Was wissen wir ber erfolgreiches Lernen in der Schule? (PDF, 623 KB)

Lernen
Lernenin der Schule?
Waswissenwir übererfolgreiches
ElsbethStern
Sonderdruck
S.45-49
Pädagogik58(1)12006,
Lernen
Was wissen wir über erfolgreichesLernen in der Schule?
I. Forcr
ELssrrx SrrnN
Wasist das Besondere
am
schulischen
Lernen?
Lernen ist ein Sammelbegriff fur
eine Vielzahl von Prozessen,die im
zentralen Nervensystem ablaufen
und es Lebewesenermöglichen,die
in ihrem jeweiligen Lebensumfeld
gestellten Anforderungen zunehmend besser zu bewältigen. Viele
Formen des Lernens laufen bei
Menschenund Tieren vergleichbar
ab. Dazu gehören Konditionierungsprozesse,die darin bestehen,
dass Reize, die vorher unverbunden waren. im Gedächtnis gekoppelt werden und dassein Verhalten,
das positive Konsequenzenhat, mit
Wahrscheinlichkeit
erhöhter
wiederholt wird. Manches schulische Wissen kann durch die Verstärkung von Assoziationenerworben werden, zum Beispieldas Einmaleins oder die Vokabeln einer
Fremdsprache.Wenn die Aufgabe
>>7x 3 =<<richtig mit 2l beantwortet wird, gibt es eine Belohnung,
falsche Antworten werden ignoriert. Auch einen Grundwortschatz
englischer Vokabeln kann man so
erwerben. Wenn aber im Kopf des
Lernendennichts weiter geschieht,
als dass von außen gesteuerteAssoziationen aufgebaut werden,
dann wird nur weitgehend unbrauchbaresWissen erworben. Bei
Schülern,die das kleine Einmaleins
durch Verstärkung der richtigen
Antwort auswendiggelernt haben,
kommt die Antwort auf >4 x 8 =<
aber
wie aus der Pistolegeschossen,
sie wissen nicht. dassman die Zahl
nur verdoppeln muss,wenn man >4
x l6 =<<ausrechnensoll. Wenn man
i m G e d ä c h t n i sA s s o z i a t i o n e nw i e
>Stuhl chair, Tisch table, carpet - Teppich< gespeichert hat,
d a n n b e d e u t e td a s n i c h t a u t o m a tisch, dass man diese Vokabeln
auch nutzt, um englische Sätzezu
bilden.
Die besonderegeistige Kompetenz
der Menschen besteht aber gerade
d a r i n , n i c h t n u r r e i n a s s o z i a t i vz u
lernen, das heißt nicht nur Verbindungen im Gedächtnisaufzubauen,
die von außen gesteuert werden,
sondernihr Wissen aktiv und ohne
äußeren Anstoß so umzustruktu-
rieren, dass es auch zur Bewältigung neuer Anforderungen herangezogenwerden kann. In der Schule geht es darum, Kindern bei der
Rekonstruktion von im kulturellen
Kontext entstandcnem Wissen zu
Bildungsforschung
und Schule
Ergebnisseund Konsequenzen
Iis gibt sicinrmcrnoch:die wcchselseixionshilfe heranzuzichen.I)atrci
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unterstützen. Sie müssen die
Schrift, die Mathematik oder naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten zwar nicht erfinden - das haben geniale Geister vor ihnen getan
- aber sie müssensie entdecken und
rekonstruieren. Die Aufgabe der
Schule besteht darin, eine vorstrukturierte Lernumgebung zu
schaffen, in der die Schüler die
Konstruktionsprozessein einer vorgeplanten Weise vollziehen und
Fertigkeiten gezielt aufbauen können.
Beim schulischen Lernen geht es
nicht um die Überaahmevon Assoziation durch Konditionierangnsondern um die Konstraktion uon Bedeutung.
Die BedeutungYonWissenflir
das Können
Die genetischeGrundausstattunS,
die unsere Gehirnfunktionen steuert, hat sich in den letzten 40.000
Jahren, nach allem, was wir bisher
wissen, nicht wesentlich verändert,
die Welt. in der wir leben, hingegen schon. Obwohl Menschen Jahrtausendebrauchten, um Schrift zu
entwickeln, können die meisten
Kinder nach wenigen Monaten
Schulbesuch lesen. Auch wenn das
arabische Zahlensystem erst vor
etwa 1200 Jahren entwickelt wurde, können die meisten Grundschulkinder dividieren und verstehen, dass die Null eine Zahl ist.
Wenn wir Menschen uns mit anderen Lebewesenhinsichtlich unserer
Lernfähigkeit vergleichen. schnei-
den wir sehr gut ab. Dessen ungeachtet befassen wir uns vor allem
mit dem Lernen, weil wir unzufrieden mit unserer Lernleistung sind.
Warum ist es so mühsam, eine
Fremdsprache zu lernen? Warum
sitzen Schüler über Jahre im Physik- und Mathematikunterricht,
ohne das Wesentliche verstanden
zu haben?Zur Beantwortung derartiger Fragen müssen wir uns dem
Erwerb und der Nutzung von Wissen zuwenden.
Befassenwir uns zunächst mit Fehlvorstellungen von menschlichem
Lernen. Die Vorstellung, wonach
das Gehirn unspezifischdurch die
Bearbeitung anspruchsvoller Aufgaben trainiert werden kann, hat
auch die Planung schulischer Lerni n h a l t e b e e i n f l u s s t ,u n d z w a r i n s besonderein der höheren Bildung.
Eine Begründung für den Lateinunterricht ist beispielsweise,dass
dieser das logische Denken sowie
den Erwerb von Lernstrategien fördere. Für die Annahme, dass man
durch Latein besser auf Anforderungen in Bereichen vorbereitet
werde, in denen Wissen nach den
Prinzipien der Logik geordnet ist,
gibt es jedoch keine empirische
Evidenz {HaagfStern 2003). Ebenso
wenig erfolgversprechend aber
sind moderne Versuche,durch >Gehirnjogging< (was de facto ein
Üben von Aufgaben bedeutet, die
Intelligenztests ähneln) die geistige
Leistungsfähigkeit zu verbessern.
Das ist aus der empirischen LehrLern-Forschungeigentlich seit mindestens50 Jahren bekannt, nämlich
seitdem man in Israel vergeblich
versuchte, die Chancen von Kindern aus bildungsfernenSchichten
durch ein Training in Intelligenztests zu verbessern. Bei Perkinsf
Grotzer(1997) werden vergebliche
Versuche, die allgemeine geistige
Leistungsfähigkeit zu trainieren,
näher diskutiert. In den vergangenen Jahrzehnten häuften sich Ergebnisse zum gescheitertenLerntransfer: Selbst wenn der Übungsaufgabe und der Transferaufgabe
die gleiche formale Struktur zugrunde liegt, wie es z. B. bei eingekleideten mathematischenAufgaben der Fall ist, kommt es nicht
zum spontanen Transfer (Stern
2001). Dementsprechend ist die
Vorstellung, man könne durch
mehr oder weniger beliebige Lerninhalte den Geist trainieren und
Menschen auf zukunftige Lernaufgaben vorbereiten, nicht durch die
Wissenschaft gestützt. Selbst bei
Mathematikaufgaben, denen die
gleiche Formel zugrunde liegt, können auf Seiten der Lernenden so
unterschiedliche Wissensstrukturen aktiviert werden, dass die Gemeinsamkeiten gar nicht erkannt
werden. Die Fähigkeit zum Transfer
wurde selbst bei intelligenten Lernenden lange Zeit ü berschätzt.
Lernenzeigt sich in einer Veränderung der Wissensbasis. Das
Gehirn kann nicht unspezifisch
trainiert werden.
lletastrategischeslYissenund
seineBedeutungbeimTransfer
Zeigt sicb aber Transfer zumindest
bei allgemeinen Lern- und Denkstrategien,also beim metastrateSischen Wissen? Können Vorgehensweisen, die bei der Bearbeitung einer Aufgabe erfolgreich erworben
wurden, auf eine neue Aufgabe
übertragen werden? Solche allgemeinen Vorgehensweisenbetreffen
z. B. das sorgfältige Abchecken der
Aufgabestellung, bevor eine Lösung abgerufen wird. DieseArt von
Metawissen kann sich unabhängig
vom Inhaltsgebiet entwickeln,
denn es handelt sich dabei um breit
einsetzbares Wissen. Allerdings
kann gut organisiertes Metawissen
nur in Kombination mit Inhaltswissen zum vollen Einsatz kommen. Es
kann erwartet werden, dass Menschen, die sehr viel Zeit mit Schachspiel verbringen, strategiscbes
Wissen erwerben. Sie müssensich
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in ihren Gegner bineinversetzen
und über dessen mittel- und langfristige Pläne spekulieren. Diese
Strategie kann aber nur bei vorliegendem Inhaltswissen ihre volle
Wirksamkeit entfalten. Wäre es
sinnvoll. einen Schachspieler als
Strategen beim Militär einzusetzen? Nur. wenn dieser Schachspieler auch über militärisches Wissen
verfügt! Als Auswahlkriterium sollte Schachspielnur in Erwägunggezogen werden, wenn zwei Personen
mit gleichem militärischen Wissen
zvr Verfügung stünden. Dann
könnte man davon ausgehen,dass
der erfolgreiche Schachspielersein
Wissen in einer kritischen Situation, in der es darum geht, das Verhalten des Gegners vorherzusagen,
effizienter einsetzen kann. Für
metastrategischesWissen gilt: Es
kann in sehr unterschiedlichen
Lernkontexten erworben werden.
Bei der Auseinandersetzungmit anspruchsvollen Aufgaben und Inhalten kann davon ausgegangenwerden, dassmetastrategischesWissen
als äußerst wertvolles >Nebenprodukt< erworben wird, wenn die
Lernumgebung entsprechend gestaltet ist. Es besteht Konsenszwischen Lehr-Lern-Forschern, dass
ein solcherimpliziter Erwerb von
metastrategischemWissen sehr viel
effizienter ist als die direkte Instruktion von Lern- und Denkstrategien an nicht authentischem Material, Der Satz: >Lern- und Denkstrategien sind lernbar, aber nicht
direkt lehrbar<, gehört zu den allgemein akzeptierten Aussagen der
Lehr-Lern-Forschung. Lehrpersonen können zum Aufbau und zur
Nutzung von metastrategischem
Wissen beitragen, indem sie die
Aufgaben in dem jeweiligen Inhaitsgebiet so stellen, dass die Anwendung bestimmter Strategien
nahe gelegt wird. Wenn dann noch
entsprechendes Material bereitgestellt wird und Hinweise gegeben
werden, dann sind damit gute Voraussetzungenfür die Etablierung
von brauchbarem metastrategischen Wissen gegeben. Um dies an
einem Beispiel zu erläutern: Möchte man die Gestaltung und Nutzung
von Tabellen fördern, wäre es sinnvoll. nicht eine Unterrichtseinheit
>Tabellenkunde<einzuführen, sondern eine Aufgabe zu stellen, die
die Konstruktion von Tabellen erfordert. Auf dieser Grundlage
könnte man dann die oPtimale Kon-
(der wissenschaftliche Fachausdruck für diese kognitive Leistung
ist >chunking<) versetzt uns nämlich in die Lage, Informationen zu
komprimieren und so die Gedächtniskapazität zu vergrößern. Diese
Abhangigkeit unserer Gedächtniskapazität von der Wissensorganisation lässt sich an folgendem Beispiel
gut veranschaulichen: Werden wir
mit der Anforderung konfrontiert,
eine Buchstabenreihewie >lsiftgvsazbtdk<, die uns für kurze Zeit
präsentiert wurde, exakt wiederzugeben, so werden die meisten von
uns scheitern. Hingegen werden
die meisten Leser die BuchstabenMetastrategisches Wissen entreihe >hamburgberlinfrankfurtsteht im güflstigen Fall als ein
münchenvenedigflorenzrom< auch
Nebenprodukt des Erwerbs von
nach Stunden noch reproduzieren
Inhaltswissen. Metastrategikönnen, selbst wenn sie nur wenisches Wissen ist lernbar, aber
ge Sekunden dargeboten wurde.
ntr in Ausnahmeföllen direkt
Denn spätestens.nachdem r>Hamlehrbar.
burg< erkannt wurde, wird im Gedächtnis die Kategorie DstädtenaSinnstiftendesLernen
men< aktiviert. Die einzige HerausdurchUmstrukturierung
forderung besteht nun lediglich
derWissensbasis
noch darin, sich die Reihenfolge
der Städte zu merken. Dabei reiLernen heißt, die bestehende Wischen durchschnittliche Geograsensbasisso zu verändern, dassauf
phiekenntnisseaus, um zu bemerdieser Basis eine bessere Anpasken, dass wichtige deutsche und
sung an die Erfordernisse der Umitalienische Städte in Nord-Südgebung stattfindet. Drei MöglichRichtung aufgeführt werden. All
keiten zur Umstrukturierung von
dieses Wissen wurde aktiviert,
Wissen werden im Folgenden näher
ohne dass der Aufgabenstellung
beschrieben.
selbst ein Hinweis darauf zu entnehmen war. Während sich niel. Chunking: Das Bündeln von
mand auf Anhieb die l4 zufällig anFakten zu größeren Einheiten
W e r d i e Z a h l e n 9 l I 1 9 8 9 3 1 0 1 9 9 0 geordneten Buchstaben merken
kann, weil sich in diesem Fall nicht
hört. wird sich diese kaum merken
auf Wissen zurückgreifen lässt, das
können. Im Allgemeinen kann sich
die Bündelung einzelner Buchstader Mensch nur sieben bis neun
ben zu größeren Einheiten erlaubt,
Einheiten merken. Wenn ich aber
kann man sich die 45 Buchstaben
sage,dasses sich bei den Zahlen um
durchaus merken, weil man sie zuzwei wichtige Daten der jüngsten
nächst zu sieben Städtenamen-Eindeutschen Geschichte handelt,
heiten zusammenfasst. für die es
nämlich den Tag der Mauerfalls
bereits Gedächtniseinträge gibt.
und den Tag der Wiedervereinigung, kann man die Zahlenreihe Weitere Gedächtniseinträge über
die geographischeLage der einzelwahrscheinlich problemlos repronen Städte erlauben eine zusätzli. nd u z i e r e n :9 . 11 . 1 9 8 93 . 1 0 . 1 9 9 0U
che Verdichtung der Information.
sere Gedächtniskapazität.also die
Durch die Bündelung und StruktuFähigkeit, eine bestimmte Menge
rierung von Wissen kann die Merkan Informationen in einer bestimmfahigkeit erhöht werden.
ten Zeit aufzunehmen. ist grundsätzlich begrenzt. Diese Fähigkeit
2. Automatisierung : Freisetzung
ist jedoch keine starre, naturgeggeistiger Ressourcen
ebene Größe, sondern hängt weDass wir in Sekundenschnelledas
sentlich davon ab, ob wir über beMississippidamPfschiffWort
reichsspezifischesWissen verfügen
u n d o b d i e s e s W i s s e n i n e i n e r fahrtsgesellschaftskapiten lesen
können, verdanken wir der hochWeise organisiert ist, die es uns ergradigen Automatisierung des Ermöglicht, Informationen zu bünkennens von Buchstabensowie dem
deln. Die Bildung von Einheiten
struktion einer Tabelle besprechen.
Zu einem späteren Zeitpunkt wenn sich wieder ein Inhaltsgebiet
anbietet - können die Techniken
der Tabellenkonstruktion vertieft
werden. Auf diese Weise kann
durcb eine indirekte Steuerung von
Seiten der Lehrperson der Wissenstransfer gefördert werden. Gleichzeitig dürfen aber die Erwartungen
an diese Art des Transfers nicht zu
hoch gesteckt werden. Metastrategisches Wissen kann nur wirksam
werden, wenn Inhaltswissen verfugbar ist.
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Lehrern und Schülern, bestehtdarin, dass die gleichen Begriffe verwendet werden, während die Netzwerke, in die sie eingebettet sind,
sehr unterschiedlichsind. So wird
von Kindern zudas Begriffsw.issen
J. Verstehen: Der Erwerb und
nächst von charakteristischen
die Umstrukturierung von BeOberflächenmerkmalenund nicht
griffen
von theoriegeleiteten, definitoriDen Kern unseres bewusst zugängschen Merkmalen bestimmt, weil
lichen und kommunizierbarenWiss e n s b i l d e n B e g r i f f e .W i r n e n n e n sie sich bei der Bildung von BegrifWörter wie Peter, Hund, Säugetier, fen in erster Linie von ihren Wahrnehmungen leiten lassen.Jüngere
Teufel, Gerechtigkeit, Gewitter
Grundschulkinder bejahen zum
Beispiel die Frage, ob ein Haufen
Reis etwas wiege, verneinen aber
die Frage,ob ein einzelnesReiskorn
etwas wiege. Diese zunächst unverständliche Antwort wird nachvollziehbar. wenn man berücksichtigt,
dassjüngereKinder >Gewicht<und
>sich schwer anfühlen< noch miteinander gleichsetzen. Auch dass
der Wal ein Säugetier und kein
Fisch ist, ist für Kinder schvter zu
verstehen, weil sie Tiere zunächst
nach ihrem Lebensraumeinteilen.
Dass die Art der Fortpflanzung die man im Allgemeinen nicht zu
sehen bekommt - ein sinnvolles
Kriterium bei der Klassifikation
von Tieren sein kann, versteht man
erst im Zusammenhangmit zusätzlichem und tiefer gehendembiologischen Wissen.Erst wenn ein Verständnis für den theoretischen
Hintergrund vorliegt, der die
Unterteilung in Säugetiereund Fische notwendig macht, werden
nicht mehr charakteristische{lebt
oder Relativitätstheorie und erwarAufmerksamkeit absorbiert wird
und das Stiften von Sinnzusam- ten, dass unser Kommunikations- im Wasser, hat Flossen),sondern
definitorische(Nachwuchswird lepartner versteht, auf welchen Ausmenhängen nicht möglich ist.
bend geborenund mit Muttermilch
uns
beziehen.
der
Welt
wir
schnitt
in
allen
Bewird
Automatisierung
ernährt) Merkmale zur Unterscheireichen gefordert. Das Beherrschen Begriffswissenentsteht durch die
dung herangezogen(Care,-2OOO).
des lxl gehört ebensodazu wie das Verbindung zu anderen Begriffen.
Was spricht dagegen,die Sonneals
Eigenschaften
sein,
können
Dies
Erkennen von Schaubildern oder
ein mächtigesLebewesenzu sehen,
wie z.B. >Ball< und >rund<<,oder
das Vokabellernen in der Fremddas uns Erdenbewohnernin regelaber Begriffe auf der gleichen Ebesprache. Automatisierung ist die
mäßigenAbständenLicht schenkt?
Folge von Ubung in Teilschritten. ne wie >Ball<und >Teddybär<,die
Wer einen Strudel im Flussoder abfür
Oberdie
Grundlage
zusammen
ist
es,
Uben
geEin kapitaler Fehler
fließendes Wasser in der Badewanring zu schätzen. Automatisiertes begriffe wie >Spielzeug< bilden
ne beobachtet hat, kann sich
können. Aus der Verbindung zwiWissen ist die Voraussetzungfür
durchaus vorstellen,dassdas WasNetzwerentstehen
schen Begriffen
weil diese freie
Verstehensprozesse,
ser saugt. Wenn in Wasser eingeumfangdie
unterschiedlich
ke.
voraussetzen.
Kapazitäten
geistige
tauchte Gegenständeunt€rgehen,
reich und unterschiedlichstruktuWenn ich die binomischen Formeln
riert sein können. Der passionierte wird dies konsequenterweisedamit
nicht nur rekonstruieren kann, sonerklärt. dass das Wasser sie nach
Hundebesitzer wird bei dem Begriff
weiß,
dern sie auch auswendig
>Hund< sofort Namen und visuelle unten saugt. Wer gesehenhat, wie
kann dies beim Auflösen einer komder Wind - von Kindern mit Luft
plexen Gleichung hilfreich sein, Vorstellung seinesHundes aktivie- Gegenständeaufeinen
gleichgesetzt
weil ich auf einen Blick erkenne, ren, der Biologe hingegen
>dow
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d
d i e T a t s a c h e ,d a s s
w
i
r
b
e
l
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wie
Begriff
übergeordneten
kann.
vereinflachen
wo ich etwas
mancheGegenständenicht im WasWer Vokabeln einer Fremdsprache mestiziertes Säugetier<. Ein entgelernt hat, kann sich bei der Kon- scheidenderGrund für suboptima- ser untergehen, damit erklären,
dass die Luft sie nach oben zieht.
le Kommunikation zwischen Menstruktion einesSatzesauf die Gramschen, insbesonderedie zwischen Eine Erklärung dafür, dass vom
matikregeln konzentrieren.
Wissen darüber, welche Buchstabengruppen jedenfallsin einer
uns gut bekannten Sprache- welchen Silben zugeordnet sind. Ein
im Lesenungeübter Mensch hingegen mussjedenBuchstabenin einen
Laut übertragen und daraus mühsamein Wort konstruieren.Es wird
Arbeitsspeicherkapazität gebunden, die für das Sinnverständnis
verloren geht. Bei manchen Schülern ist der Leseprozessso wenig
automatisiert, dass die gesamte
Wiederholte Erkennungs- und Verhaltensprozesseführen zur Automatisierungund damit zur Freisetzung geistigerKapazitäten.
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Physikunterricht so wenig hängen
bleibt. ist die, dasssich die Schüler
bereits lange, bevor das Fach in der
Schule gelehrt wurde, so viele Gedanken über Begriffe wie Energie,
Arbeit oder Geschwindigkeit gemacht haben, dass für die Feinheiten, die der Physiklehrer zu vermitteln versucht, in ihrem Wissensnetzkein Piatz mehr ist.
KonzeptuelleUmstrukturierung in
Mathematik zeigt sich vor allem in
einem fortgeschrittenen Zahlverständnis,bei dem Zahlen nicht nur
als Zählinstrumente gesehen werden, sondern als Möglichkeit zur
Modellierung von Beziehungen
zwischen Mengen. Dies drückt sich
vor allem in der Fähigkeit aus, Aufgaben zum quantitativen Vergleich
zu lösen. wie z.B.: >rHanshat 5 Murmeln. Er hat 3 Murmeln mehr als
Peter. Wie viele Murmeln hat Peter?<. Solche Aufgaben wurden
und werden im Grundschulunterricht immer noch selten gestellt. Bei
Stern (2003) werden Längsschnittdaten dargestellt, die zeigen, dass
nur Kinder, die bereits in der 2.
Klasse ein fortgeschrittenes Verständnis von Zahlen hatten, in der
ll. Klassenoch sehr gute Leistungen erbringen konnten.
Sinnstiftendes Lernen entsteht
nicht nur durch die Erueiterung,
sondern uor allem durch die Umstrukturierung uon Begriffswissen.
Die Kunsterfotgreichen
Anspruchsvolle
Unterrichtens:
Lernaufgaben
In den vorangegangenenAbschnitten wurde die Bedeutung des Wissens für das Können erörtert. Wissen kann durch unterschiedliche
Aktivitäten erworben werden, wobei lediglich konzeptuelles Wissen
allein durch direkte Instruktion erworben werden kann. Ein Merksatz
oder eine Definition kann zum Aufbau und zur Erweiterung eines
Konzeptesführen. Allerdings kann
nicht erwartet werden, dass diese
Art des Lernens ausreicht, um das
Begriffswissen zur Bewältigung
neuer Anforderungen heranzuziehen. Der Erwerb einer flexiblen
Wissensbasis,in der die Bündelung
von Faktenwissen, automatisierte
Handlungen und Konzepte integriert sind, wird durch die Bewältigung von Anforderungen, d.h.
durch Lernaufgaben erworben.
>Learning by doing< ist der Schlüssel zum Erfolg, und die Professionalität von Lehrern zeigt sich darin, in welche Aktivitäten sie ihre
Schüler verwickeln, also welche
Aufgaben sie ihnen stellen. Der
größte Lernfortschritt kann erwartet werden, wenn die gestellten
Aufgaben neu sind, aber auf der
Grundlage des verfügbaren Wissens gelöst werden können. Auf
dieseWeise verändert sich das Wissen: Es werden neue Chunks gebildet, Handlungs- und Erkenntnisprozessewerden automatisiert und
Konzepte werden durch die Anwendung in neuen Inhaltsbereichen erweitert und umstrukturiert.
Bei diesen Aktivitäten entsteht
dann auch metastrategischesWissen, welches im günstigen Falle zukünftiges Lernen erleichtert. Statt
kleinschrittige Übungen anzubieten, sollten Aufgaben gestellt werden, bei deren Bearbeitung die
Schüler erkennen, wofür sie bestimmte Arten von Wissen brauchen. Statt in Mathematik seitenlang die immer gleichen Aufgabentypen lösen zu lassen, helfen
sprachlich eingekleidete Aufgaben
bei der Erweiterung des mathematischen Verständnisses.Statt im naturwissenschaftlichen Unterricht
Definitionen und Merksätze von
Konzepten wie Auftrieb, Dichte
oder Trägheit vorzugeben, sollte
man Kinder mit Fragen konfrontieren wie: >Warum schwimmt ein
schweres Schiff aus Eisen im Meer,
obwohl ein kleines Stück Eisen
untergeht?( oder: >Warum müssen
wir uns eigentlich im Auto anschnallen<. Im Deutsch- wie im
Fremdsprachenunterricht geht es
darum, mündlich oder schriftlich
vorgebrachte Argumente und Intentionen anderer zu verstehen
bzw. andere von den eigenen Argumenten und Absichten zu überzeugen. Die Kunst des Lehrers besteht
darin, Aufgaben zu finden, bei denen Wissen erworben werden
muss, dessen Erwerb besondere
Schwierigkeiten bereitet. Wenn im
Englischen die Umschreibung mit
>to do< geübt werden soll, sollten
Schüler in Aktivitäten verwickelt
werden. bei denen sie Fragen stellen oder Aussagenverneinen müssen. Übungen, die der Automatisierung dienen, werden in sinnstiftendes Lernen integriert. Lernen
erfordert die Rückmeldung über
Erfolg. Der Schüler musswissen, ob
die Antwort oder der Lösungsweg
den Anforderungen entspricht oder
ob eine Korrektur des eigenen Verhaltens notwendig ist. Eine angemesseneReaktion von Seiten der
Lehrer auf Fehler und suboptimale
Lösungswegeist die gezielte Bereitstellung weiterer Übungsmöglichkeiten.
Schulisches Lernen verbessern
heißt, Schülern Aufgaben stellen, bei denensieihr bereits vorhandenesWissenertueitern,umstruk turie ren und autorn atisierefl müssen.
Iiteratur
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l3-19,2000
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Mechanismus der kognitiven Entwicklung: Der Erwerb mathematischer Kompetenzen. In: W. Schneider/M. Knopf (Eds.): Entwicklung,
Lehren und Lcrnen ZumGedenken
an Franz Emanuel Weinert (pp.
207-217). Göttingen 2003
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:)
Dr. ElsbethStern,J9.1957,ist ProfesPsychologb
am
sorinfur Padagogische
Max-Planck-Institutfür Bildungsforschung.
Adresse
: Lentzeallee94,
14195
Berlin
E-Mail : sten@mpi\berlin.mpg.de
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