuerst in einem Kellerkino Aucklands begegnete, beschreibt
den Kontakt mit dem beinahe blinden ‚Exul‘, der ihm als Verkörperung alter europäischer
Kulturtraditionen erschien, folgendermaßen:
It was a real privilege and a treat... [A] humanist, a friend of Rilke... Thomas Mann,
Franz Kafka. He’s incredible to look at, like something you’ve dreamed or seen on
film... I hope to see him again & possibly I shall read to him a couple of hours a
week. He moved me no end. He said: ‘Kafka is wonderful, he is full of emptiness.’
1
The real thing that.
Andere Dokumente einer evtl. persönlichen Freundschaft Wolfskehls und Kafkas sind nicht
bekannt. Ausgeschlossen ist sie indessen nicht, denn Wolfskehl, der älteste Freund Stefan
Georges, der dem ‚Meister‘ auch nach dessen Tod noch die Treue hielt und sich in
Neuseeland als Hüter des ‚Geheimen Deutschland‘ sah, war der einzige Georgeaner, dem
George gestattet hatte, Verbindungen zu modernen und ‚linken‘ Autoren und Philosophen
wie Else Lasker-Schüler und Walter Benjamin zu pflegen. Theologisch und ästhetisch hatte
Wolfkskehl allerdings lange Zeit größte Vorbehalte gegenüber Kafkas Texten. So hatte der
Exildichter in seiner Korrespondenz mit Hannah Arendt, die für den New Yorker Schocken
Verlag arbeitete, in dem auch späte Wolfskehl-Gedichte erschienen, bekannt: “Ihren Satz
über Kafka nehme ich vielleicht als einziges Geschenk, das ich diesem von Ihnen Dichter
2
genannten, mir nach wie vor tief fremden, ja fürchterlichen Un-Wesen verdanke”. Unter
dem Lektüreeindruck von Hannah Arendts Essay “Franz Kafka, von neuem gewürdigt” (Die
Wandlung, I/ 12, 1946) revidierte er seine Meinung jedoch und war dann sogar bereit, Kafka
den höchsten Würdetitel der Georgeaner, den des ‚Dichters‘, anzutragen: “Man kann den
Fall, den Dichter, seine Stelle in Zeit und Weltraum gar nicht deutlicher, nicht wahrer…
3
hinstellen. Ich bin begeistert.” Von Kafka begeistert und angeregt waren auch einflussreiche
1
Zitiert nach der Sargeson Monographie von Michael King: Sargeson. A Life. Auckland 1995, S. 224
In: Cornelia Blasberg (Hg.), Karl Wolfskehl, Briefwechsel aus Italien 1933 – 1938. Hamburg 1993, S.
126
2
3
In: Cornelia Blasberg (Hg.), Karl Wolfskehl, Briefwechsel aus Neuseeland 1938 - 1948. Darmstadt
1988, S. 215
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spätere Autoren in Neuseeland, von denen hier Charles Brasch, Janet Frame und Maurice
Gee stellvertretend genannt seien. Bekannte und unbekannte neuseeländische Lyriker
spiel(t)en ebenfalls auf Kafka an, Beispiele finden sich etwa in der von Studenten
herausgegebenen Sammlung Still Life After Kafka (1981); umgekehrt schrieb etwa Uwe Kolbe
kürzlich ein Gedicht unter dem Titel Kafka in Auckland (2012). Und der in Hongkong lebende
Māori Autor Vaughan Rapatahana nähert sich Kafka mit konkreter und absurder Poesie in
China as Kafka (2011).
Kafkas Romane und Kurzgeschichten werden auch an neuseeländischen Schulen gelesen; an
div. High Schools stehen die Romane Kafkas auf den Lektürelisten der Literatur- oder
Englischkurse der höheren Klassen, auf der Mittelstufe wird auch die Kurzprosa thematisiert.
Nationale, kulturelle und religiöse Identitätszuschreibungen Kafkas spielen bei der kritischen
Analyse seiner Texte sicher oft eine Rolle; das Hauptaugenmerk scheint jedoch eher auf den
kulturübergreifenden, totalitarismuskritischen Aspekten seines Werkes zu liegen. Auch im
schulischen Deutschunterricht wird Kafkas Kurzprosa gelegentlich in der Originalsprache
gelesen und besprochen.
Abbildung: Plakat zur Produktion Kafka’s America
An den neuseeländischen Hochschulen ergibt sich ein ähnliches
Bild; es sind vor allem die
Germanistikund
Englischabteilungen, in denen über Kafka
diskutiert und geforscht wird. Ob
Kafka-Texte Curriculum-Bestandteil werden, und wenn ja,
welche, wird in den meisten
Fällen von einzelnen Hochschullehrern in Rücksprache mit
Kollegen
und
Studierenden
bestimmt. Eine Reihe von
neuseeländischen Germanisten
hat über Kafka geforscht und sein
Werk in Lehrveranstaltungen,
aber etwa auch in den
Kulturprogrammen der Medien,
bekannt gemacht. Genannt seien
hier John Asher von der Auckland
University, Peter Russell von der
Victoria University in Wellington
sowie Tim Mehigan und Simon
Ryan von der Otago University.
Das gemeinsam von kanadischen
und südpazifischen Germanisten
herausgegebene Journal Seminar
Kafka-Atlas
hat seit seiner Gründung 1965 zahlreiche Artikel veröffentlicht, die sich insbesondere oder
komparativ mit der Literatur Kafkas befassen. Nicht zuletzt durch die Kafka-Spezialisten ist
auch das Adjektiv ‚kafkaesk‘ in seiner englischen Form (‚kafkaesque‘) in Neuseeland im
Umlauf, wenngleich man es außerhalb der akademischen Sphäre nur sehr selten hört oder
liest.
Neuseeländische Bühnen beschäftigen sich ebenfalls seit Jahrzehnten mit Leben und Werk
Kafkas, wobei die Aktualität Kafkas im Kontekt der (Post-) Moderne eine besondere Rolle
spielt. Jüngstes Beispiel ist die Erarbeitung der interaktiven Multimedia Produktion des Free
Theatre, Christchurch, die mit Kafka’s America (2014) die Träume und Alpträume des
(westlichen) Fortschrittsdenkens thematisiert.
Sept. 2014
Zum Autor: Dr. Norman Franke, Leiter des German Programme, Autor und
Dokumentarfilmer, University of Waikato, Hamilton, Neuseeland