BERNHARD RIEDMANN / DER SPIEGEL BERNHARD RIEDMANN / DER SPIEGEL „Ich bin Stürmer in meiner Fußballmannschaft. Oft fallen bei den Spielen Schimpfwörter, das kennt man aus körperbetonten Mannschaftssportarten, und das gehört zu so einem Kontaktsport. Bei einem Punktspiel im Winter 2011 gegen eine Mannschaft aus der unteren Hälfte der Tabelle provozierten mich aber von der ersten Minute an die beiden Innenverteidiger – vulgär, unter der Gürtellinie, verletzend. Die Wörter möchte ich nicht wiederholen, sie waren im höchsten Maße rassistisch und bezogen sich ausschließlich auf meine Abstammung und Hautfarbe. Ich wollte weghören, aber irgendwann war ich so sauer, dass ich mich nicht mehr auf den Sport konzentrieren konnte. Mein Trainer hat mich in der 70. Minute ausgewechselt. Gemeinsam entschieden wir, den Vorfall zu melden, es kam zum Prozess vorm Sportgericht. Vorher hatte ich Bedenken. Was ist, wenn man mir nicht glaubt? Doch zum Glück hatte ich Zeugen, die meine Aussage bestätigten. Die beiden Verteidiger wurden gesperrt. Was mich zusätzlich zum Nachdenken gebracht hat, ist die Tatsache, dass einer der Beschuldigten sich in der Ausbildung zum Polizeikommissar befand.“ A Z I Z A JA N A H 40, Hausfrau, Hamburg „Vor acht Jahren habe ich beschlossen, ein Kopftuch zu tragen. Seither ist mein Leben ein anderes. Mein Vater kam aus Marokko nach Hamburg, er hat im Hafen gearbeitet, später als Sportwart bei der Polizei. Meine Mutter ist Deutsche. Niemand hat mich zu diesem Schritt gedrängt. Es war meine Entscheidung. Vor einiger Zeit ließ ich ein Paket für einen kurzen Moment unbeobachtet vor einer Bushaltestelle stehen. Passanten erschraken. Sie fürchteten wohl, ich wollte einen Anschlag begehen. Bei Lidl hat mich ein älterer Mann grundlos beschimpft: ‚Was suchst du 72 hier? Wir wollen dich hier nicht!‘ So etwas passiert häufig. Der Busfahrer grüßt mich nicht mehr, seit ich Kopftuch trage. Als ich mit einem Burkini, also einem langärmligen Schwimmanzug, ins Freibad ging, wies mich die Bademeisterin zurecht. Andere Gäste fühlten sich angeblich gestört. Für die einen bin ich das Opfer einer vermeintlich archaischen Kultur, die Frauen diskriminiert. Für die anderen eine gefährliche Fanatikerin, eine Islamistin. Ich werde als selbstbewusste Frau mit Kopftuch nicht akzeptiert.“ D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 3 BERNHARD RIEDMANN / DER SPIEGEL L I N CO L N A S S I N O U KO 23, Fußballspieler (zuletzt beim BV Cloppenburg, Regionalliga Nord), Mettingen THU Y NGUYE N 28, Volkswirtin, Rostock „Ich wollte nach meinem BachelorAbschluss 2011 ein Praktikum machen. Im Internet habe ich viele Angebote gefunden. Doch auf jede Bewerbung bekam ich eine Absage. Angeblich war die Stelle immer schon besetzt. Die anderen Vietnamesen in meinem Studiengang machen übrigens die gleiche Erfahrung. Die deutschen Studenten haben dagegen fast nie Probleme, ein Praktikum zu finden. Ich habe mich dann entschlossen, noch den Master zu machen, um so auf ein höheres Niveau zu kommen.“ A P OSTO LOS TSA L AST RAS 49, Stadtkämmerer, Oberhausen BERNHARD RIEDMANN / DER SPIEGEL BERNHARD RIEDMANN / DER SPIEGEL „Ausgerechnet ein Grieche! Das haben sich viele Journalisten gedacht, als ich 2011 Kämmerer in Oberhausen geworden bin, in einer der am höchsten verschuldeten Städte in Deutschland. Und das haben sie so oder so ähnlich auch geschrieben. Das war eine spannende Geschichte für sie, ein Kuriosum, und das war am Anfang auch okay. Was nicht okay war: Nach über einem Jahr waren meine griechischen Wurzeln immer noch eine Geschichte. Das wurde immer noch als Botschaft kommuniziert. Vielen ging es weniger um Inhalte, also um die Frage: Wie wollen Sie die Probleme in Oberhausen lösen? Es ging mehr darum: Woher stammen Sie? Wie bescheuert! Ich bin in Deutschland geboren, in Hilden im Rheinland, ich habe in Deutschland Volkswirtschaftslehre studiert. Meine Eltern sind vor langer Zeit, Anfang der sechziger Jahre, aus Griechenland nach Deutschland gekommen, als Gastarbeiter, wie das damals hieß. Für meine Arbeit als Kämmerer ist das aber doch völlig irrelevant. In Oberhausen selbst war das übrigens nie ein Thema. Kein Bürger hat jemals darauf angespielt, kein Verwaltungsmitarbeiter, nicht mal ein politischer Gegner. Das war eine rein mediale Auseinandersetzung mit den Journalisten.“ A L I G Ü N G Ö R M Ü S 36, Küchenchef und Inhaber des Restaurants „Le Canard Nouveau“, Hamburg „Ich finde, Deutschland ist ein schönes Land, und ich lebe gern hier, aber es gibt Momente, in denen das nicht so ist. Als ich 24 war, wurde ich Küchenchef, und ein Freund meines damaligen Chefs sagte zu meinem Chef: ,Du willst doch nicht einen Türken zum Küchenchef machen.‘ Und bevor ich mit 28 nach Hamburg ging, um meinen ersten eigenen Laden zu übernehmen, las ich in der Zeitung: ,Gibt es bald einen Edel-Döner im Le Canard?‘ Das hat mich getroffen, dahinter steckten rassistische Gedanken: Weil ich Ali heiße und schwarze Haare habe, denken sie, Ali kann nur Döner. Die Leute fragten sich: Der will das Le Canard übernehmen? Eine der teuersten Locations Deutschlands? So haben viele geredet. Für mich war das aber auch Ansporn. Nach einem guten Jahr kam der erste Stern. Und wissen Sie was? Danach war Ruhe im Karton. Wenn D E R du nur Ausländer bist, ist das erst mal schlecht. Aber wenn du Ausländer bist und erfolgreich, dann ist es okay. Ich musste mir meinen Respekt hart erarbeiten. Das, was heute noch im Restaurant passiert, ist eher lustig, es trifft mich nicht mehr. Wenn mich Leute Grüngemüs nennen oder ein Gast sagt: ,Herr Güngörmüs, meine Frau und ich waren neulich in Ihrer Heimat, in Istanbul.‘ ,Aha? Schön‘, habe ich gesagt, ‚in Istanbul bin ich auch gern, aber meine Heimat ist das nicht.‘ Oder ein anderer Gast, eigentlich weltoffen, wollte mich loben und sagte: ,Also diese Kompositionen mit den Aromen aus der Gegend, aus der Sie kommen …‘ Ich fragte ruhig: ,Welche Aromen aus welcher Gegend meinen Sie?‘ Er: ,Na ja, der Steinbutt mit dem Zimt aus Ihrer Heimat …‘ Und ich sagte: ,Wissen Sie, ich bin in München aufgewachsen, und da wächst kein Zimt.‘“ S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 3 73
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