www.frequenz.net newsletter 2011 Zukünftigen Qualifikationen auf der Spur Liebe Leserin, lieber Leser, der Schwerpunkt dieses FreQueNz-Newsletters liegt auf dem Zusammenhang zwischen beruflichen Qualifikationen und Technologie. Er enthält Beiträge über Auswirkungen des „Internet der Dinge“ auf Facharbeit, zur Darstellung eines Projektes über Qualifikationsanforderungen und neue Technologien sowie über Technologiefrüherkennung. Der Newsletter-Aufmacher fragt nach Anschlussmöglichkeiten zwischen Qualifikationsund Technologiefrüherkennung. Weitere Artikel umreißen Trends im „Smart House“-Umfeld und Ergebnisse des nun abgeschlossenen „Public Private Health“-Projektes, bei dem Auswirkungen von Veränderungen im Gesundheitsbereich auf Qualifikationsanforderungen untersucht wurden. Inhalt Die Beiträge zeigen unter anderem, dass der Zusammenhang zwischen Qualifikationen und Technologie – in Verbindung mit anderen (z. B. arbeitsorganisatorischen) Faktoren – in beide Richtungen betrachtet werden sollte. Zumal sich wohl sagen lässt, dass eine einseitige Anpassung von Qualifikationen an Technologien vorhandene Entwicklungspotenziale weniger als möglich ausschöpft. Ein Nutzen der Qualifikationsfrüherkennung könnte darin bestehen, dies bei Entscheidungen im Zuge der Verbreitung neuer Technologien stärker und „früher“ berücksichtigen zu können. Qualifikations- und Technologiefrüherkennung – Anschlussmöglichkeiten und Potenziale SEITE 1 Fraunhofer IAO Technologiefrüherkennung – Ein Instrument zur Vorhersage der Zukunft? SEITE 3 VDI TZ Diffusion neuer Technologien – Veränderung von Arbeitsaufgaben und Qualifikationsanforderungen im produzierenden Gewerbe SEITE 5 BIBB Zukünftige Qualifikationserfordernisse bei Gesundheitsfachberufen SEITE 7 infas, WIAD Aktuelle Trends und Entwicklungen im Bereich „Smart House“ Qualifikations- und Technologiefrüherkennung – Anschlussmöglichkeiten und Potenziale SEITE 9 isw Konsequenzen der Umsetzung des „Internet der Dinge“ für Facharbeit und Mensch-MaschineSchnittstelle Bernd Dworschak, Helmut Zaiser Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (Fraunhofer IAO) SEITE 11 ITB Technologische Neuerungen und zu nachgefragten Anforderungen passende Qualifikationen sind für eine positive wirtschaftliche Entwicklung von großer Bedeutung. Qualifikationsanforderungen entstehen oder verändern sich neben beispielsweise arbeitsorganisatorischen durch technologische Neuerungen. In diesem Kontext fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Initiative zur Früherkennung von Qualifikationserfordernissen, deren Aktivitäten im FreQueNz-Netzwerk verknüpft sind und mit deren Forschungsprojekten neue oder veränderte Qualifikationsanforderungen möglichst früh ermittelt werden sollen. Gleichzeitig bestehen Programme und Prozesse zur Technologiefrüherkennung. Mit Blick auf eine möglicherweise stärkere Verknüpfung zwischen beruflicher Bildung und Qualifizierung mit technologischen Entwicklungen fragt dieser Beitrag nach Überschneidungen und Anschlussmöglichkeiten zwischen Qualifikations- und Technologiefrüherkennung. Ideen oder z. B. technologische Neuerungen noch ausgearbeitet werden, eine Verbreitungsstufe, auf der die Planung, z. B. der Vermarktung von Innovationen, stattfindet, und eine Anwendungsstufe, auf der z. B. Produkte auf dem Markt sind. Alle drei Stufen lassen sich sowohl in zukünftigen, entstehenden und neuen als auch in reifen Wirtschaftszweigen identifizieren; wenn auch mit unterschiedlichem (in der Abb. auf S. 2 mit %-Anteilen abgeschätztem) Gewicht. Ansatzpunkte der Qualifikationsfrüherkennung des BMBF Die Forschungsprojekte der BMBF-Qualifikationsfrüherkennung zielen darauf ab, solche neuen oder veränderten Qualifikationsanforderungen möglichst früh zu identifizieren, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in den nächsten drei bis fünf Jahren auf der Anwendungsstufe für Fachkräfte der mittleren Ebene in der Breite relevant werden könnten. Mit Erwerbspersonen Als Ausgangspunkt, um der Frage nach Überschneidungen und Anschlussmöglichkeiten zwischen Qualifikations- und Technologiefrüherkennung nachzugehen, kann ein Modell zur Einordnung des Reifegrades von Wirtschaftszweigen sowie technologischer und arbeitsorganisatorischer Neuerungen bzw. von Produkt- oder Dienstleistungsinnovationen dienen.1 Dieses Modell unterscheidet zum einen zukünftige, entstehende, neue und reife Wirtschaftszweige. Mit Bezug auf arbeitsorganisatorische und technologische Neuerungen bzw. Produktoder Dienstleistungsinnovationen unterscheidet es zum anderen drei Stufen: eine Entwicklungsstufe, auf der -newsletter 2011 1 Industriereifegrad und Umsetzungsstufen Technologiefrüherkennung x% Emerging & future industry 70% 20% 10% New industry 30% 40% 30% Mature industry 10% 40% 50% Entwicklungsstufe Verbreitungsstufe Anwendungsstufe Anteil der Aktivitäten auf der jeweiligen Stufe auf der mittleren Qualifikationsebene sind im Rahmen der BMBF-Früherkennung v. a. Fachkräfte mit Abschlüssen bundesweit staatlich anerkannter Ausbildungsberufe und mit Weiterbildungsabschlüssen, wie z. B. Meister oder Techniker, gemeint. Dementsprechend bezieht sich die Früherkennung nicht auf mögliche zukünftige Wirtschaftszweige und die Entwicklungsstufe von Neuerungen, auf der überwiegend Höherqualifizierte tätig sind. Vielmehr setzen die Projekte idealerweise im Spektrum zwischen der Verbreitungsstufe und Anwendungsreife von Neuerungen in entstehenden, neuen und reifen Wirtschaftszweigen an. Mit ihrem kurzfristigeren Zeithorizont und ihrer Ausrichtung auf qualitativ-inhaltliche Anforderungen unterscheidet sich die Früherkennung einerseits von mengenbezogenen Vorausschätzungen der Qualifikationsnachfrage mit einem typischen Zeithorizont von 10 bis 15 Jahren. Andererseits ist die Früherkennung im Gegensatz zu gegenwartsbezogenen Ermittlungen von Qualifikationsbedarfen zukunftsgerichtet und nicht unmittelbar verwertungsorientiert. Sie wahrt eine offenere Perspektive, um möglichst wenige Entwicklungen auszublenden, die sich als relevant erweisen könnten. Mit der offenen Verbreitung der Projektergebnisse bietet das FreQueNz-Netzwerk den an Berufsbildungspolitik und Berufsbildung beteiligten Akteuren zukunftsgerichtete Informationen. Damit kann die Früherkennung zu einer frühzeitigeren Integration von zukunftsfähigen Anforderungen nicht alleine in Neuordnungen von Ausbildungsberufen, sondern auch in betriebliche wie überbetriebliche Qualifikationsprofile und Weiterbildungsaktivitäten beitragen, sodass diese bei ihrer Umsetzung wesentlich aktueller sein können. Technologie- und Qualifikationsfrüherkennung Im Kontext der Wechselwirkung zwischen qualifikatorischen und technologischen Entwicklungen soll hier zunächst nach Anschlussmöglichkeiten der Qualifikations- an die Technologiefrüherkennung gefragt werden. Gemäß der Umschreibung im Beitrag von Brand in diesem Newsletter beschreibt „Technologiefrüherkennung“ „die kontinuierliche Beobachtung technologischer Entwicklungen zum Zwecke einer frühzeitigen Identifizierung aussichtsreicher zukünftiger Anwendungen und einer Bewertung der entsprechenden Potenziale“2. Aktivitäten zur Technologie- wie auch Qualifikationsfrüherkennung gehen von der regionalen, nationalstaatlichen und europäischen Ebene aus. Technologiefrüh2 Qualifikationsfrüherkennung erkennung wird zudem von Unternehmen und häufiger mit einem ausdrücklicheren Bezug zur Innovationsfähigkeit betrieben. Wie im Qualifikationsbereich gibt es bei der Technologiefrüherkennung neben einer kurzfristigeren auch eine längerfristige Vorausschau, die über 15 Jahre hinausreicht. Im zuvor beschriebenen Modell zur Einordnung des Reifegrades von Neuerungen entspricht diese Perspektive wohl einer frühen Phase der Entwicklungsstufe. Die kurzfristigere Technologiefrüherkennung bezieht sich auf einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren vor der Marktreife einer technologischen Neuerung. Im Blick auf mögliche Überschneidungen zwischen Qualifikations- und Technologiefrüherkennung scheint der Zeithorizont der kurzfristigeren Technologiefrüherkennung stark mit dem Spektrum zwischen Verbreitungsstufe und Anwendungsreife von Neuerungen zu überlappen, in dem die Qualifikationsfrüherkennung idealerweise ansetzen sollte. Dies könnte bspw. in etwa mit der Zukunftsperspektive der Innovations- und Technikanalyse (ITA) des BMBF von fünf bis sieben Jahren korrespondieren. Demnach könnte eine Anschlussmöglichkeit der Qualifikations- an die Technologiefrüherkennung darin bestehen, Themen aufzugreifen, die im Zuge kurz- bis mittelfristiger Technologiefrüherkennungsprozesse als zukunftsträchtig identifiziert werden. Bezogen auf die BMBF-Qualifikationsfrüherkennung sollten dies jene Themen sein, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit mit breitenwirksam veränderten Qualifikationsanforderungen verbunden sein könnten. Eine erste Bilanz Da die ersten Projekte nun abgeschlossen und Studien, die den Blick in die Zukunft wagen, von Ungewissheit geprägt sind, möchten wir eine erste Bilanz zu den abgeschlossenen Projekten zu den Themen Web 2.0, Internet der Dinge (drei Projekte) und „Public Private Health“ ziehen. Zur Bilanzierung lässt sich das dargestellte Reifegradmodell heranziehen, worin nicht nur technologische Themen verortet werden können. Mit dem Themenfeld „Public Private Health“ wurde ein sehr breites Thema ausgewählt, dessen herausgearbeitete Szenarien sich auf unterschiedlichen Stufen des Reifegradmodells befinden, vornehmlich aber erst in mittelbis längerfristiger Perspektive wirksam werden. Das Thema Web 2.0 betrifft in den Unternehmen ganz unterschiedliche Qualifikationsniveaus. Nachdem sich Web-2.0-Anwendungen -newsletter 2011 auf der Ebene der Höherqualifizierten etabliert haben, kommen sie zunehmend auch auf und durch die mittlere Qualifikationsebene zum Einsatz. Das Thema befindet sich somit deutlich auf der Anwendungsstufe. Beim Thema Internet der Dinge mit den Schwerpunkten Logistik, industrielle Produktion und „Smart House“ stellt sich die Lage anders dar: Während sich die Teilbereiche Logistik und industrielle Produktion noch stark in der Entwicklung befinden, wurde mit „Smart House“ scheinbar ideal der „Zielbereich“ der Früherkennung zwischen Verbreitungsstufe und Anwendungsstufe getroffen. Dies zeigt sich nicht zuletzt am gelungenen Zusammenspiel zwischen Technologie- und Qualifikationsfrüherkennung in diesem Projekt. Generell muss indes die Zukunft zeigen, in welche Richtung sich das Internet der Dinge weiterhin entwickelt: Werden die Tätigkeiten auf der mittleren Qualifikationsebene dadurch eher anspruchsvoller oder weniger anspruchvoll?3 Potenziale der Qualifikationsfrüherkennung Wie insbesondere die Studie zum Internet der Dinge in der Logistik bestätigt, können sich neue Technologien, je nach Entwicklungsrichtungen und Einsatzvarianten, gerade auf der mittleren Ebene besonders gegenläufig auf Qualifikationsanforderungen auswirken. Die Qualifikationsfrüherkennung kann dazu beitragen, diese Wechselwirkungen zwischen Technologieeinsatzvarianten und Qualifikationsanforderungen zu einem verhältnismäßig frühen Zeitpunkt stärker zu berücksichtigen. Ein sehr wesentlicher Mehrwert eines möglichen Anschlusses der Qualifikations- an die Technologiefrüherkennung bezieht sich auf die potenzielle Diffusion einer neuen Technologie in die Breite, die nicht selten zu einem Bedarf nach Fachkräften mit neuen oder veränderten Qualifikationen der mittleren Ebene führt. Sind diese dann nicht ausreichend vorhanden, kann dies ein entscheidendes Hindernis für die Etablierung technischer Neuerungen sein.4 Bei einem Anschluss an Prozesse der kurz- bis mittelfristigen Technologiefrüherkennung könnte die Qualifikationsfrüherkennung die dort als zukunftsträchtig eingeschätzten Themen stetiger bereits vor der Diffusionsschwelle auf Qualifikationsanforderungen untersuchen und damit zu einer Verringerung des genannten Diffusions- und Etablierungshemmnisses beitragen. Anmerkungen 1 Vgl. Ferrier, F./Trood, C./Whittingham, K. (2003): Going boldly into the future. A VET journey into the national innovation system, Adelaide: NCVER, p. 27. Verfügbar unter: http://www.ncver.edu.au/research/proj/nr9036_vol1.pdf. 2 Die Umschreibung von „Technologiefrüherkennung“ beruht auf Holtmannspötter, D./ Zweck A. (2002): Monitoring of Technology Forecasting Activities in Europe. In: Zukünftige Technologien Nr. 37. 3 Sämtliche Abschlussberichte und Zusammenfassungen der Studien zu den Themen Web 2.0 und Internet der Dinge finden sich unter www.frequenz.net > Projektergebnisse. 4 Vgl. Thielemann, A. et al. (2009): Blockaden bei der Etablierung neuer Schlüsseltechnologien. Innovationsreport, TAB Arbeitsbericht Nr. 133. Verfügbar unter: http://www. tab-beim-bundestag.de/de/pdf/publikationen/berichte/TAB-Arbeitsbericht-ab133.pdf. Technologiefrüherkennung – Ein Instrument zur Vorhersage der Zukunft? Leif Brand VDI TZ, Abteilung Zukünftige Technologien Consulting „Technologiefrüherkennung“1 beschreibt die kontinuierliche Beobachtung technologischer Entwicklungen zum Zwecke einer frühzeitigen Identifizierung aussichtsreicher zukünftiger Anwendungen und einer Bewertung der entsprechenden Potenziale.2 Chancen und Herausforderungen erwachsen vor allem aus der Entwicklung neuer Produkte auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie allgemein aus veränderten Bedingungen durch das Auftreten technologischer Innovationen. Diese Innovationen kündigen sich im Vorfeld oft nur durch vage Anzeichen und schwache Signale an. Ihre frühzeitige Erkennung erfordert ein breites wissenschaftlich-technisches Überblickswissen, eine gute Vernetzung in die Fachszenen, methodische Kompetenz sowie eine Sensibilisierung für die Erfordernisse und Ziele des speziellen Früherkennungsvorhabens. Bisweilen treten neue technologische Entwicklungen überraschend bzw. unerwartet und schnell in Erscheinung und lösen bestehende Technologien ab. Solche Technologiebrüche bzw. Diskontinuitäten sind im Gegensatz zu inkrementellen Weiterentwicklungen nur schwer vorhersehbar und stellen eine große Herausforderung für die Technologiefrüherkennung dar.3 „Demand Pull“- und „Technology Push“-Perspektive Technologiefrüherkennung kann prinzipiell unter zwei Ausgangsperspektiven erfolgen4: Bei der „Demand Pull“-Perspektive, die in jüngerer Zeit zunehmend an Bedeutung gewinnt, stehen zunächst übergeordnete, meist gesellschaftliche Herausforderungen im Vordergrund.5 Im Mittelpunkt steht die Frage, welche zukünftigen technologischen Entwicklungen geeignet sind, diesen Herausforderungen zu begegnen, und wie diese Technologien gezielt gefördert werden können. Verbreiteter und insbesondere hinsichtlich der Früherkennung sich aus technologischen Entwicklungen ergebender Qualifikationserfordernisse relevanter ist der „Technology Push“-Ansatz, der deshalb nachfolgend im Mittelpunkt steht. Die „Technology Push“-Perspektive fokussiert die frühzeitige Identifikation aufkommender Technologien. Diese werden bezüglich ihrer potenziellen Auswirkungen auf existierende bzw. hinsichtlich ihrer Stimulationswirkung auf neuartige Anwendungs- und Handlungsfelder hin analysiert. Prozess der Technologiefrüherkennung Um belastbare Aussagen treffen zu können, muss sich die Technologiefrüherkennung sowohl fachlich, d. h. auf spezielle Technologiefelder, als auch zeitlich fokussieren. Letzteres ist von entscheidender Bedeutung hinsichtlich der -newsletter 2011 3 Die Phasen der Technologiefrüherkennung Definition Identifikation Themenpool (Vor-)Bewertung Umsetzung zu beobachtenden Forschungs- und Entwicklungsstadien. Liegt der Fokus auf Innovationen, die voraussichtlich in drei bis fünf Jahren Marktreife erreicht haben, so befinden sich entsprechende Entwicklungen heute überwiegend im Prototypenstadium. Sofern dieser Zeithorizont zugrunde gelegt wird, bietet sich für die Qualifikationsfrüherkennung eine unmittelbare Anschlussmöglichkeit. Liegt der Zeithorizont bei 15 bis 20 Jahren, fokussiert sich die Beobachtung verstärkt auf Entwicklungen, die sich derzeit noch in der Grundlagenforschung befinden. Zusätzlich zur zeitlichen sowie fachlich-technologiefeldbezogenen Abgrenzung sind bestimmte weitere Festlegungen vorzunehmen. Insbesondere müssen der thematische Suchraum und bestimmte Kriterien, auf deren Basis neue Entwicklungen recherchiert, identifiziert und bewertet werden, sowie geeignete Informationsquellen festgelegt werden. Zur Informationsgewinnung dienen u. a. die folgenden Methoden: •Internetrecherche, •Auswertung von Fachliteratur, Studien, Berichten, •Screening und Analyse nationaler und internationaler Programme zur F&E-Förderung, •Auswertung von Marktanalysen und Marktstudien, •inhaltliche und statistische Patentanalysen, •Bibliometrie (statistische Analyse der Publikationszahlen eines Wissenschaftsfelds), •Experteninformationen und gezielte Experten befragungen, •Konferenzen, Kongresse, Messen, •Branchenbeobachtung. Für den effizienten Einsatz der Methoden ist ein leistungsfähiges Informations- und Wissensmanagement von entscheidender Bedeutung. Welche Methoden eingesetzt werden, hängt von den spezifischen Erfordernissen der zu bearbeitenden Aufgabenstellung und von der Phase des Früherkennungsprozesses ab. Grundsätzlich untergliedert sich der Prozess der Technologiefrüherkennung in drei Phasen (siehe obige Abbildung). Die „Identifikationsphase“ bezeichnet das Auffinden relevanter Technologiethemen. Sie besteht ganz wesentlich aus einer kontinuierlichen Sichtung der Informationsquellen, der effizienten Weitergabe von Informationen sowie der 4 Diskussion von Themenvorschlägen. Das Ergebnis ist ein „Pool“ von Themen, die in einem weiteren Schritt detaillierter bewertet werden. In der „Bewertungsphase“ erfolgt die Relevanzbewertung der identifizierten Technologien auf der Basis der zuvor definierten Bewertungskriterien. Je nach Anforderung kann es sinnvoll sein, zur (Vor-)Bewertung profilartige Themendarstellungen zu erstellen, um das Thema fundiert und übersichtlich aufzuarbeiten. Bei zahlreichen identifizierten Themen ist es zudem sinnvoll, eine Relevanzquantifizierung, z. B. durch Fach- oder Anwendungsexperten, etwa im Rahmen eines Diskussionsworkshops vorzunehmen und geeignet zu visualisieren. Aus dem Bewertungsprozess kann sich Handlungsbedarf abzeichnen. So kann es für Unternehmen notwendig werden, ihre Vermarktungsstrategie oder ihr Produktportfolio frühzeitig auf zukünftige Entwicklungen auszurichten. Hinsichtlich beruflicher Bildung kann es erforderlich werden, vorhandene Aus- und Weiterbildungsgänge an neuartige technologische Entwicklungen anzupassen. In der „Umsetzungsphase“ sind solche Handlungsbedarfe daher spezifisch zu identifizieren und entsprechende Handlungsempfehlungen abzuleiten, die die verantwortlichen Entscheidungsträger bei der Einleitung von Umsetzungsmaßnahmen unterstützen. Fazit Technologiefrüherkennung ist zwar kein Instrument zur genauen Zukunftsvorhersage. Allerdings erlauben die Akquisition und Interpretation einer Vielzahl relevanter Informationen sowie die Kenntnis technologischer Entwicklungen verschiedener Bereiche und ihrer möglichen Verflechtungen fundierte und auf wissenschaftlicher Basis getroffene Abschätzungen. Die Technologiefrüherkennung stellt daher für Funktionsträger sowohl im privatwirtschaftlichen als auch im öffentlichen Bereich ein geeignetes Werkzeug zur frühzeitigen Erkennung bestimmter Entwicklungen und zur Unterstützung strategischer Entscheidungen dar. Sie kann darüber hinaus z. B. als Impuls und Ausgangspunkt für anschließende Untersuchungen im Rahmen der Qualifikationsfrüherkennung dienen. Anmerkungen 1 In der Literatur werden weitere Begriffe wie „Technologiemonitoring“ oder „Technologieforecasting“ häufig synonym gebraucht. 2 Holtmannspötter, D.; Zweck, A. (2002): Monitoring of Technology Forecasting Activities in Europe; Zukünftige Technologien Nr. 37. 3 Pleuß, P. O. (2006): Konzept zur Internetnutzung bei der Technologiefrüherkennung; Zukünftige Technologien Nr. 67. 4 Vgl. ebd. 5 Vgl. etwa Lund Declaration, “Europe Must Focus on the Grand Challenges of our Time”, Swedish EU Presidency, 8 July 2009, Lund, Sweden. Verfügbar unter: http://www.se2009.eu/polopoly_fs/1.8460!menu/standard/file/lund_declaration_final_version_ 9_july.pdf -newsletter 2011 Diffusion neuer Technologien – Veränderung von Arbeitsaufgaben und Qualifikationsanforderungen im produzierenden Gewerbe Monika Hackel, Bärbel Bertram, Ulrich Blötz, Ilse Laaser, Magret Reymers, Herbert Tutschner, Elke Wasiljew Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) Das im Juli 2011 im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) gestartete Forschungsprojekt untersucht, exemplarisch und vergleichend, unterschiedliche technologische Diffusionsprozesse neuer Technologien im produzierenden Gewerbe. Ziel des Projekts ist die Identifizierung von übergreifenden Indikatoren für die Dauerbeobachtung und die Früherkennung von veränderten Qualifikationsanforderungen, die aussagekräftig für die Berufsbildungsordnungsarbeit des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) sind. Daneben werden Ergebnisse zum aktuellen Qualifizierungsbedarf durch neue Technologien in einzelnen Branchen erwartet. Ein Faktor für eine erfolgreiche Umsetzung des Projekts ist eine breite Beteiligung von Betrieben, Branchen und Vertretern der Berufsbildungspraxis.1 Ausgangspunkt und Forschungsinteresse Neue Technologien spielen für die Weiterentwicklung der ökonomischen und technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands eine wichtige Rolle. Arbeitsmarktstudien prognostizieren ein hohes Entwicklungspotenzial durch die Verbreitung neuer Technologien, verbunden mit einem erhöhten Fachkräftebedarf. Voraussetzung für diese Entwicklung ist dabei die Diffusion der Technologien in leistungsstarke Branchen des produzierenden Gewerbes in Form von Produkt- und Prozessinnovationen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie man diesen Prozess berufsbildungspolitisch fördern kann, Veränderungen der Qualifikationsbedarfe durch technische Innovationen frühzeitig erkennt und hinsichtlich ihrer Bedeutung für das Berufsbildungssystem bewertet. Eine zentrale Annahme des Projekts ist, dass die Diffusion neuer Technologien nicht ausschließlich trennscharf eine Technologie betrifft und im Verlauf des Diffusionsprozesses sektoral unterschiedliche Ausprägungen annimmt. Durch die Veränderung von Produkten und Prozessen (z. B. Herstellungsverfahren, Qualitätssicherungsverfahren, Werkzeuge) können auch unterschiedliche technologische Innovationen gleichzeitig auf die Tätigkeitssysteme einwirken und die dort bestehenden Qualifikations- und Organisationsstrukturen verändern. Beispielsweise können durch die Adaption derselben Technologie in unterschiedlich geprägten Branchen, mit einer spezifischen Qualifikationsstruktur der Belegschaft und branchenspezifischen Organisationsformen arbeitsteiliger Prozesse, tradierte Funktionsdifferenzierungen in den Arbeitssystemen mit ihren Entwicklungsund Aufstiegsmöglichkeiten beeinflusst werden. Daraus resultieren unterschiedliche Anforderungen an Ausgestaltung und Inhalte von Qualifizierung. Es ist zu erwarten, dass die qualifizierte Bewältigung neuer Aufgaben eine Anpassung der naturwissenschaftlich-technischen Kenntnisse erforderlich macht. Weiter wird davon ausgegangen, dass durch eine systematische tätigkeitstheoretische Analyse des Diffusionsprozesses Hinweise zu veränderten Qualifikationsanforderungen und Empfehlungen zur Gestaltung neuer Bildungskonzepte abgeleitet werden können. Auf die theoretischen Grundlagen des Projekts soll im Folgenden kurz Bezug genommen werden, bevor die geplanten Projektschritte skizziert werden. Theoretische Grundlagen Als theoretische Basis für diese empirische Untersuchung wird die Cultural Historical Activity Theory CHAT herangezogen, die im Folgenden als Tätigkeitstheorie bezeichnet wird.2 Dies ermöglicht die systemische Betrachtung der zu untersuchenden Fragestellung unter Berücksichtigung unterschiedlicher Systemebenen. Das tätigkeitstheoretische Prinzip der Historizität besagt, dass Tätigkeiten vor dem Hintergrund ihrer soziokulturellen Bezüge analysiert werden müssen. Hier sind Parallelen zum Modell der Pfadabhängigkeit vorhanden. In diesem Modell wird angenommen, dass sich in der Vergangenheit getroffene Entscheidungen und internalisierte Denkmuster und Routinen auf die Gegenwart und zukünftige Entwicklungen auswirken. In Bezug auf die Diffusion von neuen Technologien bedeutet dies, dass neben der Analyse der lokalen Tätigkeitssysteme in den Betrieben vor Ort auch eine Auseinandersetzung mit den Bedingungen und Festlegungen in der übergeordneten „Community of Practice“ (z. B. Verbände, Branchen, Netzwerke) erfolgen muss, um Aussagen und Empfehlungen bezüglich zukünftiger Entwicklungen zu erhärten. Die Tätigkeitstheorie ist eine Lerntheorie für organisationales Lernen, die kollektive Lernprozesse in der Arbeitswelt erklärt. Dabei geht sie davon aus, dass im Zuge von Veränderungen im Zeitverlauf Widerstände im Tätigkeitssystem auftreten. Über eine Analyse der Widerstände lässt sich eine Beurteilung herbeiführen, ob die Diffussion einer oder mehrerer neuer Technologien in ein bestehendes Tätigkeitssystem für Veränderungen im Hinblick auf Qualifikationen relevant ist. Dabei können unterschiedliche Gruppen von Lernenden sowohl in der lokalen als auch in der erweiterten Praxisgemeinschaft partizipativ in den Forschungsprozess einbezogen werden. Das Prinzip der Möglichkeit der expansiven Erweiterung von Tätigkeitssystemen schließlich geht davon aus, dass durch Reflexion und Diskurs Veränderungsprozesse aktiv gestaltet werden können. -newsletter 2011 5 Geplantes Vorgehen Der methodische Ansatz der entwickelnden Arbeitsforschung baut auf den tätigkeitstheoretischen Grundlagen auf und bietet durch den Wechsel von sozialwissenschaftlicher Analyse und Reflexion mit den partizipierenden Praktikern ein hilfreiches Vorgehen im Forschungsprozess an. Die folgende Abbildung zeigt die unterschiedlichen Forschungsschritte im Projekt mit den dazugehörigen Zielen und den betroffenen Akteuren. •Im ersten Projektschritt werden Sektoranalysen zur Ausprägung der technologischen Diffusion in einzelnen Branchen und Branchensegmenten durchgeführt und die vorherrschenden Netzwerkstrukturen beleuchtet. Auf dieser Basis werden betriebliche Fallbeispiele ausgewählt. •Die in den Fallbeispielen gewonnenen Daten werden in einem Workshop mit Branchenvertretern reflektiert, um die Relevanz der Ergebnisse und möglichen Qualifizierungsbedarf innerhalb der Branche zu ermitteln. •In einem letzten Schritt erfolgt ein branchenübergreifender Fallvergleich zur Identifizierung von Indikatoren für ein auf Dauer angelegtes Technologiemonitoring mit genuin berufspädagogischer Zielsetzung. Ein Faktor für eine erfolgreiche Umsetzung des Projekts ist eine breite Beteiligung von Betrieben, Branchen und Vertretern der Berufsbildungspraxis. Anmerkungen •Die betrieblichen Fallbeispiele erfolgen in zwei Schritten. Zunächst werden in problemzentrierten Interviews auf der Facharbeiter- und Meisterebene Hinweise zu veränderten Arbeitsaufgaben, Schwierigkeiten und Qualifizierungsbedarfe identifiziert. In einer ergänzenden Gruppendiskussion mit relevanten Entscheidern werden diese im betrieblichen Zusammenhang reflektiert, wobei bereits lokale Lösungsansätze erarbeitet werden können. 1 Eine ausführliche Projektbeschreibung ist abrufbar unter http://www2.bibb.de/tools/fodb/ pdf/at_41301.pdf. 2 Vgl. Engeström, Y. (1999): Lernen durch Expansion, Marburg; Engeström, Y. (2008): Entwickelnde Arbeitsforschung. Die Tätigkeitstheorie in der Praxis, Berlin. Geplantes methodisches Vorgehen Projekt Diffusion neuer Technologien – Veränderung von Arbeitsaufgaben und Qualifikationsanforderungen im produzierenden Gewerbe Sektoranalysen Fallbeispiele Schritt 1: Interviews Fallbeispiele Schritt 2: Workshop Branchenübergreifende Analyse Analyse von Technologietrends in Bezug auf Branchen und Branchensegmente Interviews auf Facharbeiter-/Meisterebene Workshop zur Diskussion der Interviewergebnisse mit relevanten Entscheidern Vergleich mehrerer Fallbeispiele einer Branche Branchenübergreifender Fallvergleich Ziel: Identifikation relevanter Diffusionsprozesse Ziel: Hinweise zu - veränderten Arbeitsaufgaben - Schwierigkeiten - Qualifizierungsbedarf Ziel: Validierung der Daten auf Betriebsebene Ziel: Identifizierung von branchenübergreifendem Qualifizierungsbedarf Ziel: Identifikation von Indikatoren für ein Technologiemonitoring mit berufspädagogischem Bezug Fallauswahl Erarbeiten von lokalen Lösungskonzepten Betriebe Branche Berufsbildungspraxis 6 Vergleich innerhalb der Branchen -newsletter 2011 Zukünftige Qualifikationserfordernisse bei Gesundheitsfachberufen Thorsten Köhler, Helmut Schröder Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH (infas) Lothar Klaes, Alexander Rommel, Gerhard Schüler Wissenschaftliches Institut der Ärzte Deutschlands (WIAD) Im Auftrag des BMBF wurde untersucht, welche zusätzlichen Fähigkeiten und Kompetenzen die Beschäftigten der mittleren Qualifikationsebene (Aus- und Fortbildungsberufe) künftig benötigen, um den Anforderungen einer hochwertigen Gesundheitsversorgung auch in Zukunft gerecht zu werden. In einem Delphi-Prozess haben sich etwa 300 Experten dazu geäußert, auf welchen Gebieten sie Entwicklungen voraussehen, aus denen veränderte oder zusätzliche Qualifikationserfordernisse erwachsen für Gesundheitsberufe als auch für Berufe, die derzeit noch wenig mit dem Gesundheitswesen assoziiert werden. Um die komplexen Fragestellungen mithilfe von Expertenurteilen bearbeiten zu können, wurden sechs Szenarien entwickelt, die heute bereits initiierte Prozesse und zentrale Entwicklungsströmungen im Gesundheitswesen abbilden. Diese Veränderungen werden neue oder an die Entwicklung angepasste Qualifikationen erfordern, die im Folgenden exemplarisch vorgestellt werden. Szenario 1: Betreuung und Versorgung älterer und hochbetagter Menschen im häuslichen Wohnumfeld Momentan werden etwa 70 Prozent der über 65-jährigen pflegebedürftigen Personen in Deutschland ambulant versorgt. Die befragten Experten gehen davon aus, dass sich der aktuell beobachtbare „Sog ins Heim“ umkehren wird zugunsten ambulanter Strukturen. Mehr als zwei Drittel erwarten einen flächendeckenden Ausbau von Pflegestützpunkten, eine Verbesserung der Beratungsleistungen der Pflegekassen und die Weiterentwicklung des betreuten Wohnens (z. B. Demenzwohngemeinschaften) im Zeitraum von etwa zehn Jahren. Die damit verbundenen Anforderungen sind zwar nicht neu; nach Einschätzung der Befragten ist aber für viele Beschäftigte eine zusätzliche Qualifizierung erforderlich. So wird ein steigender Bedarf an Fachkräften erwartet, die über spezielle Kenntnisse in den Bereichen aktivierende Pflege, ambulante Re- habilitation, Intensivpflegebedarf und Schmerzversorgung verfügen. Eigenständige Koordinationsleistungen sowie die Beratung und Anleitung von Angehörigen Älterer, insbes. Demenzkranker, werden als unverzichtbare Aufgabe der pflegerischen und nicht ärztlichen Gesundheitsberufe gesehen. Szenario 2: Neue Aufgaben für die Fachkräfte in der ambulanten und stationären Versorgung (z. B. arztentlastende Dienste, neue Aufgabenteilung) Gefördert durch neue Technologien in Diagnostik und Therapie und getrieben durch Kostendruck infolge der wachsenden Zahl älterer Patienten mit chronischen Erkrankungen sowie durch die zunehmende Unterversorgung im ländlichen Raum werden sich neue Aufgaben im stationären und ambulanten Bereich ergeben. Acht von zehn Experten erwarten mittelfristig grössere Handlungsräume für medizinische und pflegerische Fachkräfte. Wegen einer Verkürzung der Liegezeiten wird außerdem ein Teil der klinischen Pflegeleistungen und Nachversorgung in den ambulanten Bereich verlagert werden. Die Delegation ärztlicher Leistungen an Pflegefachkräfte erfordert eine Erweiterung der Fachkompetenzen von medizinischen Fachangestellten und Pflegekräften. Qualifizierungsbedarf wird u. a. im engeren Kontext von Diagnostik und Therapie (z. B. EKG, Injektionen), bei der Fußkontrolle bei Diabetespatienten, der Sturzprophy-newsletter 2011 laxe und der Anleitung bzw. Überwachung der häuslichen Pflege gesehen. Szenario 3: Verankerung von Gesundheitsförderung und Prävention in allen Tätigkeitsfeldern des Gesundheitswesens Potenziale zur Verbesserung von Gesundheit und Lebensqualität sowie zur Vermeidung von Krankheit und ihrer Chronifizierung werden bislang nicht hinreichend ausgeschöpft. Gesundheitsförderliche Struktur- und Verhaltensänderungen werden von den befragten Fachleuten für erforderlich gehalten. Allerdings werden die Realisierungschancen sehr zurückhaltend eingeschätzt. Die größte Wahrscheinlichkeit hat ein Ausbau von Gesundheitsförderung und Prävention im Bildungswesen. Ein zweites Entwicklungsfeld bildet die breitere Partizipation der Betroffenen und die präventive Beratung von Familien bestimmter Zielgruppen. Kompetenzen für die Gesundheitsförderung und Prävention sind Querschnittqualifikationen für viele Gesundheitsberufe. Bisher mangelt es jedoch an praktischen Implementationen, an denen sich die Fachkräfte orientieren können. So muss insbesondere die Kompetenz stärker vermittelt werden, Maßnahmen auf spezifische Bedarfslagen zuzuschneiden und Verhaltensänderungen auf Basis individueller Risikoprofile zu kommunizieren. Szenario 4: Steigende Nachfrage nach gesundheitserhaltenden Dienstleistungen (z. B. Gesundheitstourismus) Maßnahmen im Bereich Medical Wellness zielen darauf ab, den Organismus zu stärken und die Lebensqualität zu verbessern. Zu den Dienstleistungen gehören u. a. Angebote zur Bewegungsförderung und Stressbewältigung, ebenso wie Ernährungsprogramme und Anwendungen im Kurbzw. Wellnesstourismus. Die Angebote gehen über die medizinische Regelversorgung hinaus und werden privat finanziert. Die Nachfrage steigt voraussichtlich bereits in den kommenden fünf Jahren an. 7 Szenarienübergreifende Qualifikationserfordernisse im Vergleich der sechs Szenarien Szenario Tätigkeitsbereiche und Anforderungen mit relativ hohem zusätzlichen Qualifizierungsbedarf 1 2 3 4 5 6 1 Interdisziplinäre Kommunikation, Teamorientierung, Multiprofessionalität 1 1 1 1 1 1 2 Zielgruppengerechte Kommunikation und Interaktion (insbes. mit alten Menschen, über Settings definierten Zielgruppen, Demenzkranken, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Behinderung) 1 1 1 1 1 1 3 Auf Adressatenbedürfnisse und Settingbezüge zugeschnittene Gesundheitsförderung und Prävention 1 1 1 1 1 1 4 Versorgungs- und Gesundheitsmanagement (gemeinde- bzw. quartierbezogen) 1 1 1 1 1 1 5 Koordination und Vernetzung verschiedener Leistungserbringer 1 1 1 1 1 1 6 Qualitätsmanagement 1 1 1 1 1 1 7 Umgang mit Multimorbidität 1 1 1 1 1 1 8 Elektronische Dokumentation und Evaluation 1 1 1 1 1 1 1 9 Patientenedukation und -beratung 1 1 10 Schnittstellenmanagement 1 1 11 Kenntnisse der medizinischen Behandlungskette und der sektorübergreifenden Ablauforganisation 1 1 12 Anleitung von pflegenden Angehörigen 1 1 1 1 1 1 1 13 Fundierte Settingkenntnisse 1 14 Palliativbetreuung, Sterbebegleitung 1 1 1 15 Leitlinienorientiertes Handeln 1 1 1 16 Fachübergreifende Assessments 1 1 17 Medikamentenmanagement 1 1 18 Social Marketing 1 hoher bis sehr hoher Qualifikationsbedarf 1 1 19 Datensicherheit und Datenschutz 1 1 1 1 1 mittlerer bis hoher Qualifikationsbedarf Es werden zwei Anforderungsprofile deutlich. Die medizinisch-therapeutischen Fachkräfte benötigen Grundwissen in gesundheitsförderlichen Fragen von Ernährung, Bewegung und Lebensstil sowie Kompetenzen in der Qualitätssicherung. Die zweite Gruppe bilden Hotel- und Verwaltungsfachkräfte, die mit der Unterbringung und Versorgung von Gästen befasst sind. Von ihnen werden Grundkenntnisse der Medical-Wellness-Angebote sowie Marketingkompetenzen erwartet. Szenario 5: Telemonitoring und Assistenzsysteme als Triebfedern neuer Angebotsstrukturen und Qualifikationserfordernisse (z .B. E-Health, Telepflege, AAL, Smart House) Die Weiterentwicklung der Informationstechnologie wird die medizinische und pflegerische Versorgung in den nächsten Jahren nachhaltig verändern. Die Arzt-Patient-Kommunikation, Diagnostik, Therapie und Pflege werden wesentlich stärker über Telefon oder Internet stattfinden. So werden u. a. Vitaldaten (z. B. Herzfrequenz, Blutzucker) von Patienten direkt an entsprechende Stellen übermittelt. Bei Bedarf werden im Gegenzug Anweisungen zur Therapie an Patienten und Fachkräfte gegeben. Neue bzw. veränderte Anforderungen stellen sich damit jenen medizinisch-technischen Fachkräften, die die eingehenden Daten entgegennehmen, vorbefunden und ärztliche Anweisungen weitergeben. Betroffen sind auch Pflegekräfte und medizinische Fachangestellte, die ambulante Leistungen erbringen und die Assistenzsysteme bei ihrer 8 1 1 1 Klientel bedienen. Eine dritte Gruppe bilden Techniker, die telemedizinische Systeme verkaufen, installieren, konfigurieren und warten. Szenario 6: Zunehmende Vernetzung und steigender Bedarf bei der Versorgung chronischer Erkrankungen (z. B. integrierte und sektorenübergreifende Versorgung) Der Anteil der chronisch kranken Patienten an der Bevölkerung wird in den kommenden Jahrzehnten erheblich ansteigen. Zukünftig ist deshalb eine stärkere Vernetzung der verschiedenen Fachdisziplinen und Versorgungsbereiche (Allgemein- und Fachmedizin, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen) notwendig, um die Qualität der Versorgung zu verbessern und die Gesundheitskosten zu dämpfen. Durch Prozessmanagement müssen Diagnose-, Therapie-, Pflege-, Vorsorge- und weitere Versorgungsleistungen mehr als heute miteinander verknüpft werden. Die Notwendigkeit einer engeren Vernetzung stellen die Experten nicht infrage, auch wenn sie sich über die konkrete Organisationsform noch nicht einig sind. Auf jeden Fall reichen die heute verfügbaren Qualifikationsprofile ihres Ermessens für diese Aufgaben nicht aus. Qualifizierungsbedarf besteht bei der Methodenkompetenz der koordinierenden Fachkräfte, bei Datenaustausch, interdisziplinärer Kommunikation und Patientenberatung. Darüber hinaus benötigen Fachkräfte zusätzliche medizinische, organisatorische und betriebswirtschaftliche Kompetenzen, um die Behandlungsverläufe effektiv zu koordinieren. -newsletter 2011 Aktuelle Trends und Entwicklungen im Bereich „Smart House“ Sirkka Freigang isw Institut für Strukturpolitik und Wirtschaftsförderung gGmbH (isw) Forschungsergebnisse aus der Studie zu Trendqualifikationen im Arbeitsumfeld von „Smart House“ In den Jahren 2009 und 2010 wurde im Auftrag des BMBF von isw Institut und VDI TZ eine umfassende Untersuchung zu veränderten Qualifikationsanforderungen auf mittlerer Ebene, bezogen auf die Entwicklung des „Internet der Dinge“ mit Schwerpunkt „Smart House“ durchgeführt.1 Als Grundlage dienten hierbei u. a. wissenschaftliche Trendanalysen sowie die Befragung von knapp 80 Experten. Es konnte festgestellt werden, dass die informationstechnische Vernetzung von Produkten und technischen Systemen in Wohn- und Zweckbauten untereinander zunimmt, welche zu vielfältigen und neuen Qualifikationsanforderungen führt. Gleiches gilt für die Fähigkeit dieser Objekte, autonom und situationsangepasst zu handeln, eine Folge der zunehmenden Ausstattung unbelebter Dinge mit „technischer Intelligenz“. Eine zunehmende Akzeptanz und Verbreitung von vernetzten und intelligenten Geräten und Systemen konnte schon im Jahre 2010 prognostiziert werden, wobei heute, nur ein Jahr später, ein qualifikatorischer Handlungsbedarf durch positive Marktentwicklungen im „Smart House“-Segment bestätigt werden kann. Szenarienübergreifende Querschnittqualifikationen Künftig werden verstärkt übergreifende Anforderungen bzw. Qualifikationselemente erforderlich sein, die in vielen Tätigkeitsbereichen bei Querschnittaufgaben verstärkt zum Einsatz kommen. Dazu zählen interdisziplinäre Kommunikation und Teamorientierung, zielgruppengerechte Kommunikation und Interaktion, Gesundheitsförderung und Prävention, Versorgungsmanagement, Koordination und Vernetzung, Qualitätsmanagement, elektronische Dokumentation und Evaluation sowie der Umgang mit Multimorbidität (siehe Tabelle). Die Untersuchung lässt keine völlig neuen Berufsbilder im deutschen Gesundheitssystem und seinen angrenzenden Bereichen erwarten. Zwar betonen die Experten, dass die veränderten Anforderungsprofile zusätzliche Qualifikationen erfordern. Sie gehen aber davon aus, dass Qualifikationsanpassungen bei bestehenden Berufsbildern durch Fort- und Weiterbildungen der Beschäftigten der mittleren Qualifikationsebene ausgefüllt werden können. Aktuelle Entwicklungen & Trends Das Interesse am Themenkomplex „Smart House“ ist in den vergangenen Monaten merkbar gestiegen. Dies zeigt sich z. B. an den Ergebnissen der vermehrt durchgeführten Marktforschungsstudien zur Prognose der Marktaussichten im „smarten Umfeld“. So kommt eine Studie von Logica Business Consulting über das Marktpotenzial von Services für das intelligente Haus zu dem Ergebnis, dass heute bereits 57 Prozent der befragten Energieversorger „Smart Home“-Dienstleistungen anbieten und vielfältige Service-Angebote auch in den Bereichen der Haustechnik, Haushaltsgeräte sowie Unterhaltungselektronik zu erwarten sind.2 Laut Berg Insight sollen die Umsätze gegenüber 2,3 Mrd. Dollar im Jahr 2010 auf 9,5 Mrd. Dollar im Jahr 2015 steigen.3 Auch der VDE kommt zu dem Ergebnis, dass das „Smart Home“ auf dem Weg sei, zum Wirtschaftsmotor für Industrie, Handel, Handwerk und Wohnungswirtschaft zu werden.4 Unternehmen etablieren sich zunehmend mit neuen „smarten“ Produkten oder Dienstleistungen. Die positiven Wachstumsprognosen nehmen nun auch Großunternehmen, wie bspw. Microsoft, Cisco, IBM oder Google, zum Anlass, sich beim Endkunden als Anbieter von „smarten“ Produkten zu präsentieren. Auffällig ist weiterhin die häufige Thematisierung des „vernetzten Lebens“ auf wegweisenden Kongressen und Messen. Auf der diesjährigen CeBIT wurde dem Thema bspw. eine gesonderte Ausstellungsfläche mit dem Titel „Smarter Living“ gewidmet, und die sich etablierende Leitmesse ConLife (Conference and Exhibition for Connected Life) konnte in diesem Jahr 20 Prozent mehr Besucher verzeichnen. Im Hinblick auf Qualifikationen und Kompetenzen ermittelte eine Studie des GfK, bei der 161 Händler und Handwerker befragt wurden, eine Erhöhung -newsletter 2011 9 der Beratungskompetenz als ausschlaggebenden Faktor zur Überwindung qualifikationsbezogener Barrieren einer weiteren Verbreitung von „smarten“ Produkten.5 Dies bedeutet, dass Händler und Handwerker besser in der Lage sein sollten, präzise Informationen zu Möglichkeiten und Nutzen von smarten Systemen dem Endkunden verständlich zu kommunizieren. All diese Indikatoren zeigen, dass das Thema bereits in der Wirtschaft angekommen ist und als profitables Geschäftsfeld wahrgenommen wird. Begleitende Trends, wie z. B. Smart Grids, Ambient Assisted Living, E-Health, Cloud Computing, Green IT, Video & Music Streaming, Mobile Devices, Embedded Systems, Tablets und Smartphones unterstützen die genannten Entwicklungen und bieten weiter gehende Möglichkeiten, ein intelligentes Heimsystem zu entwickeln. Zukünftige Entwicklungen Die Anzahl von vernetzbaren Produkten und Dienstleistungen wird zukünftig noch stärker ansteigen, d. h., dass sie Eigenschaften wie z. B. IP-Fähigkeit o. Ä. aufweisen, nicht kabel-, sondern funkbasiert und somit auch nachrüstbar sind. Durch technologische und wirtschaftliche Entwicklungen werden smarte Endgeräte zukünftig preiswerter erhältlich sein. Der allgemeine Trend zu offenen Systemen und Schnittstellen wird sich zukünftig verstärkt durchsetzen. Weitere Fortschritte bezüglich intuitiv bedienbarer Benutzerschnittstellen und Interfaces vereinfachen und erleichtern Handhabung und Inbetriebnahme, bspw. durch „Plug&Play“-Verfahren und automatisierte Updates. Hierbei kann damit gerechnet werden, dass aus einzelnen intelligenten Produkten autonome Gesamtsysteme erwachsen, welche durch neue Lösungen dem Endverbraucher einen gesteigerten Komfort mit erhöhter Energieeffizienz bieten. Insgesamt dürfte eine Entwicklung von intelligenten Produkten hin zu intelligenten Systemen stattfinden. In den kommenden Jahren wird es eine noch intensivere Verschmelzung verschiedener Geschäftsfelder und Gewerke im Gebäude durch Einsatz smarter Technologien und entsprechender Gateways geben, die auch nicht operable Geräte untereinander vernetzen können: Energieversorgung, Telekommunikation, Elektroautos, Sicherheitstechnik, Servicerobotik, Haustechnik, Ambient Assisted Living/E-Health, Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräte. Weiterhin wird eine Vereinigung von Energie- und Informationsnetzen stattfinden, die einerseits neue Services und Produkte zur Folge haben werden und andererseits neue Herausforderungen für die Energieversorger darstellen. Dabei wird sich der bereits heute abzeichnende Trend der dezentralen Energieerzeugung durch den Endverbraucher auch weiterhin verstärken. Hierbei treten die Konsumenten mehr und mehr auch als Energieproduzenten auf, weshalb der Begriff der „Prosumer“ größere Bedeutung erlangen wird. Die zukünftigen Herausforderungen liegen wohl weniger in der Entwicklung von technologischen Systemen als in einer sinnvollen, lösungsorientierten und bedarfsgerechten 10 Indikatoren zur Etablierung von Smart Homes im Jahr 2020 50% aller Häuser werden ab 2020 smart sein Akteure Microsoft Google Cisco IBM RWE Trends Cloud Computing Mobile Services Video & Music E-Energy E-Health Tablets Technologien: EIB/KNX, EnOcean, ZigBee, Z-Wave, Bluetooth, digitalSTROM, IP, LCN, LON, OSGi, Anwendung bereits vorhandener Technologien sowie in einer konvergenten, effizienten Vernetzung dieser. Folgende Bereiche werden hierbei aller Wahrscheinlichkeit nach besondere Beachtung finden: 1.Berücksichtigung und Erforschung von Bedürfnissen der Endverbraucher; 2.Entwicklung von Geschäftsmodellen und Aufbau geeigneter Vertriebsstrukturen; 3.rechtliche Rahmenbedingungen (z. B. bezüglich „Smart Metering“); 4.Datensicherheit sowie Datenschutz; 5.Abwägen von Kosten- und Nutzenrelation für Verbraucher; 6.Etablierung offener Standards und herstellerüber greifender Kooperationen und 7.Qualifizierung von (weiblichen) Fachkräften. Die Qualifizierung von weiblichen Fachkräften als besonders zu beachtender Bereich steht in Zusammenhang mit dem attestierten Mangel an „Smart Home“-Fachpersonal als Barriere zur Erschließung eines Massenmarktes. Das neu gestartete Projekt „Female Smart House Professionals“ greift diesen Punkt aktiv auf. Ziel des Projektes ist es, die bisher analysierten Ergebnisse aus o. g. Studie in Unternehmen der „Smart House“-Branche zu transferieren, indem gezielt weibliche Fachkräfte für Aufgaben im „Smart House“-Umfeld qualifiziert werden. Weiterhin sollen betriebliche Strukturen nachhaltig zur Gleichstellung von Frauen in der Wirtschaft etabliert werden. Das im Rahmen der Bundesinitiative „Gleichstellung von Frauen in der Wirtschaft“ (www.bundesinitiative-gleichstellen.de) geförderte Projekt wurde in Zusammenarbeit von isw Institut gGmbH und SmartHome Initiative Deutschland e.V. initiiert.6 -newsletter 2011 Konsequenzen der Umsetzung des „Internet der Dinge“ für Facharbeit und Mensch-Maschine-Schnittstelle Lars Windelband, Georg Spöttl Institut Technik und Bildung der Universität Bremen (ITB) Entwicklung Rechtliche Grundlagen Geschäftsmodelle Kundenbedarf Qualifizierung BACnet, eBUS, HomeMatic, IPTV, Powerline etc. Anmerkungen 1 Abicht, L., Brand, L., Freigang, S., Freikamp, H., Hoffknecht, A. (2010): Abschlussbericht zum Projekt Ermittlung von Trendqualifikationen im Bereich des Internet der Dinge mit Schwerpunkt Smart House. 2 Logica (2011): Smart Home: Energieversorger beschränken sich noch auf Dienstleistungen rund um die Energiemessung und -steuerung. Logica Deutschland GmbH & Co. KG, http://www.logica.de, URL: http://bit.ly/qEtBxt. 3 Energie und Technik (2011): Von der LuxusResidenz in den Durchschnittshaushalt. Smart Home: 9,5-Mrd.-Dollar-Markt bis 2015. WEKA FACHMEDIEN GmbH, http://www.energie-und-technik.de. URL: http://bit.ly/mQcPvH. 4 VDE (2010): Heimvernetzung auf dem Weg zum Wirtschaftsmotor. VDE Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e.V., http://www.vde.com, URL: http://bit.ly/hUnxtQ. 5 Boyny, J. (2011): Conlife 2011: Vom Smart Home Markt partizipieren. Wege für Industrie, Handel und Handwerk den Markt zu pushen. Vortrag mit Kennwort abrufbar über http://www.conlife.de/de/ conlife/diemesse/downloads/. 6 Das von BITKOM unterstützte Projekt „Female Smart House Professionals“ wurde vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gemeinsam mit BDA und DGB entwickelt. Die Bundesinitiative zur Gleichstellung von Frauen in der Wirtschaft wird finanziert aus Mitteln des BMAS sowie des Europäischen Sozialfonds (ESF). Weitere Informationen zur Bundesinitiative sind verfügbar unter: http://www.esf.de/portal/generator/15292/ 2010_11_29_projekte_gleichstellung_ runde5.html. Durch eine zunehmend intensivere Vernetzung mittels IT-Anwendungen entstehen immer mehr Möglichkeiten, komplexe Systeme und Prozesse zu überwachen und diese ohne menschliches Zutun zu steuern. Eine Konsequenz aus dieser Entwicklung ist das Entstehen „hybrider Konstellationen, die von menschlichen Akteuren und (teil-)autonomen Maschinen“1 durchdrungen sind. Die Verselbstständigung von IT-Systemen nimmt Schritt um Schritt zu, sodass die Rolle der menschlichen Akteure in den Hintergrund gedrängt wird. Die Auslöser sind neue Hightech-Entwicklungen im Bereich RFID (Radio-Frequency Identification) und dem „Internet der Dinge“. Durch die autonome Steuerung der betrieblichen Prozesse ist eine neue Stufe der technischen Entwicklung erreicht. Diese wirkt sich entscheidend auf die Arbeitswelt aus. Im Gegensatz zu Maschinen, die Aufgaben nach vom Menschen bestimmten und gesteuerten Prozessen erledigen, vermögen die vernetzten Systeme im „Internet der Dinge“ Entscheidungen selbstständig zu treffen. Studie QinDiLog Innerhalb der Früherkennungsstudie „Qualifikationserfordernisse durch das Internet der Dinge in der Logistik (IdD)“ wurde dieser Aspekt mit dem Transfer des IdD in die realen Arbeitsabläufe auf der Facharbeitsebene näher betrachtet. Die im FreQueNz-Newsletter 2010 dargestellten Ergebnisse zeigen, dass in den Unternehmen zwar eine zunehmende Auseinandersetzung mit dem IdD stattfindet, der Diffusionsgrad jedoch meist noch relativ gering ist. Die Auswertung der empirischen Erhebungen zeigt, dass kaum ein Unternehmen eine Vernetzung über die Unternehmensgrenzen hinaus erreicht hat. Auch kommunizieren die Objekte bisher nicht eigenständig miteinander und nehmen keinen direkten Einfluss auf die Warenströme. Trotz der bisher geringen Diffusion des IdD in die logistischen Prozesse lassen sich Unternehmen ausmachen, bei denen Abläufe aufgrund dieser Technologie tatsächlich nachhaltig verändert wurden und sich auch die Aufgaben der Mitarbeiter gewandelt haben. Zentrale Zielrichtung ist bei diesen Unternehmen die Automatisierung von Vorgängen und die Digitalisierung von Informationen. Ein Technologiemix aus digitalisierten Dokumenten, Erfassung von Geopositionen per Telematik, speziellen On-Board-Terminals für die Zustandserfassung der transportierten Güter und einem integrierten Informationsfluss über das Internet erlaubt diesen Unternehmen, eine effizientere Dienstleistung zu erbringen. Dabei konnten im Wesentlichen zwei Entwicklungsrichtungen identifiziert werden: 1.Zum einen wurde die Technik benutzt, um Prozesse zu automatisieren und die Fehlerhäufigkeit in den Arbeitsprozessen zu reduzieren. Die Aufgaben und das damit verbundene Anforderungsprofil auf Facharbeitsebene haben sich dadurch häufig vereinfacht. 2.Zum anderen wurden IdD-Technologien genutzt, um Arbeitsabläufe zu optimieren. Gleichzeitig wurden dadurch die Aufgabenfelder bei Mitarbeitern verändert. Die durch die Implementierung frei werdenden Kapazitäten bei Mitarbeitern wurden in der Folge mittels anderer Aufgaben belegt, was meist zur Folge hatte, dass die Aufgabenfelder umfangreicher und vor allem vielfältiger wurden. -newsletter 2011 11 Entwicklungsrichtungen des Internets der Dinge Automatisierungsszenario: Das Internet der Dinge lenkt die Fachkräfte. Arbeit des IdD wird vollkommen konstruktiv bestimmt. Fachkräfte werden mit Informationen nicht versorgt und verfügen über keine Kompetenzen. Die entstehende Kompetenzlücke bedingt, dass nur eine vom IdD gelenkte Gestaltung von Arbeitsprozessen zielführend ist. Zielt die Entwicklung auf eine Automatisierung der Prozesse ab, dann übernimmt die Technik Entscheidungen und führt per programmgesteuerter Abläufe technologisch vordefinierte Arbeitsroutinen durch. Die bedienungsbezogenen und operativen Aufgaben der Fachkräfte vereinfachen sich in diesem Falle, sofern keine Störungen und andere Probleme mit dem System selbst auftreten. Letztere müssen dagegen von hoch qualifizierten Fachkräften gelöst werden. Bei der Entwicklungsrichtung, die Arbeitsabläufe mithilfe des IdD zu optimieren, geht es in den Unternehmen immer auch darum, die Stärken der Mitarbeiter zu berücksichtigen. Das hat zur Folge, dass die Entscheidungsfindungsprozesse nicht dem System, sondern dem Menschen überlassen bleiben. Die Fachkräfte benötigen dafür ein hohes prozessspezifisches Wissen, um bei Problemen eingreifen oder Entscheidungen treffen zu können. Schlussfolgerungen zur Mensch-Maschine-Interaktion Mithilfe des IdD kann jeder Gegenstand mit digitalen Informationen aus dem Internet angereichert bzw. versorgt und damit auch gelenkt werden. Für Betriebe wird es letztendlich darauf ankommen, diese neuen Wertpotenziale zu erschließen und die dabei entstehenden Herausforderungen zu meistern.2 Eine immer weitere Entwicklung hin zu mehr autonom agierenden Systemen wird die Mensch-Maschine-Beziehung auf den Kopf stellen. Diese Entwicklung wird erhebliche Konsequenzen für die Arbeitswelt haben. Dabei müssen zwei Fragen in Zukunft noch genauer betrachtet werden: Werkzeugszenario: Die Fachkräfte lenken das Internet der Dinge. Das IdD ist die zentrale Domäne der Fachkräfte, z.B. in der Logistik. Die Fachkompetenz der Fachkräfte wird bei jedem Auftrag benötigt. Die Kompetenzanforderungen setzen voraus, dass die notwendigen Informationen zur Beherrschung der Arbeitsprozesse bereitgestellt werden und für die Kompetenzentwicklung passende Qualifizierungsansätze zur Verfügung stehen. Die Studie zeigt, dass vor allem mithilfe von RFID-Technologien in Zukunft der Warenfluss immer mehr optimiert und die Rückverfolgbarkeit von Prozessen und Produkten erleichtert wird. Von einer Automatisierung ganzer Prozesse ist man heute noch ein Stück entfernt. Man kann jedoch zwei Wege für die Zukunft erkennen (siehe Abbildung): • Entwicklung von Expertensystemen mit Werkzeugcharakter für qualifizierte Fachkräfte (Werkzeugszenario), • Einschränkung der Autonomie versierter Fachkräfte durch das Vordringen avancierter Technik bei Anlagen und Maschinen in der Logistik (Automatisierungsszenario). Eine der zentralen Fragen ist deshalb, wohin sich das zukünftige Profil der Facharbeit in der Logistik entwickelt, wenn Technologien wie das IdD Einzug halten. Die Ergebnisse zeigen hier noch keine eindeutige Richtung auf, auch wenn vor allem die Forschung eher von einer Entwicklung hin zur (Teil-)Automatisierung ausgeht. Nimmt man an, dass eine Entwicklung zu mehr Automatisierung stattfinden wird, dann werden Routineaufgaben zurückgehen, dafür werden sich die Spezialfälle häufen. Zurückgeführt wird dies auf das sogenannte Automatisierungsparadoxon. In einem automatisierten System müssen die Beschäftigten nur noch in schwierigen Fällen eingreifen, dazu benötigen sie jedoch häufig eine höhere Qualifikation, die sie sich aber nicht mehr aufbauen können. Diese Sachlage, die in sogenannten Hightech-Feldern (z. B. Flugzeuginstandsetzung) schon allgegenwärtig ist, breitet sich durch die Möglichkeiten umfangreicher Vernetzungen in alle Beschäftigungsfelder aus. Anmerkungen Wie soll die Beziehung zwischen Mensch und IT-Systemen gestaltet werden, damit sich Menschen auf die von IT-Systemen generierten Situationen einstellen können? 1 Weyer, J. (2007): Autonomie und Kontrolle. Arbeiten in hybriden Systemen am Beispiel der Luftfahrt. Technikfolgenabschätzung – Theorie und Praxis Nr. 2, 16. Jg., Dortmund, S. 35. Wie soll die Balance der Intelligenz zwischen Menschen und Maschinen austariert werden? 2 Vgl. Schmidt, B. F. (2008): Digitalisierte Wirtschaft: Praktisch kein Stein bleibt auf dem anderen. In: Kündig, A./Bütschi, D. (Hrsg.): Die Verselbstständigung des Computers, Zürich, S. 99–116, S. 109. Impressum FreQueNz Newsletter Redaktion: Bernd Dworschak, Helmut Zaiser (Stuttgart) Gesamtherstellung: W. Bertelsmann Verlag Gestaltung: Marion Schnepf, www.lokbase.com Verlag: W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG Auf dem Esch 4, 33619 Bielefeld Telefon: (05 21) 9 11 01-47, Fax: 9 11 01-79 E-Mail: [email protected], Internet: wbv.de Das Vernetzungsprojekt FreQueNz und weitere im Newsletter benannte Projekte werden gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. ISSN: 1434-9884 Wenn Sie regelmäßig den FreQueNz Newsletter erhalten möchten, kontaktieren Sie bitte Bernd Dworschak unter [email protected]. Herausgeber: Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation Nobelstraße 12, 70569 Stuttgart Telefon: (07 11) 9 70-20 42, Fax: 9 70-22 99 Internet: www.iao.fraunhofer.de
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