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Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft1
Die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
von
Christian Gast, Sabine Zimmermann und Peter Gruss
Inhalt
1.
2.
3.
4.
5.
1
Wissenschaftliche Exzellenz entscheidet sich im globalen Maßstab ............................ 1
1.1
Gesteigerte internationale Konkurrenz durch Globalisierung ................................................ 1
1.2
Innovationssysteme der BRICK-Staaten holen auf .................................................................. 2
1.3
Wettbewerb der Regionen im multipolaren Wissenschaftssystem........................................ 3
Grundlagenforschung als Basis volkswirtschaftlicher Innovation................................. 4
2.1
Technologieführerschaft ist auf Grundlagenforschung angewiesen ...................................... 4
2.2
Die lokale Dimension der Wissensverbreitung in regionalen Clustern ................................... 5
2.3
Aus Spitzenforschung entstehen erfolgreiche Innovationsmilieus ......................................... 7
2.4
Dynamische Innovationsregionen entwickeln sich weltweit .................................................. 8
Globale Exzellenz setzt nationale Exzellenz voraus ................................................... 10
3.1
Leistungsfähigkeit an globalen Maßstäben orientieren........................................................ 10
3.2
Dynamik der Exzellenzinitiative aufrechterhalten ................................................................ 12
3.3
Fokussierung auf nachhaltige Exzellenz ................................................................................ 14
3.4
Das Emerging Global Modell erfolgreicher Forschungseinrichtungen.................................. 16
Ein weltweites Netz knüpfen: Strategische Internationalisierung .............................. 18
4.1
Netzwerk-Knotenpunkte attrahieren die besten Köpfe........................................................ 18
4.2
Anker werfen im Ausland – Beispiele erfolgreicher Initiativen............................................. 19
4.3
Das Beispiel Max-Planck-Gesellschaft ................................................................................... 21
4.4
Ausgewählte Instrumente der Internationalisierung ............................................................ 24
Ausblick: Die Zukunft der deutschen Wissenschaft im globalen Wettbewerb ............ 27
Erscheint im Rahmen der Reihe „Wissenschaftspolitik im Dialog“ der BBAW
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
1.
Wissenschaftliche Exzellenz entscheidet sich im globalen
Maßstab
1.1
Gesteigerte internationale Konkurrenz durch Globalisierung
„Die Wissenschaft kennt keine Landesgrenzen; denn ihre Grenze ist lediglich die Grenze menschlicher
Erkenntnis.“ Max Planck, von dem dieses Zitat aus dem Jahre 1923 stammt, war natürlich nicht der
Erste, der den internationalen Charakter der Wissenschaft festgestellt hat. Wissen ist von universaler
Natur und Forschung deshalb stets international. Viele Wissenschaftler beschäftigen sich zeitgleich
an unterschiedlichen Orten mit denselben Phänomenen – man denke nur an die Theorie der
natürlichen Selektion, die im 19. Jahrhundert von Darwin und Wallace unabhängig voneinander
aufgestellt wurde.
Menschliche Neugier und Wettbewerb um Erkenntnis und die besten Ideen sind die wesentlichen
Triebfedern der Wissenschaft. Konkurrenz, aber auch Kooperation, prägt maßgeblich den
wissenschaftlichen Fortschritt: Forscher tauschen sich aus, publizieren ihre Erkenntnisse und
beurteilen diejenigen der anderen, bauen auf deren Ideen auf und entwickeln sie weiter.
Heute ermöglichen die Dynamiken von technischem Fortschritt und der daraus resultierenden
Revolution der Informations- und Kommunikationstechnologien, aber auch der gestiegenen
Mobilität, eine ganz neue Dimension der Zusammenarbeit. Das Internet wurde ursprünglich zur
besseren Kommunikation der am internationalen Kernforschungszentrum CERN beteiligten
Wissenschaftler aus aller Welt entwickelt. Mittlerweile ist es selbst der entscheidende
Beschleunigungsfaktor der Globalisierung. Diese verändert unser Leben radikal: Amerikanische
Wirtschaftsprüfer und Steuerberater lassen Steuererklärungen anonymisiert in Indien ausführen,
Radiologen von US-Krankenhäusern delegieren die Auswertung von CT-Scans an Ärzte – in Indien.
Das Land ist inzwischen einer der größten IT-Dienstleister der Welt und wird – analog zu China, das
gerne als „Werkbank der Welt“ bezeichnet wird – das „Back Office der Welt“ genannt. Die globale
Arbeitsteilung ermöglicht den nationalen Volkswirtschaften enorme Effizienz- und Wohlfahrtsgewinne. Gleichzeitig stellt sie durch die Konkurrenz um Innovationen und Investitionen nicht nur
Deutschland vor enorme Herausforderungen. Wenn schon die Werkbänke in Asien denen in Europa
und den USA Konkurrenz machen, könnte nicht in allzu ferner Zukunft auch das „Labor der Welt“ in
Indien, China, Singapur oder Korea stehen?
Mit dem Aufbau weltweiter Wertschöpfungssysteme geht eine immer stärker global verteilte
Forschungslandschaft einher: Große, multinationale Unternehmen haben Forschung und Entwicklung
längst global dezentralisiert. Sie lagern ihre FuE-Aktivitäten dabei nicht nur in große Städte oder
traditionell forschungsstarke Metropolregionen aus, sondern wählen bewusst Standorte auch in
Schwellenländern, an denen sie nicht nur kostengünstig von lokalem wissenschaftlichen und
technischem Know-how und gut ausgebildeten Personen profitieren, sondern auch nah an neuen
Absatzmärkten sind. Die Qualität des lokalen Wissenschaftssystems, bereits bestehende FuEAktivitäten und eine vorhandene Industriekultur sind aber neben dem Kostenaspekt und dem
Potential des Absatzmarktes weiterhin zentrale Entscheidungsmotive bei der Standortwahl für
Investitionen in Forschung und Entwicklung.
1
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
1.2
Innovationssysteme der BRICK-Staaten holen auf
400 000
Weltweite Ausgaben (BAFE) für F&E
350 000
300 000
250 000
200 000
150 000
100 000
50 000
0
Abbildung 1: Forschungsausgaben 2009 im weltweiten Vergleich in Millionen US-Dollar
(kaufkraftbereinigt nach konstanten Preisen 2005) von G7, EU-27, ausgewählte BRICK2. Quelle: OECD.
Der Großteil der wissensintensiven Auslandsdirektinvestitionen wird bislang weiterhin traditionell
zwischen den forschungsstarken Ländern USA, Japan und Europas ausgetauscht. Dabei ist
Deutschland aufgrund seines leistungsfähigen Innovationssystems ein besonders wichtiger Standort
für ausländische FuE-Investitionen und für Unternehmen aus den USA sogar der wichtigste FuEAuslandsstandort. So haben sich die FuE-Ausgaben ausländischer Unternehmen in den letzten 15
Jahren in Deutschland verdreifacht. Darüber hinaus beschäftigen multinationale Unternehmer ein
Viertel aller FuE-Mitarbeiter in Deutschland und kommen für fast ein Drittel aller
privatwirtschaftlichen FuE-Ausgaben auf.3
Allerdings ist bei den Investitionen ausländischer Konzerne in den letzten Jahren eine
Schwerpunktverlagerung hin zu den „BRICK-Staaten“ (Brasilien, Russland, Indien, China und SüdKorea) und anderen aufstrebenden Schwellenländern in Asien zu beobachten. So sind unter den Top
20-Metropolregionen,
welche
zwischen
2010-2012
die
meisten
wissensbasierten
Auslandsdirektinvestitionen gewinnen konnten, nur sechs aus Europa zu finden; fünf dagegen aus
Indien und drei aus China. Singapur ist ebenfalls unter den ersten fünf zu finden. Zwar konzentrieren
sich diese Investitionen bislang in nachgelagerte Entwicklungsarbeiten wie Entwurfskonstruktion
oder technische Anwendungstests; die wenigsten dieser Mittel werden tatsächlich für originäre
Forschung und Entwicklung von Hochtechnologie in diesen Ländern verausgabt.4
2
Leider fehlen der OECD hier verlässliche Zahlen zu Indien und Brasilien. Vgl. OECD. „Expenditure on R&D“. In OECD Factbook.
Organisation for Economic Co-operation and Development, 2013. http://www.oecd-ilibrary.org/content/chapter/factbook-2013-60-en.
3
Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI). „Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit
Deutschlands 2013“, 2013. http://hdl.handle.net/10419/71411. S. 73
4
Primi, Annalisa. „The Evolving Geography of Innovation: A Territorial Perspective“. In The Global Innovation Index 2013: The Local
Dynamics of Innovation, herausgegeben von Soumitra Dutta, Bruno Lanvin, Insead, World Intellectual Property Organization, und
Johnson Graduate School of Management (Cornell University), 69–78, 2013. http://globalinnovationindex.org/content.aspx?page=giifull-report-2013. S. 73
2
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
Um aber auch bei den Spitzentechnologien mehr ausländische Investitionen anzuziehen und zu den
G7-Staaten in diesem Bereich aufschließen zu können, investieren China und andere massiv in die
Wissenschaft und steigern die öffentlichen Ausgaben für die Spitzenforschung. Nicht nur die BRICKStaaten haben erkannt, dass man Wissen und Innovationen auch durch eine gut finanzierte,
öffentliche Forschungslandschaft fördern muss, um im globalen Wettbewerb den Anschluss an die
klassischen Hochtechnologieländern zu finden. So lag das jährliche Wachstum der FuE-Ausgaben in
China seit 1999 durchschnittliche bei knapp 20 Prozent, was dazu geführt hat, dass das Land nach
zehn Jahren stetiger Investitionen 2009 bereits Japan in absoluten Forschungsausgaben überholt hat
und in diesem Bereich seitdem weltweit den zweiten Platz hinter den USA einnimmt. In Korea sind im
gleichen Zeitraum mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von etwa 10 Prozent die
Mittel für Forschung ebenfalls deutlich gestiegen.
Die Ausgaben dieser Länder spiegeln sich gleichsam in ihrer steigenden Leistungskraft der Forschung:
Ihre wissenschaftliche Produktivität, gemessen am Publikations-Output, steigt in den letzten Jahren
kontinuierlich.5 Nicht nur die pure Quantität, auch die Qualität der Beiträge steigt ständig: So
stammen bereits 30 Prozent aller Publikationen, die im renommierten Nature Publishing Index für
den Asiatisch-Pazifischen Raum gezählt werden, aus China.6 Alle Zahlen weisen darauf hin, dass in
Folge der gestiegenen Bedeutung Chinas in der Weltwirtschaft bald auch seine Bedeutung als
Forschungsstandort zunehmen wird. Wird China also bald die USA ablösen und zur neuen
Wissenschaftsgroßmacht aufsteigen? Fest steht: Die Globalisierung hat die Bedeutung der
internationalen Konkurrenz auch in der Forschung deutlich gesteigert – der wissenschaftliche
Wettbewerb entscheidet sich heute stärker im globalen Maßstab als je zuvor.
1.3
Wettbewerb der Regionen im multipolaren Wissenschaftssystem
Trotz dieser enormen finanziellen Investitionen in Forschung und Entwicklung und der daraus
resultierenden Wachstumsdynamik wird sich der asiatische Raum nicht zum alleinigen Spitzenforschungslabor der Welt entwickeln. Die traditionellen Wissenschaftsgroßmächte wie das Vereinigte
Königreich und die USA werden auf ihrer jetzigen internationalen Innovationsführerschaft was den
Einfluss ihrer Veröffentlichungen (gemessen an Zitationen) angeht, oder die Umsetzung von
wissenschaftlichen Erkenntnissen (gemessen an der Zahl der Patent-Registrierungen) für die Zukunft
aufbauen können.7 Es wird also nicht die eine große Wissenschaftsnation die andere ablösen.8
Vielmehr wird in Zukunft durch die Dynamiken der Globalisierung die Landkarte der weltweiten
Spitzenforschung viele Wettbewerber zeigen. Schon heute sind, wenn man die verschiedenen
nationalen Forschungssysteme genauer betrachtet, nicht nur in den aufstrebenden Schwellenländern
zunehmende Tendenzen der regionalen Konzentration von Wissens- und Innovationsräumen
festzustellen. Regionen entwickeln sich zu den entscheidenden Motoren der Entwicklung in
innovativen, wissensintensiven Wirtschaftsbereichen. Die Globalisierung der Wirtschaft hat die
5
6
7
8
Adams, Jonathan, David Pendlebury, und Bob Stembridge. Building Bricks: Exploring the Global Research and Innovation Impact of Brazil,
Russia, India, China and South Korea. Thomson Reuters, 2013.
„Nature Publishing Index 2012 Global | Nature Publishing Group“, 2012. http://www.natureasia.com/en/publishingindex/global/supplement2012. S. 24.
Royal Society (Great Britain). Knowledge, Networks and Nations Global Scientific Collaboration in the 21st Century. London: The Royal
Society, 2011. http://royalsociety.org/uploadedFiles/Royal_Society_Content/Influencing_Policy/Reports/2011-03-28-Knowledgenetworks-nations.pdf. S. 5.
Rogers Hollingsworth, J., Karl H. Müller, und Ellen Jane Hollingsworth. „China: The End of the Science Superpowers“. Nature 454, Nr. 7203
(24. Juli 2008): 412–13. doi:10.1038/454412a.
3
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
Bedeutung und Profilierung der Region als „Innovationsraum“ noch gesteigert. Für die nationale und
globale Leistungsfähigkeit der Wissensökonomien gewinnen regionale und lokale Innovationscluster
als entscheidende Transmissionsriemen für Neues immer mehr an Bedeutung. Dabei spielt der
produktive Austausch innovativer Firmen mit Forschungseinrichtungen und Hochschulen vor Ort die
entscheidende Rolle. Die regional verorteten Stärken und Strukturen wiederum bilden die Grundlage
für die Attraktivität eines Standorts, der sich im internationalen Vergleich behaupten muss.9 Der
globale Wettbewerbsmaßstab führt so gleichermaßen zu einer wachsenden internationalen
Orientierung: Die leistungsstarken Regionen sind in verstärktem Maße in globale Innovationsnetze
eingebunden; dies gilt für Unternehmen wie auch Wissenschaftseinrichtungen.10
Die hochspezialisierten und hochtechnisierten Volkswirtschaften der G7-Länder können es sich
angesichts dieser Entwicklungen schlicht nicht leisten, im Wissenswettstreit nachzulassen: Sie sind
darauf angewiesen, weiterhin technologisch innovativ zu bleiben, um ihren Wohlstand zu sichern
und ausbauen zu können. China ist auf demselben Weg, und unternimmt alle Anstrengungen, um
mithilfe von originärer Forschung und Entwicklung von der „Werkbank“ hin zu einer auf
Hochtechnologie aufbauenden Wissensökonomie zu kommen.
Für die Zukunft ist deshalb von einem multipolaren Wissenschaftssystem auszugehen, in dem nicht
mehr ein einzelner Staat wie heute die USA dominiert. Stattdessen werden mehrere innovative
Regionen als wissenschaftliche Zentren in Konkurrenz um die besten Innovationsstandorte, die
besten Wissenschaftler und die beste Wissenschaft treten.11 So entwickeln sich neben China auch
Indien, Südkorea und andere ehemalige Entwicklungs- und Schwellenländer wie Brasilien zu neuen
Partnern und Wettbewerbern der etablierten „Forschungsnationen“ USA, Japan oder
Großbritannien, und natürlich auch des deutschen Innovationssystems.12 Die Leistungskraft unseres
Wissenschaftssystems wird sich darum in Zukunft umso mehr im globalen Maßstab messen lassen
müssen. Die Internationalisierung des deutschen Wissenschaftssystems ist deshalb das entscheidende Instrument zur Steigerung seiner Leistungsfähigkeit. Nur so kann es einen Platz an der
wissenschaftliche Weltspitze behaupten. Diese Spitze wird neben den USA oder Europa bald auch in
Indien, China, Brasilien und Korea zu finden sein.
2.
Grundlagenforschung als Basis volkswirtschaftlicher Innovation
2.1
Technologieführerschaft ist auf Grundlagenforschung angewiesen
Die positive wissenschaftliche Entwicklung in Asien, aber auch in Brasilien oder Indien wäre ohne das
entsprechende Wirtschaftswachstum und gezielte Investitionen in den Aufbau von Know-how nicht
denkbar. Das bisherige Wachstum dieser Länder basierte maßgeblich auf niedrigen Lohn- und
Rohstoffkosten. Auf dem Weg zu einem innovationsintensiveren Wirtschaftswachstum ist ihre
Entwicklung nun aber zunehmend auf die Wissenschaft als Basis des Innovationsprozesses
9
10
Cooke, Philip, und Olga Memedovic. Strategies for regional innovation systems: learning transfer and applications. United Nations
Industrial Development Organization Vienna, 2003. http://www.pacaonline.org/cop/docs/P_Cooke_Strategies_for_regional_innovation_systems.pdf. S. 15.
Siehe auch Kapitel 2.2, „Die lokale Dimension der Wissensverbreitung in regionalen Clustern“
11
Rogers Hollingsworth, J., Karl H. Müller, und Ellen Jane Hollingsworth. „China: The End of the Science Superpowers“. Nature 454, Nr.
7203 (24. Juli 2008): 412–413. doi:10.1038/454412a.
12
Bundesministerium für Bildung und Forschung. Deutschlands Rolle in der globalen Wissensgesellschaft stärken Strategie der
Bundesregierung zur Internationalisierung von Wissenschaft und Forschung = Strengthening Germany’s role in the global knowledge
society. Berlin; Bonn: BMBF, Referat Grundsatzfragen, Multilaterale Zusammenarbeit, Protokoll, Sprachendienst, 2008.
4
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
angewiesen. Wenn China in Zukunft auch Hochtechnologiegüter „designed in China“ produzieren
will, greift eine Fokussierung lediglich auf die anwendungsorientiere Forschung zu kurz.
Technologieführerschaft ist auf grundlagenorientierte Spitzenforschung angewiesen. Je weiter eine
Volkswirtschaft in ihrer Entwicklung voranschreitet, desto abhängiger ist sie von grundlegenden
technischen Neuerungen. So zeigt eine Studie von Hans Gersbach von der ETH Zürich, dass in
führenden Industrienationen die Grundlagenforschung der entscheidende Treiber von auf Innovation
basierendem Wirtschaftswachstum ist.13 Das liegt vor allem daran, dass Grundlagenforschung sich
eben nicht an der Verbesserung von bereits Vorhandenem versucht, sondern grundlegend Neues
schafft.
Um die bedeutende Rolle der Grundlagenforschung als Innovationstreiber zu illustrieren, muss man
noch nicht einmal das vielzitierte Silicon Valley bemühen. Es reicht ein Blick in die deutsche
Wissenschafts- und Wirtschaftsgeschichte, um zu verdeutlichen, wie eng Forschung mit der
Entwicklung neuer Technologiefelder verknüpft ist: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam
es zu einem Gründerboom – die Hersteller synthetischer Farben schossen wie Pilze aus dem Boden.
Entscheidend dafür war das Wirken von Justus von Liebig in Gießen. Er begründete die Chemie als
akademische Disziplin und stellte das Fach auf experimentelle Grundlagenforschung um: Die
Studenten sollten im Labor neben den wissenschaftlichen Grundlagen der Chemie auch die
experimentelle Arbeit kennenlernen. Neben den durch die chemische Grundlagenforschung erzielten
Durchbruchsinnovationen waren die so ausgebildeten Chemiker ein entscheidender Erfolgsfaktor für
den Aufstieg der Farbenindustrie.
Vor allem Deutschland entwickelte sich zu einem attraktiven Innovationsstandort für die junge
Branche, nicht zuletzt weil hier die Zahl der akademisch ausgebildeten Chemiker stärker stieg als
anderswo in der Welt. Allein im Tal der Wupper entstanden in dieser Zeit sieben Farbstofffabriken.
Zwei davon bilden noch heute das Herzstück der chemischen und pharmazeutischen Industrie in
Deutschland – Bayer und BASF sind Global Player mit jeweils mehr als 100.000 Mitarbeitern weltweit
und Umsätzen im zweistelligen Milliardenbereich. Die enge Verbindung von Forschung und
chemischer Industrie zeigt: Die in der Arbeitsweise der Grundlagenwissenschaft ausgebildeten
Forscher können auch in der Industrie ihr Wissen und ihre Problemlösungskompetenz in Entwicklung
und Anwendung einbringen.
2.2
Die lokale Dimension der Wissensverbreitung in regionalen Clustern
Die heutige pharmazeutische und biotechnologische Industrie ist ein aktuelles Beispiel für die
Bedeutung der Grundlagenforschung als innovationstreibende Kraft und Basis der Wirtschaftsentwicklung. Bahnbrechende Erkenntnisfortschritte der modernen Molekularbiologie haben die
Biotechnologie überhaupt erst begründet. Die Entdeckung der sogenannten Restriktionsenzyme
etwa hatte entscheidenden Einfluss darauf, wie fortan Medikamente entwickelt wurden. Noch heute
ist die pharmazeutische Biotechnologie sehr stark auf vorhandene Grundlagenforschungskompetenz
angewiesen. Dass die lokale Dimension der Wissensverbreitung hierbei besonders wichtig ist, zeigt
sich bereits in der frühestens Geschichte der Biotechnologie: So wurden die ersten reinen BiotechFirmen Genentech und Amgen in Kalifornien im unmittelbaren Umfeld der Stanford University und
der University of California-Standorte San Francisco und Berkeley gegründet. Dies hatte Gründe, die
auch heute noch gültig sind. Know-how kann zwar durch Patente und Publikationen auch
13
Gersbach, Hans. „Basic research and growth policy“. In The New Economics of Technology Policy, herausgegeben von Dominique Foray,
113–21, 2009.
5
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
international erworben werden. Die biologischen „Werkzeuge“ wie Plasmide, DNA-Sequenzen, sogar
Mikroorganismen oder Tier- und Pflanzenstämme werden heute weltweit zwischen einzelnen
Laboren länderübergreifend ausgetauscht.14
In den Biowissenschaften allgemein, insbesondere in der Biotechnologie sind aber oft nichtkodifizierte Fähigkeiten und Wissen, sogenanntes tacit-knowledge von entscheidender Bedeutung.
Dieses lässt sich nur persönlich weitergeben, weshalb die Biotechnologie vor allem in lokalen oder
regionalen Innovationsmilieus oder Clustern floriert, welche aber an Netzwerke der internationalen
Spitzenforschung angebunden sein müssen. Deshalb ist sie in Deutschland mit Clusterzentren in
Berlin, Köln, Heidelberg und natürlich München vornehmlich dort angesiedelt, wo sie ein
hervorragendes Umfeld an international wettbewerbsfähigen Forschungsorganisationen und
entsprechend ausgebildeten Personen vorfindet. In München etwa ist die Mehrheit der
Unternehmen in diesem Bereich als Start-Up aus dem MPI für Biochemie oder dem Genzentrum der
LMU München hervorgegangen.15 Heute bilden etwa 180 Life-Science-Unternehmen mit rund 20.000
Mitarbeitern das wirtschaftliche Herz des Münchner Biotech-Clusters, das europaweit zur absoluten
Spitze in diesem Bereich gehört.16
Begünstigt durch die föderale Verfassung und die damit einhergehenden Gestaltungsspielräume der
Länder, hat Deutschland neben der Biotechnologie auch in zahlreichen anderen Schlüsseltechnologiefeldern international sichtbare, regionale Innovationsräume vorzuweisen.17 Bayern,
Baden-Württemberg und Hessen erbringen dabei zusammen über die Hälfte aller FuE-Ausgaben in
Deutschland.18 Im Bereich der erneuerbaren Energien und der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) sind entsprechend Bayern und Baden-Württemberg jeweils unter den Top-ZehnRegionen der Welt zu finden, die hier die meisten Patent-Anmeldungen zu verzeichnen haben. Bei
den erneuerbaren Energien rangiert Bayern (nach den USA, zwei japanischen Regionen und Korea)
sogar unter den Top-Fünf. Die meisten IKT-Patentanmeldungen nach Japan (Kanto-Region) und den
USA (Kalifornien) entfallen jedoch bereits an dritter Stelle an die chinesische Provinz Guangdong, in
der die Sonderwirtschaftszone Shenzhen liegt.19 Das Beispiel China, aber auch Indien und Brasilien
zeigen, dass sich selbst in Ländern mit im Vergleich (noch) eher durchschnittlicher gesamtstaatlicher
F&I-Leistung hochintegrierte Innovationsregionen finden, die bereits heute in der internationalen
Konkurrenz herausragen.20
14
15
Korte, Martin. „Wie international ist die Wissenschaft?“ In Wettlauf ums Wissen. Außenwissenschaftspolitik im Zeitalter der
Wissensrevolution, herausgegeben von Georg Schütte, 166–175, 2008. http://pub.uni-bielefeld.de/publication/1861302. S.168
Grande, Edgar, und Robert Kaiser. „The Transformation of the German System of Innovation: The Case of Biotechnology“. In Knowledge
creation, diffusion, and use in innovation networks and knowledge clusters: a comparative systems approach across the United States,
Europe, and Asia. Greenwood Publishing Group, 2006.
16
Kuhlmann, Stefan. „Forschungs- und Innovationssysteme im internationalen Wettbewerb“. In Wettlauf ums Wissen:
Außenwirtschaftspolitik im Zeitalter der Wissensrevolution, herausgegeben von Georg Schütte. Berlin: Berlin University Press, 2008. S. 56
17
Kuhlmann, Stefan. „Politisches System und Innovationssystem in ‚postnationalen‘ Arenen“. In Innovationspolitik in globalisierten Arenen,
herausgegeben von Klaus Grimmer, Stefan Kuhlmann, und Frieder Meyer-Krahmer, 11–39. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 1999.
http://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-663-10359-2_1. S. 14f.
18
19
20
http://www.statistik-bw.de/veroeffentl/Monatshefte/essay.asp?xYear=2012&xMonth=01&eNr=04
Im Zeitraum 2008-2010. Vgl. Primi, Annalisa. „The Evolving Geography of Innovation: A Territorial Perspective“. In The Global
Innovation Index 2013: The Local Dynamics of Innovation, herausgegeben von Soumitra Dutta, Bruno Lanvin, Insead, World Intellectual
Property Organization, und Johnson Graduate School of Management (Cornell University), 69–78, 2013.
http://globalinnovationindex.org/content.aspx?page=gii-full-report-2013. S. 72
Hollanders, Hugo. „Measuring Regional Innovation: A European Perspective“. In The Global Innovation Index 2013: The Local Dynamics
of Innovation, herausgegeben von Soumitra Dutta, Bruno Lanvin, Insead, World Intellectual Property Organization, und Johnson
Graduate School of Management (Cornell University), 79–85, 2013. http://globalinnovationindex.org/content.aspx?page=gii-full-report2013. S. 80
6
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
2.3
Aus Spitzenforschung entstehen erfolgreiche Innovationsmilieus
Weltweite Technologieführerschaft baut auf bahnbrechendem Wissen auf. Dieses entsteht nur in
international ausgerichteten, aber lokal verdichteten Innovationsmilieus, die ohne exzellente
Grundlagenforschung als Basis nicht entstehen.
Das beweist auch das Beispiel Großbritannien: Das Vereinigte Königreich erzielt wirtschaftlich
positive Effekte durch die Ansiedlung weltweit führender Wirtschaftsunternehmen an akademischen
Exzellenzstandorten wie Cambridge und Oxford, die weit über die entsprechende Region
hinausgehen und für die ganze Volkswirtschaft von Bedeutung sind. Die Strahlkraft dieser
Einrichtungen zieht neben traditionell wissenschafts- und technologiebasierte Firmen auch
Dienstleistungsunternehmen an. Herzstück solcher Innovationscluster sind anerkanntermaßen
immer eine oder mehrere Spitzenforschungseinrichtungen.21 Der im Umfeld der Universität
entstandene Cambridge science park ist einer der weltweit erfolgreichsten seiner Art. Ausgehend von
den intellektuellen Ressourcen der University of Cambridge ist ein einzigartiges Umfeld für
wissenschaftsbasierte Neugründungen entstanden; als Folge dessen konzentrieren sich in der kleinen
Region um Cambridge immerhin 8 Prozent der gesamten europäischen (!) Ausgaben an Risikokapital
für Unternehmensneugründungen.22
Ebenfalls rund um die Universität hat eine Reihe von multinationalen Unternehmen ihre
kommerziellen Forschungslabors direkt neben den führenden university departments angesiedelt,
um ihrem Forschungs- und Entwicklungspersonal den persönlichen Austausch und Zugang zur
akademischen Grundlagenforschung zu ermöglichen. Die kommerzielle Technologieentwicklung
profitiert von der Nähe zu öffentlich geförderter Forschung: So zitieren etwa amerikanische Anträge
für Industriepatente mit zwei Dritteln mehrheitlich Top-Publikationen, die aus öffentlich geförderten
Spitzenforschungseinrichtungen in den USA stammen.23 Erfolgreiche Unternehmen suchen dabei
weltweit nach den besten forschungsintensiven Innovationsstandorten: Toshiba und Microsoft etwa
haben beide in große Forschungslabore vor Ort im englischen Cambridge investiert. Microsoft
Research Cambridge war das erste Forschungslabor von Microsoft außerhalb des Redmonder
Muttercampus. Es ist heute – trotz zahlreicher weiterer Labore in Asien, Indien, aber auch den USA
und Deutschland (München) – weiterhin eines der wichtigsten und größten Einrichtungen des
Softwareherstellers. Entscheidenden Einfluss auf die Standortwahl hatte dabei das weltbekannte
University of Cambridge Computer Laboratory.24
Auch die University of Oxford ist für Großbritannien ein Innovationsnukleus von nationaler
Bedeutung: Obwohl (oder gerade weil) die Universität keine dezidierte Anwendungsorientierung hat,
sondern sich der exzellenten Grundlagenforschung auf Weltklasseniveau verschrieben hat, generiert
sie mehr als dreimal so viele Universitätsausgründungen wie der Durchschnitt aller britischen
Hochschulen – mit einer außerordentlich hohen Erfolgsquote. Die wissenschaftliche Exzellenz der
Einrichtung ist unbestritten; diese sichert sie durch konsequenten Ausbau ihrer speziellen,
interdisziplinären Forschungszentren (allein in der Biomedizin, einem Schwerpunkt der Universität,
21
22
23
24
Arthur, Michael, und Wendy Piatt. „The economic impact of research conducted in Russell Group universities“, 2010. S. 12
Salje, Ekhard K.H. „The race to the top: some insular comments on science policy“. In Wettlauf ums Wissen: Außenwirtschaftspolitik im
Zeitalter der Wissensrevolution, herausgegeben von Georg Schütte, 59–66. Berlin: Berlin University Press, 2008. S. 59
Narin, Francis, Kimberly S. Hamilton, und Dominic Olivastro. „The increasing linkage between U.S. technology and public science“.
Research Policy 26, Nr. 3 (Oktober 1997): 317–30. doi:10.1016/S0048-7333(97)00013-9.
Arthur, Michael, und Wendy Piatt. „The economic impact of research conducted in Russell Group universities“, 2010. S. 12
7
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
gibt es 14 Zentren) und –gruppen, welche über traditionelle Fächergrenzen hinweg zusammenarbeiten und darüber hinaus sowohl vor Ort als auch weltweit mit den besten akademischen und
industriellen Partner kollaborieren.25
Deutsche Unternehmen nutzen selbstverständlich längst das innovative Umfeld weltweit führender
Forschungsregionen auch im Ausland. So profitiert beispielsweise Siemens in der Medizintechnik mit
der Siemens Molecular Imaging am Standort Oxford von der weltweit führenden Kompetenz der
Universität in den Lebenswissenschaften. Auch andere deutsche Spitzenkonzerne wie Daimler oder
Bosch nutzen mit an internationalen Innovationsstandorten angesiedelten KonzernforschungsDependancen das lokal vorhandene Know-How. Im Silicon Valley etwa suchen die Konzerne die Nähe
von Spitzenuniversitäten wie Stanford und Berkeley, um wichtige Impulse für Ihre
Innovationsprojekte im weltweiten Konzernverbund zu erhalten. Die Nähe zu möglicherweise
lukrativen Auslandsmärkten ist hier sogar ein eher untergeordnetes Kriterium der Standortwahl.26
2.4
Dynamische Innovationsregionen entwickeln sich weltweit
Die Bedeutung der Grundlagenforschung als Basis für ökonomische Entwicklung haben auch viele
Länder außerhalb der G7 erkannt. So gilt Korea zwar bereits heute als Hochtechnologie-Produzent,
im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien am bekanntesten vielleicht durch
den Samsung-Konzern. Allerdings zeigt das Beispiel Samsung auch, dass Korea in der Hochtechnologie bislang eher eine close follower-Strategie verfolgte, indem innovative Grundideen von
anderen aufgenommen wurden und in verbesserte und gleichzeitig günstigere Produkte mündeten.
Da diese Rolle – gerade auch im Bereich der Kommunikationstechnologien – zunehmend von China
übernommen wird, beginnt sich Südkorea neu auszurichten. Erklärtes Ziel der Staatsregierung ist es,
nun zum eigenständigen technology leader zu werden. Dies könne aber nur erreicht werden, in dem
man verstärkt auf selbst generiertes, bahnbrechendes Wissen aus der Grundlagenforschung setze.27
Bislang ist die Grundlagenforschung in Korea jedoch zu wenig entwickelt, während die Anwendungsund Industrieforschung sehr gut aufgestellt ist.28 Um hier international in Zukunft wettbewerbsfähig
zu sein, wurde im Jahr 2012 das Institute for Basic Research (IBS) gegründet. Es soll dem Vorbild der
Max-Planck-Gesellschaft und dem japanischen RIKEN-Forschungsinstitut folgen und zu einem der
weltweit führenden Institute der Grundlagenforschung aufgebaut werden. Dazu will die koreanische
Regierung bis 2017 umgerechnet etwa 31 Milliarden Euro zur Verfügung stellen.29 Das IBS soll auf
diese Weise den Grundstein und Nukleus für eine ganze Innovationsregion, den sogenannten
International Science and Business Belt, bilden.30 Auch wenn man von einem beträchtlichen
finanziellen Mehraufwand für den Aufbau des IBS und seiner geplanten 50 Forschungszentren
ausgehen muss, ist das Engagement Koreas für die Grundlagenforschung doch beträchtlich. So wird
das IBS in der Aufbauphase ein jährliches Budget von umgerechnet viereinhalb Milliarden Euro
25
26
27
28
29
30
Lawton Smith, Helen, und K. Ho. „Measuring the performance of Oxford University, Oxford Brookes University and the government
laboratories’ spin-off companies“. Research Policy 35, Nr. 10 (2006): 1554–1568. S. 1558f.
Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), Berlin. „Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer
Leistungsfähigkeit Deutschlands 2012“, 2012. http://hdl.handle.net/10419/58043. S. 27
Park, Soo Bin. „South Korean research centre seeks place at the top“. Nature (17. Mai 2012). doi:10.1038/nature.2012.10667.
OECD. OECD Reviews of Innovation Policy: Korea 2009. Paris: Organisation for Economic Co-operation and Development, 2009.
http://www.oecd-ilibrary.org/content/book/9789264067233-en. S.15
Paulus, Michael. „Südkorea: Globalisierung versus Tradition“. In Die Internationale Hochschule: Strategien anderer Länder,
herausgegeben von Deutscher Akademischer Austauschdienst, 72–78. Bielefeld: Bertelsmann, 2013. S.76
Feder, Toni. „South Korea invests big in basic research“. Physics Today 65, Nr. 10 (2012): 26–27. doi:10.1063/PT.3.1746.
8
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
verausgaben können. Zum Vergleich: der Max-Planck-Gesellschaft stehen mit ihren derzeit 83
Instituten fast zwei Milliarden Euro pro Jahr zur Verfügung.31 Wenn dieses Engagement Koreas für
das IBS auch nur annähernd in der bisherigen Höhe verstetigt wird, werden seine Zentren finanziell
um einiges besser gestellt sein als etwa die Institute der Max-Planck-Gesellschaft.
So entwickeln sich neben etablierten Forschungsstandorten in den USA oder Großbritannien
dynamische Innovationsregionen in Asien, Indien oder Südamerika, die mittelfristig sicherlich auch
für Unternehmen interessant sein werden, die bislang in Deutschland forschen und hierzulande
Entwicklungslabore betreiben. Was bedeutet eine solche Analyse für Deutschland?
Das deutsche Wissenschaftssystem muss sich – etwa durch den gezielten Ausbau ausgewählter
Exzellenzstandorte – langfristig auch der Konkurrenz von Stanford, Oxford, Berkeley oder anderen
stellen, um auch weiterhin als Anziehungspunkt für privatwirtschaftliche FuE-Investitionen attraktiv
zu sein. Die Expertenkommission Forschung und Innovation hat seit 2010 berichtet, dass der Ausbau
der FuE-Aktivitäten deutscher Unternehmen vermehrt im Ausland stattfindet. Aktuell konstatiert EFI
in seinem Gutachten 2014, dass bereits rund ein Drittel der Forschungsausgaben im Ausland getätigt
werden.32 Nicht nur Bereiche wie die Automobilindustrie, welche die Nähe zum Auslandsmarkt
suchen, sind hiervon betroffen; auch auf besonders zukunftsträchtigen, sich schnell entwickelnden
Feldern wie Pharmazeutik, Biotechnologie und Software, aber auch Felder wie Elektronik,
Telekommunikation und Elektrochemikalien forscht die deutsche Industrie im Ausland. In den
erstgenannten Bereichen werden tendenziell Spitzenstandorte in den USA ausgewählt, während in
den Zweitgenannten oft eine Schwerpunktverlagerung nach Asien erfolgt. Sollte diese Entwicklung
anhalten, wird sie längerfristig negative Auswirkungen auf das Innovationssystem in Deutschland
haben. Die Zusammenarbeit privatwirtschaftlicher Forschung mit öffentlicher Grundlagenforschung
ist für die Wirtschaft nur dann lohnenswert, wenn sie weltweit wettbewerbsfähige Strukturen und
Personal vorfindet.33 Diese muss Deutschland auch langfristig bieten, wenn es weiterhin
Unternehmen als FuE-Investoren gewinnen und halten will.
31
32
33
Die Summe der Einnahmen der MPG im Jahr 2012 betrug 1,82 Milliarden Euro. Vgl. Jahresbericht 2012 der Max-Planck-Gesellschaft.
http://www.mpg.de/7289377/2012
Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI). „Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit
Deutschlands 2014“, S. 41
Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI). „Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit
Deutschlands 2010“, S. 39
9
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
3.
Globale Exzellenz setzt nationale Exzellenz voraus
3.1
Leistungsfähigkeit an globalen Maßstäben orientieren
Für den Forschungsstandort Deutschland bedeutet diese zunehmend globalisierte, wissensbasierte
„Weltgesellschaft“ somit vor allem eine verschärfte Standortkonkurrenz. Diese spitzt sich auf allen
Ebenen zu; eine besonders wichtige Ebene ist die der grundlagenorientierten Spitzenforschung. Denn
sie ist das Schlüsselelement der Wissensinfrastruktur eines jeden Innovationssystems und besitzt die
Leuchtkraft, welche einen Standort in der Breite für ausländisches Wissenschaftspersonal attraktiv
macht und den Anschluss an internationale Innovationsnetzwerke ermöglicht. Damit ist der gezielte
Aufbau- und Ausbau nationaler Kapazitäten grundlagenorientierter Spitzenforschung das
entscheidende Gestaltungsfeld nationaler und regionaler Forschungspolitiken. Nur so lässt sich
angesichts der Dynamik des internationalen Wettbewerbs die Leistungsfähigkeit des eigenen
Wissenschaftssystems – und damit letztlich auch die der Wirtschaft – steigern.
Auch wenn eine nationale Leistungsspitze die Basis auch für den internationalen Wettbewerb bildet,
so garantiert eine nationale Spitzenposition nicht gleichzeitig den internationalen Erfolg. Im internationalen Wettbewerb stehen die Hochschulen effektiv in Konkurrenz zu Einrichtungen, die wie
etwa Harvard oder Stanford bei weitem über mehr Ressourcen und eine tradierte Exzellenzkultur
verfügen. Letztere sind in der Forschungsspitze sehr breit aufgestellt und schon lange in allen
wichtigen Disziplinen in internationale Exzellenznetzwerke in Lehre und Forschung eingebunden.34
Um an solchen Netzwerken teilhaben zu können, muss eine Hochschule oder Forschungseinrichtung
bereits selbst ein sehr hohes Leistungsniveau erreicht haben. Gleichwohl steht und fällt die weltweite
Wettbewerbsfähigkeit eines Forschungsstandorts mit den finanziellen und organisatorischen
Möglichkeiten, die der nationale Regelungsrahmen vorgibt.35 Eine nationale Exzellenzkultur ist somit
die notwendige Bedingung für internationalen Erfolg. Hinreichenden globalen Erfolg wird das
deutsche Wissenschaftssystem allerdings nur dann erreichen, wenn es sich bei finanziellen und
organisatorischen Reformentscheidungen zum Aufbau einer solchen Exzellenzkultur am globalen
Leistungsmaßstab orientiert.
Was die finanziellen Seite anbelangt, hat sich das deutsche Wissenschaftssystem in der
Vergangenheit äußerst positiv entwickelt: Das von der Europäischen Union angestrebte Ziel, drei
Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Forschung und Entwicklung auszugeben, ist laut der
letzten Statistik des Stifterverbands für Deutschland bereits in Sichtweite: So wurden 2011
hierzulande über alle Sektoren hinweg 2,88 Prozent des BIP in FuE investiert.36 Damit befindet sich
die Bundesrepublik im Vergleich deutlich über dem OECD-Durchschnitt im obersten Drittel der am
meisten investierenden Länder dieser Gruppe. Allerdings orientieren sich andere hochentwickelte
Staaten schon erheblich über die 3 Prozent-Marke hinaus: die Schweiz, Dänemark, Japan, Schweden
Korea, Finnland und schließlich Israel investierten bereits 2011 einen höheren Anteil am BIP als
34
35
36
Horta, Hugo. „Global and National Prominent Universities: Internationalization, Competitiveness and the Role of the State“. Higher
Education 58, Nr. 3 (1. September 2009): 387–405. doi:10.1007/s10734-009-9201-5. S. 389.
Schütte, Georg, Hrsg. Wettlauf ums Wissen: Außenwirtschaftspolitik im Zeitalter der Wissensrevolution. Berlin: Berlin University Press,
2008. S. 235
Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. „FuE-facts 2013“. FuE-facts - Zahlen & Fakten aus der Wissenschaftsstatistik GmbH im
Stifterverband Nr. Februar (2013).
http://www.stifterverband.org/statistik_und_analysen/wissenschaftsstatistik/publikationen/fue_facts/fue_facts_2013-01.pdf. S. 4
10
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
Deutschland in Forschung und Entwicklung.37 Diese positive Investitionsdynamik in Deutschland muss
also erhalten werden, wenn wir weiterhin mit anderen Standorten erfolgreich konkurrieren wollen.
China etwa ist zwar mit seinen 1.76 Prozent der Ausgaben des BIP für FuE (letzter verfügbarer OECDVergleichswert von 2010) in relativen Zahlen immer noch unterhalb des Durchschnitts aller OECDLänder (2,38 Prozent des BIP in 2010) gelistet.38 In absoluten Zahlen aber gibt die Volksrepublik
bereits seit 2009 nach den USA global stets am meisten Geld für Forschung und Entwicklung aus.
Wenn sie, wie bereits vermutet wird, bis 2020 die USA im Bruttosozialprodukt überholt, wird China
aller Voraussicht nach auch in den Forschungsausgaben in Führung gehen.
Angesichts dieser Entwicklungen sollte deshalb die deutsche Zielmarke für FuE-Ausgaben auf
mindestens 3,5 Prozent des BIP angehoben werden, so wie es die Expertenkommission Forschung
und Innovation fordert. Da die Grundlagenforschung als Schlüsselelement der Innovationsinfrastruktur auf öffentliche Finanzierung angewiesen ist, sind Bund und Länder hier besonders in der
Verantwortung. Dies gilt natürlich gleichermaßen für die Grundlagenforschung im universitären wie
im außeruniversitären Bereich. Angesichts des technologischen Fortschritts wie auch der
erwartbaren langfristigen demographischen Entwicklung ist eine solche Forderung bei weitem kein
Partikularinteresse der Wissenschaft. Deutschland muss attraktiv bleiben für Talente aus dem
Ausland und diese in entsprechenden Innovationsfelder auch ausbilden und forschen lassen können.
Diese Zielstellung hat die Politik erfreulicherweise in den letzten Jahren geteilt. Dank der politischen
Priorisierung von Forschung und Bildung konnten die öffentlichen Ausgaben für FuE stetig gesteigert
werden. Dieses positive politische Klima hat gleichsam eine Sogwirkung auch auf die privaten FuEInvestitionen ausgeübt: Die Ausgabensteigerung von 0,43 Prozentpunkten im Zeitraum 2000 bis 2011
ging so fast hälftig auf das Konto der Wirtschaft auf der einen und des staatlichen Sektors auf der
andere Seite. Zuletzt wurden im Jahr 2011 in Deutschland 1,94 Prozent des BIP vom
Wirtschaftssektor verausgabt. Von staatlicher Seite flossen 0,52 Prozent des BIP in die Hochschulen
und 0,42 Prozentpunkte an die Gesamtheit aller öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen.
Dies umfasst neben den Außeruniversitären Forschungsorganisationen wie Helmholtz und die
Leibniz-Gemeinschaft auch die Ressortforschungseinrichtungen des Bundes und der Länder sowie
eine nicht unbedeutende Anzahl nicht-assoziierter Länderforschungseinrichtungen.39 Wenn sich die
Leistungsfähigkeit der deutschen Wissenschaft erfolgreich an globalen Maßstäben messen will, muss
die öffentliche Forschungsfinanzierung von Seiten der Politik auch langfristig priorisiert werden. Hier
geht es nicht nur um monetäre Aspekte: Viel wichtiger noch sind verlässliche Rahmenbedingungen,
auf die sich die Wissenschaft langfristig einstellen kann. Gerade die politische Konstellation einer
Großen Koalition hätte jetzt die Möglichkeit, die rechtlichen Strukturen den kommenden
Herausforderungen gemäß auf lange Sicht zukunftssicher zu gestalten.
37
38
39
OECD. „Key Figures“. Main Science and Technology Indicators 2012, Nr. 2 (18. Februar 2013). doi:10.1787/msti-v2012-2-4-en.
OECD (2013), “International Comparisons”, in Main Science and Technology Indicators, Volume 2012 Issue 2, OECD Publishing.
http://dx.doi.org/10.1787/msti-v2012-2-5-en
Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. „FuE-facts 2013“.
11
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
3.2
Dynamik der Exzellenzinitiative aufrechterhalten
Die positive Entwicklung Deutschlands im Bereich der Forschungsfinanzierung ging mit einem
Erweiterungsimpuls der organisatorischen Möglichkeiten im Wissenschaftssystem einher: Die
Exzellenzinitiative bot den deutschen Universitäten 2005 erstmals eine Entwicklungsperspektive zum
Aufbau nachhaltiger Exzellenzstrukturen. Durch finanzielle Anreize wurde es den Universitäten
ermöglicht, sich durch Strategieprozesse und Profilbildung im nationalen wie internationalen
Wettbewerb für die Zukunft besser positionieren zu können. Damit war angesichts einer wachsenden
internationalen Konkurrenz eine schon lang benötigte Leistungsdifferenzierung der Hochschulforschung in Deutschland in Gang gesetzt worden.
Bislang zeichnete sich die deutsche Hochschullandschaft zwar durch ein auch im internationalen
Vergleich hohes Leistungsniveau in der Breite aus. Selbstverständlich gab es auch vor der
Exzellenzinitiative Hochschulen, die mit international sichtbaren Forschungsleistungen aus der
breiten Masse herausstachen. Aber selbst die besten deutschen Universitäten fanden so keinen Platz
in der wissenschaftlichen Weltspitze: Die Kehrseite der Leistungsbreite im hiesigen Hochschulsystem
war die implizite Unterstellung, dass alle Hochschulen gleich zu seien hätten und es per se keine
Leistungsunterschiede geben könne.
Deshalb war es für die deutschen Universitäten über viele Jahrzehnte hinweg nahezu unmöglich,
Exzellenzzentren in Forschung und Lehre herauszubilden, um den Anschluss an internationale
Spitzenstandorte zu finden. Dieses Erbe der Hochschulexpansion in der alten Bundesrepublik mit
dem singulären Ziel des Hochschulausbaus in die Fläche (Angebot für alle) statt – kompetitiv – auch
in die Höhe (Exzellenz) wurde mit der Exzellenzinitiative endgültig überwunden.40
In die Spitze der weltweiten Forschungselite vorzudringen, benötigt jedoch einen langen Atem. Die
Max-Planck-Gesellschaft kann, wenn man auch die Entwicklungsgeschichte vieler ihrer Institute, wie
etwa dem Fritz-Haber-Institut in Berlin, mit einbeziehen will, auf eine über hundertjährige Tradition
in der Spitzenforschung zurückblicken. Aufbau und Entwicklung von Exzellenzstrukturen brauchen
Zeit und Geld. Aggregierte wissenschaftliche Reputation, die für eine gesamte Universität auf hohem
Niveau für nahezu alle Fachbereiche Gültigkeit besitzt, benötigt einen sogar noch längeren
Entwicklungshorizont. Weltweit anerkannte Spitzeninstitutionen wie Oxford oder Cambridge berufen
sich auf mehrhundertjährige wissenschaftliche Tradition. Eine solche Tradition gibt es auch an
deutschen Universitäten. Diese wurden jedoch in der Vergangenheit durch den schwierigen Spagat
zwischen der Spitzen- und der Breitenausbildung in ihrer strategischen Handlungsfähigkeit stark
eingeschränkt.
Die zusätzlichen Finanzmittel der Exzellenzinitiative haben sich aus diesem Grunde als essentiell für
die Strategiefähigkeit der so geförderten Hochschulen erwiesen und haben eine dynamische
Entwicklung der universitären Spitzenforschung angestoßen. Gerade auch im Ausland werden die
Auswirkungen der Initiative sehr positiv rezipiert.41 Im Sinne eines außenwissenschaftspolitisch
wirksamen Marketings werden die „Exzellenzuniversitäten“ als solche inzwischen auch von anderen
internationalen Spitzenuniversitäten wahrgenommen. Mit dem für 2017 geplanten Auslaufen der
40
41
Wintermantel, Margret. „Profilbildung und Exzellenzinitiative: Perspektiven der Differenzierung im deutschen Hochschulsystem“. In
Exzellente Wissenschaft: Das Problem, der Diskurs, das Programm und die Folgen, herausgegeben von Stefan Hornbostel, Dagmar Simon,
und Saskia Heise. IFQ, 2008. S.93f.
Macilwain, Colin. „Excellence, Ja, Elitism, Non“. Science 338, Nr. 6107 (11. Februar 2012): 596–599. doi:10.1126/science.338.6107.596.
12
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
Exzellenzinitiative ist dieser Entwicklungspfad aber noch lange nicht zu Ende gegangen. Um einzelne
Standorte aufzubauen, welche auch international eine Strahlkraft auf die besten Absolventen,
Fachkräfte und Spitzenwissenschaftler ausüben, wird es notwendig sein, den mit der
Exzellenzinitiative angestoßenen vertikalen Ausdifferenzierungsprozess der Universitäten
fortzusetzen. Wie die bisherigen Erfahrungen zeigen, können die Institute der Max-PlanckGesellschaft maßgeblich zur Ausbildung von universitären Spitzenforschungszentren beitragen.
Schon jetzt sind sie an vielen universitären Standorten zentrale Partner der Hochschulen und
unterstützen die wissenschaftlich Profilbildung, sei es in Köln in der Altersforschung (Max-PlanckInstitut für Biologie des Alterns) oder in Tübingen auf dem Gebiet der Neurowissenschaften (MaxPlanck-Institut für Biologische Kybernetik und Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme).
Die Leistungsdifferenzierung der Hochschulen darf jedoch die akademische Breitenausbildung nicht
negativ tangieren. Die Stärke unserer komplementär ausgebauten Lehr- und Forschungslandschaft
muss erhalten bleiben. Dazu müssen die Universitäten durch eine stärkere Grundfinanzierung in die
Lage versetzt werden, dieses Niveau auch angesichts steigender Studierendenzahlen zu halten. Was
über den Erhalt der breiten Basis hinaus fehlt, ist die Präsenz einer deutschen Universität in der
wissenschaftlichen Weltspitze. Eine oder mehrere Hochschulen dort zu positionieren, kann aber nur
im wissenschaftlichen Wettbewerb gelingen. Bei der Verstetigung der im Rahmen der
Exzellenzinitiative geschaffenen Strukturen müssen darum sowohl der Wettbewerbsgedanke als auch
das Prinzip wissenschaftlicher Spitzenleistung weitergeführt werden.
Eine effektive Balance zwischen notwendiger Kontinuität und qualitätssichernder Offenheit des
Wettbewerbs um Fördermittel muss auch in Zukunft gewährleistet sein. Wissenschaftliche Exzellenz
kann nicht politisch determiniert werden, sondern bedarf der beständigen Überprüfung durch die
Wissenschaft selbst. Nur durch unabhängige, wissenschaftsgeleitete Qualitätssicherungsmechanismen kann einer „Exzellenzinflation“ wirksam begegnet werden. So gewährleisten bei der
Max-Planck-Gesellschaft die international besetzten Fachbeiräte eine fundierte Evaluation der MaxPlanck-Institute. Von den derzeit über 800 Fachbeiratsmitgliedern stammen mehr als vier fünftel von
Top-Einrichtungen aus dem Ausland, darunter auch mehrere Nobelpreisträger. Die Fachbeiräte
begutachten keine Anträge, sondern im Zwei- bzw. Dreijahresrhythmus erbrachte
Forschungsleistungen. Dies verringert die Gefahr, dass riskante Innovationen an den Maßstäben des
Mainstreams scheitern.42 Das kritische Urteil der renommierten Peers stellt die Qualität der
Forschung an den Max-Planck-Instituten auf weltweit konkurrenzfähigem Niveau sicher. Dieses Ziel
muss auch bei der Evaluation möglicher Nachfolgestrukturen der Exzellenzinitiative im Vordergrund
stehen. Ständiger Evaluierungs- oder Antragsdruck muss aber genauso vermieden werden wie die
Zementierung von Closed-shop-Strukturen.
Ab- ebenso wie Aufstieg muss weiterhin möglich sein: Allein aus diesem Grund müssen alle Exzellenzbestrebungen auf unserem bestehenden, differenzierten Gesamtsystem aufbauen. Die deutsche
Spitzenforschung benötigt diese leistungsstarke Basis, um in Sachen Forschungskapazität und
internationaler Sichtbarkeit auch von Seiten einzelner deutscher Universitäten langfristig an die
Weltspitze erfolgreicher Einrichtungen wie die University of Oxford oder die University of California,
Berkeley aufschließen zu können.
42
Kant, Horst, und Jürgen Renn. „Forschungserfolge und ihre Voraussetzungen in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und Max-PlanckGesellschaft“. In Kreativität in der Forschung - Wissenschaftsforschung Jahrbuch 2012, herausgegeben von Thomas Heinze, Heinrich
Parthey, Günther Spur, und Rüdiger Wink, 141–155. Berlin: wvb, Wiss. Verl., 2013. S. 154.
13
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
3.3
Fokussierung auf nachhaltige Exzellenz
Vielfach ist sich die Politik leider nicht bewusst, wie langwierig, komplex und teuer der Aufbau neuer
oder der Ausbau bestehender Spitzenforschungseinrichtungen ist. Die globale Konkurrenz und der
immer schneller voranschreitende technische Fortschritt haben heutzutage die Kosten für
Spitzenforschung in Höhen getrieben, welche noch vor zehn Jahren so nicht vorstellbar gewesen
wären.
Der Aufbau substantieller Forschungsexzellenz erfordert erhebliche finanzielle Aufwendungen, wenn
diese auf internationalem Niveau wettbewerbsfähig sein soll. Spitzenuniversitäten benötigen eine
dauerhaft hohe Finanzierung, um die besten Wissenschaftler und Studenten rekrutieren sowie die
Infrastruktur für ein kompetitives Forschungsumfeld und attraktives Lehrangebot auf höchstem
Niveau bereitstellen zu können.43 Investitionen, sei es bei Universitäten oder bei außeruniversitären
Forschungseinrichtungen, generieren immer auch langfristige finanzielle Verbindlichkeiten. Aus
diesem Grunde ist gerade die langfristige Stabilität der Finanzierung besonders wichtig.44
Der jährliche Betrieb einer Einrichtung, welche sich mit den besten Ivy League-Einrichtungen messen
lassen könnte, würde bis zu 2 Milliarden US-Dollar jährlich kosten. In den USA erhalten diese etwa 20
Prozent dieser Summe aus Steuergeldern, und 30 bis 40 Prozent aus wettbewerblichen Drittmitteln.
In diesen Drittmitteln ist allerdings auch noch ein großer Anteil an staatlichen Forschungsfördergeldern enthalten. Wenn man eine klassische „Bundesuniversität“ wie die Schweizer EPF
Lausanne bezüglich ihrer Finanzierungsquellen mit den amerikanischen Ivy League-Einrichtungen
vergleicht, fällt selbstverständlich der viel größere Anteil der öffentlichen Finanzierung am Budget
auf: 68 Prozent ihres Budgets kamen 2012 vom Schweizer Bundesstaat, 28 Prozent aus Drittmitteln
(hier über die Hälfte ebenfalls aus öffentlicher Hand), und nur knapp vier Prozent aus
Studiengebühren.45
Rund 30 amerikanische Universitäten haben ein Budget von mindestens 2 Milliarden US-Dollar oder
mehr. Die Harvard University kam im Jahr 2012 gar auf ein Budget von insgesamt 4,24 Milliarden USDollar. Keine europäische Universität kann bislang mit solchen Finanzvolumen mithalten. Diese
Hochschulen zählen zu den erfolgreichsten weltweit und führen entsprechend die internationalen
Rankinglisten an. Auch wenn ihre Finanzausstattung nicht den Erfolg garantiert, ist doch die Höhe der
zur Verfügung stehenden Mittel eine wesentliche Determinante für ihren Forschungserfolg und die
darauf aufbauende weltweite wissenschaftliche Reputation.46 Daneben gibt es auch in den Vereinigten Staaten weltweit führende außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie beispielsweise das
California Institute of Technology oder das Scripps Research Institute.
Die Einrichtungen in Europa, die in ihrer finanziellen Ausstattung fast ähnlich gut aufgestellt sind wie
etwa die ETH Zürich (1,2 Milliarden Euro = 1,64 Milliarden US-Dollar) oder die University of Oxford
(1,23 Milliarden Euro = 1,68 Milliarden US-Dollar) gehören dann auch zu den wenigen Einrichtungen,
welche in diversen Rankings auch zwischen den amerikanisch dominierten Top-20 auftauchen. Aus
43
44
45
46
Altbach, Philip G. „The Past, Present, and Future of the Research University“. In The Road to Academic Excellence the Making of WorldClass Research Universities, herausgegeben von Philip G. Altbach und Jamil Salmi. Washington, DC: The World Bank, 2011.
http://public.eblib.com/EBLPublic/PublicView.do?ptiID=787639. S. 12
Mohrman, Kathryn, Wanhua Ma, und David Baker. „The Research University in Transition: The Emerging Global Model“. Higher
Education Policy 21, Nr. 1 (3. Januar 2008): 5–27. doi:10.1057/palgrave.hep.8300175. S.6
Vgl. Jahresbericht der EPFL, S. 74 https://documents.epfl.ch/groups/e/ep/epfl-unit/www/rapport/EPFL-annual-report-2012.pdf
Mohrman et al. „The Research University in Transition.“ S. 11
14
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
Deutschland findet sich hier in den Top-5 der diversen Rankings regelmäßig nur die Max-PlanckGesellschaft wieder, die dank eines Budgets von im Jahr 2013 umgerechnet fast 2,5 Milliarden USDollar ihre exzellenten Forschungseinrichtungen auf Augenhöhe mit den besten der Welt
positionieren kann.47 Wie auch bei den amerikanischen Spitzenuniversitäten, die wie Harvard und
Stanford auf lang bewährten Strukturen der wissenschaftlichen Spitzenleistung aufbauen, ist es eben
nicht alleine das Geld, welches die Grundlage der wissenschaftliche Leistungsfähigkeit bildet.
Das Vertrauen von Gesellschaft und Politik in die Effektivität ihrer wissenschaftlichen Autonomie
ermöglicht etwa der Max-Planck-Gesellschaft überhaupt erst, in der Grundlagenforschung die
Grenzen des Wissens in Gebieten zu überschreiten, wo der unmittelbare volkswirtschaftliche Zweck
dieser Erkenntnisse vielleicht erst viel später sichtbar wird. Nur so entstehen jedoch genau die
Durchbruchsinnovationen, welche Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft bei der Lösung
drängender Herausforderungen wie der Energiewende oder dem demographischen Wandel
benötigen.
Im Vergleich mit dem Engagement anderer Länder kann sich Deutschland angesichts eines Bundeshaushalts von zuletzt 310 Milliarden Euro neben der Max-Planck-Gesellschaft sicher noch mehr
Einrichtungen leisten, die exzellente Spitzenforschung im Weltmaßstab betreiben können. So setzt
beispielsweise Singapur ganz auf Wissenschaft und Innovation, um den Wohlstand dieses kleinen
Landes zu sichern: Die National University of Singapore verfügte im Jahr 2013 über ein Budget von
umgerechnet 1,75 Milliarden USD, und das bei einem Staatshaushalt, der nicht einmal zehn Prozent
des Staatshaushalts von Deutschland ausmacht!48 In Singapur arbeiten pro einer Million Einwohner
5.500 Personen in Zukunftsfeldern von Forschung und Entwicklung; damit steht der kleine Stadtstaat
an zweiter Stelle weltweit, nur noch übertroffen von Schweden, wo 6.000 Personen pro einer Million
Einwohner in diesen Bereichen beschäftigt sind.49
Auch Europa muss sich auf wissenschaftliche Exzellenz fokussieren und braucht mehr Spitzenforschungseinrichtungen, welche regional konzentrierte Cluster-Standorte in der Breite für
ausländisches Wissenschaftspersonal attraktiv machen und den Anschluss an internationale
Innovationsnetzwerke ermöglichen. Die Europäische Union hat dies erkannt und möchte durch die
personenzentrierten Grants des European Research Council eben jenes hochtalentierte
Wissenschaftspersonal aus aller Welt nach Europa locken. Wissenschaft wie Wirtschaft werden so
befördert und steigern mittel- wie unmittelbar die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit.50 Hier
braucht es langfristig auch aus Deutschland von universitärer Seite Einrichtungen, welche wie die
Max-Planck-Gesellschaft, die Oxford University, die EPFL oder die ETH mit amerikanischen TopEinrichtungen wie Berkeley, Stanford oder dem MIT auf Augenhöhe kooperieren können und die
besten Talente auch nach Deutschland holen.
Neben der auf lange Sicht angelegten Entwicklungsperspektive von vielleicht drei bis fünf
universitären Spitzenstandorten in Deutschland werden sich auch regionale Cluster mit bestimmten,
47
48
49
50
Entsprechend ihrer spezifischen Mission erhält die MPG 78 Prozent ihrer Mittel von der öffentlichen Hand von Bund und Ländern, fast
16 Prozent Drittmittel, und sechs Prozent aus privaten Stiftungs-mitteln oder eigenen Einnahmen (etwa durch Lizenzen).
Davon kommen fast 1 Mrd. USD von der öffentlichen Hand. Vgl. Jahresbericht 2013 der National University of Singapore, S. 68.
http://www.nus.edu.sg/annualreport/2013/upload/nus-annualreport-2013.pdf
Mukherjee, Hena, und Poh Kam Wong. „The National University of Singapore and the University of Malaya: Common Roots and
Different Paths“. In The Road to Academic Excellence the Making of World-class Research Universities, herausgegeben von Philip G
Altbach und Jamil Salmi, 129–166. Washington, DC: The World Bank, 2011.
http://public.eblib.com/EBLPublic/PublicView.do?ptiID=787639. S. 155
„Research Policy: How to Build Science Capacity“. Nature 490, Nr. 7420 (18. Oktober 2012): 331–334. doi:10.1038/490331a.
15
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
spezialisierten Themenprofilen verstärkt herausbilden. Nicht jeder Standort braucht natürlich eine
Spitzenforschungseinrichtung von der Größe eines MIT. Schon heute aber verstärken an vielen
Standorten die hochspezialisierten Forschungsinstitute der Max-Planck-Gesellschaft maßgeblich
deren internationale Sichtbarkeit. In einem zukünftig multipolaren „Welt-Wissenschaftssystem“
können so selbst Regionen, Bundesländer oder kommunale Ballungszentren mit überschaubarem,
aber doch gezielten Finanzierungsaufwand dann Anschluss an die wissenschaftliche Weltspitze
halten.51
3.4
Das Emerging Global Modell erfolgreicher Forschungseinrichtungen
Abbildung 2: Merkmale einer World Class-Research University. Quelle: Altbach 2011.52
Was jedoch zeichnet die Weltspitze der Forschungseinrichtungen aus? Wenn man die weltweit
besten Universitäten der einschlägigen Rankings (seien es Shanghai, THE oder QST) betrachtet, wird
deutlich, dass die dort aufgeführten Hochschulen weltweit anerkannte Forschungsuniversitäten sind.
Über alle strukturellen Differenzen der weltweit unterschiedlichen Hochschulsysteme hinweg
werden Forschungsuniversitäten als die zentralen Einrichtungen eines Wissenschaftssystems
verstanden, welche den größten Teil der freien Grundlagenforschung eines Landes durchführen und
die Graduiertenausbildung verantworten. Bei weitem nicht alle Hochschulen der meisten anderen
Länder sind Forschungsuniversitäten: In dem stark ausdifferenzierten System der tertiären Bildung in
den USA werden von 4.800 Einrichtungen etwa 150 zu den Forschungsuniversitäten gezählt; in Indien
sind es bislang nur 10 von 18.000, und China hat höchstens rund 100 Forschungsuniversitäten unter
seinen 5.000 Einrichtungen der tertiären Bildung.53
Die Bedeutung solcher Einrichtungen für die im globalen Wettbewerb stehenden Volkswirtschaften
ist unumstritten. Sie bilden als Nukleus der Entfaltung regionaler Innovationscluster die Grundlage
für eine positive gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung und die Sicherung erreichten
Wohlstands. Aus diesem Grund lässt sich mit der rasanten Entwicklung nicht nur der BRICK-Staaten
seit Ende des Ost-West-Konflikts nun ein Ausbreiten des Modells der Forschungsuniversitäten auch
auf früher wissenschaftlich nicht wettbewerbsfähige Staaten feststellen. Anerkannte Hochschul51
52
53
Rogers Hollingsworth, J., Karl H. Müller, und Ellen Jane Hollingsworth. „China: The End of the Science Superpowers“. Nature 454, Nr.
7203 (24. Juli 2008): 412–413. doi:10.1038/454412a. S. 332
Altbach, Philip G. „The Past, Present, and Future of the Research University“. In The Road to Academic Excellence the Making of Worldclass Research Universities, herausgegeben von Philip G. Altbach und Jamil Salmi. Washington, DC: The World Bank, 2011.
http://public.eblib.com/EBLPublic/PublicView.do?ptiID=787639.
Ders. S. 11f.
16
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
forschungsexperten wie Philip Altbach sehen hierin eine verstärkte „Internationalisierung“ im Sinne
eines weltweiten Exports des Modells der Forschungsuniversität. So verbreitet sich diese Institutionsform über die klassischen akademischen Zentren in Europa und Nordamerika hinaus nun auch in
Entwicklungs- und Schwellenländern.54
Die Ausrichtung als Forschungsuniversität allein qualifiziert jedoch nicht als Kriterium für die
Weltspitze der besten Universitäten. So lassen sich natürlich nicht alle amerikanischen
Forschungsuniversitäten zur akademischen Weltspitze zählen, geschweige denn alle erwähnten
indischen oder chinesischen Einrichtungen.
Die vielleicht ein paar Dutzend Einrichtungen, welche sich zur globalen Universitäts-Elite zählen
dürfen, bilden eine besondere Untergruppe der Forschungsuniversitäten weltweit – die World ClassResearch Universities. Sie folgen dabei in ihrer Ausrichtung einem sich länderübergreifend
entwickelndem Strukturmodell: Zu den zentralen Charakteristika dieses sogenannten Emerging
Global Modells zählt die internationale Ausrichtung, eine überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit in
der Forschung, die weltweite Rekrutierung der besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
sowie die global orientierte Kooperation mit ähnlich ausgerichteten Institutionen.55 Haushälterische
Autonomie und Forschungsfreiheit als Teil einer förderlichen Governance bilden hierbei die Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Wissenschaftsbetrieb. Die World Class-Research Universities
erschließen auf diese Weise dank ihrer Leistungsfähigkeit in der Grundlagenforschung ganz neue
wissenschaftliche Themen und schaffen genuin neues Wissen. Durch erfolgreiche Technologietransferstrategien und ihre besonderes Rolle in lokalen wie regionalen Innovationsmilieus entstehen
durch Anwendung ihrer Forschung wirtschaftlich wie gesellschaftlich bedeutsame Durchbruchsinnovationen.
Alle erfolgreichen World Class-Research University erfahren Unterstützung ihrer spezifischen Mission
durch einen förderlichen regulativen Rahmen und stehen als integraler Bestandteil eines
ausdifferenzierten Wissenschaftssystems an der Spitze der akademischen Hierarchie.56 Diese
besondere Stellung im Gesamtsystem wird durch Gewährleistung wissenschaftlicher und
haushälterischer Autonomie und eine entsprechende Finanzierung gesichert. Die World ClassResearch University-Einrichtungen rechtfertigen diese Sonderstellung neben der Forschungsleistung
durch ständige, auf den Wettbewerb ausgerichtete Optimierung ihres strategischen Profils. Zentraler
Punkt dieses Profils ist eine übergeordnete Exzellenzkultur, welche Rekrutierung, Forschung, Lehre
und Kooperationen umfasst.
Die Mehrheit der bestehenden World Class-Research Universities sind amerikanische
Spitzenuniversitäten; der Rest orientiert sich zum größten Teil an den erfolgreichsten USHochschulen. Dies tun vor allem diejenigen Länder, welche Spitzenstandorte auf- oder ausbauen
wollen, um deren internationalen Wettbewerbsfähigkeit und Sichtbarkeit zu steigern. Auf diese
Weise entwickeln Einrichtungen wir Harvard, Stanford, Berkeley, das MIT oder das Caltech eine
enorme strukturelle Prägekraft und einen auch thematisch starken Einfluss auf das weltweite
Wissenschaftssystem: Durch ihre enorme wissenschaftliche Leistungsfähigkeit und die damit
einhergehende Attraktivität für die besten Wissenschaftler aus aller Welt findet an diesen
54
55
56
Liu, N. C., Qi Wang, und Ying Cheng. Paths to a World-Class University: Lessons from Practices and Experiences ; [from Papers Presented
at „The Third International Conference on World-Class Universities“, Held in November 2009 in Shanghai, China]. Springer, 2011.
Mohrman, Kathryn, Wanhua Ma, und David Baker. „The Research University in Transition: The Emerging Global Model“. Higher
Education Policy 21, Nr. 1 (3. Januar 2008): 5–27. doi:10.1057/palgrave.hep.8300175. S. 5
Altbach „The Past, Present, and Future of the Research University“ 2011. S. 24
17
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
Spitzenuniversitäten eine sich selbst verstärkende Konzentration der „besten Köpfe“ statt. Durch
eine finanziell ausreichend hinterlegte, dynamische Berufungspolitik können so vielversprechende
Forschungsthemen früh besetzt und strategisch ausgebaut werden. Neu berufene Professoren aus
aller Welt bringen bereits hochkarätige wissenschaftliche Netzwerke mit.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der World Class-Research Universities sind selbst
weltweit gefragte Kooperationspartner. Dem internationalen Maßstab kommt hier eine besondere
Bedeutung zu, da mit der zunehmenden Spezialisierung der Disziplinen Kollaborationsprojekte mit
den für das jeweilige Forschungsthema komplementär am besten geeigneten Fachexperten weltweit
geknüpft werden müssen.57
Ohne die entsprechende Leistungsfähigkeit in der Forschung und die daraus resultierende
Reputation, wird es eine Einrichtung nicht schaffen, mit den besten Talenten zusammenzuarbeiten
oder diese an sich zu binden. Ohne die internationale Orientierung, d.h. wenn im Wettbewerb wie in
der Kollaboration nur der nationale Maßstab ausschlaggebend ist, kann ein Anschluss an das
Netzwerk der weltweit besten Einrichtungen in der Forschung nicht gelingen.
Dieser ist nur zu schaffen, wenn die Forschungskapazität im internationalen Vergleich mithalten
kann: Um an den internationalen Innovationsnetzwerken der globalen Wissensökonomie
partizipieren zu können, braucht ein Land wenigstens eine Forschungseinrichtung, welche den
Anschluss an die Spitze findet und auf dem Level der World Class-Research Universities mithalten
kann.58 Nur so können die besten Köpfe auf den unterschiedlichen Karrierestufen gewonnen werden
und strategische Netzwerke durch gezielte Internationalisierungsmaßnahmen aufgebaut werden.
4.
Ein weltweites Netz knüpfen: Strategische Internationalisierung
4.1
Netzwerk-Knotenpunkte attrahieren die besten Köpfe
Um an internationalen Kollaborationen partizipieren zu können, ist die wissenschaftliche
Leistungsfähigkeit entscheidend. So ist in einem globalisierten wissenschaftlichen Wettbewerb auch
der Umstand zu erklären, dass die Anzahl der in Zusammenarbeit entstandenen Publikationen steigt,
gleichzeitig die Anzahl und Diversität der internationalen Partner in solchen Kollaborationen stetig
wächst, und darüber hinaus die räumliche Distanz, über die solche Projekte stattfinden, auch immer
größer wird.59 Idealerweise wird natürlich der räumliche nächste, beste, d.h. wissenschaftlich
exzellenteste Forschungspartner für eine Zusammenarbeit ausgewählt. Dabei gibt aber natürlich
immer die wissenschaftliche Exzellenz und die Passgenauigkeit der wissenschaftlichen Perspektive
der Ausschlag. Deshalb wird in einem zunehmend globalisierten, immer weiter ausdifferenzierten
Welt-Wissenschaftssystem die Suche nach den besten Forschungspartner auch weite Distanzen
überwinden.
Darüber hinaus wirken Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit hohem wissenschaftlichen
Reputationsstatus oft als Knotenpunkte wissenschaftlicher Netzwerke. Sie besitzen gerade in den
57
58
59
Altbach „The Past, Present, and Future of the Research University“ 2011. S. 19f
Deem, Rosemary, Ka Ho Mok, und Lisa Lucas. „Transforming Higher Education in Whose Image? Exploring the Concept of the ‘WorldClass’ University in Europe and Asia“. Higher Education Policy 21, Nr. 1 (2008): 83–97. doi:10.1057/palgrave.hep.8300179.
Waltman, Ludo, Robert J.W. Tijssen, und Nees Jan van Eck. „Globalisation of science in kilometres“. Journal of Informetrics 5, Nr. 4
(Oktober 2011): 574–582. doi:10.1016/j.joi.2011.05.003.
18
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
Lebens- und Technikwissenschaften wichtige nicht-kodifizierte Fähigkeiten und spezifisches tacitknowledge, was sie als Kooperationspartner gerade auch für junge Forscher interessant macht.60
Nachwuchswissenschaftler werden stets versuchen, Forschungsstationen an den für ihr Fachgebiet
besten Einrichtungen zu absolvieren. Diese Phasen gehören meistens zu den produktivsten, weshalb
Forschungseinrichtungen weltweit daran interessiert sind, aus einem internationalen Pool an
Bewerbern die Besten schon im frühen Alter an sich zu binden. Hier gab es schon immer
länderübergreifenden Austausch, den heute allerdings die Globalisierung in bislang ungekanntem
Ausmaß intensiviert und beschleunigt hat. Gerade das Ausmaß und der Umfang an Mobilität von
außerhalb Europas und den Vereinigten Staaten in diese attraktiven Forschungsmärkte ist so
historisch noch nie dagewesen: Die Mobilität von Akademikern hat schon heute den ersten wirklich
globalen Arbeitsmarkt entstehen lassen.61 Eine vorteilhafte Positionierung auf diesem globalen
Arbeitsmarkt ist gerade für Europa angesichts der abzusehenden demographischen Entwicklung
zwingend: Wenn sich derzeitige Entwicklungstrends fortsetzen, werden im Jahr 2020 40 Prozent aller
Absolventen einer Einrichtung der Tertiären Bildung im Gebiet der G20 in China und Indien
ausgebildet worden sein. Die USA und die EU zusammen werden dann zum globalen
Absolventenmarkt nur noch lediglich ein Viertel beitragen.62
Gerade die gestiegene Mobilität von Wissensträgern macht es deshalb umso mehr notwendig,
standortspezifisch strukturelle Attraktoren strategisch zu nutzen und zu gestalten.63 Exzellenter
Grundlagenforschung fällt dabei eine wichtige Rolle zu. Dies hat nicht zuletzt die Gründung des
European Research Councils (ERC) eindrucksvoll bestätigt. Das Beispiel des ERC zeigt, dass die
wissenschaftliche Leistungsfähigkeit und Attraktivität einer Forschungseinrichtung entscheidend für
die Gewinnung herausragender Wissenschaftler ist: Da die Grants personenzentriert sind,
entscheiden sich die Grantees in der Regel natürlich für die besten wissenschaftlichen Knotenpunkte
für ihre Arbeit. So sind die meisten Grants des ERC seit 2007 neben dem im Vergleich zur MaxPlanck-Gesellschaft beinah doppelt so großen Centre national de la recherche scientifique an erster
Stelle und der Max-Planck-Gesellschaft an dritter Stelle an herausragende Forschungsuniversitäten
wie Oxford, Cambridge oder die ETH Zürich gegangen. Dieses gehören nicht nur in ihrem eigenen
Land zur akademischen Spitze, sondern können im globalen Vergleich zu den World-Class Research
Universities gezählt werden, und bilden damit eine entsprechende Knotenpunkt-Funktion.
4.2
Anker werfen im Ausland – Beispiele erfolgreicher Initiativen
Die amerikanischen Top-Universitäten sind durch das Studiengebührensystem seit langem
marktorientiert in ihrem Handeln. Und der Markt für Hochschulbildung ist schon längst globalisiert.
Auch wenn beispielsweise die Ivy League-Universitäten bislang alleine vor Ort mit ihren
amerikanischen Spitzencampi die Strahlkraft besitzen, Studenten und Wissenschaftler aus aller Welt
für ein Studium in die USA zu locken, ruhen sie sich nicht auf diesem Status aus und vernetzen sich
60
61
62
63
Wagner, Caroline S., und Loet Leydesdorff. „Network structure, self-organization, and the growth of international collaboration in
science“. Research Policy 34, Nr. 10 (Dezember 2005): 1608–1618. doi:10.1016/j.respol.2005.08.002. S. 1615
Salje, Ekhard K.H. „The race to the top: some insular comments on science policy“. In Wettlauf ums Wissen: Außenwirtschaftspolitik im
Zeitalter der Wissensrevolution, herausgegeben von Georg Schütte, 59–66. Berlin: Berlin University Press, 2008. S. 62
Organisation for Economic Cooperation and Development. How Is the Global Talent Pool Changing? Bd. 5. Education Indicators in Focus.
Paris: OECD Publishing, 2012. http://www.oecd.org/edu/50495363.pdf.
Kuhlmann, Stefan. „Forschungs- und Innovationssysteme im internationalen Wettbewerb“. In Wettlauf ums Wissen:
Außenwirtschaftspolitik im Zeitalter der Wissensrevolution, herausgegeben von Georg Schütte, 52–58. Berlin: Berlin University Press,
2008.
19
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
global: Aus der Gruppe der amerikanischen Top-Hochschulen hat als erste die Yale University 2011
einen Undergraduate Campus außerhalb der USA gegründet. Das Yale-NUS College in Singapur ist ein
gemeinsames Projekt mit der National University of Singapur (NUS). Im August 2013 hat der erste
Jahrgang hier sein Studium aufgenommen.64 Die Interessen beider Seiten sind klar: Die Yale
University expandiert vor Ort in einem lukrativen, wachsenden Bildungsmarkt. Singapur versucht sich
seit langem als Bildungs- und Innovationsstandort in Asien zu profilieren und auch Chinesen, Japaner
und Koreaner zu einem Studium in Singapur zu animieren. Mit der „Marke Yale“ kann es diese
Studenten aus der Region gezielt ansprechen.
In Korea, aber auch in China oder dem Nahen Osten zeichnet sich mittlerweile verstärkt ein Trend
zum Studium in der Heimat ab. Deshalb ist beispielsweise in China die Stanford University ebenso
vertreten wie Johns Hopkins oder die New York University. Die Präsenz in wachsenden
Innovationsmärkten kann sich nicht nur für Hochschulen, sondern auch für Forschungseinrichtungen
aus anderen Ländern lohnen. Das Massachusetts Institute of Technology beispielsweise geht hierbei
einen speziellen Weg: Es baut keine direkten Campus-Dependancen außerhalb der USA auf, verstärkt
aber Partnerschaften mit Standorten in dynamischen Innovationsregionen. Ziel ist ein weltweites
Netzwerk aus Einrichtungen, welche die Exzellenzprinzipien und die spezifische wissenschaftliche
Governance des MIT teilen. Deshalb helfen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des MIT
anderen Forschungseinrichtungen, die sich am Modell MIT orientieren wollen.
Aktuell unterstützt das MIT mit dem Masdar Institute in Abu Dabi den Aufbau einer Graduierteneinrichtung.65 In Singapur leistete das MIT capacity building im Rahmen einer Kooperation mit der
neugegründeten Singapore University of Technology and Design.66 Beide Einrichtungen werben
dezidiert mit dem Hinweis „in collaboration with MIT“. Abgesehen davon, dass sich das MIT diese
Kollaborationen gut bezahlen lässt, macht es sich selbst durch solche Partnerschaften noch
bekannter. Das Engagement an neu entstehenden Innovationsmärkten dient damit nicht zuletzt
dazu, langfristig die besten Talente über solche Netzwerke an das MIT zu holen.
Hochschulen, welche sich schon früh international etabliert haben, haben bislang gegenüber den
anderen einen kompetitiven Vorteil. Sei es, weil sie in international führenden Wissenschaftsnationen beheimatet sind, weil sie über mehr finanzielle Ressourcen verfügen, oder aber weil sie
entsprechende Internationalisierungsaktivitäten schlicht früher entfaltet haben.
An den sich in aller Welt entwickelnden Bildungsmärkten wird auch die Ausbildungsqualität
deutscher Universitäten sehr geschätzt: Schon seit 2007 steht die RWTH Aachen im Rahmen einer
strukturierten Partnerschaft mit dem Sultanat Oman Pate beim Aufbau der German University of
Technology (GUtech). Die RWTH unterstützt die GUtech bei der Entwicklung und Einrichtung von
Studiengängen, beim Aufbau von Forschungsaktivitäten und eines an deutschen Maßstäben
orientierten Qualitätsmanagementsystems. In China ist die RWTH mit einem Verbindungsbüro
präsent, um Kontakte zu chinesischen Studenten und Wissenschaftlern zu erleichtern. Mit Büros in
São Paulo, Kairo, Peking, Mumbai und Singapur stärkt etwa die Technische Universität München ihre
Internationalisierung durch Präsenz an wichtigen Forschungsstandorten weltweit.
64
65
66
http://www.thecrimson.com/article/2012/5/24/international-harvard-yale-singapore/
http://www.masdar.ac.ae/about-us/mit-partnership
http://www.sutd.edu.sg/mit_collaboration.aspx
20
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
Es sind aber gerade Yale, Harvard, das MIT, oder Cambridge, die das Modell einer „World Class
University“ verkörpern – also im internationalen Maßstab führende, forschungsstarke research
universities sind. Ein Status, den so viele andere Einrichtungen auch erreichen wollen. Vor allem
Universitäten in Asien oder dem arabischen Raum unternehmen deshalb erhebliche Anstrengungen,
um ihre Hochschulen mit einer „World Class University“-Marke in Verbindung bringen zu können.
Das unterstreicht die Bedeutung, angesichts zunehmender Konkurrenz der Wissensökonomien und
einer Verknappung der Talente als Forschungseinrichtung in der wissenschaftlichen ChampignonsLeague mitspielen zu können.67
4.3
Das Beispiel Max-Planck-Gesellschaft
Aktuell lässt sich, quer über verschiedenste Rankings gemessen, keine deutsche Universität nach den
oben genannten Kriterien als World-Class Research University bezeichnen.68 Die individuelle Aussagekraft einzelner Leistungsindizes mag durchaus strittig sein; die politische Sogwirkung von Ranglisten
ist allerdings nicht von der Hand zu weisen.69
Das große Angebot an unterschiedlichsten Rankings verschiedenster Anbieter zeigt vor allem eines:
die steigende Nachfrage. Die globale Elite von morgen orientiert sich im zunehmenden Maße an
solchen Indizes. Die Ivy-League-Universitäten stärken ihren Ruf unter potentielle Studenten nicht
zuletzt aus einem „Marken-Versprechen“ für die berufliche Karriere ihrer Absolventen.70 Auch in
Deutschland konnten die elf von Wissenschaftsrat und DFG gekürten „Exzellenz-Universitäten“ eine
Sogwirkung auf Studieninteressierte aus dem In- und Ausland feststellen.
Auf einzelnen Forschungsfeldern gehören deutsche Universitäten mit zur absoluten Weltspitze. Keine
einzige von ihnen weißt allerdings in der Spitzenforschung ein mit den besten World-Class Research
Universities vergleichbar breites Leistungsspektrum auf. Als bislang einzige Einrichtung kann sich in
Deutschland die Max-Planck-Gesellschaft erfolgreich auf der gesamten Bandbreite ihres disziplinären
Spektrums an der Forschungsleistung der World-Class Research Universities orientieren.
Wenn man ihre Forschungsleistung nur an Qualität und Anzahl der veröffentlichten Publikationen
messen wollte, befindet sich die Max-Planck-Gesellschaft im weltweiten Institutionenranking
beispielsweise der Nature Publishing Group71 unter den fünf weltweit führenden Einrichtungen.72
Würde man die Maßstäbe des sogenannten „Shanghai-Rankings“73 an die Max-Planck-Gesellschaft
anlegen, gehörte sie im internationalen Vergleich ebenfalls zur Gruppe der besten Fünf. In dem
67
68
69
70
71
72
73
Horta, Hugo. „Global and National Prominent Universities: Internationalization, Competitiveness and the Role of the State“. Higher
Education 58, Nr. 3 (1. September 2009): 387–405. doi:10.1007/s10734-009-9201-5. S. 389
Im aktuellen Academic Ranking of World Universities 2013 schafft es die TU München als beste deutsche Universität auf Rang 50. Unter
den weltweiten TOP-100 sind dort sonst nur noch Heidelberg (Rang 54), die LMU (Rang 61) und Freiburg (Rang 100) zu finden. Vgl.
http://www.shanghairanking.com/World-University-Rankings-2013/Germany.html
Hazelkorn, Ellen. Rankings and the Reshaping of Higher Education: The Battle for World-class Excellence. Houndmills, Basingstoke,
Hampshire; New York: Palgrave Macmillan, 2011. S. 160
Rühle, Alex. „Harvard University: Weltgeist als Marke“. sueddeutsche.de, 17. Mai 2010, Abschn. karriere.
http://www.sueddeutsche.de/karriere/harvard-university-weltgeist-als-marke-1.571233.
Das Ranking der Nature Publishing Group Nature Asia-Pacific basiert auf der Anzahl von Publikationen in Zeitschriften der Verlagsgruppe
(wie z. B. Nature, Cell Research oder The EMBO Journal). Gezählt werden ausschließlich “primary research papers that were published as
‘Articles, Letters and Brief Communications’”. Neben der Anzahl der Papers insgesamt wird für jede Institution auch die Anzahl der
Papers angegeben, bei der berücksichtigt wird, wie viele andere Institutionen an einem Paper beteiligt waren (corrected counts).
Neben der MPG gehören dazu die Harvard und die Stanford University, das Massachusetts Institute of Technology und die Gesamtheit
aller amerikanischen NIH-Institute, die als Einheit gezählt werden. Vgl. http://www.natureasia.com/en/publishing-index/global/
http://www.shanghairanking.com/aboutarwu.html
21
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
Academic Ranking of World Universities der Shanghai Jiao Tong University werden allerdings nur
Universitäten und Graduiertenuniversitäten miteinander verglichen.
Den Status einer Graduiertenuniversität besitzt die Max-Planck-Gesellschaft nicht. Sie bildet in
Kooperation mit den deutschen Universitäten Graduierte auf dem Weg zur Promotion
wissenschaftlich aus. Mit der Harvard University oder der Rockefeller-Graduiertenuniversität teilt die
Max-Planck-Gesellschaft neben der Nachwuchsausbildung die wesentlichsten Merkmale einer
international führenden Forschungsuniversität. Sie unterscheidet sich jedoch aufgrund ihrer im
Vergleich zu Harvard kleinen Gesamtgröße, ihrer dezentralen Struktur und der spezifischen
Organisationsweise ihrer Institute erheblich von diesen Einrichtungen.
Die 83 Forschungsinstitute der Max-Planck-Gesellschaft sind nicht lokal auf einem Campus
zusammengefasst, sondern verteilen sich auf rund 30 Standorte in ganz Deutschland und auf fünf
Standorte im Ausland. Das bringt bestimmte Nachteile mit sich. Die gemeinsame Nutzung von
Infrastruktur ist zum Beispiel nur in sehr wenigen Fällen möglich. Des Weiteren ist das größere
intellektuelle Umfeld der Max-Planck-Gesellschaft als Ganzes nicht singulär an einem Platz verortbar.
Der stetige Austausch – insbesondere auch über den wissenschaftlichen Erneuerungsprozess der
Gesamtgesellschaft – wird durch ein bewährtes System der wissenschaftlichen Selbstverwaltung im
Zusammenspiel der drei Sektionen der Max-Planck-Gesellschaft gewährleistet.74 Die dezentrale
Struktur und Governance der Max-Planck-Gesellschaft und die spezifische Organisationsweise ihrer
Institute birgt nicht nur im Bezug auf die Internationalisierung viele Vorteile.
Die mittelgroßen, interdisziplinär aufgebauten Forschungsinstitute der Max-Planck-Gesellschaft sind
es gewohnt, sich aufgrund ihrer relativen Kleinheit an den einzelnen Standorten in das lokale
wissenschaftliche Umfeld zu integrieren. Gleichzeitig knüpfen sie aber auch weltweit mit den besten
Einrichtungen und Fachkollegen enge Kooperationen. Zahlreiche theoretische und empirische
Forschungsarbeiten weisen darauf hin, dass solch hoch vernetze, vergleichsweise kleine und flexible
Forschungseinheiten, die mit einer hohen wissenschaftlichen Autonomie ausgestattet sind, das
größte Potential zur Entdeckung von Durchbruchsinnovationen aufweisen.75 Damit können sie
wissenschaftlicher Kristallisationskern für ihr Umfeld sein.
Darüber hinaus ist die Max-Planck-Gesellschaft generell offen für die Translation der Ergebnisse aus
der Grundlagenforschung in die Anwendung. Die verstärkten Aktivitäten und zahlreichen Erfolge im
Technologietransfer haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass die Max-Planck-Institute auch
wichtige Beiträge zum Aufbau vom Innovationsclustern liefern können.
Das haben auch andere Staaten erkannt. Viele bewerten die Organisation der Max-PlanckGesellschaft in kleine, flexible Forschungseinheiten im internationalen Vergleich als Erfolgsmodell.76
Insbesondere Länder, die gerade erst dabei sind, Strukturen der Spitzenforschung aufzubauen,
zeigen großes Interesse an ihrer spezifischen wissenschaftsgetriebenen Governance und den
Mechanismen der nachhaltigen Qualitätssicherung. Wie bereits erwähnt folgt beispielsweise Korea
74
75
76
Zur kritischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Fachgebiet und Nachbardisziplinen haben die Sektionen der Max-PlanckGesellschaft Perspektivenkommissionen eingerichtet. Dort hinterfragen sie das Forschungsportfolio ihrer Sektion und entwerfen
Konzepte zur Zukunft einzelner Institute oder neuer Abteilungen. Die Kommissionen bilden ein wichtiges Element bei der Erweiterung
des Forschungshorizonts der Max-Planck-Gesellschaft als Ganzes.
Hollingsworth, J. Rogers. Major Discoveries, Creativity, and the Dynamics of Science, 2011. S. 118f.
Hesse, Joachim Jens. Die Internationalisierung der Wissenschaftspolitik: Nationale Wissenschaftssysteme im Vergleich. Berlin: Duncker &
Humblot, 2011. S. 417.
22
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
beim Aufbau des Institute for Basic Research dem Vorbild der Max-Planck-Gesellschaft. Auf ähnliche
Weise orientieren sich daran aktuell Mexiko und Kolumbien bei der Entwicklung ihres Forschungssystems.
Der Aufbau einer Spitzenforschungseinrichtung von der Größe eines einzelnen Max-Planck-Instituts
ist im Vergleich zur Etablierung auch nur von Teilen einer Campusuniversität mit überschaubarem
Finanzierungsaufwand zu realisieren. Aus diesem Grund wünschen sich manche Länder auch direkt
ein Max-Planck-Institut vor Ort. An den Standorten Florida und Luxemburg hat die Max-PlanckGesellschaft die Einladung der jeweiligen Regierungen gerne angenommen und ist dort mit eigenen
Forschungsinstituten an zwei sehr unterschiedlichen, gleichsam aber wissenschaftlich sehr
interessanten Standorten im Ausland präsent. Das entscheidende Kriterium jedes Engagements der
Max-Planck-Gesellschaft oder eines ihrer Institute ist der zu erwartende wissenschaftliche Mehrwert.
Form und Struktur der Kooperation - nicht nur mit ausländischen Partnern - ist dabei immer auf die
optimale wissenschaftliche Zielerreichung hin ausgerichtet. Wie im Folgenden noch zu zeigen sein
wird, hat sie dazu ein flexibles Instrumentarium für die institutionalisierte, zeitlich begrenzte Kooperation ihrer Institute mit internationalen Partnern entwickelt.
Dass die Max-Planck-Gesellschaft weltweit als wissenschaftlicher Partner gesucht wird, ist Ausweis
ihrer wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit. Tatsächlich ist die internationale Sichtbarkeit und
Vernetzung gleichzeitig auch Voraussetzung dieser Leistungsfähigkeit. Strategische
Internationalisierung ist deshalb für die Max-Planck-Gesellschaft kein „Sonderfall“, sondern eine
notwendige Bedingung zur Erfüllung ihrer Mission.
Ihre Mission kann sie nur erfüllen, wenn es gelingt, auf zukunftsträchtigen Forschungsfeldern die
besten und kreativsten Grundlageforscherinnen und -forscher zu berufen. Sie rekrutiert diese
unabhängig ihrer Nationalität von den renommiertesten Wissenschaftsstandorten weltweit. Dies
spiegelt sich in der internationalen Personalstruktur, die auf allen Karrierestufen einen Ausländeranteil von mehr als einem Drittel aufweist. Im W3-Bereich beispielsweise wurden in den letzten zwölf
Jahren weit über 40 Prozent der zu Wissenschaftlichen Mitgliedern Berufenen aus dem Ausland
geholt. Von den Postdoktoranden haben fast 90 Prozent einen ausländischen Pass.
Gleichzeitig sind die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Gesellschaft darauf angewiesen,
unabhängig vom geographischen Standort mit den besten Fachkollegen zu kooperieren, um an den
aktuellsten wissenschaftlichen Themen und Entwicklungen zu partizipieren, diese voranzutreiben,
sich auszutauschen, und in gemeinsamen Projekten von komplementärer Expertise zu profitieren.
Auch große Forschungsinfrastrukturen wie beispielsweise in der Astronomie oder Physik sind oftmals
nur gemeinsam in internationalen Konsortien aufzubauen.
Konkurrenz und Kooperation im internationalen Maßstab waren und sind deshalb seit jeher die
zentralen Bezugspunkte der Max-Planck-Gesellschaft zur Sicherung ihrer wissenschaftlichen
Exzellenz.77 Globalisierung und Europäisierung haben die Bedeutung und Komplexität des
internationalen Bezugsmaßstabes noch erhöht, da sie die Dynamik des Innovationsprozesses
gesteigert und die Konstitutionsbedingungen für national geförderte Forschung verändert haben.
Die Max-Planck-Gesellschaft hat auf diese geänderten Bedingungen mit einer umfassenden
Internationalisierungsstrategie reagiert. Komplementär zu den bottom-up getriebenen Auslandskooperationen ihrer Institute hat sie einen strategischer Rahmen etabliert. Dieser umfasst zentral
77
Max-Planck-Gesellschaft. „Internationalität der Forschung - Internationality of Research. Symposium der Max-Planck-Gesellschaft“. MaxPlanck-Gesellschaft, 1997.
23
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
verantwortete Maßnahmen der internationalen Zusammenarbeit sowohl im mittelfristigen
wissenschaftlichen Interessen der Institute als auch im langfristigen Sinne der forschungspolitischen
Ausrichtung der Max-Planck-Gesellschaft als Ganzes.78
4.4
Ausgewählte Instrumente der Internationalisierung
Der strategische Rahmen der Internationalisierung der Max-Planck-Gesellschaft umfasst zwei sich ergänzende Säulen: Die Attraktion und Integration hervorragender ausländischer Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler in die Max-Planck-Gesellschaft ist die erste Säule. Wie bereits angesprochen ist
die Max-Planck-Gesellschaft durch ihre international sichtbare wissenschaftliche Leistungsfähigkeit
für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Karrierestufen und Nationalitäten als Arbeitgeber
attraktiv. Diese exzellenzgetriebene Internationalization at home ist integraler Bestandteil der
Mission der Max-Planck-Gesellschaft, nur die weltweit besten Forscherinnen und Forscher als
Wissenschaftliche Mitglieder in ihre Reihen aufzunehmen.
Abbildung 3: Strategische Internationalisierung. Quelle: Eigene Darstellung.
Mit zunehmender Globalisierung der Wissenschaft ist die Internationalization at home verstärkt auf
Ergänzung durch eine zielgerichtete Internationalization abroad angewiesen. Als zweite Säule der
Internationalisierung dient diese dem strategischen Aufbau von strukturellen Brücken ins Ausland.
Der Zweck dieser Vernetzung ist die Partizipation an wissenschaftlich exzellenten Strukturen im
Ausland als Voraussetzung zur Sicherung der eigenen wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit auf
international konkurrenzfähigem Niveau.
In ihrer jeweiligen scientific community sind die Max-Planck-Institute weltweit bestens bekannt. Beim
jüngsten wissenschaftlichen Nachwuchs, etwa den Absolventen aus demographisch bevorteilten
Schwellenländern, versucht sich die Max-Planck-Gesellschaft darüber hinaus gezielt durch
internationales Forschungsmarketing bekannt zu machen. Mit dem Science Tunnel, dem Science
Express oder auch der Ausstellung „Bilder der Wissenschaft“ will sie sich auch dieser Zielgruppe als
möglicher Arbeitgeber ins Bewusstsein bringen. Da die Max-Planck-Gesellschaft aufgrund ihres nichtuniversitären Status in keinem der gerade bei Absolventen aus Asien oder Südamerika
78
Ebersold, Bernd. „Internationalität von Wissenschaft und Forschung. Selbstverständlichkeiten, Herausforderungen und Chancen
internationaler Wissenschaftsbeziehungen im Zeichen der Globalisierung“. In Sicherheit und Freiheit: aussenpolitische, innenpolitische
und ideengeschichtliche Perspektiven ; Festschrift für Wilfried von Bredow, herausgegeben von Wilfried von Bredow und Thomas Jäger,
206–223. Baden-Baden: Nomos, 2004.
24
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
vielbeachteten internationalen Hochschulrankings auftaucht, muss sie auf diese Weise ihren
internationalen Bekanntheitsgrad beim potentiellen wissenschaftlichen Nachwuchs durch
Forschungsmarketing verstärken. Auch über Social Media wird diese Zielgruppe zunehmend erreicht.
Follower und Friends der Max-Planck-Gesellschaft kommen anders als bei den deutschen
Universitäten größtenteils aus dem Ausland. Nur 20 Prozent sind aus Deutschland, der Rest aus aller
Welt, angeführt von den USA.
Der hohe internationale Bekanntheitsgrad der Max-Planck-Gesellschaft in der scientific community,
die weltweite Vernetzung ihrer Wissenschaftlichen Mitglieder und das internationale Forschungsmarketing tragen alle zum Erfolg des bewährtesten Internationalisierungsinstrumentes der MaxPlanck-Gesellschaft bei: Die International Max Planck Research Schools (IMPRS) ziehen die besten
Nachwuchswissenschaftler aus aller Welt nach Deutschland. Von den rund dreitausend derzeit an
IMPRS tätigen Doktorandinnen und Doktoranden kommt die Hälfte aus dem Ausland. Maßgeblich für
diesen Erfolg ist, dass System und Struktur der Graduiertenschule international bekannt sind.
Zusätzlich attraktiv ist die Möglichkeit, bei einem Großteil der Schulen wie in anglo-amerikanisch
geprägten Wissenschaftssystemen bereits mit einem Bachelor-Abschluss in ein Fast-Track-Programm
aufgenommen zu werden. Durch die gleichberechtigte Kooperation mit den Hochschulen tragen die
IMPRS über die Internationalisierung hinaus auch zur Vernetzung der außeruniversitären Forschung
mit den Universitäten bei.
Des Weiteren unterhalten mehrere IMPRS zusätzlich aktive Partnerschaften mit renommierten
ausländischen Universitäten, unter anderem in Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, den
Vereinigten Staaten, Israel, Kanada, den Niederlanden, Österreich, Polen, Schweden, der Schweiz,
Tschechien und Estland. Dies erhöht den Grad der internationalen Netzwerkbildung noch weiter.
Die zusätzliche Netzwerkbildung der IMPRS mit renommierten Partnern im Ausland zeigt: Neben der
klassischen Projektkooperation wird der strategische Aufbau von strukturellen Brücken ins Ausland
immer wichtiger. Diese Internationalization abroad wird durch Partnergruppen im Ausland, die
Auslandsinstitute und die International Max Planck Centers zielgerichtet unterstützt. Alle genannten
Instrumente vereinen die Vorteile eines längerfristigen Planungshorizontes mit der Flexibilität und
den hohen Evaluations-Standards, welche die Max-Planck-Gesellschaft auszeichnen. Im Gegensatz zu
eher kurzfristig orientierten Forschungsprojekten steht hier die – in unterschiedlichen Abstufungen
ausgeprägte – strukturelle Institutionalisierung der internationalen Zusammenarbeit vor Ort im
Vordergrund. Die immer stärkere Globalisierung der Spitzenforschung macht es zunehmend
notwendig, an sich dynamisch entwickelnden Forschungsstandorten präsent zu sein, um an
wissenschaftlicher Exzellenz im Ausland zu partizipieren.79 Diese Partizipation sichert die
wissenschaftliche Leistungsfähigkeit der Max-Planck-Gesellschaft auf international konkurrenzfähigem Niveau und schafft durch den strukturierten Zugang zu Wissen und Wissensträgern
Synergien auch am Forschungsstandort Deutschland.
Auch die internationalen Partnergruppen illustrieren dieses Synergiepotential. Hier unterstützt die
Max-Planck-Gesellschaft ihre besten ausländischen Nachwuchswissenschaftler, die in ihr Herkunftsland zurückkehren wollen, beim Aufbau einer dort angesiedelten Partnergruppe. Partnergruppen
tragen auf diese Art erfolgreich zur nachhaltigen Vernetzung der Max-Planck-Institute mit
79
„Dass […] Forschungseinrichtungen aus Deutschland gezielt an ‚Hotspots’ der Forschung auch in institutionalisierter Form präsent sein
wollen und sollen, liegt ebenso in der Entwicklungslogik der Forschung wie die Notwendigkeit, das eigene internationale
Entwicklungspotenzial für die Wissenschaft in Deutschland mit der Forschungsregion als potenzieller künftiger ‚Hotspot’ zu entfalten.“
Vgl. Husung, Hans-Gerhard. „Zukunftsraum Wissenschaft : Was kommt nach der Exzellenzinitiative?“ Wissenschaftspolitik im Dialog
6.2013 (2013). http://edoc.bbaw.de/volltexte/2013/2386/. S. 33
25
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
ausländischen Nachwuchs-Spitzenwissenschaftlern bei. Das gilt insbesondere für Länder, deren
Forschungsstrukturen sich dynamisch entwickeln. Derzeit sind die meisten Partnergruppen in den
vielversprechenden Forschungsmärkten Chinas und Indiens angesiedelt. Diese Gruppen fungieren
durch ihre Vernetzung mit den Max-Planck-Instituten als ideale Anlaufstelle für ausgezeichnete
Wissenschaftler aus diesen Ländern, die in Deutschland forschen wollen. Ein solcher Zugang
ermöglicht es, frühzeitig potentiell starke Partner für die Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsstandort Deutschland zu gewinnen.
Um eine dauerhafte Zusammenarbeit mit forschungsstarken Partnern vor Ort zu etablieren, betreibt
die Max-Planck-Gesellschaft an einigen wenigen, ausgewählten Standorten eigene Forschungsinstitute im Ausland. Wie die Erfahrung mit unseren Auslandsinstituten bislang zeigt, gelingt ein solch
„institutionalisierter Brückenschlag“ der Max-Planck-Gesellschaft aufgrund ihrer ohnehin dezentral
angelegten Struktur mit flexiblen, mittelgroßen Forschungsinstituten sehr erfolgreich. Die
Einrichtungen im Ausland gliedern sich genau wie die inländischen Institute in die wissenschaftlichen
Sektionen, dem Herzstück der wissenschaftlichen Selbstorganisation, ein, und verbreitern so die
internationale Basis der Gesellschaft. So konnten am Max Planck Florida Institute for Neuroscience
herausragende Forscher für die Wissenschaftscommunity der Max-Planck-Gesellschaft gewonnen
werden, die sonst wohl nicht nach Deutschland gekommen wären.
Gleichzeitig wird durch das Institut in Florida die Exzellenz der deutschen Wissenschaft auch im
Spitzenforschungsland USA sichtbarer. Zusammen mit einer der im Bereich der Biomedizin weltweit
führenden amerikanischen Forschungseinrichtungen, dem Scripps Research Institute, legt das Institut
den Grundstein für einen der weltweit leistungsfähigsten neurowissenschaftlichen Forschungscluster, der weithin ausstrahlen wird.
Die International Max Planck Centers schließlich bieten das wohl flexibelste Instrument einer
strukturellen Institutionalisierung der Zusammenarbeit von Instituten der Max-Planck-Gesellschaft
mit erstklassigen ausländischen Partnern. Motiviert wird die Einrichtung eines Centers durch das
gemeinsame Interesse, auf einem innovativen Forschungsgebiet komplementäre Expertisen zu
bündeln und nachhaltiger als in einem singulären Forschungsprojekt zusammenzuarbeiten.
Das besondere an diesem Kooperationskonzept ist, dass es beide Säulen der strategischen Internationalisierung in sich vereint: In dem sich ein oder mehrere Max-Planck-Institute mit einer
ausländischen Spitzenforschungsinstitution in einem International Max Planck Center zusammentun,
profitieren Wissenschaftler der Max-Planck an exzellenten Standorten wie aktuell der EPFL, der
Sciences Po oder der Princeton University von der Zusammenarbeit und der Nutzung spezieller
Infrastruktur sowie dem Austausch von Wissen und Technologien. Auch in wissenschaftlich
aufstrebenden Schwellenländern wie Indien sind die Institute der Max-Planck-Gesellschaft mit
International Max Planck Centern präsent.
Die Vielfalt an Möglichkeiten der individuellen Ausgestaltung eines Centers ist ein wesentlicher
Grund des Erfolgs dieses Instruments: So lässt sich ein Center ganz nach den Bedürfnissen des
Forschungsbereichs und den regionalen Bedingungen durch Partner- oder Nachwuchsgruppen, eine
IMPRS oder Max-Planck-Fellows ausgestalten. Der Austausch von Wissenschaftlern auf allen Ebenen
ist dabei ein zentrales Element aller Center. Die gemeinsame Doktorandenausbildung und
Nachwuchsförderung werden bislang mit am häufigsten für den Aufbau eines Max Planck Centers
gewählt. Im Bereich der Nachwuchsförderung bestehen vereinzelt sogar institutionenübergreifende
tenure track-Modelle. Generell wird die Attraktivität für Spitzenwissenschaftler aller Erfahrungs26
Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
stufen und die internationale Sichtbarkeit für beide beteiligte Institutionen eines Centers deutlich
erhöht.
Gerade im Nachwuchsbereich holen solche Aktivitäten exzellente ausländische Wissenschaftler nach
Deutschland. Dank des Indo German Max Planck Center for Computer Science ist nicht nur am
beteiligten Max-Planck-Institut für Informatik, sondern auch am Max-Planck-Institut für
Softwaresysteme die Zahl der indischen Nachwuchswissenschaftler deutlich gestiegen. Auch auf der
Ebene der Studenten kann ein Center dazu beitragen, Interesse am Wissenschaftsstandort
Deutschland zu wecken: Das Center mit der University of British Columbia hat an den beteiligten
Instituten zu einer Verzehnfachung der Anzahl kanadischer Studenten geführt.
Die angeführten Beispiele zeigen: Die Präsenz im Ausland stützt gleichzeitig die Internationalisierung
zuhause. Auf diese Weise schafft das Zusammenwirken der beiden Säulen der strategischen
Internationalisierung Synergien, welche für die Max-Planck-Gesellschaft bei der Erfüllung ihrer
Mission essenziell sind, und gleichzeitig das deutsche Wissenschaftssystem an die internationale
Forschungslandschaft anbinden. Angesichts der demographischen Entwicklung in Deutschland und
der sich dynamisch entwickelnden, globalen Wissensgesellschaft ist diese Anbindung Voraussetzung
für den langfristigen Erfolg des deutschen Wissenschaftssystems.
5.
Ausblick: Die Zukunft der deutschen Wissenschaft im globalen
Wettbewerb
Die Wissenschaftspolitik steht – mehr als vielleicht jedes andere Politikfeld der gesellschaftlichen
Daseinsvorsorge – vor der Herausforderung, die Chancen der Globalisierung zu gestalten und für das
deutsche Innovationssystem zu nutzen. In modernen Hochtechnologieländern wie Deutschland oder
den USA ist das abstrakte Gut „Wissen“ längst zum zentralen Rohstoff und wichtigstem Mittel zum
Erhalt des gesellschaftlichen Wohlstands geworden. Nationale Innovations- und Wertschöpfungsketten bauen notwendigerweise auf dieser wertvollen Ressource auf. Doch wie auch die Wirtschaftskreisläufe nicht mehr national gedacht werden können, so ist heute die Wissensproduktion nicht
mehr nur auf wenige Wissenschaftsnationen beschränkt.
Die Globalisierung hat auch die Bereiche Wissenschaft und Forschung erfasst. Spitzenforschung wird
an immer mehr dynamisch wachsenden Standorten weltweit betrieben. Staaten wie China, Korea,
oder Singapur, lange Zeit klassische „Exporteure“ ihrer besten Studenten in Zielländer wie die USA
und Europa, investieren massiv in Wissenschaft und Forschung. In dem sie attraktive Innovationsstandorte zu schaffen versuchen, treten sie in den Wettbewerb um die besten Studenten und
Wissenschaftler, aber auch um die Investitionen internationaler Technologieunternehmen. Wie nicht
nur das Beispiel Korea zeigt, spielt der gezielte Aufbau von Grundlagenforschungskapazitäten dabei
eine entscheidende Rolle.
Nur die Grundlagenforschung liefert wirklich „neues“ Wissen und bildet damit die Basis erfolgreicher
Innovationsmilieus. Und obwohl dieses Wissen dank der Revolution der Informations- und
Kommunikationstechnologien zunehmend ortsunabhängig verfügbar wird, ist doch die unmittelbare
örtliche Nachbarschaft von Wissenschaft und Wirtschaft für erfolgreiche Innovationsregionen eine
wichtige Bedingung: Die Wissensverbreitung und der Austausch zwischen Forschungseinrichtungen,
Unternehmen und Hochschulen wird dort strukturell in regionalen Clustern gebündelt. Diese
regionalen Cluster entwickeln sich neben etablierten Forschungsstandorten in den USA oder
Großbritannien immer mehr in dynamischen Innovationsregionen in Asien, Indien oder Südamerika.
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Spitzenforschung für die globale Wissensgesellschaft – die Zukunft des deutschen
Wissenschaftssystems im internationalen Wettbewerb
Für die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems bedeutet dies, dass sich unsere nationalen
Spitzenstandorte nicht nur am deutschen Leistungsmaßstab messen dürfen. Ein Profilstandort im
Bereich der Biotechnologie wie etwa München ist schon heute darauf angewiesen, dass seine
Forschungseinrichtungen und Universitäten im Wettbewerb um die besten Köpfe den Anschluss an
die wissenschaftliche Weltspitze halten.
Das braucht die Unterstützung der Politik. Deutschland wie Europa haben im internationalen
Wettbewerb nur eine Chance, wenn sie auf Innovation setzen. Gerade die Exportnation Deutschland
kann schon seit langem ihren Wohlstand nicht mehr über niedrige Löhne oder den Zugang zu billigen
Rohstoffen bewahren: Wissen und Innovation sind unsere wichtigste Ressource. Deshalb muss
Deutschland ein attraktiver Standort für gut ausgebildete Menschen, forschungsintensive
Unternehmen und damit ausgezeichnete Forschungseinrichtungen bleiben. Deshalb sollte die Politik
an dem Ziel festhalten, weltweit sichtbare Spitzen in der Forschung auszubilden und vorhandene
Stärken zu stärken, um international noch attraktiver zu werden. Die bloße Bewahrung des
gegenwärtigen Status Quo bedeutet im internationalen Wettbewerb bereits Rückschritt. Die
Internationalisierung der deutschen Forschung ist damit kein Selbstzweck oder eine Option, sondern
eine nationale Aufgabe.
Für diese Aufgabe braucht es nicht nur finanzielles Engagement. Notwendig sind langfristig
verlässliche politische Rahmenbedingungen für die Universitäten wie auch die Außeruniversitäten
Forschungseinrichtungen. Vielleicht sogar noch wichtiger sind aber die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen: Deutschland ist – nicht nur im Wissenschaftsbereich – längst ein Einwanderungsland.
Dieses Bewusstsein muss sich – in allen Bereichen, nicht nur in der Wissenschaft – auch in
gesellschaftlicher Offenheit und einer Willkommenskultur ausdrücken.
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