Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft1 Die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb von Christian Gast, Sabine Zimmermann und Peter Gruss Inhalt 1. 2. 3. 4. 5. 1 Wissenschaftliche Exzellenz entscheidet sich im globalen Maßstab ............................ 1 1.1 Gesteigerte internationale Konkurrenz durch Globalisierung ................................................ 1 1.2 Innovationssysteme der BRICK-Staaten holen auf .................................................................. 2 1.3 Wettbewerb der Regionen im multipolaren Wissenschaftssystem........................................ 3 Grundlagenforschung als Basis volkswirtschaftlicher Innovation................................. 4 2.1 Technologieführerschaft ist auf Grundlagenforschung angewiesen ...................................... 4 2.2 Die lokale Dimension der Wissensverbreitung in regionalen Clustern ................................... 5 2.3 Aus Spitzenforschung entstehen erfolgreiche Innovationsmilieus ......................................... 7 2.4 Dynamische Innovationsregionen entwickeln sich weltweit .................................................. 8 Globale Exzellenz setzt nationale Exzellenz voraus ................................................... 10 3.1 Leistungsfähigkeit an globalen Maßstäben orientieren........................................................ 10 3.2 Dynamik der Exzellenzinitiative aufrechterhalten ................................................................ 12 3.3 Fokussierung auf nachhaltige Exzellenz ................................................................................ 14 3.4 Das Emerging Global Modell erfolgreicher Forschungseinrichtungen.................................. 16 Ein weltweites Netz knüpfen: Strategische Internationalisierung .............................. 18 4.1 Netzwerk-Knotenpunkte attrahieren die besten Köpfe........................................................ 18 4.2 Anker werfen im Ausland – Beispiele erfolgreicher Initiativen............................................. 19 4.3 Das Beispiel Max-Planck-Gesellschaft ................................................................................... 21 4.4 Ausgewählte Instrumente der Internationalisierung ............................................................ 24 Ausblick: Die Zukunft der deutschen Wissenschaft im globalen Wettbewerb ............ 27 Erscheint im Rahmen der Reihe „Wissenschaftspolitik im Dialog“ der BBAW Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb 1. Wissenschaftliche Exzellenz entscheidet sich im globalen Maßstab 1.1 Gesteigerte internationale Konkurrenz durch Globalisierung „Die Wissenschaft kennt keine Landesgrenzen; denn ihre Grenze ist lediglich die Grenze menschlicher Erkenntnis.“ Max Planck, von dem dieses Zitat aus dem Jahre 1923 stammt, war natürlich nicht der Erste, der den internationalen Charakter der Wissenschaft festgestellt hat. Wissen ist von universaler Natur und Forschung deshalb stets international. Viele Wissenschaftler beschäftigen sich zeitgleich an unterschiedlichen Orten mit denselben Phänomenen – man denke nur an die Theorie der natürlichen Selektion, die im 19. Jahrhundert von Darwin und Wallace unabhängig voneinander aufgestellt wurde. Menschliche Neugier und Wettbewerb um Erkenntnis und die besten Ideen sind die wesentlichen Triebfedern der Wissenschaft. Konkurrenz, aber auch Kooperation, prägt maßgeblich den wissenschaftlichen Fortschritt: Forscher tauschen sich aus, publizieren ihre Erkenntnisse und beurteilen diejenigen der anderen, bauen auf deren Ideen auf und entwickeln sie weiter. Heute ermöglichen die Dynamiken von technischem Fortschritt und der daraus resultierenden Revolution der Informations- und Kommunikationstechnologien, aber auch der gestiegenen Mobilität, eine ganz neue Dimension der Zusammenarbeit. Das Internet wurde ursprünglich zur besseren Kommunikation der am internationalen Kernforschungszentrum CERN beteiligten Wissenschaftler aus aller Welt entwickelt. Mittlerweile ist es selbst der entscheidende Beschleunigungsfaktor der Globalisierung. Diese verändert unser Leben radikal: Amerikanische Wirtschaftsprüfer und Steuerberater lassen Steuererklärungen anonymisiert in Indien ausführen, Radiologen von US-Krankenhäusern delegieren die Auswertung von CT-Scans an Ärzte – in Indien. Das Land ist inzwischen einer der größten IT-Dienstleister der Welt und wird – analog zu China, das gerne als „Werkbank der Welt“ bezeichnet wird – das „Back Office der Welt“ genannt. Die globale Arbeitsteilung ermöglicht den nationalen Volkswirtschaften enorme Effizienz- und Wohlfahrtsgewinne. Gleichzeitig stellt sie durch die Konkurrenz um Innovationen und Investitionen nicht nur Deutschland vor enorme Herausforderungen. Wenn schon die Werkbänke in Asien denen in Europa und den USA Konkurrenz machen, könnte nicht in allzu ferner Zukunft auch das „Labor der Welt“ in Indien, China, Singapur oder Korea stehen? Mit dem Aufbau weltweiter Wertschöpfungssysteme geht eine immer stärker global verteilte Forschungslandschaft einher: Große, multinationale Unternehmen haben Forschung und Entwicklung längst global dezentralisiert. Sie lagern ihre FuE-Aktivitäten dabei nicht nur in große Städte oder traditionell forschungsstarke Metropolregionen aus, sondern wählen bewusst Standorte auch in Schwellenländern, an denen sie nicht nur kostengünstig von lokalem wissenschaftlichen und technischem Know-how und gut ausgebildeten Personen profitieren, sondern auch nah an neuen Absatzmärkten sind. Die Qualität des lokalen Wissenschaftssystems, bereits bestehende FuEAktivitäten und eine vorhandene Industriekultur sind aber neben dem Kostenaspekt und dem Potential des Absatzmarktes weiterhin zentrale Entscheidungsmotive bei der Standortwahl für Investitionen in Forschung und Entwicklung. 1 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb 1.2 Innovationssysteme der BRICK-Staaten holen auf 400 000 Weltweite Ausgaben (BAFE) für F&E 350 000 300 000 250 000 200 000 150 000 100 000 50 000 0 Abbildung 1: Forschungsausgaben 2009 im weltweiten Vergleich in Millionen US-Dollar (kaufkraftbereinigt nach konstanten Preisen 2005) von G7, EU-27, ausgewählte BRICK2. Quelle: OECD. Der Großteil der wissensintensiven Auslandsdirektinvestitionen wird bislang weiterhin traditionell zwischen den forschungsstarken Ländern USA, Japan und Europas ausgetauscht. Dabei ist Deutschland aufgrund seines leistungsfähigen Innovationssystems ein besonders wichtiger Standort für ausländische FuE-Investitionen und für Unternehmen aus den USA sogar der wichtigste FuEAuslandsstandort. So haben sich die FuE-Ausgaben ausländischer Unternehmen in den letzten 15 Jahren in Deutschland verdreifacht. Darüber hinaus beschäftigen multinationale Unternehmer ein Viertel aller FuE-Mitarbeiter in Deutschland und kommen für fast ein Drittel aller privatwirtschaftlichen FuE-Ausgaben auf.3 Allerdings ist bei den Investitionen ausländischer Konzerne in den letzten Jahren eine Schwerpunktverlagerung hin zu den „BRICK-Staaten“ (Brasilien, Russland, Indien, China und SüdKorea) und anderen aufstrebenden Schwellenländern in Asien zu beobachten. So sind unter den Top 20-Metropolregionen, welche zwischen 2010-2012 die meisten wissensbasierten Auslandsdirektinvestitionen gewinnen konnten, nur sechs aus Europa zu finden; fünf dagegen aus Indien und drei aus China. Singapur ist ebenfalls unter den ersten fünf zu finden. Zwar konzentrieren sich diese Investitionen bislang in nachgelagerte Entwicklungsarbeiten wie Entwurfskonstruktion oder technische Anwendungstests; die wenigsten dieser Mittel werden tatsächlich für originäre Forschung und Entwicklung von Hochtechnologie in diesen Ländern verausgabt.4 2 Leider fehlen der OECD hier verlässliche Zahlen zu Indien und Brasilien. Vgl. OECD. „Expenditure on R&D“. In OECD Factbook. Organisation for Economic Co-operation and Development, 2013. http://www.oecd-ilibrary.org/content/chapter/factbook-2013-60-en. 3 Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI). „Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands 2013“, 2013. http://hdl.handle.net/10419/71411. S. 73 4 Primi, Annalisa. „The Evolving Geography of Innovation: A Territorial Perspective“. In The Global Innovation Index 2013: The Local Dynamics of Innovation, herausgegeben von Soumitra Dutta, Bruno Lanvin, Insead, World Intellectual Property Organization, und Johnson Graduate School of Management (Cornell University), 69–78, 2013. http://globalinnovationindex.org/content.aspx?page=giifull-report-2013. S. 73 2 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb Um aber auch bei den Spitzentechnologien mehr ausländische Investitionen anzuziehen und zu den G7-Staaten in diesem Bereich aufschließen zu können, investieren China und andere massiv in die Wissenschaft und steigern die öffentlichen Ausgaben für die Spitzenforschung. Nicht nur die BRICKStaaten haben erkannt, dass man Wissen und Innovationen auch durch eine gut finanzierte, öffentliche Forschungslandschaft fördern muss, um im globalen Wettbewerb den Anschluss an die klassischen Hochtechnologieländern zu finden. So lag das jährliche Wachstum der FuE-Ausgaben in China seit 1999 durchschnittliche bei knapp 20 Prozent, was dazu geführt hat, dass das Land nach zehn Jahren stetiger Investitionen 2009 bereits Japan in absoluten Forschungsausgaben überholt hat und in diesem Bereich seitdem weltweit den zweiten Platz hinter den USA einnimmt. In Korea sind im gleichen Zeitraum mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von etwa 10 Prozent die Mittel für Forschung ebenfalls deutlich gestiegen. Die Ausgaben dieser Länder spiegeln sich gleichsam in ihrer steigenden Leistungskraft der Forschung: Ihre wissenschaftliche Produktivität, gemessen am Publikations-Output, steigt in den letzten Jahren kontinuierlich.5 Nicht nur die pure Quantität, auch die Qualität der Beiträge steigt ständig: So stammen bereits 30 Prozent aller Publikationen, die im renommierten Nature Publishing Index für den Asiatisch-Pazifischen Raum gezählt werden, aus China.6 Alle Zahlen weisen darauf hin, dass in Folge der gestiegenen Bedeutung Chinas in der Weltwirtschaft bald auch seine Bedeutung als Forschungsstandort zunehmen wird. Wird China also bald die USA ablösen und zur neuen Wissenschaftsgroßmacht aufsteigen? Fest steht: Die Globalisierung hat die Bedeutung der internationalen Konkurrenz auch in der Forschung deutlich gesteigert – der wissenschaftliche Wettbewerb entscheidet sich heute stärker im globalen Maßstab als je zuvor. 1.3 Wettbewerb der Regionen im multipolaren Wissenschaftssystem Trotz dieser enormen finanziellen Investitionen in Forschung und Entwicklung und der daraus resultierenden Wachstumsdynamik wird sich der asiatische Raum nicht zum alleinigen Spitzenforschungslabor der Welt entwickeln. Die traditionellen Wissenschaftsgroßmächte wie das Vereinigte Königreich und die USA werden auf ihrer jetzigen internationalen Innovationsführerschaft was den Einfluss ihrer Veröffentlichungen (gemessen an Zitationen) angeht, oder die Umsetzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen (gemessen an der Zahl der Patent-Registrierungen) für die Zukunft aufbauen können.7 Es wird also nicht die eine große Wissenschaftsnation die andere ablösen.8 Vielmehr wird in Zukunft durch die Dynamiken der Globalisierung die Landkarte der weltweiten Spitzenforschung viele Wettbewerber zeigen. Schon heute sind, wenn man die verschiedenen nationalen Forschungssysteme genauer betrachtet, nicht nur in den aufstrebenden Schwellenländern zunehmende Tendenzen der regionalen Konzentration von Wissens- und Innovationsräumen festzustellen. Regionen entwickeln sich zu den entscheidenden Motoren der Entwicklung in innovativen, wissensintensiven Wirtschaftsbereichen. Die Globalisierung der Wirtschaft hat die 5 6 7 8 Adams, Jonathan, David Pendlebury, und Bob Stembridge. Building Bricks: Exploring the Global Research and Innovation Impact of Brazil, Russia, India, China and South Korea. Thomson Reuters, 2013. „Nature Publishing Index 2012 Global | Nature Publishing Group“, 2012. http://www.natureasia.com/en/publishingindex/global/supplement2012. S. 24. Royal Society (Great Britain). Knowledge, Networks and Nations Global Scientific Collaboration in the 21st Century. London: The Royal Society, 2011. http://royalsociety.org/uploadedFiles/Royal_Society_Content/Influencing_Policy/Reports/2011-03-28-Knowledgenetworks-nations.pdf. S. 5. Rogers Hollingsworth, J., Karl H. Müller, und Ellen Jane Hollingsworth. „China: The End of the Science Superpowers“. Nature 454, Nr. 7203 (24. Juli 2008): 412–13. doi:10.1038/454412a. 3 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb Bedeutung und Profilierung der Region als „Innovationsraum“ noch gesteigert. Für die nationale und globale Leistungsfähigkeit der Wissensökonomien gewinnen regionale und lokale Innovationscluster als entscheidende Transmissionsriemen für Neues immer mehr an Bedeutung. Dabei spielt der produktive Austausch innovativer Firmen mit Forschungseinrichtungen und Hochschulen vor Ort die entscheidende Rolle. Die regional verorteten Stärken und Strukturen wiederum bilden die Grundlage für die Attraktivität eines Standorts, der sich im internationalen Vergleich behaupten muss.9 Der globale Wettbewerbsmaßstab führt so gleichermaßen zu einer wachsenden internationalen Orientierung: Die leistungsstarken Regionen sind in verstärktem Maße in globale Innovationsnetze eingebunden; dies gilt für Unternehmen wie auch Wissenschaftseinrichtungen.10 Die hochspezialisierten und hochtechnisierten Volkswirtschaften der G7-Länder können es sich angesichts dieser Entwicklungen schlicht nicht leisten, im Wissenswettstreit nachzulassen: Sie sind darauf angewiesen, weiterhin technologisch innovativ zu bleiben, um ihren Wohlstand zu sichern und ausbauen zu können. China ist auf demselben Weg, und unternimmt alle Anstrengungen, um mithilfe von originärer Forschung und Entwicklung von der „Werkbank“ hin zu einer auf Hochtechnologie aufbauenden Wissensökonomie zu kommen. Für die Zukunft ist deshalb von einem multipolaren Wissenschaftssystem auszugehen, in dem nicht mehr ein einzelner Staat wie heute die USA dominiert. Stattdessen werden mehrere innovative Regionen als wissenschaftliche Zentren in Konkurrenz um die besten Innovationsstandorte, die besten Wissenschaftler und die beste Wissenschaft treten.11 So entwickeln sich neben China auch Indien, Südkorea und andere ehemalige Entwicklungs- und Schwellenländer wie Brasilien zu neuen Partnern und Wettbewerbern der etablierten „Forschungsnationen“ USA, Japan oder Großbritannien, und natürlich auch des deutschen Innovationssystems.12 Die Leistungskraft unseres Wissenschaftssystems wird sich darum in Zukunft umso mehr im globalen Maßstab messen lassen müssen. Die Internationalisierung des deutschen Wissenschaftssystems ist deshalb das entscheidende Instrument zur Steigerung seiner Leistungsfähigkeit. Nur so kann es einen Platz an der wissenschaftliche Weltspitze behaupten. Diese Spitze wird neben den USA oder Europa bald auch in Indien, China, Brasilien und Korea zu finden sein. 2. Grundlagenforschung als Basis volkswirtschaftlicher Innovation 2.1 Technologieführerschaft ist auf Grundlagenforschung angewiesen Die positive wissenschaftliche Entwicklung in Asien, aber auch in Brasilien oder Indien wäre ohne das entsprechende Wirtschaftswachstum und gezielte Investitionen in den Aufbau von Know-how nicht denkbar. Das bisherige Wachstum dieser Länder basierte maßgeblich auf niedrigen Lohn- und Rohstoffkosten. Auf dem Weg zu einem innovationsintensiveren Wirtschaftswachstum ist ihre Entwicklung nun aber zunehmend auf die Wissenschaft als Basis des Innovationsprozesses 9 10 Cooke, Philip, und Olga Memedovic. Strategies for regional innovation systems: learning transfer and applications. United Nations Industrial Development Organization Vienna, 2003. http://www.pacaonline.org/cop/docs/P_Cooke_Strategies_for_regional_innovation_systems.pdf. S. 15. Siehe auch Kapitel 2.2, „Die lokale Dimension der Wissensverbreitung in regionalen Clustern“ 11 Rogers Hollingsworth, J., Karl H. Müller, und Ellen Jane Hollingsworth. „China: The End of the Science Superpowers“. Nature 454, Nr. 7203 (24. Juli 2008): 412–413. doi:10.1038/454412a. 12 Bundesministerium für Bildung und Forschung. Deutschlands Rolle in der globalen Wissensgesellschaft stärken Strategie der Bundesregierung zur Internationalisierung von Wissenschaft und Forschung = Strengthening Germany’s role in the global knowledge society. Berlin; Bonn: BMBF, Referat Grundsatzfragen, Multilaterale Zusammenarbeit, Protokoll, Sprachendienst, 2008. 4 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb angewiesen. Wenn China in Zukunft auch Hochtechnologiegüter „designed in China“ produzieren will, greift eine Fokussierung lediglich auf die anwendungsorientiere Forschung zu kurz. Technologieführerschaft ist auf grundlagenorientierte Spitzenforschung angewiesen. Je weiter eine Volkswirtschaft in ihrer Entwicklung voranschreitet, desto abhängiger ist sie von grundlegenden technischen Neuerungen. So zeigt eine Studie von Hans Gersbach von der ETH Zürich, dass in führenden Industrienationen die Grundlagenforschung der entscheidende Treiber von auf Innovation basierendem Wirtschaftswachstum ist.13 Das liegt vor allem daran, dass Grundlagenforschung sich eben nicht an der Verbesserung von bereits Vorhandenem versucht, sondern grundlegend Neues schafft. Um die bedeutende Rolle der Grundlagenforschung als Innovationstreiber zu illustrieren, muss man noch nicht einmal das vielzitierte Silicon Valley bemühen. Es reicht ein Blick in die deutsche Wissenschafts- und Wirtschaftsgeschichte, um zu verdeutlichen, wie eng Forschung mit der Entwicklung neuer Technologiefelder verknüpft ist: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zu einem Gründerboom – die Hersteller synthetischer Farben schossen wie Pilze aus dem Boden. Entscheidend dafür war das Wirken von Justus von Liebig in Gießen. Er begründete die Chemie als akademische Disziplin und stellte das Fach auf experimentelle Grundlagenforschung um: Die Studenten sollten im Labor neben den wissenschaftlichen Grundlagen der Chemie auch die experimentelle Arbeit kennenlernen. Neben den durch die chemische Grundlagenforschung erzielten Durchbruchsinnovationen waren die so ausgebildeten Chemiker ein entscheidender Erfolgsfaktor für den Aufstieg der Farbenindustrie. Vor allem Deutschland entwickelte sich zu einem attraktiven Innovationsstandort für die junge Branche, nicht zuletzt weil hier die Zahl der akademisch ausgebildeten Chemiker stärker stieg als anderswo in der Welt. Allein im Tal der Wupper entstanden in dieser Zeit sieben Farbstofffabriken. Zwei davon bilden noch heute das Herzstück der chemischen und pharmazeutischen Industrie in Deutschland – Bayer und BASF sind Global Player mit jeweils mehr als 100.000 Mitarbeitern weltweit und Umsätzen im zweistelligen Milliardenbereich. Die enge Verbindung von Forschung und chemischer Industrie zeigt: Die in der Arbeitsweise der Grundlagenwissenschaft ausgebildeten Forscher können auch in der Industrie ihr Wissen und ihre Problemlösungskompetenz in Entwicklung und Anwendung einbringen. 2.2 Die lokale Dimension der Wissensverbreitung in regionalen Clustern Die heutige pharmazeutische und biotechnologische Industrie ist ein aktuelles Beispiel für die Bedeutung der Grundlagenforschung als innovationstreibende Kraft und Basis der Wirtschaftsentwicklung. Bahnbrechende Erkenntnisfortschritte der modernen Molekularbiologie haben die Biotechnologie überhaupt erst begründet. Die Entdeckung der sogenannten Restriktionsenzyme etwa hatte entscheidenden Einfluss darauf, wie fortan Medikamente entwickelt wurden. Noch heute ist die pharmazeutische Biotechnologie sehr stark auf vorhandene Grundlagenforschungskompetenz angewiesen. Dass die lokale Dimension der Wissensverbreitung hierbei besonders wichtig ist, zeigt sich bereits in der frühestens Geschichte der Biotechnologie: So wurden die ersten reinen BiotechFirmen Genentech und Amgen in Kalifornien im unmittelbaren Umfeld der Stanford University und der University of California-Standorte San Francisco und Berkeley gegründet. Dies hatte Gründe, die auch heute noch gültig sind. Know-how kann zwar durch Patente und Publikationen auch 13 Gersbach, Hans. „Basic research and growth policy“. In The New Economics of Technology Policy, herausgegeben von Dominique Foray, 113–21, 2009. 5 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb international erworben werden. Die biologischen „Werkzeuge“ wie Plasmide, DNA-Sequenzen, sogar Mikroorganismen oder Tier- und Pflanzenstämme werden heute weltweit zwischen einzelnen Laboren länderübergreifend ausgetauscht.14 In den Biowissenschaften allgemein, insbesondere in der Biotechnologie sind aber oft nichtkodifizierte Fähigkeiten und Wissen, sogenanntes tacit-knowledge von entscheidender Bedeutung. Dieses lässt sich nur persönlich weitergeben, weshalb die Biotechnologie vor allem in lokalen oder regionalen Innovationsmilieus oder Clustern floriert, welche aber an Netzwerke der internationalen Spitzenforschung angebunden sein müssen. Deshalb ist sie in Deutschland mit Clusterzentren in Berlin, Köln, Heidelberg und natürlich München vornehmlich dort angesiedelt, wo sie ein hervorragendes Umfeld an international wettbewerbsfähigen Forschungsorganisationen und entsprechend ausgebildeten Personen vorfindet. In München etwa ist die Mehrheit der Unternehmen in diesem Bereich als Start-Up aus dem MPI für Biochemie oder dem Genzentrum der LMU München hervorgegangen.15 Heute bilden etwa 180 Life-Science-Unternehmen mit rund 20.000 Mitarbeitern das wirtschaftliche Herz des Münchner Biotech-Clusters, das europaweit zur absoluten Spitze in diesem Bereich gehört.16 Begünstigt durch die föderale Verfassung und die damit einhergehenden Gestaltungsspielräume der Länder, hat Deutschland neben der Biotechnologie auch in zahlreichen anderen Schlüsseltechnologiefeldern international sichtbare, regionale Innovationsräume vorzuweisen.17 Bayern, Baden-Württemberg und Hessen erbringen dabei zusammen über die Hälfte aller FuE-Ausgaben in Deutschland.18 Im Bereich der erneuerbaren Energien und der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) sind entsprechend Bayern und Baden-Württemberg jeweils unter den Top-ZehnRegionen der Welt zu finden, die hier die meisten Patent-Anmeldungen zu verzeichnen haben. Bei den erneuerbaren Energien rangiert Bayern (nach den USA, zwei japanischen Regionen und Korea) sogar unter den Top-Fünf. Die meisten IKT-Patentanmeldungen nach Japan (Kanto-Region) und den USA (Kalifornien) entfallen jedoch bereits an dritter Stelle an die chinesische Provinz Guangdong, in der die Sonderwirtschaftszone Shenzhen liegt.19 Das Beispiel China, aber auch Indien und Brasilien zeigen, dass sich selbst in Ländern mit im Vergleich (noch) eher durchschnittlicher gesamtstaatlicher F&I-Leistung hochintegrierte Innovationsregionen finden, die bereits heute in der internationalen Konkurrenz herausragen.20 14 15 Korte, Martin. „Wie international ist die Wissenschaft?“ In Wettlauf ums Wissen. Außenwissenschaftspolitik im Zeitalter der Wissensrevolution, herausgegeben von Georg Schütte, 166–175, 2008. http://pub.uni-bielefeld.de/publication/1861302. S.168 Grande, Edgar, und Robert Kaiser. „The Transformation of the German System of Innovation: The Case of Biotechnology“. In Knowledge creation, diffusion, and use in innovation networks and knowledge clusters: a comparative systems approach across the United States, Europe, and Asia. Greenwood Publishing Group, 2006. 16 Kuhlmann, Stefan. „Forschungs- und Innovationssysteme im internationalen Wettbewerb“. In Wettlauf ums Wissen: Außenwirtschaftspolitik im Zeitalter der Wissensrevolution, herausgegeben von Georg Schütte. Berlin: Berlin University Press, 2008. S. 56 17 Kuhlmann, Stefan. „Politisches System und Innovationssystem in ‚postnationalen‘ Arenen“. In Innovationspolitik in globalisierten Arenen, herausgegeben von Klaus Grimmer, Stefan Kuhlmann, und Frieder Meyer-Krahmer, 11–39. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 1999. http://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-663-10359-2_1. S. 14f. 18 19 20 http://www.statistik-bw.de/veroeffentl/Monatshefte/essay.asp?xYear=2012&xMonth=01&eNr=04 Im Zeitraum 2008-2010. Vgl. Primi, Annalisa. „The Evolving Geography of Innovation: A Territorial Perspective“. In The Global Innovation Index 2013: The Local Dynamics of Innovation, herausgegeben von Soumitra Dutta, Bruno Lanvin, Insead, World Intellectual Property Organization, und Johnson Graduate School of Management (Cornell University), 69–78, 2013. http://globalinnovationindex.org/content.aspx?page=gii-full-report-2013. S. 72 Hollanders, Hugo. „Measuring Regional Innovation: A European Perspective“. In The Global Innovation Index 2013: The Local Dynamics of Innovation, herausgegeben von Soumitra Dutta, Bruno Lanvin, Insead, World Intellectual Property Organization, und Johnson Graduate School of Management (Cornell University), 79–85, 2013. http://globalinnovationindex.org/content.aspx?page=gii-full-report2013. S. 80 6 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb 2.3 Aus Spitzenforschung entstehen erfolgreiche Innovationsmilieus Weltweite Technologieführerschaft baut auf bahnbrechendem Wissen auf. Dieses entsteht nur in international ausgerichteten, aber lokal verdichteten Innovationsmilieus, die ohne exzellente Grundlagenforschung als Basis nicht entstehen. Das beweist auch das Beispiel Großbritannien: Das Vereinigte Königreich erzielt wirtschaftlich positive Effekte durch die Ansiedlung weltweit führender Wirtschaftsunternehmen an akademischen Exzellenzstandorten wie Cambridge und Oxford, die weit über die entsprechende Region hinausgehen und für die ganze Volkswirtschaft von Bedeutung sind. Die Strahlkraft dieser Einrichtungen zieht neben traditionell wissenschafts- und technologiebasierte Firmen auch Dienstleistungsunternehmen an. Herzstück solcher Innovationscluster sind anerkanntermaßen immer eine oder mehrere Spitzenforschungseinrichtungen.21 Der im Umfeld der Universität entstandene Cambridge science park ist einer der weltweit erfolgreichsten seiner Art. Ausgehend von den intellektuellen Ressourcen der University of Cambridge ist ein einzigartiges Umfeld für wissenschaftsbasierte Neugründungen entstanden; als Folge dessen konzentrieren sich in der kleinen Region um Cambridge immerhin 8 Prozent der gesamten europäischen (!) Ausgaben an Risikokapital für Unternehmensneugründungen.22 Ebenfalls rund um die Universität hat eine Reihe von multinationalen Unternehmen ihre kommerziellen Forschungslabors direkt neben den führenden university departments angesiedelt, um ihrem Forschungs- und Entwicklungspersonal den persönlichen Austausch und Zugang zur akademischen Grundlagenforschung zu ermöglichen. Die kommerzielle Technologieentwicklung profitiert von der Nähe zu öffentlich geförderter Forschung: So zitieren etwa amerikanische Anträge für Industriepatente mit zwei Dritteln mehrheitlich Top-Publikationen, die aus öffentlich geförderten Spitzenforschungseinrichtungen in den USA stammen.23 Erfolgreiche Unternehmen suchen dabei weltweit nach den besten forschungsintensiven Innovationsstandorten: Toshiba und Microsoft etwa haben beide in große Forschungslabore vor Ort im englischen Cambridge investiert. Microsoft Research Cambridge war das erste Forschungslabor von Microsoft außerhalb des Redmonder Muttercampus. Es ist heute – trotz zahlreicher weiterer Labore in Asien, Indien, aber auch den USA und Deutschland (München) – weiterhin eines der wichtigsten und größten Einrichtungen des Softwareherstellers. Entscheidenden Einfluss auf die Standortwahl hatte dabei das weltbekannte University of Cambridge Computer Laboratory.24 Auch die University of Oxford ist für Großbritannien ein Innovationsnukleus von nationaler Bedeutung: Obwohl (oder gerade weil) die Universität keine dezidierte Anwendungsorientierung hat, sondern sich der exzellenten Grundlagenforschung auf Weltklasseniveau verschrieben hat, generiert sie mehr als dreimal so viele Universitätsausgründungen wie der Durchschnitt aller britischen Hochschulen – mit einer außerordentlich hohen Erfolgsquote. Die wissenschaftliche Exzellenz der Einrichtung ist unbestritten; diese sichert sie durch konsequenten Ausbau ihrer speziellen, interdisziplinären Forschungszentren (allein in der Biomedizin, einem Schwerpunkt der Universität, 21 22 23 24 Arthur, Michael, und Wendy Piatt. „The economic impact of research conducted in Russell Group universities“, 2010. S. 12 Salje, Ekhard K.H. „The race to the top: some insular comments on science policy“. In Wettlauf ums Wissen: Außenwirtschaftspolitik im Zeitalter der Wissensrevolution, herausgegeben von Georg Schütte, 59–66. Berlin: Berlin University Press, 2008. S. 59 Narin, Francis, Kimberly S. Hamilton, und Dominic Olivastro. „The increasing linkage between U.S. technology and public science“. Research Policy 26, Nr. 3 (Oktober 1997): 317–30. doi:10.1016/S0048-7333(97)00013-9. Arthur, Michael, und Wendy Piatt. „The economic impact of research conducted in Russell Group universities“, 2010. S. 12 7 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb gibt es 14 Zentren) und –gruppen, welche über traditionelle Fächergrenzen hinweg zusammenarbeiten und darüber hinaus sowohl vor Ort als auch weltweit mit den besten akademischen und industriellen Partner kollaborieren.25 Deutsche Unternehmen nutzen selbstverständlich längst das innovative Umfeld weltweit führender Forschungsregionen auch im Ausland. So profitiert beispielsweise Siemens in der Medizintechnik mit der Siemens Molecular Imaging am Standort Oxford von der weltweit führenden Kompetenz der Universität in den Lebenswissenschaften. Auch andere deutsche Spitzenkonzerne wie Daimler oder Bosch nutzen mit an internationalen Innovationsstandorten angesiedelten KonzernforschungsDependancen das lokal vorhandene Know-How. Im Silicon Valley etwa suchen die Konzerne die Nähe von Spitzenuniversitäten wie Stanford und Berkeley, um wichtige Impulse für Ihre Innovationsprojekte im weltweiten Konzernverbund zu erhalten. Die Nähe zu möglicherweise lukrativen Auslandsmärkten ist hier sogar ein eher untergeordnetes Kriterium der Standortwahl.26 2.4 Dynamische Innovationsregionen entwickeln sich weltweit Die Bedeutung der Grundlagenforschung als Basis für ökonomische Entwicklung haben auch viele Länder außerhalb der G7 erkannt. So gilt Korea zwar bereits heute als Hochtechnologie-Produzent, im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien am bekanntesten vielleicht durch den Samsung-Konzern. Allerdings zeigt das Beispiel Samsung auch, dass Korea in der Hochtechnologie bislang eher eine close follower-Strategie verfolgte, indem innovative Grundideen von anderen aufgenommen wurden und in verbesserte und gleichzeitig günstigere Produkte mündeten. Da diese Rolle – gerade auch im Bereich der Kommunikationstechnologien – zunehmend von China übernommen wird, beginnt sich Südkorea neu auszurichten. Erklärtes Ziel der Staatsregierung ist es, nun zum eigenständigen technology leader zu werden. Dies könne aber nur erreicht werden, in dem man verstärkt auf selbst generiertes, bahnbrechendes Wissen aus der Grundlagenforschung setze.27 Bislang ist die Grundlagenforschung in Korea jedoch zu wenig entwickelt, während die Anwendungsund Industrieforschung sehr gut aufgestellt ist.28 Um hier international in Zukunft wettbewerbsfähig zu sein, wurde im Jahr 2012 das Institute for Basic Research (IBS) gegründet. Es soll dem Vorbild der Max-Planck-Gesellschaft und dem japanischen RIKEN-Forschungsinstitut folgen und zu einem der weltweit führenden Institute der Grundlagenforschung aufgebaut werden. Dazu will die koreanische Regierung bis 2017 umgerechnet etwa 31 Milliarden Euro zur Verfügung stellen.29 Das IBS soll auf diese Weise den Grundstein und Nukleus für eine ganze Innovationsregion, den sogenannten International Science and Business Belt, bilden.30 Auch wenn man von einem beträchtlichen finanziellen Mehraufwand für den Aufbau des IBS und seiner geplanten 50 Forschungszentren ausgehen muss, ist das Engagement Koreas für die Grundlagenforschung doch beträchtlich. So wird das IBS in der Aufbauphase ein jährliches Budget von umgerechnet viereinhalb Milliarden Euro 25 26 27 28 29 30 Lawton Smith, Helen, und K. Ho. „Measuring the performance of Oxford University, Oxford Brookes University and the government laboratories’ spin-off companies“. Research Policy 35, Nr. 10 (2006): 1554–1568. S. 1558f. Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), Berlin. „Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands 2012“, 2012. http://hdl.handle.net/10419/58043. S. 27 Park, Soo Bin. „South Korean research centre seeks place at the top“. Nature (17. Mai 2012). doi:10.1038/nature.2012.10667. OECD. OECD Reviews of Innovation Policy: Korea 2009. Paris: Organisation for Economic Co-operation and Development, 2009. http://www.oecd-ilibrary.org/content/book/9789264067233-en. S.15 Paulus, Michael. „Südkorea: Globalisierung versus Tradition“. In Die Internationale Hochschule: Strategien anderer Länder, herausgegeben von Deutscher Akademischer Austauschdienst, 72–78. Bielefeld: Bertelsmann, 2013. S.76 Feder, Toni. „South Korea invests big in basic research“. Physics Today 65, Nr. 10 (2012): 26–27. doi:10.1063/PT.3.1746. 8 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb verausgaben können. Zum Vergleich: der Max-Planck-Gesellschaft stehen mit ihren derzeit 83 Instituten fast zwei Milliarden Euro pro Jahr zur Verfügung.31 Wenn dieses Engagement Koreas für das IBS auch nur annähernd in der bisherigen Höhe verstetigt wird, werden seine Zentren finanziell um einiges besser gestellt sein als etwa die Institute der Max-Planck-Gesellschaft. So entwickeln sich neben etablierten Forschungsstandorten in den USA oder Großbritannien dynamische Innovationsregionen in Asien, Indien oder Südamerika, die mittelfristig sicherlich auch für Unternehmen interessant sein werden, die bislang in Deutschland forschen und hierzulande Entwicklungslabore betreiben. Was bedeutet eine solche Analyse für Deutschland? Das deutsche Wissenschaftssystem muss sich – etwa durch den gezielten Ausbau ausgewählter Exzellenzstandorte – langfristig auch der Konkurrenz von Stanford, Oxford, Berkeley oder anderen stellen, um auch weiterhin als Anziehungspunkt für privatwirtschaftliche FuE-Investitionen attraktiv zu sein. Die Expertenkommission Forschung und Innovation hat seit 2010 berichtet, dass der Ausbau der FuE-Aktivitäten deutscher Unternehmen vermehrt im Ausland stattfindet. Aktuell konstatiert EFI in seinem Gutachten 2014, dass bereits rund ein Drittel der Forschungsausgaben im Ausland getätigt werden.32 Nicht nur Bereiche wie die Automobilindustrie, welche die Nähe zum Auslandsmarkt suchen, sind hiervon betroffen; auch auf besonders zukunftsträchtigen, sich schnell entwickelnden Feldern wie Pharmazeutik, Biotechnologie und Software, aber auch Felder wie Elektronik, Telekommunikation und Elektrochemikalien forscht die deutsche Industrie im Ausland. In den erstgenannten Bereichen werden tendenziell Spitzenstandorte in den USA ausgewählt, während in den Zweitgenannten oft eine Schwerpunktverlagerung nach Asien erfolgt. Sollte diese Entwicklung anhalten, wird sie längerfristig negative Auswirkungen auf das Innovationssystem in Deutschland haben. Die Zusammenarbeit privatwirtschaftlicher Forschung mit öffentlicher Grundlagenforschung ist für die Wirtschaft nur dann lohnenswert, wenn sie weltweit wettbewerbsfähige Strukturen und Personal vorfindet.33 Diese muss Deutschland auch langfristig bieten, wenn es weiterhin Unternehmen als FuE-Investoren gewinnen und halten will. 31 32 33 Die Summe der Einnahmen der MPG im Jahr 2012 betrug 1,82 Milliarden Euro. Vgl. Jahresbericht 2012 der Max-Planck-Gesellschaft. http://www.mpg.de/7289377/2012 Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI). „Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands 2014“, S. 41 Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI). „Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands 2010“, S. 39 9 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb 3. Globale Exzellenz setzt nationale Exzellenz voraus 3.1 Leistungsfähigkeit an globalen Maßstäben orientieren Für den Forschungsstandort Deutschland bedeutet diese zunehmend globalisierte, wissensbasierte „Weltgesellschaft“ somit vor allem eine verschärfte Standortkonkurrenz. Diese spitzt sich auf allen Ebenen zu; eine besonders wichtige Ebene ist die der grundlagenorientierten Spitzenforschung. Denn sie ist das Schlüsselelement der Wissensinfrastruktur eines jeden Innovationssystems und besitzt die Leuchtkraft, welche einen Standort in der Breite für ausländisches Wissenschaftspersonal attraktiv macht und den Anschluss an internationale Innovationsnetzwerke ermöglicht. Damit ist der gezielte Aufbau- und Ausbau nationaler Kapazitäten grundlagenorientierter Spitzenforschung das entscheidende Gestaltungsfeld nationaler und regionaler Forschungspolitiken. Nur so lässt sich angesichts der Dynamik des internationalen Wettbewerbs die Leistungsfähigkeit des eigenen Wissenschaftssystems – und damit letztlich auch die der Wirtschaft – steigern. Auch wenn eine nationale Leistungsspitze die Basis auch für den internationalen Wettbewerb bildet, so garantiert eine nationale Spitzenposition nicht gleichzeitig den internationalen Erfolg. Im internationalen Wettbewerb stehen die Hochschulen effektiv in Konkurrenz zu Einrichtungen, die wie etwa Harvard oder Stanford bei weitem über mehr Ressourcen und eine tradierte Exzellenzkultur verfügen. Letztere sind in der Forschungsspitze sehr breit aufgestellt und schon lange in allen wichtigen Disziplinen in internationale Exzellenznetzwerke in Lehre und Forschung eingebunden.34 Um an solchen Netzwerken teilhaben zu können, muss eine Hochschule oder Forschungseinrichtung bereits selbst ein sehr hohes Leistungsniveau erreicht haben. Gleichwohl steht und fällt die weltweite Wettbewerbsfähigkeit eines Forschungsstandorts mit den finanziellen und organisatorischen Möglichkeiten, die der nationale Regelungsrahmen vorgibt.35 Eine nationale Exzellenzkultur ist somit die notwendige Bedingung für internationalen Erfolg. Hinreichenden globalen Erfolg wird das deutsche Wissenschaftssystem allerdings nur dann erreichen, wenn es sich bei finanziellen und organisatorischen Reformentscheidungen zum Aufbau einer solchen Exzellenzkultur am globalen Leistungsmaßstab orientiert. Was die finanziellen Seite anbelangt, hat sich das deutsche Wissenschaftssystem in der Vergangenheit äußerst positiv entwickelt: Das von der Europäischen Union angestrebte Ziel, drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Forschung und Entwicklung auszugeben, ist laut der letzten Statistik des Stifterverbands für Deutschland bereits in Sichtweite: So wurden 2011 hierzulande über alle Sektoren hinweg 2,88 Prozent des BIP in FuE investiert.36 Damit befindet sich die Bundesrepublik im Vergleich deutlich über dem OECD-Durchschnitt im obersten Drittel der am meisten investierenden Länder dieser Gruppe. Allerdings orientieren sich andere hochentwickelte Staaten schon erheblich über die 3 Prozent-Marke hinaus: die Schweiz, Dänemark, Japan, Schweden Korea, Finnland und schließlich Israel investierten bereits 2011 einen höheren Anteil am BIP als 34 35 36 Horta, Hugo. „Global and National Prominent Universities: Internationalization, Competitiveness and the Role of the State“. Higher Education 58, Nr. 3 (1. September 2009): 387–405. doi:10.1007/s10734-009-9201-5. S. 389. Schütte, Georg, Hrsg. Wettlauf ums Wissen: Außenwirtschaftspolitik im Zeitalter der Wissensrevolution. Berlin: Berlin University Press, 2008. S. 235 Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. „FuE-facts 2013“. FuE-facts - Zahlen & Fakten aus der Wissenschaftsstatistik GmbH im Stifterverband Nr. Februar (2013). http://www.stifterverband.org/statistik_und_analysen/wissenschaftsstatistik/publikationen/fue_facts/fue_facts_2013-01.pdf. S. 4 10 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb Deutschland in Forschung und Entwicklung.37 Diese positive Investitionsdynamik in Deutschland muss also erhalten werden, wenn wir weiterhin mit anderen Standorten erfolgreich konkurrieren wollen. China etwa ist zwar mit seinen 1.76 Prozent der Ausgaben des BIP für FuE (letzter verfügbarer OECDVergleichswert von 2010) in relativen Zahlen immer noch unterhalb des Durchschnitts aller OECDLänder (2,38 Prozent des BIP in 2010) gelistet.38 In absoluten Zahlen aber gibt die Volksrepublik bereits seit 2009 nach den USA global stets am meisten Geld für Forschung und Entwicklung aus. Wenn sie, wie bereits vermutet wird, bis 2020 die USA im Bruttosozialprodukt überholt, wird China aller Voraussicht nach auch in den Forschungsausgaben in Führung gehen. Angesichts dieser Entwicklungen sollte deshalb die deutsche Zielmarke für FuE-Ausgaben auf mindestens 3,5 Prozent des BIP angehoben werden, so wie es die Expertenkommission Forschung und Innovation fordert. Da die Grundlagenforschung als Schlüsselelement der Innovationsinfrastruktur auf öffentliche Finanzierung angewiesen ist, sind Bund und Länder hier besonders in der Verantwortung. Dies gilt natürlich gleichermaßen für die Grundlagenforschung im universitären wie im außeruniversitären Bereich. Angesichts des technologischen Fortschritts wie auch der erwartbaren langfristigen demographischen Entwicklung ist eine solche Forderung bei weitem kein Partikularinteresse der Wissenschaft. Deutschland muss attraktiv bleiben für Talente aus dem Ausland und diese in entsprechenden Innovationsfelder auch ausbilden und forschen lassen können. Diese Zielstellung hat die Politik erfreulicherweise in den letzten Jahren geteilt. Dank der politischen Priorisierung von Forschung und Bildung konnten die öffentlichen Ausgaben für FuE stetig gesteigert werden. Dieses positive politische Klima hat gleichsam eine Sogwirkung auch auf die privaten FuEInvestitionen ausgeübt: Die Ausgabensteigerung von 0,43 Prozentpunkten im Zeitraum 2000 bis 2011 ging so fast hälftig auf das Konto der Wirtschaft auf der einen und des staatlichen Sektors auf der andere Seite. Zuletzt wurden im Jahr 2011 in Deutschland 1,94 Prozent des BIP vom Wirtschaftssektor verausgabt. Von staatlicher Seite flossen 0,52 Prozent des BIP in die Hochschulen und 0,42 Prozentpunkte an die Gesamtheit aller öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen. Dies umfasst neben den Außeruniversitären Forschungsorganisationen wie Helmholtz und die Leibniz-Gemeinschaft auch die Ressortforschungseinrichtungen des Bundes und der Länder sowie eine nicht unbedeutende Anzahl nicht-assoziierter Länderforschungseinrichtungen.39 Wenn sich die Leistungsfähigkeit der deutschen Wissenschaft erfolgreich an globalen Maßstäben messen will, muss die öffentliche Forschungsfinanzierung von Seiten der Politik auch langfristig priorisiert werden. Hier geht es nicht nur um monetäre Aspekte: Viel wichtiger noch sind verlässliche Rahmenbedingungen, auf die sich die Wissenschaft langfristig einstellen kann. Gerade die politische Konstellation einer Großen Koalition hätte jetzt die Möglichkeit, die rechtlichen Strukturen den kommenden Herausforderungen gemäß auf lange Sicht zukunftssicher zu gestalten. 37 38 39 OECD. „Key Figures“. Main Science and Technology Indicators 2012, Nr. 2 (18. Februar 2013). doi:10.1787/msti-v2012-2-4-en. OECD (2013), “International Comparisons”, in Main Science and Technology Indicators, Volume 2012 Issue 2, OECD Publishing. http://dx.doi.org/10.1787/msti-v2012-2-5-en Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. „FuE-facts 2013“. 11 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb 3.2 Dynamik der Exzellenzinitiative aufrechterhalten Die positive Entwicklung Deutschlands im Bereich der Forschungsfinanzierung ging mit einem Erweiterungsimpuls der organisatorischen Möglichkeiten im Wissenschaftssystem einher: Die Exzellenzinitiative bot den deutschen Universitäten 2005 erstmals eine Entwicklungsperspektive zum Aufbau nachhaltiger Exzellenzstrukturen. Durch finanzielle Anreize wurde es den Universitäten ermöglicht, sich durch Strategieprozesse und Profilbildung im nationalen wie internationalen Wettbewerb für die Zukunft besser positionieren zu können. Damit war angesichts einer wachsenden internationalen Konkurrenz eine schon lang benötigte Leistungsdifferenzierung der Hochschulforschung in Deutschland in Gang gesetzt worden. Bislang zeichnete sich die deutsche Hochschullandschaft zwar durch ein auch im internationalen Vergleich hohes Leistungsniveau in der Breite aus. Selbstverständlich gab es auch vor der Exzellenzinitiative Hochschulen, die mit international sichtbaren Forschungsleistungen aus der breiten Masse herausstachen. Aber selbst die besten deutschen Universitäten fanden so keinen Platz in der wissenschaftlichen Weltspitze: Die Kehrseite der Leistungsbreite im hiesigen Hochschulsystem war die implizite Unterstellung, dass alle Hochschulen gleich zu seien hätten und es per se keine Leistungsunterschiede geben könne. Deshalb war es für die deutschen Universitäten über viele Jahrzehnte hinweg nahezu unmöglich, Exzellenzzentren in Forschung und Lehre herauszubilden, um den Anschluss an internationale Spitzenstandorte zu finden. Dieses Erbe der Hochschulexpansion in der alten Bundesrepublik mit dem singulären Ziel des Hochschulausbaus in die Fläche (Angebot für alle) statt – kompetitiv – auch in die Höhe (Exzellenz) wurde mit der Exzellenzinitiative endgültig überwunden.40 In die Spitze der weltweiten Forschungselite vorzudringen, benötigt jedoch einen langen Atem. Die Max-Planck-Gesellschaft kann, wenn man auch die Entwicklungsgeschichte vieler ihrer Institute, wie etwa dem Fritz-Haber-Institut in Berlin, mit einbeziehen will, auf eine über hundertjährige Tradition in der Spitzenforschung zurückblicken. Aufbau und Entwicklung von Exzellenzstrukturen brauchen Zeit und Geld. Aggregierte wissenschaftliche Reputation, die für eine gesamte Universität auf hohem Niveau für nahezu alle Fachbereiche Gültigkeit besitzt, benötigt einen sogar noch längeren Entwicklungshorizont. Weltweit anerkannte Spitzeninstitutionen wie Oxford oder Cambridge berufen sich auf mehrhundertjährige wissenschaftliche Tradition. Eine solche Tradition gibt es auch an deutschen Universitäten. Diese wurden jedoch in der Vergangenheit durch den schwierigen Spagat zwischen der Spitzen- und der Breitenausbildung in ihrer strategischen Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt. Die zusätzlichen Finanzmittel der Exzellenzinitiative haben sich aus diesem Grunde als essentiell für die Strategiefähigkeit der so geförderten Hochschulen erwiesen und haben eine dynamische Entwicklung der universitären Spitzenforschung angestoßen. Gerade auch im Ausland werden die Auswirkungen der Initiative sehr positiv rezipiert.41 Im Sinne eines außenwissenschaftspolitisch wirksamen Marketings werden die „Exzellenzuniversitäten“ als solche inzwischen auch von anderen internationalen Spitzenuniversitäten wahrgenommen. Mit dem für 2017 geplanten Auslaufen der 40 41 Wintermantel, Margret. „Profilbildung und Exzellenzinitiative: Perspektiven der Differenzierung im deutschen Hochschulsystem“. In Exzellente Wissenschaft: Das Problem, der Diskurs, das Programm und die Folgen, herausgegeben von Stefan Hornbostel, Dagmar Simon, und Saskia Heise. IFQ, 2008. S.93f. Macilwain, Colin. „Excellence, Ja, Elitism, Non“. Science 338, Nr. 6107 (11. Februar 2012): 596–599. doi:10.1126/science.338.6107.596. 12 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb Exzellenzinitiative ist dieser Entwicklungspfad aber noch lange nicht zu Ende gegangen. Um einzelne Standorte aufzubauen, welche auch international eine Strahlkraft auf die besten Absolventen, Fachkräfte und Spitzenwissenschaftler ausüben, wird es notwendig sein, den mit der Exzellenzinitiative angestoßenen vertikalen Ausdifferenzierungsprozess der Universitäten fortzusetzen. Wie die bisherigen Erfahrungen zeigen, können die Institute der Max-PlanckGesellschaft maßgeblich zur Ausbildung von universitären Spitzenforschungszentren beitragen. Schon jetzt sind sie an vielen universitären Standorten zentrale Partner der Hochschulen und unterstützen die wissenschaftlich Profilbildung, sei es in Köln in der Altersforschung (Max-PlanckInstitut für Biologie des Alterns) oder in Tübingen auf dem Gebiet der Neurowissenschaften (MaxPlanck-Institut für Biologische Kybernetik und Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme). Die Leistungsdifferenzierung der Hochschulen darf jedoch die akademische Breitenausbildung nicht negativ tangieren. Die Stärke unserer komplementär ausgebauten Lehr- und Forschungslandschaft muss erhalten bleiben. Dazu müssen die Universitäten durch eine stärkere Grundfinanzierung in die Lage versetzt werden, dieses Niveau auch angesichts steigender Studierendenzahlen zu halten. Was über den Erhalt der breiten Basis hinaus fehlt, ist die Präsenz einer deutschen Universität in der wissenschaftlichen Weltspitze. Eine oder mehrere Hochschulen dort zu positionieren, kann aber nur im wissenschaftlichen Wettbewerb gelingen. Bei der Verstetigung der im Rahmen der Exzellenzinitiative geschaffenen Strukturen müssen darum sowohl der Wettbewerbsgedanke als auch das Prinzip wissenschaftlicher Spitzenleistung weitergeführt werden. Eine effektive Balance zwischen notwendiger Kontinuität und qualitätssichernder Offenheit des Wettbewerbs um Fördermittel muss auch in Zukunft gewährleistet sein. Wissenschaftliche Exzellenz kann nicht politisch determiniert werden, sondern bedarf der beständigen Überprüfung durch die Wissenschaft selbst. Nur durch unabhängige, wissenschaftsgeleitete Qualitätssicherungsmechanismen kann einer „Exzellenzinflation“ wirksam begegnet werden. So gewährleisten bei der Max-Planck-Gesellschaft die international besetzten Fachbeiräte eine fundierte Evaluation der MaxPlanck-Institute. Von den derzeit über 800 Fachbeiratsmitgliedern stammen mehr als vier fünftel von Top-Einrichtungen aus dem Ausland, darunter auch mehrere Nobelpreisträger. Die Fachbeiräte begutachten keine Anträge, sondern im Zwei- bzw. Dreijahresrhythmus erbrachte Forschungsleistungen. Dies verringert die Gefahr, dass riskante Innovationen an den Maßstäben des Mainstreams scheitern.42 Das kritische Urteil der renommierten Peers stellt die Qualität der Forschung an den Max-Planck-Instituten auf weltweit konkurrenzfähigem Niveau sicher. Dieses Ziel muss auch bei der Evaluation möglicher Nachfolgestrukturen der Exzellenzinitiative im Vordergrund stehen. Ständiger Evaluierungs- oder Antragsdruck muss aber genauso vermieden werden wie die Zementierung von Closed-shop-Strukturen. Ab- ebenso wie Aufstieg muss weiterhin möglich sein: Allein aus diesem Grund müssen alle Exzellenzbestrebungen auf unserem bestehenden, differenzierten Gesamtsystem aufbauen. Die deutsche Spitzenforschung benötigt diese leistungsstarke Basis, um in Sachen Forschungskapazität und internationaler Sichtbarkeit auch von Seiten einzelner deutscher Universitäten langfristig an die Weltspitze erfolgreicher Einrichtungen wie die University of Oxford oder die University of California, Berkeley aufschließen zu können. 42 Kant, Horst, und Jürgen Renn. „Forschungserfolge und ihre Voraussetzungen in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und Max-PlanckGesellschaft“. In Kreativität in der Forschung - Wissenschaftsforschung Jahrbuch 2012, herausgegeben von Thomas Heinze, Heinrich Parthey, Günther Spur, und Rüdiger Wink, 141–155. Berlin: wvb, Wiss. Verl., 2013. S. 154. 13 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb 3.3 Fokussierung auf nachhaltige Exzellenz Vielfach ist sich die Politik leider nicht bewusst, wie langwierig, komplex und teuer der Aufbau neuer oder der Ausbau bestehender Spitzenforschungseinrichtungen ist. Die globale Konkurrenz und der immer schneller voranschreitende technische Fortschritt haben heutzutage die Kosten für Spitzenforschung in Höhen getrieben, welche noch vor zehn Jahren so nicht vorstellbar gewesen wären. Der Aufbau substantieller Forschungsexzellenz erfordert erhebliche finanzielle Aufwendungen, wenn diese auf internationalem Niveau wettbewerbsfähig sein soll. Spitzenuniversitäten benötigen eine dauerhaft hohe Finanzierung, um die besten Wissenschaftler und Studenten rekrutieren sowie die Infrastruktur für ein kompetitives Forschungsumfeld und attraktives Lehrangebot auf höchstem Niveau bereitstellen zu können.43 Investitionen, sei es bei Universitäten oder bei außeruniversitären Forschungseinrichtungen, generieren immer auch langfristige finanzielle Verbindlichkeiten. Aus diesem Grunde ist gerade die langfristige Stabilität der Finanzierung besonders wichtig.44 Der jährliche Betrieb einer Einrichtung, welche sich mit den besten Ivy League-Einrichtungen messen lassen könnte, würde bis zu 2 Milliarden US-Dollar jährlich kosten. In den USA erhalten diese etwa 20 Prozent dieser Summe aus Steuergeldern, und 30 bis 40 Prozent aus wettbewerblichen Drittmitteln. In diesen Drittmitteln ist allerdings auch noch ein großer Anteil an staatlichen Forschungsfördergeldern enthalten. Wenn man eine klassische „Bundesuniversität“ wie die Schweizer EPF Lausanne bezüglich ihrer Finanzierungsquellen mit den amerikanischen Ivy League-Einrichtungen vergleicht, fällt selbstverständlich der viel größere Anteil der öffentlichen Finanzierung am Budget auf: 68 Prozent ihres Budgets kamen 2012 vom Schweizer Bundesstaat, 28 Prozent aus Drittmitteln (hier über die Hälfte ebenfalls aus öffentlicher Hand), und nur knapp vier Prozent aus Studiengebühren.45 Rund 30 amerikanische Universitäten haben ein Budget von mindestens 2 Milliarden US-Dollar oder mehr. Die Harvard University kam im Jahr 2012 gar auf ein Budget von insgesamt 4,24 Milliarden USDollar. Keine europäische Universität kann bislang mit solchen Finanzvolumen mithalten. Diese Hochschulen zählen zu den erfolgreichsten weltweit und führen entsprechend die internationalen Rankinglisten an. Auch wenn ihre Finanzausstattung nicht den Erfolg garantiert, ist doch die Höhe der zur Verfügung stehenden Mittel eine wesentliche Determinante für ihren Forschungserfolg und die darauf aufbauende weltweite wissenschaftliche Reputation.46 Daneben gibt es auch in den Vereinigten Staaten weltweit führende außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie beispielsweise das California Institute of Technology oder das Scripps Research Institute. Die Einrichtungen in Europa, die in ihrer finanziellen Ausstattung fast ähnlich gut aufgestellt sind wie etwa die ETH Zürich (1,2 Milliarden Euro = 1,64 Milliarden US-Dollar) oder die University of Oxford (1,23 Milliarden Euro = 1,68 Milliarden US-Dollar) gehören dann auch zu den wenigen Einrichtungen, welche in diversen Rankings auch zwischen den amerikanisch dominierten Top-20 auftauchen. Aus 43 44 45 46 Altbach, Philip G. „The Past, Present, and Future of the Research University“. In The Road to Academic Excellence the Making of WorldClass Research Universities, herausgegeben von Philip G. Altbach und Jamil Salmi. Washington, DC: The World Bank, 2011. http://public.eblib.com/EBLPublic/PublicView.do?ptiID=787639. S. 12 Mohrman, Kathryn, Wanhua Ma, und David Baker. „The Research University in Transition: The Emerging Global Model“. Higher Education Policy 21, Nr. 1 (3. Januar 2008): 5–27. doi:10.1057/palgrave.hep.8300175. S.6 Vgl. Jahresbericht der EPFL, S. 74 https://documents.epfl.ch/groups/e/ep/epfl-unit/www/rapport/EPFL-annual-report-2012.pdf Mohrman et al. „The Research University in Transition.“ S. 11 14 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb Deutschland findet sich hier in den Top-5 der diversen Rankings regelmäßig nur die Max-PlanckGesellschaft wieder, die dank eines Budgets von im Jahr 2013 umgerechnet fast 2,5 Milliarden USDollar ihre exzellenten Forschungseinrichtungen auf Augenhöhe mit den besten der Welt positionieren kann.47 Wie auch bei den amerikanischen Spitzenuniversitäten, die wie Harvard und Stanford auf lang bewährten Strukturen der wissenschaftlichen Spitzenleistung aufbauen, ist es eben nicht alleine das Geld, welches die Grundlage der wissenschaftliche Leistungsfähigkeit bildet. Das Vertrauen von Gesellschaft und Politik in die Effektivität ihrer wissenschaftlichen Autonomie ermöglicht etwa der Max-Planck-Gesellschaft überhaupt erst, in der Grundlagenforschung die Grenzen des Wissens in Gebieten zu überschreiten, wo der unmittelbare volkswirtschaftliche Zweck dieser Erkenntnisse vielleicht erst viel später sichtbar wird. Nur so entstehen jedoch genau die Durchbruchsinnovationen, welche Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft bei der Lösung drängender Herausforderungen wie der Energiewende oder dem demographischen Wandel benötigen. Im Vergleich mit dem Engagement anderer Länder kann sich Deutschland angesichts eines Bundeshaushalts von zuletzt 310 Milliarden Euro neben der Max-Planck-Gesellschaft sicher noch mehr Einrichtungen leisten, die exzellente Spitzenforschung im Weltmaßstab betreiben können. So setzt beispielsweise Singapur ganz auf Wissenschaft und Innovation, um den Wohlstand dieses kleinen Landes zu sichern: Die National University of Singapore verfügte im Jahr 2013 über ein Budget von umgerechnet 1,75 Milliarden USD, und das bei einem Staatshaushalt, der nicht einmal zehn Prozent des Staatshaushalts von Deutschland ausmacht!48 In Singapur arbeiten pro einer Million Einwohner 5.500 Personen in Zukunftsfeldern von Forschung und Entwicklung; damit steht der kleine Stadtstaat an zweiter Stelle weltweit, nur noch übertroffen von Schweden, wo 6.000 Personen pro einer Million Einwohner in diesen Bereichen beschäftigt sind.49 Auch Europa muss sich auf wissenschaftliche Exzellenz fokussieren und braucht mehr Spitzenforschungseinrichtungen, welche regional konzentrierte Cluster-Standorte in der Breite für ausländisches Wissenschaftspersonal attraktiv machen und den Anschluss an internationale Innovationsnetzwerke ermöglichen. Die Europäische Union hat dies erkannt und möchte durch die personenzentrierten Grants des European Research Council eben jenes hochtalentierte Wissenschaftspersonal aus aller Welt nach Europa locken. Wissenschaft wie Wirtschaft werden so befördert und steigern mittel- wie unmittelbar die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit.50 Hier braucht es langfristig auch aus Deutschland von universitärer Seite Einrichtungen, welche wie die Max-Planck-Gesellschaft, die Oxford University, die EPFL oder die ETH mit amerikanischen TopEinrichtungen wie Berkeley, Stanford oder dem MIT auf Augenhöhe kooperieren können und die besten Talente auch nach Deutschland holen. Neben der auf lange Sicht angelegten Entwicklungsperspektive von vielleicht drei bis fünf universitären Spitzenstandorten in Deutschland werden sich auch regionale Cluster mit bestimmten, 47 48 49 50 Entsprechend ihrer spezifischen Mission erhält die MPG 78 Prozent ihrer Mittel von der öffentlichen Hand von Bund und Ländern, fast 16 Prozent Drittmittel, und sechs Prozent aus privaten Stiftungs-mitteln oder eigenen Einnahmen (etwa durch Lizenzen). Davon kommen fast 1 Mrd. USD von der öffentlichen Hand. Vgl. Jahresbericht 2013 der National University of Singapore, S. 68. http://www.nus.edu.sg/annualreport/2013/upload/nus-annualreport-2013.pdf Mukherjee, Hena, und Poh Kam Wong. „The National University of Singapore and the University of Malaya: Common Roots and Different Paths“. In The Road to Academic Excellence the Making of World-class Research Universities, herausgegeben von Philip G Altbach und Jamil Salmi, 129–166. Washington, DC: The World Bank, 2011. http://public.eblib.com/EBLPublic/PublicView.do?ptiID=787639. S. 155 „Research Policy: How to Build Science Capacity“. Nature 490, Nr. 7420 (18. Oktober 2012): 331–334. doi:10.1038/490331a. 15 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb spezialisierten Themenprofilen verstärkt herausbilden. Nicht jeder Standort braucht natürlich eine Spitzenforschungseinrichtung von der Größe eines MIT. Schon heute aber verstärken an vielen Standorten die hochspezialisierten Forschungsinstitute der Max-Planck-Gesellschaft maßgeblich deren internationale Sichtbarkeit. In einem zukünftig multipolaren „Welt-Wissenschaftssystem“ können so selbst Regionen, Bundesländer oder kommunale Ballungszentren mit überschaubarem, aber doch gezielten Finanzierungsaufwand dann Anschluss an die wissenschaftliche Weltspitze halten.51 3.4 Das Emerging Global Modell erfolgreicher Forschungseinrichtungen Abbildung 2: Merkmale einer World Class-Research University. Quelle: Altbach 2011.52 Was jedoch zeichnet die Weltspitze der Forschungseinrichtungen aus? Wenn man die weltweit besten Universitäten der einschlägigen Rankings (seien es Shanghai, THE oder QST) betrachtet, wird deutlich, dass die dort aufgeführten Hochschulen weltweit anerkannte Forschungsuniversitäten sind. Über alle strukturellen Differenzen der weltweit unterschiedlichen Hochschulsysteme hinweg werden Forschungsuniversitäten als die zentralen Einrichtungen eines Wissenschaftssystems verstanden, welche den größten Teil der freien Grundlagenforschung eines Landes durchführen und die Graduiertenausbildung verantworten. Bei weitem nicht alle Hochschulen der meisten anderen Länder sind Forschungsuniversitäten: In dem stark ausdifferenzierten System der tertiären Bildung in den USA werden von 4.800 Einrichtungen etwa 150 zu den Forschungsuniversitäten gezählt; in Indien sind es bislang nur 10 von 18.000, und China hat höchstens rund 100 Forschungsuniversitäten unter seinen 5.000 Einrichtungen der tertiären Bildung.53 Die Bedeutung solcher Einrichtungen für die im globalen Wettbewerb stehenden Volkswirtschaften ist unumstritten. Sie bilden als Nukleus der Entfaltung regionaler Innovationscluster die Grundlage für eine positive gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung und die Sicherung erreichten Wohlstands. Aus diesem Grund lässt sich mit der rasanten Entwicklung nicht nur der BRICK-Staaten seit Ende des Ost-West-Konflikts nun ein Ausbreiten des Modells der Forschungsuniversitäten auch auf früher wissenschaftlich nicht wettbewerbsfähige Staaten feststellen. Anerkannte Hochschul51 52 53 Rogers Hollingsworth, J., Karl H. Müller, und Ellen Jane Hollingsworth. „China: The End of the Science Superpowers“. Nature 454, Nr. 7203 (24. Juli 2008): 412–413. doi:10.1038/454412a. S. 332 Altbach, Philip G. „The Past, Present, and Future of the Research University“. In The Road to Academic Excellence the Making of Worldclass Research Universities, herausgegeben von Philip G. Altbach und Jamil Salmi. Washington, DC: The World Bank, 2011. http://public.eblib.com/EBLPublic/PublicView.do?ptiID=787639. Ders. S. 11f. 16 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb forschungsexperten wie Philip Altbach sehen hierin eine verstärkte „Internationalisierung“ im Sinne eines weltweiten Exports des Modells der Forschungsuniversität. So verbreitet sich diese Institutionsform über die klassischen akademischen Zentren in Europa und Nordamerika hinaus nun auch in Entwicklungs- und Schwellenländern.54 Die Ausrichtung als Forschungsuniversität allein qualifiziert jedoch nicht als Kriterium für die Weltspitze der besten Universitäten. So lassen sich natürlich nicht alle amerikanischen Forschungsuniversitäten zur akademischen Weltspitze zählen, geschweige denn alle erwähnten indischen oder chinesischen Einrichtungen. Die vielleicht ein paar Dutzend Einrichtungen, welche sich zur globalen Universitäts-Elite zählen dürfen, bilden eine besondere Untergruppe der Forschungsuniversitäten weltweit – die World ClassResearch Universities. Sie folgen dabei in ihrer Ausrichtung einem sich länderübergreifend entwickelndem Strukturmodell: Zu den zentralen Charakteristika dieses sogenannten Emerging Global Modells zählt die internationale Ausrichtung, eine überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit in der Forschung, die weltweite Rekrutierung der besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie die global orientierte Kooperation mit ähnlich ausgerichteten Institutionen.55 Haushälterische Autonomie und Forschungsfreiheit als Teil einer förderlichen Governance bilden hierbei die Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Wissenschaftsbetrieb. Die World Class-Research Universities erschließen auf diese Weise dank ihrer Leistungsfähigkeit in der Grundlagenforschung ganz neue wissenschaftliche Themen und schaffen genuin neues Wissen. Durch erfolgreiche Technologietransferstrategien und ihre besonderes Rolle in lokalen wie regionalen Innovationsmilieus entstehen durch Anwendung ihrer Forschung wirtschaftlich wie gesellschaftlich bedeutsame Durchbruchsinnovationen. Alle erfolgreichen World Class-Research University erfahren Unterstützung ihrer spezifischen Mission durch einen förderlichen regulativen Rahmen und stehen als integraler Bestandteil eines ausdifferenzierten Wissenschaftssystems an der Spitze der akademischen Hierarchie.56 Diese besondere Stellung im Gesamtsystem wird durch Gewährleistung wissenschaftlicher und haushälterischer Autonomie und eine entsprechende Finanzierung gesichert. Die World ClassResearch University-Einrichtungen rechtfertigen diese Sonderstellung neben der Forschungsleistung durch ständige, auf den Wettbewerb ausgerichtete Optimierung ihres strategischen Profils. Zentraler Punkt dieses Profils ist eine übergeordnete Exzellenzkultur, welche Rekrutierung, Forschung, Lehre und Kooperationen umfasst. Die Mehrheit der bestehenden World Class-Research Universities sind amerikanische Spitzenuniversitäten; der Rest orientiert sich zum größten Teil an den erfolgreichsten USHochschulen. Dies tun vor allem diejenigen Länder, welche Spitzenstandorte auf- oder ausbauen wollen, um deren internationalen Wettbewerbsfähigkeit und Sichtbarkeit zu steigern. Auf diese Weise entwickeln Einrichtungen wir Harvard, Stanford, Berkeley, das MIT oder das Caltech eine enorme strukturelle Prägekraft und einen auch thematisch starken Einfluss auf das weltweite Wissenschaftssystem: Durch ihre enorme wissenschaftliche Leistungsfähigkeit und die damit einhergehende Attraktivität für die besten Wissenschaftler aus aller Welt findet an diesen 54 55 56 Liu, N. C., Qi Wang, und Ying Cheng. Paths to a World-Class University: Lessons from Practices and Experiences ; [from Papers Presented at „The Third International Conference on World-Class Universities“, Held in November 2009 in Shanghai, China]. Springer, 2011. Mohrman, Kathryn, Wanhua Ma, und David Baker. „The Research University in Transition: The Emerging Global Model“. Higher Education Policy 21, Nr. 1 (3. Januar 2008): 5–27. doi:10.1057/palgrave.hep.8300175. S. 5 Altbach „The Past, Present, and Future of the Research University“ 2011. S. 24 17 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb Spitzenuniversitäten eine sich selbst verstärkende Konzentration der „besten Köpfe“ statt. Durch eine finanziell ausreichend hinterlegte, dynamische Berufungspolitik können so vielversprechende Forschungsthemen früh besetzt und strategisch ausgebaut werden. Neu berufene Professoren aus aller Welt bringen bereits hochkarätige wissenschaftliche Netzwerke mit. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der World Class-Research Universities sind selbst weltweit gefragte Kooperationspartner. Dem internationalen Maßstab kommt hier eine besondere Bedeutung zu, da mit der zunehmenden Spezialisierung der Disziplinen Kollaborationsprojekte mit den für das jeweilige Forschungsthema komplementär am besten geeigneten Fachexperten weltweit geknüpft werden müssen.57 Ohne die entsprechende Leistungsfähigkeit in der Forschung und die daraus resultierende Reputation, wird es eine Einrichtung nicht schaffen, mit den besten Talenten zusammenzuarbeiten oder diese an sich zu binden. Ohne die internationale Orientierung, d.h. wenn im Wettbewerb wie in der Kollaboration nur der nationale Maßstab ausschlaggebend ist, kann ein Anschluss an das Netzwerk der weltweit besten Einrichtungen in der Forschung nicht gelingen. Dieser ist nur zu schaffen, wenn die Forschungskapazität im internationalen Vergleich mithalten kann: Um an den internationalen Innovationsnetzwerken der globalen Wissensökonomie partizipieren zu können, braucht ein Land wenigstens eine Forschungseinrichtung, welche den Anschluss an die Spitze findet und auf dem Level der World Class-Research Universities mithalten kann.58 Nur so können die besten Köpfe auf den unterschiedlichen Karrierestufen gewonnen werden und strategische Netzwerke durch gezielte Internationalisierungsmaßnahmen aufgebaut werden. 4. Ein weltweites Netz knüpfen: Strategische Internationalisierung 4.1 Netzwerk-Knotenpunkte attrahieren die besten Köpfe Um an internationalen Kollaborationen partizipieren zu können, ist die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit entscheidend. So ist in einem globalisierten wissenschaftlichen Wettbewerb auch der Umstand zu erklären, dass die Anzahl der in Zusammenarbeit entstandenen Publikationen steigt, gleichzeitig die Anzahl und Diversität der internationalen Partner in solchen Kollaborationen stetig wächst, und darüber hinaus die räumliche Distanz, über die solche Projekte stattfinden, auch immer größer wird.59 Idealerweise wird natürlich der räumliche nächste, beste, d.h. wissenschaftlich exzellenteste Forschungspartner für eine Zusammenarbeit ausgewählt. Dabei gibt aber natürlich immer die wissenschaftliche Exzellenz und die Passgenauigkeit der wissenschaftlichen Perspektive der Ausschlag. Deshalb wird in einem zunehmend globalisierten, immer weiter ausdifferenzierten Welt-Wissenschaftssystem die Suche nach den besten Forschungspartner auch weite Distanzen überwinden. Darüber hinaus wirken Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit hohem wissenschaftlichen Reputationsstatus oft als Knotenpunkte wissenschaftlicher Netzwerke. Sie besitzen gerade in den 57 58 59 Altbach „The Past, Present, and Future of the Research University“ 2011. S. 19f Deem, Rosemary, Ka Ho Mok, und Lisa Lucas. „Transforming Higher Education in Whose Image? Exploring the Concept of the ‘WorldClass’ University in Europe and Asia“. Higher Education Policy 21, Nr. 1 (2008): 83–97. doi:10.1057/palgrave.hep.8300179. Waltman, Ludo, Robert J.W. Tijssen, und Nees Jan van Eck. „Globalisation of science in kilometres“. Journal of Informetrics 5, Nr. 4 (Oktober 2011): 574–582. doi:10.1016/j.joi.2011.05.003. 18 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb Lebens- und Technikwissenschaften wichtige nicht-kodifizierte Fähigkeiten und spezifisches tacitknowledge, was sie als Kooperationspartner gerade auch für junge Forscher interessant macht.60 Nachwuchswissenschaftler werden stets versuchen, Forschungsstationen an den für ihr Fachgebiet besten Einrichtungen zu absolvieren. Diese Phasen gehören meistens zu den produktivsten, weshalb Forschungseinrichtungen weltweit daran interessiert sind, aus einem internationalen Pool an Bewerbern die Besten schon im frühen Alter an sich zu binden. Hier gab es schon immer länderübergreifenden Austausch, den heute allerdings die Globalisierung in bislang ungekanntem Ausmaß intensiviert und beschleunigt hat. Gerade das Ausmaß und der Umfang an Mobilität von außerhalb Europas und den Vereinigten Staaten in diese attraktiven Forschungsmärkte ist so historisch noch nie dagewesen: Die Mobilität von Akademikern hat schon heute den ersten wirklich globalen Arbeitsmarkt entstehen lassen.61 Eine vorteilhafte Positionierung auf diesem globalen Arbeitsmarkt ist gerade für Europa angesichts der abzusehenden demographischen Entwicklung zwingend: Wenn sich derzeitige Entwicklungstrends fortsetzen, werden im Jahr 2020 40 Prozent aller Absolventen einer Einrichtung der Tertiären Bildung im Gebiet der G20 in China und Indien ausgebildet worden sein. Die USA und die EU zusammen werden dann zum globalen Absolventenmarkt nur noch lediglich ein Viertel beitragen.62 Gerade die gestiegene Mobilität von Wissensträgern macht es deshalb umso mehr notwendig, standortspezifisch strukturelle Attraktoren strategisch zu nutzen und zu gestalten.63 Exzellenter Grundlagenforschung fällt dabei eine wichtige Rolle zu. Dies hat nicht zuletzt die Gründung des European Research Councils (ERC) eindrucksvoll bestätigt. Das Beispiel des ERC zeigt, dass die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit und Attraktivität einer Forschungseinrichtung entscheidend für die Gewinnung herausragender Wissenschaftler ist: Da die Grants personenzentriert sind, entscheiden sich die Grantees in der Regel natürlich für die besten wissenschaftlichen Knotenpunkte für ihre Arbeit. So sind die meisten Grants des ERC seit 2007 neben dem im Vergleich zur MaxPlanck-Gesellschaft beinah doppelt so großen Centre national de la recherche scientifique an erster Stelle und der Max-Planck-Gesellschaft an dritter Stelle an herausragende Forschungsuniversitäten wie Oxford, Cambridge oder die ETH Zürich gegangen. Dieses gehören nicht nur in ihrem eigenen Land zur akademischen Spitze, sondern können im globalen Vergleich zu den World-Class Research Universities gezählt werden, und bilden damit eine entsprechende Knotenpunkt-Funktion. 4.2 Anker werfen im Ausland – Beispiele erfolgreicher Initiativen Die amerikanischen Top-Universitäten sind durch das Studiengebührensystem seit langem marktorientiert in ihrem Handeln. Und der Markt für Hochschulbildung ist schon längst globalisiert. Auch wenn beispielsweise die Ivy League-Universitäten bislang alleine vor Ort mit ihren amerikanischen Spitzencampi die Strahlkraft besitzen, Studenten und Wissenschaftler aus aller Welt für ein Studium in die USA zu locken, ruhen sie sich nicht auf diesem Status aus und vernetzen sich 60 61 62 63 Wagner, Caroline S., und Loet Leydesdorff. „Network structure, self-organization, and the growth of international collaboration in science“. Research Policy 34, Nr. 10 (Dezember 2005): 1608–1618. doi:10.1016/j.respol.2005.08.002. S. 1615 Salje, Ekhard K.H. „The race to the top: some insular comments on science policy“. In Wettlauf ums Wissen: Außenwirtschaftspolitik im Zeitalter der Wissensrevolution, herausgegeben von Georg Schütte, 59–66. Berlin: Berlin University Press, 2008. S. 62 Organisation for Economic Cooperation and Development. How Is the Global Talent Pool Changing? Bd. 5. Education Indicators in Focus. Paris: OECD Publishing, 2012. http://www.oecd.org/edu/50495363.pdf. Kuhlmann, Stefan. „Forschungs- und Innovationssysteme im internationalen Wettbewerb“. In Wettlauf ums Wissen: Außenwirtschaftspolitik im Zeitalter der Wissensrevolution, herausgegeben von Georg Schütte, 52–58. Berlin: Berlin University Press, 2008. 19 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb global: Aus der Gruppe der amerikanischen Top-Hochschulen hat als erste die Yale University 2011 einen Undergraduate Campus außerhalb der USA gegründet. Das Yale-NUS College in Singapur ist ein gemeinsames Projekt mit der National University of Singapur (NUS). Im August 2013 hat der erste Jahrgang hier sein Studium aufgenommen.64 Die Interessen beider Seiten sind klar: Die Yale University expandiert vor Ort in einem lukrativen, wachsenden Bildungsmarkt. Singapur versucht sich seit langem als Bildungs- und Innovationsstandort in Asien zu profilieren und auch Chinesen, Japaner und Koreaner zu einem Studium in Singapur zu animieren. Mit der „Marke Yale“ kann es diese Studenten aus der Region gezielt ansprechen. In Korea, aber auch in China oder dem Nahen Osten zeichnet sich mittlerweile verstärkt ein Trend zum Studium in der Heimat ab. Deshalb ist beispielsweise in China die Stanford University ebenso vertreten wie Johns Hopkins oder die New York University. Die Präsenz in wachsenden Innovationsmärkten kann sich nicht nur für Hochschulen, sondern auch für Forschungseinrichtungen aus anderen Ländern lohnen. Das Massachusetts Institute of Technology beispielsweise geht hierbei einen speziellen Weg: Es baut keine direkten Campus-Dependancen außerhalb der USA auf, verstärkt aber Partnerschaften mit Standorten in dynamischen Innovationsregionen. Ziel ist ein weltweites Netzwerk aus Einrichtungen, welche die Exzellenzprinzipien und die spezifische wissenschaftliche Governance des MIT teilen. Deshalb helfen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des MIT anderen Forschungseinrichtungen, die sich am Modell MIT orientieren wollen. Aktuell unterstützt das MIT mit dem Masdar Institute in Abu Dabi den Aufbau einer Graduierteneinrichtung.65 In Singapur leistete das MIT capacity building im Rahmen einer Kooperation mit der neugegründeten Singapore University of Technology and Design.66 Beide Einrichtungen werben dezidiert mit dem Hinweis „in collaboration with MIT“. Abgesehen davon, dass sich das MIT diese Kollaborationen gut bezahlen lässt, macht es sich selbst durch solche Partnerschaften noch bekannter. Das Engagement an neu entstehenden Innovationsmärkten dient damit nicht zuletzt dazu, langfristig die besten Talente über solche Netzwerke an das MIT zu holen. Hochschulen, welche sich schon früh international etabliert haben, haben bislang gegenüber den anderen einen kompetitiven Vorteil. Sei es, weil sie in international führenden Wissenschaftsnationen beheimatet sind, weil sie über mehr finanzielle Ressourcen verfügen, oder aber weil sie entsprechende Internationalisierungsaktivitäten schlicht früher entfaltet haben. An den sich in aller Welt entwickelnden Bildungsmärkten wird auch die Ausbildungsqualität deutscher Universitäten sehr geschätzt: Schon seit 2007 steht die RWTH Aachen im Rahmen einer strukturierten Partnerschaft mit dem Sultanat Oman Pate beim Aufbau der German University of Technology (GUtech). Die RWTH unterstützt die GUtech bei der Entwicklung und Einrichtung von Studiengängen, beim Aufbau von Forschungsaktivitäten und eines an deutschen Maßstäben orientierten Qualitätsmanagementsystems. In China ist die RWTH mit einem Verbindungsbüro präsent, um Kontakte zu chinesischen Studenten und Wissenschaftlern zu erleichtern. Mit Büros in São Paulo, Kairo, Peking, Mumbai und Singapur stärkt etwa die Technische Universität München ihre Internationalisierung durch Präsenz an wichtigen Forschungsstandorten weltweit. 64 65 66 http://www.thecrimson.com/article/2012/5/24/international-harvard-yale-singapore/ http://www.masdar.ac.ae/about-us/mit-partnership http://www.sutd.edu.sg/mit_collaboration.aspx 20 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb Es sind aber gerade Yale, Harvard, das MIT, oder Cambridge, die das Modell einer „World Class University“ verkörpern – also im internationalen Maßstab führende, forschungsstarke research universities sind. Ein Status, den so viele andere Einrichtungen auch erreichen wollen. Vor allem Universitäten in Asien oder dem arabischen Raum unternehmen deshalb erhebliche Anstrengungen, um ihre Hochschulen mit einer „World Class University“-Marke in Verbindung bringen zu können. Das unterstreicht die Bedeutung, angesichts zunehmender Konkurrenz der Wissensökonomien und einer Verknappung der Talente als Forschungseinrichtung in der wissenschaftlichen ChampignonsLeague mitspielen zu können.67 4.3 Das Beispiel Max-Planck-Gesellschaft Aktuell lässt sich, quer über verschiedenste Rankings gemessen, keine deutsche Universität nach den oben genannten Kriterien als World-Class Research University bezeichnen.68 Die individuelle Aussagekraft einzelner Leistungsindizes mag durchaus strittig sein; die politische Sogwirkung von Ranglisten ist allerdings nicht von der Hand zu weisen.69 Das große Angebot an unterschiedlichsten Rankings verschiedenster Anbieter zeigt vor allem eines: die steigende Nachfrage. Die globale Elite von morgen orientiert sich im zunehmenden Maße an solchen Indizes. Die Ivy-League-Universitäten stärken ihren Ruf unter potentielle Studenten nicht zuletzt aus einem „Marken-Versprechen“ für die berufliche Karriere ihrer Absolventen.70 Auch in Deutschland konnten die elf von Wissenschaftsrat und DFG gekürten „Exzellenz-Universitäten“ eine Sogwirkung auf Studieninteressierte aus dem In- und Ausland feststellen. Auf einzelnen Forschungsfeldern gehören deutsche Universitäten mit zur absoluten Weltspitze. Keine einzige von ihnen weißt allerdings in der Spitzenforschung ein mit den besten World-Class Research Universities vergleichbar breites Leistungsspektrum auf. Als bislang einzige Einrichtung kann sich in Deutschland die Max-Planck-Gesellschaft erfolgreich auf der gesamten Bandbreite ihres disziplinären Spektrums an der Forschungsleistung der World-Class Research Universities orientieren. Wenn man ihre Forschungsleistung nur an Qualität und Anzahl der veröffentlichten Publikationen messen wollte, befindet sich die Max-Planck-Gesellschaft im weltweiten Institutionenranking beispielsweise der Nature Publishing Group71 unter den fünf weltweit führenden Einrichtungen.72 Würde man die Maßstäbe des sogenannten „Shanghai-Rankings“73 an die Max-Planck-Gesellschaft anlegen, gehörte sie im internationalen Vergleich ebenfalls zur Gruppe der besten Fünf. In dem 67 68 69 70 71 72 73 Horta, Hugo. „Global and National Prominent Universities: Internationalization, Competitiveness and the Role of the State“. Higher Education 58, Nr. 3 (1. September 2009): 387–405. doi:10.1007/s10734-009-9201-5. S. 389 Im aktuellen Academic Ranking of World Universities 2013 schafft es die TU München als beste deutsche Universität auf Rang 50. Unter den weltweiten TOP-100 sind dort sonst nur noch Heidelberg (Rang 54), die LMU (Rang 61) und Freiburg (Rang 100) zu finden. Vgl. http://www.shanghairanking.com/World-University-Rankings-2013/Germany.html Hazelkorn, Ellen. Rankings and the Reshaping of Higher Education: The Battle for World-class Excellence. Houndmills, Basingstoke, Hampshire; New York: Palgrave Macmillan, 2011. S. 160 Rühle, Alex. „Harvard University: Weltgeist als Marke“. sueddeutsche.de, 17. Mai 2010, Abschn. karriere. http://www.sueddeutsche.de/karriere/harvard-university-weltgeist-als-marke-1.571233. Das Ranking der Nature Publishing Group Nature Asia-Pacific basiert auf der Anzahl von Publikationen in Zeitschriften der Verlagsgruppe (wie z. B. Nature, Cell Research oder The EMBO Journal). Gezählt werden ausschließlich “primary research papers that were published as ‘Articles, Letters and Brief Communications’”. Neben der Anzahl der Papers insgesamt wird für jede Institution auch die Anzahl der Papers angegeben, bei der berücksichtigt wird, wie viele andere Institutionen an einem Paper beteiligt waren (corrected counts). Neben der MPG gehören dazu die Harvard und die Stanford University, das Massachusetts Institute of Technology und die Gesamtheit aller amerikanischen NIH-Institute, die als Einheit gezählt werden. Vgl. http://www.natureasia.com/en/publishing-index/global/ http://www.shanghairanking.com/aboutarwu.html 21 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb Academic Ranking of World Universities der Shanghai Jiao Tong University werden allerdings nur Universitäten und Graduiertenuniversitäten miteinander verglichen. Den Status einer Graduiertenuniversität besitzt die Max-Planck-Gesellschaft nicht. Sie bildet in Kooperation mit den deutschen Universitäten Graduierte auf dem Weg zur Promotion wissenschaftlich aus. Mit der Harvard University oder der Rockefeller-Graduiertenuniversität teilt die Max-Planck-Gesellschaft neben der Nachwuchsausbildung die wesentlichsten Merkmale einer international führenden Forschungsuniversität. Sie unterscheidet sich jedoch aufgrund ihrer im Vergleich zu Harvard kleinen Gesamtgröße, ihrer dezentralen Struktur und der spezifischen Organisationsweise ihrer Institute erheblich von diesen Einrichtungen. Die 83 Forschungsinstitute der Max-Planck-Gesellschaft sind nicht lokal auf einem Campus zusammengefasst, sondern verteilen sich auf rund 30 Standorte in ganz Deutschland und auf fünf Standorte im Ausland. Das bringt bestimmte Nachteile mit sich. Die gemeinsame Nutzung von Infrastruktur ist zum Beispiel nur in sehr wenigen Fällen möglich. Des Weiteren ist das größere intellektuelle Umfeld der Max-Planck-Gesellschaft als Ganzes nicht singulär an einem Platz verortbar. Der stetige Austausch – insbesondere auch über den wissenschaftlichen Erneuerungsprozess der Gesamtgesellschaft – wird durch ein bewährtes System der wissenschaftlichen Selbstverwaltung im Zusammenspiel der drei Sektionen der Max-Planck-Gesellschaft gewährleistet.74 Die dezentrale Struktur und Governance der Max-Planck-Gesellschaft und die spezifische Organisationsweise ihrer Institute birgt nicht nur im Bezug auf die Internationalisierung viele Vorteile. Die mittelgroßen, interdisziplinär aufgebauten Forschungsinstitute der Max-Planck-Gesellschaft sind es gewohnt, sich aufgrund ihrer relativen Kleinheit an den einzelnen Standorten in das lokale wissenschaftliche Umfeld zu integrieren. Gleichzeitig knüpfen sie aber auch weltweit mit den besten Einrichtungen und Fachkollegen enge Kooperationen. Zahlreiche theoretische und empirische Forschungsarbeiten weisen darauf hin, dass solch hoch vernetze, vergleichsweise kleine und flexible Forschungseinheiten, die mit einer hohen wissenschaftlichen Autonomie ausgestattet sind, das größte Potential zur Entdeckung von Durchbruchsinnovationen aufweisen.75 Damit können sie wissenschaftlicher Kristallisationskern für ihr Umfeld sein. Darüber hinaus ist die Max-Planck-Gesellschaft generell offen für die Translation der Ergebnisse aus der Grundlagenforschung in die Anwendung. Die verstärkten Aktivitäten und zahlreichen Erfolge im Technologietransfer haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass die Max-Planck-Institute auch wichtige Beiträge zum Aufbau vom Innovationsclustern liefern können. Das haben auch andere Staaten erkannt. Viele bewerten die Organisation der Max-PlanckGesellschaft in kleine, flexible Forschungseinheiten im internationalen Vergleich als Erfolgsmodell.76 Insbesondere Länder, die gerade erst dabei sind, Strukturen der Spitzenforschung aufzubauen, zeigen großes Interesse an ihrer spezifischen wissenschaftsgetriebenen Governance und den Mechanismen der nachhaltigen Qualitätssicherung. Wie bereits erwähnt folgt beispielsweise Korea 74 75 76 Zur kritischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Fachgebiet und Nachbardisziplinen haben die Sektionen der Max-PlanckGesellschaft Perspektivenkommissionen eingerichtet. Dort hinterfragen sie das Forschungsportfolio ihrer Sektion und entwerfen Konzepte zur Zukunft einzelner Institute oder neuer Abteilungen. Die Kommissionen bilden ein wichtiges Element bei der Erweiterung des Forschungshorizonts der Max-Planck-Gesellschaft als Ganzes. Hollingsworth, J. Rogers. Major Discoveries, Creativity, and the Dynamics of Science, 2011. S. 118f. Hesse, Joachim Jens. Die Internationalisierung der Wissenschaftspolitik: Nationale Wissenschaftssysteme im Vergleich. Berlin: Duncker & Humblot, 2011. S. 417. 22 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb beim Aufbau des Institute for Basic Research dem Vorbild der Max-Planck-Gesellschaft. Auf ähnliche Weise orientieren sich daran aktuell Mexiko und Kolumbien bei der Entwicklung ihres Forschungssystems. Der Aufbau einer Spitzenforschungseinrichtung von der Größe eines einzelnen Max-Planck-Instituts ist im Vergleich zur Etablierung auch nur von Teilen einer Campusuniversität mit überschaubarem Finanzierungsaufwand zu realisieren. Aus diesem Grund wünschen sich manche Länder auch direkt ein Max-Planck-Institut vor Ort. An den Standorten Florida und Luxemburg hat die Max-PlanckGesellschaft die Einladung der jeweiligen Regierungen gerne angenommen und ist dort mit eigenen Forschungsinstituten an zwei sehr unterschiedlichen, gleichsam aber wissenschaftlich sehr interessanten Standorten im Ausland präsent. Das entscheidende Kriterium jedes Engagements der Max-Planck-Gesellschaft oder eines ihrer Institute ist der zu erwartende wissenschaftliche Mehrwert. Form und Struktur der Kooperation - nicht nur mit ausländischen Partnern - ist dabei immer auf die optimale wissenschaftliche Zielerreichung hin ausgerichtet. Wie im Folgenden noch zu zeigen sein wird, hat sie dazu ein flexibles Instrumentarium für die institutionalisierte, zeitlich begrenzte Kooperation ihrer Institute mit internationalen Partnern entwickelt. Dass die Max-Planck-Gesellschaft weltweit als wissenschaftlicher Partner gesucht wird, ist Ausweis ihrer wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit. Tatsächlich ist die internationale Sichtbarkeit und Vernetzung gleichzeitig auch Voraussetzung dieser Leistungsfähigkeit. Strategische Internationalisierung ist deshalb für die Max-Planck-Gesellschaft kein „Sonderfall“, sondern eine notwendige Bedingung zur Erfüllung ihrer Mission. Ihre Mission kann sie nur erfüllen, wenn es gelingt, auf zukunftsträchtigen Forschungsfeldern die besten und kreativsten Grundlageforscherinnen und -forscher zu berufen. Sie rekrutiert diese unabhängig ihrer Nationalität von den renommiertesten Wissenschaftsstandorten weltweit. Dies spiegelt sich in der internationalen Personalstruktur, die auf allen Karrierestufen einen Ausländeranteil von mehr als einem Drittel aufweist. Im W3-Bereich beispielsweise wurden in den letzten zwölf Jahren weit über 40 Prozent der zu Wissenschaftlichen Mitgliedern Berufenen aus dem Ausland geholt. Von den Postdoktoranden haben fast 90 Prozent einen ausländischen Pass. Gleichzeitig sind die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Gesellschaft darauf angewiesen, unabhängig vom geographischen Standort mit den besten Fachkollegen zu kooperieren, um an den aktuellsten wissenschaftlichen Themen und Entwicklungen zu partizipieren, diese voranzutreiben, sich auszutauschen, und in gemeinsamen Projekten von komplementärer Expertise zu profitieren. Auch große Forschungsinfrastrukturen wie beispielsweise in der Astronomie oder Physik sind oftmals nur gemeinsam in internationalen Konsortien aufzubauen. Konkurrenz und Kooperation im internationalen Maßstab waren und sind deshalb seit jeher die zentralen Bezugspunkte der Max-Planck-Gesellschaft zur Sicherung ihrer wissenschaftlichen Exzellenz.77 Globalisierung und Europäisierung haben die Bedeutung und Komplexität des internationalen Bezugsmaßstabes noch erhöht, da sie die Dynamik des Innovationsprozesses gesteigert und die Konstitutionsbedingungen für national geförderte Forschung verändert haben. Die Max-Planck-Gesellschaft hat auf diese geänderten Bedingungen mit einer umfassenden Internationalisierungsstrategie reagiert. Komplementär zu den bottom-up getriebenen Auslandskooperationen ihrer Institute hat sie einen strategischer Rahmen etabliert. Dieser umfasst zentral 77 Max-Planck-Gesellschaft. „Internationalität der Forschung - Internationality of Research. Symposium der Max-Planck-Gesellschaft“. MaxPlanck-Gesellschaft, 1997. 23 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb verantwortete Maßnahmen der internationalen Zusammenarbeit sowohl im mittelfristigen wissenschaftlichen Interessen der Institute als auch im langfristigen Sinne der forschungspolitischen Ausrichtung der Max-Planck-Gesellschaft als Ganzes.78 4.4 Ausgewählte Instrumente der Internationalisierung Der strategische Rahmen der Internationalisierung der Max-Planck-Gesellschaft umfasst zwei sich ergänzende Säulen: Die Attraktion und Integration hervorragender ausländischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die Max-Planck-Gesellschaft ist die erste Säule. Wie bereits angesprochen ist die Max-Planck-Gesellschaft durch ihre international sichtbare wissenschaftliche Leistungsfähigkeit für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Karrierestufen und Nationalitäten als Arbeitgeber attraktiv. Diese exzellenzgetriebene Internationalization at home ist integraler Bestandteil der Mission der Max-Planck-Gesellschaft, nur die weltweit besten Forscherinnen und Forscher als Wissenschaftliche Mitglieder in ihre Reihen aufzunehmen. Abbildung 3: Strategische Internationalisierung. Quelle: Eigene Darstellung. Mit zunehmender Globalisierung der Wissenschaft ist die Internationalization at home verstärkt auf Ergänzung durch eine zielgerichtete Internationalization abroad angewiesen. Als zweite Säule der Internationalisierung dient diese dem strategischen Aufbau von strukturellen Brücken ins Ausland. Der Zweck dieser Vernetzung ist die Partizipation an wissenschaftlich exzellenten Strukturen im Ausland als Voraussetzung zur Sicherung der eigenen wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit auf international konkurrenzfähigem Niveau. In ihrer jeweiligen scientific community sind die Max-Planck-Institute weltweit bestens bekannt. Beim jüngsten wissenschaftlichen Nachwuchs, etwa den Absolventen aus demographisch bevorteilten Schwellenländern, versucht sich die Max-Planck-Gesellschaft darüber hinaus gezielt durch internationales Forschungsmarketing bekannt zu machen. Mit dem Science Tunnel, dem Science Express oder auch der Ausstellung „Bilder der Wissenschaft“ will sie sich auch dieser Zielgruppe als möglicher Arbeitgeber ins Bewusstsein bringen. Da die Max-Planck-Gesellschaft aufgrund ihres nichtuniversitären Status in keinem der gerade bei Absolventen aus Asien oder Südamerika 78 Ebersold, Bernd. „Internationalität von Wissenschaft und Forschung. Selbstverständlichkeiten, Herausforderungen und Chancen internationaler Wissenschaftsbeziehungen im Zeichen der Globalisierung“. In Sicherheit und Freiheit: aussenpolitische, innenpolitische und ideengeschichtliche Perspektiven ; Festschrift für Wilfried von Bredow, herausgegeben von Wilfried von Bredow und Thomas Jäger, 206–223. Baden-Baden: Nomos, 2004. 24 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb vielbeachteten internationalen Hochschulrankings auftaucht, muss sie auf diese Weise ihren internationalen Bekanntheitsgrad beim potentiellen wissenschaftlichen Nachwuchs durch Forschungsmarketing verstärken. Auch über Social Media wird diese Zielgruppe zunehmend erreicht. Follower und Friends der Max-Planck-Gesellschaft kommen anders als bei den deutschen Universitäten größtenteils aus dem Ausland. Nur 20 Prozent sind aus Deutschland, der Rest aus aller Welt, angeführt von den USA. Der hohe internationale Bekanntheitsgrad der Max-Planck-Gesellschaft in der scientific community, die weltweite Vernetzung ihrer Wissenschaftlichen Mitglieder und das internationale Forschungsmarketing tragen alle zum Erfolg des bewährtesten Internationalisierungsinstrumentes der MaxPlanck-Gesellschaft bei: Die International Max Planck Research Schools (IMPRS) ziehen die besten Nachwuchswissenschaftler aus aller Welt nach Deutschland. Von den rund dreitausend derzeit an IMPRS tätigen Doktorandinnen und Doktoranden kommt die Hälfte aus dem Ausland. Maßgeblich für diesen Erfolg ist, dass System und Struktur der Graduiertenschule international bekannt sind. Zusätzlich attraktiv ist die Möglichkeit, bei einem Großteil der Schulen wie in anglo-amerikanisch geprägten Wissenschaftssystemen bereits mit einem Bachelor-Abschluss in ein Fast-Track-Programm aufgenommen zu werden. Durch die gleichberechtigte Kooperation mit den Hochschulen tragen die IMPRS über die Internationalisierung hinaus auch zur Vernetzung der außeruniversitären Forschung mit den Universitäten bei. Des Weiteren unterhalten mehrere IMPRS zusätzlich aktive Partnerschaften mit renommierten ausländischen Universitäten, unter anderem in Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, den Vereinigten Staaten, Israel, Kanada, den Niederlanden, Österreich, Polen, Schweden, der Schweiz, Tschechien und Estland. Dies erhöht den Grad der internationalen Netzwerkbildung noch weiter. Die zusätzliche Netzwerkbildung der IMPRS mit renommierten Partnern im Ausland zeigt: Neben der klassischen Projektkooperation wird der strategische Aufbau von strukturellen Brücken ins Ausland immer wichtiger. Diese Internationalization abroad wird durch Partnergruppen im Ausland, die Auslandsinstitute und die International Max Planck Centers zielgerichtet unterstützt. Alle genannten Instrumente vereinen die Vorteile eines längerfristigen Planungshorizontes mit der Flexibilität und den hohen Evaluations-Standards, welche die Max-Planck-Gesellschaft auszeichnen. Im Gegensatz zu eher kurzfristig orientierten Forschungsprojekten steht hier die – in unterschiedlichen Abstufungen ausgeprägte – strukturelle Institutionalisierung der internationalen Zusammenarbeit vor Ort im Vordergrund. Die immer stärkere Globalisierung der Spitzenforschung macht es zunehmend notwendig, an sich dynamisch entwickelnden Forschungsstandorten präsent zu sein, um an wissenschaftlicher Exzellenz im Ausland zu partizipieren.79 Diese Partizipation sichert die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit der Max-Planck-Gesellschaft auf international konkurrenzfähigem Niveau und schafft durch den strukturierten Zugang zu Wissen und Wissensträgern Synergien auch am Forschungsstandort Deutschland. Auch die internationalen Partnergruppen illustrieren dieses Synergiepotential. Hier unterstützt die Max-Planck-Gesellschaft ihre besten ausländischen Nachwuchswissenschaftler, die in ihr Herkunftsland zurückkehren wollen, beim Aufbau einer dort angesiedelten Partnergruppe. Partnergruppen tragen auf diese Art erfolgreich zur nachhaltigen Vernetzung der Max-Planck-Institute mit 79 „Dass […] Forschungseinrichtungen aus Deutschland gezielt an ‚Hotspots’ der Forschung auch in institutionalisierter Form präsent sein wollen und sollen, liegt ebenso in der Entwicklungslogik der Forschung wie die Notwendigkeit, das eigene internationale Entwicklungspotenzial für die Wissenschaft in Deutschland mit der Forschungsregion als potenzieller künftiger ‚Hotspot’ zu entfalten.“ Vgl. Husung, Hans-Gerhard. „Zukunftsraum Wissenschaft : Was kommt nach der Exzellenzinitiative?“ Wissenschaftspolitik im Dialog 6.2013 (2013). http://edoc.bbaw.de/volltexte/2013/2386/. S. 33 25 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb ausländischen Nachwuchs-Spitzenwissenschaftlern bei. Das gilt insbesondere für Länder, deren Forschungsstrukturen sich dynamisch entwickeln. Derzeit sind die meisten Partnergruppen in den vielversprechenden Forschungsmärkten Chinas und Indiens angesiedelt. Diese Gruppen fungieren durch ihre Vernetzung mit den Max-Planck-Instituten als ideale Anlaufstelle für ausgezeichnete Wissenschaftler aus diesen Ländern, die in Deutschland forschen wollen. Ein solcher Zugang ermöglicht es, frühzeitig potentiell starke Partner für die Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsstandort Deutschland zu gewinnen. Um eine dauerhafte Zusammenarbeit mit forschungsstarken Partnern vor Ort zu etablieren, betreibt die Max-Planck-Gesellschaft an einigen wenigen, ausgewählten Standorten eigene Forschungsinstitute im Ausland. Wie die Erfahrung mit unseren Auslandsinstituten bislang zeigt, gelingt ein solch „institutionalisierter Brückenschlag“ der Max-Planck-Gesellschaft aufgrund ihrer ohnehin dezentral angelegten Struktur mit flexiblen, mittelgroßen Forschungsinstituten sehr erfolgreich. Die Einrichtungen im Ausland gliedern sich genau wie die inländischen Institute in die wissenschaftlichen Sektionen, dem Herzstück der wissenschaftlichen Selbstorganisation, ein, und verbreitern so die internationale Basis der Gesellschaft. So konnten am Max Planck Florida Institute for Neuroscience herausragende Forscher für die Wissenschaftscommunity der Max-Planck-Gesellschaft gewonnen werden, die sonst wohl nicht nach Deutschland gekommen wären. Gleichzeitig wird durch das Institut in Florida die Exzellenz der deutschen Wissenschaft auch im Spitzenforschungsland USA sichtbarer. Zusammen mit einer der im Bereich der Biomedizin weltweit führenden amerikanischen Forschungseinrichtungen, dem Scripps Research Institute, legt das Institut den Grundstein für einen der weltweit leistungsfähigsten neurowissenschaftlichen Forschungscluster, der weithin ausstrahlen wird. Die International Max Planck Centers schließlich bieten das wohl flexibelste Instrument einer strukturellen Institutionalisierung der Zusammenarbeit von Instituten der Max-Planck-Gesellschaft mit erstklassigen ausländischen Partnern. Motiviert wird die Einrichtung eines Centers durch das gemeinsame Interesse, auf einem innovativen Forschungsgebiet komplementäre Expertisen zu bündeln und nachhaltiger als in einem singulären Forschungsprojekt zusammenzuarbeiten. Das besondere an diesem Kooperationskonzept ist, dass es beide Säulen der strategischen Internationalisierung in sich vereint: In dem sich ein oder mehrere Max-Planck-Institute mit einer ausländischen Spitzenforschungsinstitution in einem International Max Planck Center zusammentun, profitieren Wissenschaftler der Max-Planck an exzellenten Standorten wie aktuell der EPFL, der Sciences Po oder der Princeton University von der Zusammenarbeit und der Nutzung spezieller Infrastruktur sowie dem Austausch von Wissen und Technologien. Auch in wissenschaftlich aufstrebenden Schwellenländern wie Indien sind die Institute der Max-Planck-Gesellschaft mit International Max Planck Centern präsent. Die Vielfalt an Möglichkeiten der individuellen Ausgestaltung eines Centers ist ein wesentlicher Grund des Erfolgs dieses Instruments: So lässt sich ein Center ganz nach den Bedürfnissen des Forschungsbereichs und den regionalen Bedingungen durch Partner- oder Nachwuchsgruppen, eine IMPRS oder Max-Planck-Fellows ausgestalten. Der Austausch von Wissenschaftlern auf allen Ebenen ist dabei ein zentrales Element aller Center. Die gemeinsame Doktorandenausbildung und Nachwuchsförderung werden bislang mit am häufigsten für den Aufbau eines Max Planck Centers gewählt. Im Bereich der Nachwuchsförderung bestehen vereinzelt sogar institutionenübergreifende tenure track-Modelle. Generell wird die Attraktivität für Spitzenwissenschaftler aller Erfahrungs26 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb stufen und die internationale Sichtbarkeit für beide beteiligte Institutionen eines Centers deutlich erhöht. Gerade im Nachwuchsbereich holen solche Aktivitäten exzellente ausländische Wissenschaftler nach Deutschland. Dank des Indo German Max Planck Center for Computer Science ist nicht nur am beteiligten Max-Planck-Institut für Informatik, sondern auch am Max-Planck-Institut für Softwaresysteme die Zahl der indischen Nachwuchswissenschaftler deutlich gestiegen. Auch auf der Ebene der Studenten kann ein Center dazu beitragen, Interesse am Wissenschaftsstandort Deutschland zu wecken: Das Center mit der University of British Columbia hat an den beteiligten Instituten zu einer Verzehnfachung der Anzahl kanadischer Studenten geführt. Die angeführten Beispiele zeigen: Die Präsenz im Ausland stützt gleichzeitig die Internationalisierung zuhause. Auf diese Weise schafft das Zusammenwirken der beiden Säulen der strategischen Internationalisierung Synergien, welche für die Max-Planck-Gesellschaft bei der Erfüllung ihrer Mission essenziell sind, und gleichzeitig das deutsche Wissenschaftssystem an die internationale Forschungslandschaft anbinden. Angesichts der demographischen Entwicklung in Deutschland und der sich dynamisch entwickelnden, globalen Wissensgesellschaft ist diese Anbindung Voraussetzung für den langfristigen Erfolg des deutschen Wissenschaftssystems. 5. Ausblick: Die Zukunft der deutschen Wissenschaft im globalen Wettbewerb Die Wissenschaftspolitik steht – mehr als vielleicht jedes andere Politikfeld der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge – vor der Herausforderung, die Chancen der Globalisierung zu gestalten und für das deutsche Innovationssystem zu nutzen. In modernen Hochtechnologieländern wie Deutschland oder den USA ist das abstrakte Gut „Wissen“ längst zum zentralen Rohstoff und wichtigstem Mittel zum Erhalt des gesellschaftlichen Wohlstands geworden. Nationale Innovations- und Wertschöpfungsketten bauen notwendigerweise auf dieser wertvollen Ressource auf. Doch wie auch die Wirtschaftskreisläufe nicht mehr national gedacht werden können, so ist heute die Wissensproduktion nicht mehr nur auf wenige Wissenschaftsnationen beschränkt. Die Globalisierung hat auch die Bereiche Wissenschaft und Forschung erfasst. Spitzenforschung wird an immer mehr dynamisch wachsenden Standorten weltweit betrieben. Staaten wie China, Korea, oder Singapur, lange Zeit klassische „Exporteure“ ihrer besten Studenten in Zielländer wie die USA und Europa, investieren massiv in Wissenschaft und Forschung. In dem sie attraktive Innovationsstandorte zu schaffen versuchen, treten sie in den Wettbewerb um die besten Studenten und Wissenschaftler, aber auch um die Investitionen internationaler Technologieunternehmen. Wie nicht nur das Beispiel Korea zeigt, spielt der gezielte Aufbau von Grundlagenforschungskapazitäten dabei eine entscheidende Rolle. Nur die Grundlagenforschung liefert wirklich „neues“ Wissen und bildet damit die Basis erfolgreicher Innovationsmilieus. Und obwohl dieses Wissen dank der Revolution der Informations- und Kommunikationstechnologien zunehmend ortsunabhängig verfügbar wird, ist doch die unmittelbare örtliche Nachbarschaft von Wissenschaft und Wirtschaft für erfolgreiche Innovationsregionen eine wichtige Bedingung: Die Wissensverbreitung und der Austausch zwischen Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Hochschulen wird dort strukturell in regionalen Clustern gebündelt. Diese regionalen Cluster entwickeln sich neben etablierten Forschungsstandorten in den USA oder Großbritannien immer mehr in dynamischen Innovationsregionen in Asien, Indien oder Südamerika. 27 Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb Für die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems bedeutet dies, dass sich unsere nationalen Spitzenstandorte nicht nur am deutschen Leistungsmaßstab messen dürfen. Ein Profilstandort im Bereich der Biotechnologie wie etwa München ist schon heute darauf angewiesen, dass seine Forschungseinrichtungen und Universitäten im Wettbewerb um die besten Köpfe den Anschluss an die wissenschaftliche Weltspitze halten. Das braucht die Unterstützung der Politik. Deutschland wie Europa haben im internationalen Wettbewerb nur eine Chance, wenn sie auf Innovation setzen. Gerade die Exportnation Deutschland kann schon seit langem ihren Wohlstand nicht mehr über niedrige Löhne oder den Zugang zu billigen Rohstoffen bewahren: Wissen und Innovation sind unsere wichtigste Ressource. Deshalb muss Deutschland ein attraktiver Standort für gut ausgebildete Menschen, forschungsintensive Unternehmen und damit ausgezeichnete Forschungseinrichtungen bleiben. Deshalb sollte die Politik an dem Ziel festhalten, weltweit sichtbare Spitzen in der Forschung auszubilden und vorhandene Stärken zu stärken, um international noch attraktiver zu werden. Die bloße Bewahrung des gegenwärtigen Status Quo bedeutet im internationalen Wettbewerb bereits Rückschritt. Die Internationalisierung der deutschen Forschung ist damit kein Selbstzweck oder eine Option, sondern eine nationale Aufgabe. Für diese Aufgabe braucht es nicht nur finanzielles Engagement. Notwendig sind langfristig verlässliche politische Rahmenbedingungen für die Universitäten wie auch die Außeruniversitäten Forschungseinrichtungen. Vielleicht sogar noch wichtiger sind aber die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen: Deutschland ist – nicht nur im Wissenschaftsbereich – längst ein Einwanderungsland. Dieses Bewusstsein muss sich – in allen Bereichen, nicht nur in der Wissenschaft – auch in gesellschaftlicher Offenheit und einer Willkommenskultur ausdrücken. 28
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