Einführung Inhalt Suchen 16 z 03 01 Hilfe Treffer 16 z 03 Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen unter sich verändernden Rahmenbedingungen Januar 2002 Bernhard Güntert, Guido Offermanns inhaltsüberblick Einen Überblick über die wichtigsten Ansätze des Qualitätsmanagements zu erlangen ist nicht einfach. Das Kapitel versucht, Ansatzpunkte des Qualitätsmanagements auf den verschiedenen Systemebenen darzustellen: Auf der MikroEbene geht es um die Qualität der konkreten Beziehung zwischen Patient (Leistungsempfänger) und Health Professionals (Leistungserbringer). Auf der Meso-Ebene wird die Frage der Qualität aus der Sicht der Organisationen angegangen. Auf der Makro-Ebene werden Qualitätsverbesserungen mit den Möglichkeiten des Gesetzgebers bzw. der Selbstverwaltung und der professionellen Vereinigungen gesucht. Es sollen diese unterschiedlichen Ebenen des Qualitätsmanagements beschrieben und auf aktuelle Entwicklungen in den unterschiedlichen Bereichen hingewiesen werden. 16 z 03 | 01 Einführung Die Gesundheitsreform 2000 hat das Thema Qualität im Gesundheitswesen in den Blickpunkt gerückt, insbesondere durch die Verpflichtung der Leistungserbringer zur Einführung eines internen Qualitätsmanagements (QM). Flankiert wird dies durch die Einführung eines neuen pauschalierten und leistungsorientierten Vergütungssystems mit Hilfe von Diagnosis Related Groups DRGs (s. Kap. 2.21). Leistungserbringer wie Kostenträger stufen diese Veränderung als revolutionär ein (Arnold 2001) und erwarten – je nach Perspektive unterschiedlich – große Systemwirkungen. 1 Qualität ist wichtiges Thema geworden 16 z 03 01 Einführung Inhalt Entscheidend für das Überleben am Markt Qualitätsverbesserung durch Druck von außen . . . . . . und Fortschritt im Inneren Suchen Treffer Hilfe Die erfolgreiche Verknüpfung der beiden Reformpunkte DRGs und QM wird entscheidend sein für das Überleben der einzelnen Krankenhäuser (vgl. Kap. 18.02.02), da sich die ökonomischen Anreizstrukturen stark wandeln, mit momentan noch nicht abzusehenden Auswirkungen auf die Qualität von Krankenhaus-Leistungen. Mögliche negative Auswirkungen des neuen Vergütungssystem können sich bis auf die Ebene von Arzt und Patient auswirken. Ein gezieltes Qualitätsmanagement muss aufgebaut werden und im Interesse von Patient und Gesellschaft korrektiv wirken. Bereits vor der Gesundheitsreform 2000 hatte QM im Gesundheitswesen an Bedeutung gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einerseits wurden mit den Gesundheitsreformen der vergangenen Jahre die dominante Rolle der Health Professionals (Ärzte, Pflegende, Therapeuten usw.) aufgebrochen und die Stellung verschiedener Kundengruppen gestärkt. Patienten, Bevölkerung oder Krankenversicherer entscheiden zunehmend mit bzw. evaluieren Gesundheitsleistungen aus ihrer Perspektive. Dies hat zur Folge, dass eine neue Kunden- und Qualitätsorientierung im Gesundheitswesen notwendig wird und sich entsprechende externe Methoden zur Qualitätsbeurteilung und -sicherung etablieren müssen. Diese Methoden ergänzen die traditionelle professionsbezogene Qualitätssicherung in Medizin und Pflege. Die Health Professionals nutzen bereits seit langem eine Vielzahl von Instrumenten und Methoden um die Prozesse der Leistungserstellung zu verbessern bzw. den medizinisch-pflegerischen Standards anzupassen. Traditionelle Methoden der Qualitätssicherung sind etwa Chefarztoder Pflegevisiten, Fallbesprechungen, Konsilien, Guidelines und Standards. Damit wird versucht, Diagnosen und 2 Einführung Januar 2002 Inhalt Suchen 16 z 03 01 Hilfe Treffer Behandlungen, bezogen auf die jeweilige Profession, zu analysieren und sie mit anderen Erfahrungen zu vergleichen, immer im Bestreben, möglichst gute Ergebnisse in der Patientenbehandlung zu erreichen. Dies ist auch notwendig, da die in den vergangenen Jahren erfolgten Kürzungen der Ressourcen für das Gesundheitswesen bzw. die steigenden Kosten zunehmend einen wirtschaftlicheren Mitteleinsatz verlangen. Öffentlichkeit und Betroffene reagieren zunehmend sensibel auf festgestellte Mängel. Die in den letzten Jahren eingeführten Marktmechanismen führen dazu, dass Leistungsanbieter bei schlechter Qualität nicht nur aus der Sicht der Professionen an Bedeutung verlieren, sondern auch wirtschaftlich in Schwierigkeiten kommen. Damit stellt sich die Qualitätsfrage auf den verschiedenen Ebenen neu. Einen Überblick über die wichtigsten Ansätze des Qualitätsmanagements zu erlangen ist kein leichtes Unterfangen. Schon die Frage der Gliederungskriterien für die Qualitätsansätze lässt sich kaum widerspruchsfrei lösen. Im Folgenden soll daher versucht werden, Ansatzpunkte des Qualitätsmanagements auf den verschiedenen Systemebenen darzustellen (s. ausführlich Kap. 16.01.02). Auf der Mikro-Ebene geht es um die Qualität der konkreten Beziehung zwischen Patient (Leistungsempfänger) und Health Professionals (Leistungserbringer). Auf der Meso-Ebene wird die Frage der Qualität aus der Sicht der Organisationen angegangen. Diese Ebene entspricht am ehesten dem üblichen Qualitätsmanagementansatz und umfasst neben der Qualitätskontrolle und -sicherung auch alle Ansätze zur Schaffung einer Qualitätskultur. Auf der Makro-Ebene werden Qualitätsverbesserungen mit den Möglichkeiten des Gesetzgebers bzw. der Selbstverwaltung und der professionellen Vereinigungen gesucht. 3 Und alles bei knapper werden Mitteln Drei Systemebenen 16 z 03 01 Einführung Inhalt Gegenseitige Abhängigkeit der Ebenen Suchen Treffer Hilfe Natürlich sind diese Ebenen nicht unabhängig voneinander. Sinnvolle gesetzliche Vorgaben (Makro-Ebene) sind beispielsweise erst dann möglich, wenn geeignete organisatorische Instrumente (Meso-Ebene) zum Qualitätsmanagement vorliegen, diese allerdings unterstützen die Qualität in den konkreten Leistungserstellungsprozessen (Mikro-Ebene), siehe auch Tabelle 1. Dieses Kapitel soll die unterschiedlichen Ebenen des Qualitätsmanagements beschreiben und auf aktuelle Entwicklungen in den unterschiedlichen Bereichen hinweisen. Tabelle 1: Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen: ein Problem auf mehreren Ebenen Ebene Makro Systemebene Fokus Gesundheitssystem Schutz der Patienten, damit Gruppen und Bevölkerung Meso Organisation Kundenorientierung Selbstverwaltung Leistungserbringer MitarbeiterVerbände orientierung Prozessorientierung Wirtschaftlichkeit Mikro Health Professional Patienten– Patientenorientierung Beziehung Outcomeorientierung 4 Beteiligte Staat Selbstverwaltung Versicherer Ansatzpunkte Gesetzliche Erlasse Ausbildungsrichtlinien Strukturplanung Gesundheitsberichterstattung Qualitätsmanagement-Modelle (ISO, EFQM, KTQ, QMK, JCAHO usw.) Unternehmenskultur Health Professionals VerhaltensPatientenanweisungen organisationen Guidelines/Standards Evidence based Medicine Qualitätsmanagement auf der Ebene des Gesundheitssystems (Makro-Ebene) Inhalt Suchen 16 z 03 02 Hilfe Treffer 16 z 03 | 02 Qualitätsmanagement auf der Ebene des Gesundheitssystems (Makro-Ebene) Qualitätssicherung auf der Makro-Ebene, d. h. das Interesse der Gesetzgeber und der Öffentlichkeit an der ärztlichen Qualität, hat eine lange Tradition. Bereits im Gesetzeswerk von Hammurabi (Codex Hammurabi) wurden erfolglosen Ärzten Strafen angedroht, um Missbräuche und schlechte Qualität zu verhindern: Qualitätssicherung hat Geschichte z« Hat der Arzt einen Abszess am Auge mit einem Januar 2002 stumpfen Messer geöffnet, den Patienten getötet oder gar sein Augenlicht zerstört, so soll seine Hand abgeschnitten werden. (Eckart 1998) Medizinische Erkenntnisse und empirische Befunde über die Wirkungen von ärztlichen und pflegerischen Leistungen fanden – anfangs langsam, dann aber immer rascher – Eingang in die Ausbildungssysteme der Health Professionals. Neben der Aufstellung abschreckender Vorschriften hat der Staat schon sehr früh Einfluss auf das professionelle Ausbildungssystem genommen bzw. die Berufszulassung vom erfolgreichen Abschluss anerkannter Ausbildungsgängen abhängig gemacht. Damit wurde ein wichtiger Beitrag zur Strukturqualität geleistet. Diese wurde in den letzten Jahren, auf Grund der rasanten theoretischen und technologischen Entwicklungen, von den Health Professionals selbst noch weiter verbessert. Angesichts der sich verkürzenden Halbwertszeit des medizinischen Wissens ist es nicht erstaunlich, dass heute den Professionen durch Verbände und Organisationen nicht nur Weiter- und Fortbildungsangebote gemacht, sondern auch gewisse Fortbildungsstandards vorgeschrieben und deren Erfüllung überwacht werden. 5 Einflussnahme von Staat und Verbänden 16 z 03 02 Qualitätsmanagement auf der Ebene des Gesundheitssystems (Makro-Ebene) Inhalt Die Entwicklung seit Anfang des 20. Jahrhunderts Verwertung statistischer Daten Suchen Treffer Hilfe Seit langer Zeit gibt es auch Ansätze der Systematisierung der professionellen Qualitätssicherung. So wurde bereits 1918 vom American College of Surgeons ein Programm entwickelt, um einen Mindeststandard des ärztlichen Handelns zu erreichen (Erkert 1991). Seit den 30er Jahren kann man beobachten, dass sich das Interesse der Profession an der Qualitätssicherung von den Ausbildungsstandards löste und sich zunehmend den erzielten Wirkungen („outcomes“) zuwandte. Mehr und mehr Studien wurden durchgeführt, um aufzuzeigen, wie etwa Mortalitätsraten bei Mutterschaft, bei Narkosen, bei der postoperativen Betreuung oder bei einzelnen Eingriffen gesenkt und wie die Diagnosesicherheit verbessert werden könnte. Die Bemühungen um Volkshygiene und Volksgesundheit in Deutschland bzw. um Public Health im angelsächsischen Raum führten dazu, dass seit Beginn dieses Jahrhunderts in vielen Regionen und Ländern Statistiken über Mortalitäts- und Morbiditätsraten, insbesondere Inzidenzraten, erhoben und publiziert wurden. Damit wuchs ein Interesse an den Einflussmöglichkeiten auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung. Insbesondere in staatlich gesteuerten Gesundheitssystemen konnten flächendeckend Gesundheitsstatistiken erstellt werden, welche zur Beurteilung und Optimierung der Ressourcenallokation genutzt wurden. In Krankenversicherungssystemen hingegen waren die statistischen Daten über verschiedene Besitzer (Versicherer, Leistungserbringer, Organe der Selbstverwaltung) verteilt. Eine Steuerung des Gesundheitssystem wurde so erschwert. Entsprechend bestimmten auch verschiedene Rationalitäten den Mitteleinsatz und damit wichtige Qualitätsaspekte auf der Systemebene. Seit der Schaffung des National Health Service (NHS) in England im Jahre 1948 stand die Qualität der Gesundheits6 Qualitätsmanagement auf der Ebene des Gesundheitssystems (Makro-Ebene) Januar 2002 Inhalt Suchen 16 z 03 02 Hilfe Treffer leistungen im Zentrum der Diskussion. Bereits 1950 wurden erste Indikatoren zu den Strukturen und Wirkungen erarbeitet. Seit diesem Zeitpunkt wurde die Qualitätsfrage immer wieder aufgegriffen und weiterentwickelt. 1956 wurden Vergleiche zwischen den verschiedenen Regionen bezüglich durchschnittlicher Belegungsraten, Aufenthaltsdauern, Wartezeiten und -listen usw. vorgelegt (HMSO 1956). 1976 wurden diese Indikatoren um qualitative Erhebungen zum Ausbildungsstand und zur Fortbildung der Health Professionals ergänzt (HMSO 1976). Drei Jahre später wurde den Regionen empfohlen, einen Peer-ReviewProzess für Pflege-, Betreuungs- und Behandlungsstandards einzuführen (HMSO 1979). 1989 wurde in einem weiteren Reformschritt der Aspekt der Qualitätssicherung direkt angesprochen und verlangt, dass alle Health Professionals, tätig im stationären und ambulanten Sektor aber auch im öffentlichen Gesundheitsdienst, in Audit-Prozessen eingebunden sein müssen (HMSO 1989). Diese Audits wurden in der Folge mehrfach differenziert und verbessert. Im Vergleich zu England oder Skandinavien bleibt Deutschland bezüglich staatlicher Forderung nach Qualitätssicherung im Gesundheitswesen zurück. Dies hängt u. a. mit der eingeschränkten Rolle der Krankenversicherer als Leistungseinkäufer zusammen. Dennoch bestehen auch in Deutschland eine Fülle von gesetzlichen Grundlagen zur Qualitätssicherung im Gesundheitswesen: § 70 SGBV verpflichtet die Krankenkassen und die Leistungserbringer im Gesundheitswesen im Allgemeinen auf Qualität, Humanität und Wirtschaftlichkeit, § 111a SGBV betrifft die Qualität in Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen, § 112 SGBV legt die Verfahrens- und Prüfgrundsätze für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Krankenhaus fest. § 113 SGBV fordert Wirtschaftlichkeit und Qualität 7 National Health Service setzt Meilensteine Gesetzliche Grundlagen in Deutschland 16 z 03 02 Qualitätsmanagement auf der Ebene des Gesundheitssystems (Makro-Ebene) Inhalt Änderungen durch die Gesundheitsreform 2000 Konkrete Überwachung der Qualitätssicherung Koordinierungsausschuss Suchen Treffer Hilfe der Krankenhausbehandlung, § 115b SGBV regelt die Qualität des ambulanten Operierens und der § 136 SGBV die Qualität in der vertragsärztlichen Versorgung. Die Gesundheitsreform 2000 beinhaltet neben neuen Bestimmungen zur integrierten Versorgung und zur Einführung eines neuen leistungsabhängigen Vergütungssystems, die Verpflichtung für Krankenhäuser, stationäre Vorsorgeeinrichtungen und stationäre Rehabilitationseinrichtungen zur Einführung eines internen Qualitätsmanagements sowie der Aufforderung, sich an einrichtungsübergreifenden Maßnahmen der Qualitätssicherung zu beteiligen (§ 135a SGBV). Dieses Postulat gilt konsequenterweise auch für die vertragsärztliche Versorgung (§ 136a SGBV). Die Parteien der Selbstverwaltung (Bundesärztekammer, Berufsorganisationen der Krankenpflegeberufe, Deutsche Krankenhausgesellschaft, Spitzenverbände der Krankenkassen und Verband der privaten Krankenversicherung) vereinbaren entsprechende Maßnahmen der Qualitätssicherung für zugelassene Krankenhäuser (§ 137 SGBV). Neu eingeführt wurde die Möglichkeit der Krankenkassen, bei Krankenhäusern die ihren Verpflichtungen zur Qualitätssicherung nicht nachkommen, Abschläge von den Pflegesätzen vorzunehmen (§ 14 Abs. 13 Bundespflegesatzverordnung). Außerdem wird eine Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in der Medizin gebildet (§ 137b SGBV), mit dem Ziel Qualitätssicherungsmaßnahmen auf ihre Wirksamkeit hin zu bewerten, die Einheitlichkeit der Qualifikations- und Qualitätssicherungsanforderungen zu gewährleisten sowie sektoren- und berufsgruppenübergreifende Qualitätssicherung im Gesundheitswesen einschließlich ihrer Umsetzung zu erarbeiten. Eine bessere Zusammenarbeit zwischen stationärem und ambulantem Sektor und damit eine Steigerung der 8 Qualitätsmanagement auf der Ebene des Gesundheitssystems (Makro-Ebene) Januar 2002 Inhalt Suchen 16 z 03 02 Hilfe Treffer Versorgungsqualität soll durch einen Koordinierungsausschuss sichergestellt werden (§ 137e SGBV). Seine Aufgabe ist es, auf Grund evidenzbasierter Leitlinien, Kriterien für eine zweckmäßige und wirtschaftliche Leistungserbringung, unter Berücksichtigung diagnostischer und therapeutischer Ziele, zu beschließen. Jährlich sollen zehn Krankheiten im Fokus stehen, bei denen Hinweise auf unzureichende, fehlerhafte oder übermäßige Versorgung bestehen und deren Beseitigung Auswirkungen auf Morbidität und Mortalität der Bevölkerung hat. Heute zwingt diese externe Qualitätssicherung durch staatliche Stellen und Verbandsorganisationen (wie z. B. Zentralstelle der deutschen Ärzteschaft zur Qualitätssicherung in der Medizin oder verschiedene Landesgeschäftsstellen Qualitätssicherung) die Leistungserbringer in Deutschland zunehmend – neben der traditionellen Qualitätssicherung durch die Health Professionals – ein Qualitätsmanagement mit einer klaren Kundenorientierung zu übernehmen. Eine reine Erfüllung der gesetzlichen Vorgaben, wie in der Vergangenheit, reicht nicht mehr aus (vgl. Kap. 16.03.04 zur Meso-Ebene). Von Krankenversicherungen und Staat werden bei Einführung neuer medizinischer Verfahren bzw. neuer Technologien immer häufiger sozio-ökonomische Evaluationen (Kap. 16.04) oder Health Technology Assessments (HTA) verlangt (Bitzer et al. 1998). Sie stellen ebenfalls ein Instrument der Qualitätssicherung dar, insbesondere dann, wenn Qualität aus einer gesellschaftlichen Sicht definiert wird. Diese Verfahren werden im Rahmen der zukünftigen Entwicklung zunehmend an Bedeutung gewinnen, insbesondere bei der Auswahl und Bewertung neuer Technologien, durch den medizinisch-technischen Fortschritt. 9 Zwang zum Qualitätsmanagement Evaluation, Health Technology Assessment 16 z 03 03 Qualitätssicherung auf der Arzt-Patienten-Ebene (Mikro-Ebene) Inhalt Suchen Treffer Hilfe 16 z 03 | 03 Qualitätssicherung auf der Arzt-Patienten-Ebene (Mikro-Ebene) Entscheidend ist der Einzelne Die von den Health Professionals ausgehende Qualitätssicherung hat traditionellerweise einen anderen Fokus. Systemfragen und Finanzierbarkeit spielen eine untergeordnete Bedeutung. Im Vordergrund stehen die Beziehungen zu und die Leistungen für die einzelnen Patienten. In der medizinischen Geschichte gibt es eine Fülle von Beispielen von engagiertem, anfänglich jedoch meist unsystematischem Engagement für Qualität. Maßgebend für den Erfolg waren häufig Macht und Durchsetzungsvermögen der Initianten. Der österreichische Arzt Ignaz Semmelweis (1818–1865) suchte nach Möglichkeiten, die Mortalität im Bereiche der Geburtshilfe zu senken. Auf Grund seiner Beobachtungen setzte er in dem ihm unterstellten Bereich durch, dass Ärzte, Pflegende und Studenten beim Wechsel zu einer neuen Patientin die Hände wuschen und desinfizierten. Ohne die Übertragungsmechanismen genau zu verstehen, senkte er mit dieser Maßnahme die Mortalität von Müttern und Neugeborenen maßgeblich (Eckart 1998). Versuche einer Systematisierung der Qualitätssicherung auf der Mikro-Ebene wurden lange Zeit abgelehnt. Die Begriffe Qualität und Qualitätssicherung sind auf dieser Ebene des Gesundheitswesens sehr vielschichtig. Eine erste von Health Professionals anerkannte Definition stammt von Donabedian. Bereits 1966 unterschied er zwei grundlegende Dimensionen der Qualität, den technischen Aspekt und den interpersonellen Aspekt. Beide Aspekte gliederte er dann in Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualitäten (Donabedian 1966, 1980; s. a. unter „berufsgruppenorientierter Ansatz“ in Kap. 11.01.04). Mit dem technischen Qualitätsaspekt werden die rein physischen Ma- Zum Beispiel Ignaz Semmelweis Definition von Donabedian 10 Qualitätssicherung auf der Arzt-Patienten-Ebene (Mikro-Ebene) Januar 2002 Inhalt Suchen 16 z 03 03 Hilfe Treffer nipulationen und die zur Leistungserstellung benötigten Materialien verstanden. Beispielsweise verbleibt ein Orthopäde, der einem Patienten eine neue Hüftgelenksendoprothese einsetzt, im Bereich des technischen Qualitätsaspektes. Die präoperative Beratung und Information sowie die Nachbehandlungen fallen unter die interpersonellen Qualitätsaspekte. Die interpersonellen Aspekte sind ebenso wichtig, allerdings in ihrer Wirkung schlechter prognostizierbar und bewertbar. Viele Qualitätskonzepte beschränken sich auf die technischen Aspekte, greifen damit für Gesundheitsleistungen jedoch eindeutig zu kurz. Bekannter ist Donabedians (1980) zweite Gliederungsdimension, die Unterscheidung in Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität. Mit diesem grundlegendem Modell hat Donabedian bereits in den sechziger Jahren die Diskussion um Qualität bei den Health Professionals angestoßen und systematisiert – zu einer Zeit, in der man in der Industrie noch kaum von Qualitätsmanagement sprach. In späteren Publikationen beschäftigte sich Donabedian neben dem technischem und interpersonellen Aspekt mit einer dritten Dimension, dem moralischen Aspekt (Donabedian 1989, 1991). Dieser wird zunehmend wichtig, öffnet sich doch die Schere zwischen medizinisch Möglichem und von den Ressourcen her Machbarem bzw. von gesellschaftlich Gewünschtem immer mehr. Health Professionals müssen daher immer häufiger Entscheidungen zwischen verschiedenen Qualitäten und Versorgungsniveaus treffen. Donabedian zeigt die Problematik der Qualitäten zwischen der Systemebene und der individuellen Ebene auf. Auf der Makro-Ebene handelt es sich weitgehend um Entscheidungen im Bereich der sozialen Gerechtigkeit und der Politik. Die Entwicklung von Standards ist in diesem Bereich äußerst schwierig und umstritten. 11 Konflikt zwischen Machbarem und Möglichem 16 z 03 03 Qualitätssicherung auf der Arzt-Patienten-Ebene (Mikro-Ebene) Inhalt Qualitätssicherung ist ein Prozess In der Praxis existieren Interessenskonflikte Suchen Treffer Hilfe Auch handelt es sich dabei um Qualitätsaspekte, die nicht alleine den Health Professionals überlassen werden dürfen. Diese Fragen um Rationalisierung und Rationierung von Gesundheitsleistungen erfordern vielmehr einen öffentlichen Diskurs (Güntert 1998; s. a. Kap. 18.02.01). Kritik am Modell von Donabedian wird dahingehend geübt, dass Qualitätssicherung als kreisförmiger Prozess verstanden werden muss, der nicht nur das Setzen von Standards beinhaltet, sondern auch die konkrete Durchführung der Patientenbetreuung und Behandlung, der Evaluation und Anpassung der Leistungserbringung, um die Standards zu erreichen (ANA 1982). Donabedians Modell eigne sich nur zur Identifikation von Qualitätsstandards und Kriterien, nicht jedoch zur konkreten Qualitätsverbesserung. Auch heute noch stehen viele Ärzte und Pflegende dem Qualitätsmanagement kritisch gegenüber. Dies nicht zuletzt, weil der Druck häufig von außen (Staat, Krankenversicherungen) kommt und die vorgeschlagenen Qualitätskonzepte der Denkweise der Health Professionals wenig entsprechen und den Besonderheiten des Gesundheitswesens auch nicht unbedingt gerecht werden. Auch aus der Sicht der Makro-Ebene wurde der Ansatz von Donabedian kritisiert, vor allem etwa, weil er den Begriff der Patientenbetreuung und nicht den der Qualität als solche verwendet (s. a. Kap. 11.01.04). Hier lieferten z. B. Maxwell (1984) oder Vuori (1982) pragmatischere Ansätze. Diese unterschiedlichen Qualitätsbegriffe machen die verschiedenartigen Qualitätsparadigmen im Gesundheitswesen deutlich. Unklar bleibt jedoch, welche Teilqualitäten Vorrang haben soll. In der Praxis prallen hier verschiedene Interessen aufeinander (ärztliche, pflegerische, technische oder ökonomische Perspektiven bzw. Perspektiven der Patienten, der Versicherten, der Kostenträger, der Health Pro12 Qualitätssicherung auf der Arzt-Patienten-Ebene (Mikro-Ebene) Januar 2002 Inhalt Suchen 16 z 03 03 Hilfe Treffer fessionals in der Klinik und dem ambulanten Bereich oder in der Forschung, der Politiker auf regionaler oder auf Bundesebene), die zu priorisieren sind. Prioritätensetzung erfordert Entscheidungen und damit Informationen. Lange Zeit verhinderten allerdings Health Professionals eine allgemeine Transparenz der Prozesse der Leistungserstellung. Auch ließen sie eine allgemeine Beurteilung der Ergebnisse nicht zu, da diese von vielen individuellen Faktoren bei Patienten und Ärzten oder Pflegenden abhängig seien und sich daher nicht objektivieren lassen würden. Diese Situation hat sich spätestens mit der Einführung neuer Finanzierungsmechanismen (Fallpauschalen, Sonderentgelte und gedeckelte Budgets) geändert. Das 1983 in den USA für Medicare-Patienten flächendeckend eingeführte diagnosebezogene Fallpauschalen-System hat dazu beigetragen, dass Prozesse und vor allem Ergebnisse auf der Ebene der Organisation (Meso-Ebene) aber auch der konkreten Einzelfälle (Mikro-Ebene) systematisch analysiert und erforscht wurden. Reerink (1995) stellte allerdings noch 1995 fest, z« dass sich die Qualitätssicherung im Gesundheits- wesen derzeit insgesamt als inadäquate Methode darstellt, die bisher auf ungenügender wissenschaftlicher Basis durchgeführt wird, in der die wissenschaftlichen Erkenntnisse unkoordiniert nebeneinander her existieren und nicht integriert werden und in der Richtlinien für fragwürdige Qualität existieren, die nicht auf transparentem Wege zustandegekommen sind. 13 Es mangelt an Transparenz 16 z 03 03 Qualitätssicherung auf der Arzt-Patienten-Ebene (Mikro-Ebene) Inhalt Das Konzept der EBM Suchen Treffer Hilfe Hier setzen jedoch die aktuell diskutierten Ansätze der evidenzbasierten Medizin (EBM) gezielt an (s. a. Kap. 18.02.04). Das Konzept EBM ist nicht neu (Sackett 1999), hat aber die wissenschaftliche und gesundheitspolitische Diskussion in Deutschland erst mit großer Verzögerung erreicht (Ollenschläger 1999). Bei EBM handelt es sich um eine Entscheidungsheuristik, mit deren Hilfe die individuellen Präferenzen und Erfahrungen der Leistungserbringer um medizinisch-wissenschaftliche Evidenz, aber auch um gesundheitsökonomische und gesundheitspolitische Dimensionen ergänzt wird. Die Vorgehensheuristik für EBM setzt im medizinischen Entscheidungsprozess an und sieht nach Schulenburg (1998) fünf Schritte vor, im Folgenden mit einem Beispiel ergänzt: 1. Stellen einer beantwortbaren Frage D Kann bei einer älteren weiblichen Patientin mit einer makrozytären hyperchromen Anämie ein geringer Ferritingehalt als Diagnose einer Eisenmangelanämie herangezogen werden? 2. Zielgerichtete Suche D Was ist bislang über das Thema an Studien durchgeführt worden? 3. Kritische Bewertung D Sind die Patienten in diesen Studien vergleichbar mit meiner Patientin? 4. Anwendung in der Praxis D Welche Erfahrungen mache ich in der Therapie mit meiner Patientin? 5. Persönliche Bewertung D Was bedeutet die von mir gemachte Erfahrung für den nächsten, ähnlich gelagerten Fall? 14 Qualitätssicherung auf der Arzt-Patienten-Ebene (Mikro-Ebene) Januar 2002 Inhalt Suchen 16 z 03 03 Hilfe Treffer Aus der Qualitätsperspektive überzeugend an diesem Vorgehenskonzept ist die Verbindung der subjektiven klinischen Erfahrung mit der systematischen Auseinandersetzung mit wissenschaftlich gesicherten externen Daten aus klinischen Studien. Voraussetzung für die erfolgreiche Anwendung von EBM ist ein entsprechender Umgang mit Informationen sowie leichter Zugang zu relevantem externen Datenmaterial. Das notwendige Informations- und Entscheidungsverhalten wird den Health Professionals in Seminaren vermittelt. Mit der Umgestaltung der Studiengänge und der Integration des Problem-based-Learning (PbL) werden die dazu notwendigen Fertigkeiten heute bereits im Grundstudium geschult (Greenhalgh 1997). Der Zugang zu Daten und Studienergebnissen wurde in den letzten Jahren laufend verbessert. Behandlungsmethoden werden heute in klinischen Studien abgesichert. Bei großen Studien gehört es schon fast zum Standard, dass auch aus sozio-ökonomischer Perspektive evaluiert wird. In vielen medizinischen Fachzeitschriften werden diese Arbeiten bzw. deren Ergebnisse publiziert und diskutiert. In den letzten Jahren sind spezialisierte EBM-Zeitschriften entstanden, in welchen Studienzusammenfassungen und vergleichende Analysen zu finden sind. Die Cochrane Collaboration mit einem weltweiten Netzwerk von Health Professionals stellt Zusammenfassungen und Vergleiche verschiedener Originalarbeiten und -studien nach anerkannten Kriterien her. Diese Reviews werden laufend aktualisiert und ergänzt. Sie sind auf CD-ROM bzw. über das Internet zugänglich (Antes 1999). Über das Internet können auch weitere medizinische Datenbanken abgefragt werden, die vielfach Originalarbeiten, Metaanalysen und Reviews enthalten. 15 Klinische Praxis und wissenschaftliche Theorie kommen zusammen Zugang zu Daten als Erfolgskriterium 16 z 03 03 Qualitätssicherung auf der Arzt-Patienten-Ebene (Mikro-Ebene) Inhalt Qualitätsfortschritt auf der Arzt-Patient-Ebene Notwendige kommunikative und soziale Kompetenzen Einbeziehung der Makro-Ebene Suchen Treffer Hilfe Mit der oben dargestellten Vorgehensheuristik und der Evidenzbasierung kann EBM sowohl zur rationalen Allokation wie auch zur Qualitätssicherung einen wichtigen Beitrag leisten. Auf der Ebene der direkten Leistungserbringung (Arzt-Patient) müssen die Health Professionals ihre subjektiven Erfahrungen und Präferenzen in der Patientenbetreuung mit objektiven wissenschaftlichen Erkenntnissen vergleichen. Entscheidungen über die konkreten zu erbringenden Leistungen sind auf Grund dieser neuen Informationslage zu treffen. Ein derartiges Entscheidungsverhalten wirkt sich sowohl auf die technischen wie auch auf die interpersonellen und die moralischen Qualitätsaspekte aus. Zum einen werden eher jene Leistungen erbracht, die effektiver und nachhaltiger wirken, zum anderen gewinnt die Qualität der Beratungsund Informationsleistung. Damit sollte ein höherer Gesamtnutzen entstehen und die rationale Ressourcenallokation unterstützt werden. Die Entscheidungen werden i.d.R. die Strukturen und Prozesse der Leistungserbringung betreffen und damit die Ergebnisse verbessern. Die Verbesserung der interpersonellen Qualitätsaspekte erfordert zusätzliche kommunikative und soziale Kompetenzen. Dabei gilt es auch die Patienten in die Entscheidungsfindungen mit einzubeziehen, bzw. die Entscheidungen transparent zu machen. EBM kann hier zumindest argumentativ unterstützen. Die Sensibilisierung der Health Professionals mit der Entscheidungssituation und die Möglichkeit, Alternativen darzustellen, dürfte zudem einen grundsätzlich positiven Einfluss auf die soziale und kommunikative Kompetenz haben. Da in immer mehr Studien soziale und ökonomische Konsequenzen dargestellt und diskutiert werden, wird auch die übergeordnete Ebene miteinbezogen und damit 16 Qualitätssicherung auf der Arzt-Patienten-Ebene (Mikro-Ebene) Januar 2002 Inhalt Suchen 16 z 03 03 Hilfe Treffer ein besserer Informationsstand zur Berücksichtigung der moralisch-ethischen Qualitätsaspekte erreicht. Die am Ansatz von Donabedian kritisierte enge Fokussierung auf die unmittelbare Patientenbetreuung wird mit EBM deutlich erweitert und so auf die Zusammenhänge im Gesamtsystem eingegangen. Abgestützt auf Evidenz werden heute zunehmend Guidelines und in vielen Einrichtungen auch Standards für die Behandlung häufiger oder komplexer Krankheiten bzw. für die Durchführung von diagnostischen und therapeutischen Prozeduren festgelegt. Damit hat EBM auch für das Qualitätsmanagement auf der institutionellen Ebene eine große Bedeutung, werden doch vor allem Strukturen (Ressourcen) und Prozesse (Abläufe) kritisch hinterfragt. Die langfristige Wirkung von diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen im Visier, kann EBM auch zum Korrektiv gegen Optimierungen von Leistungen und Abläufen aus betrieblichen und ökonomischen Gründen oder aus der eher kurzfristigen Sicht der Patientenzufriedenheit werden. Mit EBM werden im zunehmend kompetitiven Gesundheitswesen klare Qualitätsstandards gesetzt, die von den verschiedenen Akteuren (Kassen, Leistungserbringer usw.) anerkannt werden. So leistet EBM einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zu einem umfassenden Qualitätsmanagement auf der Mikro-Ebene, fließen doch Erkenntnisse aus klinischen und sozio-ökonomischen sowie aus Health Technology Assessment-Studien in die direkte konkrete Entscheidungsfindung der Health Professionals ein. EBM leistet so einen Beitrag, die drei Entscheidungsebenen im Interesse von Patienten, Leistungserbringern und Gesellschaft zu verbinden. 17 Bedeutung für die Meso-Ebene EBM ist wichtiger Beitrag für die Verknüpfung der Ebenen 16 z 03 04 Qualitätsmanagement auf Ebene der Einrichtungen des Gesundheitswesens Inhalt 16 z 03 | 04 Qualitätssicherung nur am Patienten reicht nicht aus Verschiedene Ansätze eines institutionelles Qualitätsmanagement Suchen Treffer Hilfe Qualitätsmanagement auf Ebene der Einrichtungen des Gesundheitswesens (Meso-Ebene) Die Qualitätssicherungsmaßnahmen der übergeordneten Ebene wirken sich bisher nicht oder kaum auf die konkrete klinische Arbeit aus. Der gesellschaftliche Fokus der Makro-Ebene hat im Arzt-Patienten-Verhältnis ebenfalls nur eine sekundäre Bedeutung. Ereignisse oder Praktiken auf der Mikro-Ebene werden nun jedoch zunehmend für die Meso-Ebene wichtig. Für die Gesundheitseinrichtungen reichen die Maßnahmen der Health Professionals zur Qualitätssicherung alleine jedoch nicht mehr aus (Kersting 1995; Biermann 1996). Der zunehmende Wettbewerb zwischen Krankenhäusern und anderen Einrichtungen erfordert eine Verbesserung der Attraktivität für die verschiedenen Kundengruppen. Dazu ist es erforderlich, neben der Qualität der Leistungen, die direkt an den Patienten erbracht werden, auch jene zu sichern, die nicht direkt mit der Patientenbehandlung zu tun haben. Typisch für das Gesundheitswesen nämlich ist, dass die Leistungsempfänger (Patienten) nicht die einzigen Kunden sind. Zu berücksichtigen sind auch Angehörige und Bezugspersonen sowie die Krankenversicherer als Bezahler der Leistungen oder der Staat mit seinem sozialpolitischen Auftrag. Damit werden ganz unterschiedliche Qualitätsanforderungen an die Leistungserbringer gestellt (Güntert u. Offermanns 2000). Zukünftig wird es für die Einrichtungen im Gesundheitswesen nicht mehr ausreichen, lediglich gute Qualität in der Patientenbehandlung zu erbringen, man sollte sie auch entsprechend darlegen können. So verwundert nicht, dass sich heute immer mehr Einrichtungen des Gesundheitswesens in Anlehnung an Industrie und Dienstleistungsbereich ein institutionelles 18 Qualitätsmanagement auf Ebene der Einrichtungen des Gesundheitswesens Inhalt Suchen 16 z 03 04 Hilfe Treffer Januar 2002 Qualitätsmanagement aufbauen. Grundsätzlich können im Qualitätsmanagement des Gesundheitswesens verschiedene Qualitätsmanagement-Philosophien und -modelle beobachtet werden, die teils industriekompatibel, teils gesundheitswesentypisch sind und ganz unterschiedliche Verbreitungsgrade aufweisen. Heute werden vor allem die folgenden Modelle angewandt. Zertifizierung nach ISO 9000 ff Die ISO-9000 ff-Zertifizierung hat im Gesundheitswesen (noch) nicht die Bedeutung wie in der Industrie. Anfang 2000 waren von den rund 2300 akut stationären Einrichtungen in Deutschland beispielsweise erst knappe 100 zertifiziert bzw. teilzertifiziert. Mit dem Konzept ISO 9000 ff wird versucht, durch stark normierte Planungsund Produktionsschritte Qualitätsverbesserungen zu erzielen (Kap. 11.02.03). Es bedient sich dabei unterschiedlicher Techniken, die in Qualitätshandbüchern dargestellt werden. Unter Zertifizierung versteht man die „Abnahme“ einer Gesundheitseinrichtung durch akkreditierte Gutachter. Vor Ort wird überprüft, ob einerseits die Forderungen der Norm erfüllt und andererseits die organisatorischen Voraussetzungen bestehen, damit auch danach gearbeitet werden kann. Nach erfolgreichem Abschluss erhält die Gesundheitseinrichtung ein Zertifikat. Die Zertifizierung wird anschließend jährlich überprüft und ist nach drei Jahren komplett zu wiederholen. Grundsätzlich muss festgestellt werden, dass bei einer Zertifizierung nicht die Ergebnisqualität von medizinischen Dienstleistungen gemessen wird, auch nicht die tatsächliche Beherrschung der Prozesse bzw. die Prozessqualität. Einer zertifizierten Einrichtung wird somit lediglich die „Qualitätsfähigkeit“ bescheinigt, d. h. die theoretische 19 Bedeutung vor allem in der Industrie Messung nur der „Qualitätsfähigkeit“ 16 z 03 04 Qualitätsmanagement auf Ebene der Einrichtungen des Gesundheitswesens Inhalt Maßgebend: DIN ISO 9000-2000 Im Rahmen des TQM Befähiger- und Ergebniskriterien . . . Suchen Treffer Hilfe Eignung, definierte Qualitätsanforderungen zu erfüllen (Wengle 1998; Seghezzi 1996). Seit Ende 2000 ist die neue DIN ISO 9000-2000 eingeführt. Sie bündelt die Normen DIN ISO 9001 bis 9003 in einem Standard zusammen und versucht nun auch Komponenten der Ergebnisqualität zu bewerten. DIN ISO 9004-2000 gibt einen Leitfaden zur Leistungsverbesserung einer Organisation. Alle nach der alten Norm zertifizierten Einrichtungen erhalten die Gelegenheit ihr Qualitätsmanagementsystem entsprechend umzustellen. Ab Ende 2003 dürfen nur noch Zertifikate nach der neuen Norm vergeben werden. Deshalb sollte der Übergang zur Vermeidung von zu kurzen Gültigkeitsdauern ausreichend zeitig vollzogen werden. Über die zukünftige Relevanz der neuen DIN ISO 9000-2000 Norm im Gesundheitswesen wird die mögliche Fähigkeit des Verfahrens sein, auch Ergebniskomponenten abzubilden. Das EFQM-Modell Modelle des Total Quality Management (TQM) (Kap. 11.01.04) und deren Awards gewinnen z. B. mit dem europäischen Beitrag der EFQM auch im Gesundheitswesen vermehrt an Bedeutung (vgl. Möller et al. 1998). Die EFQM (European Foundation for Quality Management) wurde im Jahr 1988 von 14 europäischen Firmen gegründet. Ziel ist, europäischen Organisationen durch TQM eine führende Position im Wettbewerb mit anderen Anbietern zu ermöglichen. Als Grundlage einer Selbstbewertung oder einer Bewerbung um den EQA (European Quality Award) wird auf das so genannte EFQM-Modell zurückgegriffen (vgl. Kap. 11.02.04). Die Grundstruktur des Modells unterscheidet zwei Gruppen von Einflussgrößen, nämlich die fünf Befähiger20 Qualitätsmanagement auf Ebene der Einrichtungen des Gesundheitswesens Januar 2002 Inhalt Suchen 16 z 03 04 Hilfe Treffer kriterien („Enablers“) und die vier Ergebniskriterien („Results“). Den Befähigerkriterien (K1 bis K5) „Führung“, „Politik und Strategie“, „Mitarbeiter“, „Partnerschaft und Ressourcen“ und „Prozesse“ stehen die Ergebniskriterien (K6 bis K9) „Kundenbezogene Ergebnisse“, „Mitarbeiterbezogene Ergebnisse“, „Gesellschaftsbezogene Ergebnisse“ sowie „Wichtige Ergebnisse der Organisation“ gegenüber (Zink 1995 und Kap. 11.02.04 Abb. 3). Im Prozess einer Selbstbewertung (Abb. 1) erarbeiten die Mitarbeiter einer Gesundheitseinrichtung die Inhalte und den erreichten Stand in allen neun Kriterien und fertigen einen so genannten Ergebnisbericht als Ist-Analyse an. Der Prozess kann durch externe Gutachter begleitet werden. Deren Aufgabe ist es u. a., alle Mitarbeiter mit dem EFQM-Modell vertraut zu machen und die Erstellung des Ergebnisberichts zu unterstützen. Akkreditierte EFQM-Assessoren begutachten den Ergebnisbericht der Gesundheitseinrichtung, wobei Befähiger- und Ergebniskriterien jeweils zu 50% in die Bewertung eingehen. Die Punktbewertung resultiert dann in einen Wert zwischen 0 und 1000, der einen Anhaltspunkt über den aktuellen Abb. 1: Ablauf einer Selbstbewertung nach dem EFQM-Modell. (Offermanns u. Güntert 2000 a) 21 . . . bewertet mit Punkten 16 z 03 04 Qualitätsmanagement auf Ebene der Einrichtungen des Gesundheitswesens Inhalt Einleiten eines Verbesserungsprozesses Etwas problematische Anwendung im Gesundheitsbereich Suchen Treffer Hilfe Stand der Qualität in der Einrichtung gibt (s. Beispiel in Kap. 11.02.04 Abb. 4). Das Gutachten gibt weiterhin Auskunft über Stärken und Verbesserungspotenziale einer Organisation. In einem gemeinsamen Workshop von Vertretern der Organisation mit den externen Gutachtern werden Verbesserungsprojekte definiert und deren Umsetzung geplant. Eine Wiederholung der Selbstbewertung in einem ein- oder zweijährigen Turnus macht dann Entwicklungen der Einrichtung in Bezug auf Qualität transparent und messbar. Durch konkrete Umsetzung der benannten Verbesserungspotenziale kann ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess in Gang gesetzt werden. Die Ergebnisse des Gutachtens und die daraus resultierenden Veränderungen können gegenüber den unterschiedlichen Anspruchsgruppen transparent gemacht und in unterschiedlicher Art und Weise auch zum Marketing genutzt werden. Immer häufiger findet das EFQM-Modell Anwendung in Einrichtungen des Gesundheitswesens. Den positiven ersten Erfahrungen der Anwender stehen aber auch kritische Stimmen gegenüber. Diese stellen etwa in Frage, ob sich die EFQM-Kriterien auf den Bereich der Medizin übertragen lassen, da Gesundheit ein öffentliches Gut und das Gesundheitswesen in der Regel kein freier Markt ist, in dem Angebot und Nachfrage zwischen Kunden und Lieferanten Preise und Qualität regeln (Selbmann 1999). Auch gibt es noch keinen empirischen Befund darüber, ob die Gewichtung der einzelnen Befähiger- und Ergebniskriterien der Leistungserstellung im Gesundheitswesen gerecht wird. Unterschiedliche nationale und internationale Arbeitsgruppen entwickeln das EFQM-Modell ständig weiter, um eine bessere Übertragbarkeit, auch für Einrichtungen des Gesundheitswesen, sicherzustellen. 22 Qualitätsmanagement auf Ebene der Einrichtungen des Gesundheitswesens Januar 2002 Inhalt Suchen 16 z 03 04 Hilfe Treffer Kooperation für Transparenz und Qualität im Krankenhaus KTQ Die Initiative KTQ (Kooperation für Transparenz und Qualität im Krankenhaus) (Kap. 11.02.07) mit den Vertragspartnern von Bundesärztekammer, Verband der Angestellten Krankenkassen/der Arbeiter Ersatzkassenverband (VDAK/AEV), Deutscher Krankenhausgesellschaft (DKG) unter Beteiligung des deutschen Pflegerates (Spitzenorganisation der Pflegeverbände) und Vertretern eines Zusammenschlusses konfessioneller Krankenhäuser, entwickeln zurzeit ein krankenhausspezifisches Zertfizierungsverfahren. Als bisher letzter Vertragspartner ist auch der AOK-Bundesverband der Initiative beigetreten. Damit erhält das Verfahren eine hohe Relevanz für alle Krankenhäuser Deutschlands. Ziel ist es, bewährte Prinzipien und Methoden anderer Verfahren zu nutzen, diese sinnvoll zu integrieren und auf die spezielle Situation von Krankenhäusern zuzuschneiden. In die Entwicklungsarbeiten sollen auch die Erkenntnisse aus dem parallel laufenden Demonstrationsprojekt „Qualitätsmanagement im Krankenhaus“ des Bundesministeriums für Gesundheit so weit wie möglich einfließen. Der Zertifizierung vorangestellt ist eine Selbstbewertung, um die Stärken und Schwächen der zu zertifizierenden Häuser besser kennen zu lernen. Ausgangsbasis ist das EFQM-Verfahren. Dieses wird jedoch inhaltlich ergänzt und mit eigens entwickelten Standards konkretisiert. Das Verfahren befand sich bis Mitte 2001 in einer Pilotphase, an der 25 Krankenhäuser aus unterschiedlichen Versorgungsstufen beteiligt sind. Der entworfene Bewertungskatalog wurde dort bereits im Rahmen einer Selbstbewertung, mit anschließendem Besuch durch eigens geschulte Visitoren, getestet. 23 Steigende Bedeutung in Deutschland Anpassung an die Situation im Krankenhaus 16 z 03 04 Qualitätsmanagement auf Ebene der Einrichtungen des Gesundheitswesens Inhalt Suchen Treffer Hilfe z! Ab 2002 soll das Verfahren in den Regelbetrieb über- gehen. Zu erwarten ist, dass sich das Verfahren zunehmend an die methodische Vorgehensweise des EFQM-Modells annähern wird, insbesondere im Bereich der Bewertungssystematik zur Erteilung des Qualitätszertifikats. Kriterien für die Zertifikatvergabe werden eine gewisse Mindestpunktzahl, die Teilnahme an allen verbindlichen Qualitätssicherungsverfahren nach dem SGB V sowie die Veröffentlichung des KTQQualitätsberichtes sein. Deutsche Standards VQG in der Schweiz Akkreditierungsstandards Akkreditierungszertifikate in Deutschland, z. B. des Verbandes der Privatkrankenanstalten oder der Träger kirchlicher Einrichtungen (seit 1998), weisen zu erfüllende Minimalstandards aus. Wichtige Vorbilder sind die Akkreditierungsrichtlinien/-leitlinien der US-amerikanischen Joint Commission on Accreditation of Health Care Organizations (JCAHO) (Kap. 11.02.05) und der kanadischen CCHFSA (Canadian Council on Health Facilities Accreditation). Einziger Ableger dieses Versuches der Systematisierung von Qualität und somit einer Integration von medizinisch-pflegerischer Qualitätssicherung mit Qualitätsmanagementphilosophien ist im deutschsprachigem Raum derzeit die schweizerische VQG (Vereinigung für Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen) mit 9 zu bearbeitenden Indikatoren: z Spitalhygiene, z Erhebung von Patientenurteilen, z Beurteilung der Angemessenheit von Aufenthaltsdauern (Utilization review), 24 Qualitätsmanagement auf Ebene der Einrichtungen des Gesundheitswesens Inhalt z z z z z Januar 2002 z Suchen 16 z 03 04 Hilfe Treffer Pflegestandards in Teilbereichen des Spitals, Kommunikation im Spital (u. a. Patientenbefragungen), Schmerzbekämpfung, Umgang mit der Statistik der Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Frauenkliniken, Dokumentation zu häufigen Operationen, Behandlung von Diabetes mellitus. Hier hat allerdings im Gegensatz zu den USA und Kanada eine nicht vorgenommene Akkreditierung noch keine Marktzutrittsverwehrung (Verlust der Entschädigung durch staatliche Versicherungen) zur Folge. Neuerdings werden erste Versuche unternommen das amerikanische Akkreditierungssystem der Joint Commission auf das deutsche Gesundheitssystem zu übertragen. Momentan durchlaufen mehrere Krankenhäuser diese Form der Akkreditierung im Rahmen eines Pilotprojektes. Es stellt sich in diesem Zusammenhang die grundsätzliche Frage, ob ein Qualitätsmanagementkonzept aus Industrie und Dienstleistungsbereich sich überhaupt auf die Situation der Erbringung einer personalen Dienstleistung (Lehmann 1993) und im Speziellen einer Gesundheitsleistung mit ihren bedeutungsvollen ethischen und sozialen Dimensionen übertragen lässt (Badura u. Strodtholz 1998). Das neue Finanzierungssystem wird gravierende Veränderungen im Gesundheitssystem und insbesondere für die Krankenhäuser mit sich bringen. DRGs sind ein Vergütungssystem auf der Basis einer diagnosebezogenen Klassifizierung von stationär behandelten Patienten (s. die Beiträge im Teil 2.2, v. a. Kap. 2.21). Das einzelne Krankenhaus hat nun ein Interesse daran, die Behandlung mit möglichst geringem Ressourcenverbrauch durchzuführen. Diese komplett veränderten Anreizstrukturen 25 Frage nach der grundsätzlichen Tauglichkeit DRGs mit Auswirkungen auf die Qualität 16 z 03 04 Qualitätsmanagement auf Ebene der Einrichtungen des Gesundheitswesens Inhalt Suchen Treffer Hilfe könnten Auswirkungen auf die Qualität von Krankenhaus-Leistungen haben. Folgende Bereiche können u. a. für die Zukunft als kritisch angesehen werden (Lauterbach u. Lüngen 2001; Sangha 2001): z Eine negative Entwicklung einer DRG-Vergütung wäre eine Senkung des Ressourcenverbrauchs über ein medizinisch vertretbares Maß hinaus; dem Patienten könnten medizinisch sinnvolle Krankenhausleistungen vorenthalten werden. Eine solche Unterversorgung hätte eine schlechtere Versorgungsqualität zur Folge. Als Beispiel genannt wird häufig eine frühzeitige Entlassung in einem instabilen Zustand. z Auch besteht die Gefahr, dass Patienten bewusst in eine ökonomisch attraktive DRG eingeordnet werden, mit der Folge, dass für den Patienten medizinisch unsinnige Leistungen erbracht werden (so genanntes Upcoding oder DRG-Creep). Die Ursachen sind eine gezielte fehlerhafte Kodierung von Haupt- und Nebendiagnosen sowie erbrachten Prozeduren. z Durch die Zuordnung der DRG zu Erlösen besteht die Gefahr der Patientenselektion, d. h. Patientengruppen, die medizinisch gesehen einen Bedarf haben, aber ökonomisch nicht attraktiv sind, werden nicht oder nur noch eingeschränkt versorgt. Entwarnung aus den USA Studien aus den USA nach Einführung des DRG-Systems konnten allerdings unter der dortigen Marktstruktur und dem geltenden Rechtssystem keinen gravierenden Qualitätseinbruch nachweisen. Eine amerikanische Krankenversicherung untersuchte die Qualität vor und nach der Einführung einer DRG basierten Vergütung, wobei die medizinische Fallschwere bei Aufnahme des Patienten eher zunahm. Allerdings konnte beobachtet werden, dass der An26 Zusammenfassung und Ausblick Inhalt Suchen 16 z 03 05 Hilfe Treffer teil der zu früh entlassenen Patienten aus dem Krankenhaus von 10% auf 15% anstieg. Dennoch änderte sich die Mortalität nach Entlassung aus dem Krankenhaus nicht (vgl. Keeler et al. 1990; Kosecoff et al. 1990; Feinglass u. Holloway 1991). 16 z 03 | 05 Zusammenfassung und Ausblick Januar 2002 z Die knappen finanziellen Ressourcen, die Übertragung der Finanzverantwortung an die Gesundheitseinrichtungen und neue Markt- bzw. Expertenmarktstrukturen machen einen breiten Qualitätsbezug erforderlich. z Die Qualitätssicherungsanstrengungen der Health Professionals sind stark leistungserbringerzentriert, d. h. sie weisen nur wenige Komponenten von Patienten- und Kundenzufriedenheit auf und konzentrieren sich weitgehend auf die Mikro-Ebene. Eine Ergänzung der Perspektive um Komponenten eines umfassenden Qualitätsmanagements der Meso- und Makro-Ebene ist nicht zuletzt im Interesse der Marktattraktivität der verschiedenen Anbieter notwendig. z Die verschiedenen Qualitätsmodelle wollen bessere Qualität in der Zukunft erreichen: Medizinische Qualitätssicherung durch Vermeiden von Fehlern der Vergangenheit, ISO 9000 ff durch normierte Planungs- und Produktionsschritte und TQM durch kontinuierliche Ausrichtung auf Kundenbedürfnisse. Für TQM ist Flexibilität geradezu Voraussetzung, wohingegen die medizinische Qualitätssicherung und insbesondere ISO 9000 ff eher träge Systeme sind. z In der Vergangenheit wurde oftmals von einem Gegensatz zwischen DIN ISO 9000 ff und TQM bzw. dem EFQM-Modell gesprochen. Dass kein Gegensatz besteht, sondern dass Krankenhäuser die nach ISO zertifiziert 27 Maßnahmen der Qualitätssicherung sind notwendig ISO 9000 ff, TQM EFQM-Modell 16 z 03 05 Zusammenfassung und Ausblick Inhalt KTQ-Verfahren Suchen Treffer Hilfe sind, Teil eines TQM-Systems sein können, wurde schon nachgewiesen (Paeger 1999). Die Konzepte stellen keinen Widerspruch dar, sondern können integriert werden. Eine ISO-Zertifizierung ist besonders geeignet für Bereiche im Krankenhaus mit komplexen Behandlungs- oder Prozessabläufen (z. B. ambulante Chirurgie, Radiologie, Laboratorien, IVF-Zentren), um die Prozessqualität sicherstellen zu können (Börchers 2001). Zum Einstieg in das Qualitätsmanagement ist die Einführung eines TQM-Systems mit Hilfe des EFQM-Modells der geeignetere Weg, da die Ergebnisqualität in unterschiedlichen Bereichen bewertet wird. Die ISO-Zertifizierung vernachlässigt Ergebniskomponenten bisher gänzlich. Sie kann sicherlich ein sinnvoller Baustein für einen EFQM-Prozess sein, insbesondere zur Abdeckung des Kriteriums K 5 „Prozesse“. Allerdings ist in einer ISO-Zertifizierung eine kontinuierliche Verbesserung nicht angelegt, da die Prozesse, in der im Handbuch niedergelegten Art und Weise, in statischer Form verbleiben. Dies äußert sich in starken Qualitätskontrollen und aufwendigen Dokumentationen. Bei den TQM-Ansätzen hingegen liegen die Verantwortlichkeiten sowohl beim Management als auch bei den einzelnen Mitarbeitern, insbesondere im Hinblick auf eine starke Patientenorientierung ein wichtiger Erfolgsfaktor (Wengle 1998). z Eine Zertifizierung nach dem KTQ-Verfahren erscheint als Einstieg ebenfalls möglich, allerdings werden hier die Ergebniskomponenten ebenso wie beim DINISO-Verfahren vernachlässigt. Man genügt hier eher den Vorgaben der Projektpartner, mit allen Nachteilen einer oben beschrieben Zertifizierung. Das Verfahren wird, bei Verwirklichung des „Einkaufmodells“ (selektive Kontrahierung durch Direktverträge der Krankenhäuser durch 28 Zusammenfassung und Ausblick Januar 2002 Inhalt Suchen 16 z 03 05 Hilfe Treffer die Kostenträger), den Krankenkassen die Möglichkeit bieten, unter Akzeptanz der Qualitätsnormen des KTQKataloges zwischen Krankenhäusern auszuwählen. z Durch seinen umfassenden Ansatz kann das EFQMModell das KTQ-Verfahren mit abdecken. Je nach Adressat (Kostenträger, Fachgesellschaften, Patienten usw.) kann sowohl ein KTQ-Zertifizierungsbericht als auch ein EFQM-Ergebnisbericht erarbeitet und vorgelegt werden (sogenannter Crosswalk: Kombination unterschiedlicher Qualitätsmodelle, Paeger et al. 2001). z Durch die doppelte Wirksamkeit von TQM – einerseits durch die kunden- und effizienzorientierte Beschäftigung mit dem Thema Qualität und andererseits durch die geschaffene Möglichkeit zur Organisationsentwicklung – scheint die Einführung von Qualitätsmanagementsystemen im Sinne von TQM für Gesundheitsorganisationen eine erfolgversprechende Möglichkeit im Umgang mit den immer komplexer werdenden Umfeldbedingungen zu sein. Der Nutzen für die einzelne Einrichtung geht dann über die gesetzlichen Forderungen hinaus, nämlich in einer messbar gesteigerten Patienten- und Mitarbeiterzufriedenheit. z Unabhängig von der gewählten Vorgehensweise ist es für Krankenhäuser auf jeden Fall ratsam, spätestens jetzt in das Qualitätsmanagement einzusteigen. Dies nicht nur, um den Anforderungen des Gesetzgeber gerecht zu werden, sondern auch um einen Prozess der kontinuierlichen Qualitätsverbesserung auszulösen. Qualitätsmangement kann nur dann zu wirklicher Veränderung führen, wenn seine Philosophie akzeptiert wird und es so integraler Bestandteil des täglichen Handelns aller Mitarbeiter wird. Dies wäre im Sinne aller Beteiligten im Krankenhaus – mit den Patienten im Mittelpunkt. 29 Crosswalk zwischen EFQM und KTQ Einstieg in das QM ratsam 16 z 03 05 Zusammenfassung und Ausblick Inhalt Herausforderung an die Health Professionals Umfassende Qualität nur im Zusammenspiel aller Ebenen Suchen z Treffer Hilfe Ein langfristig tragfähiges und sinnvolles Qualitätsmanagement erfordert eine breite und intensive Auseinandersetzung der Health Professionals mit Qualitätsaspekten. Die professionell entwickelten Qualitätsmodelle, welche sich in der konkreten Arzt-Patienten-Beziehung bewähren und entsprechende Ergebnisse sichern, sind wichtige Grundlagen für das Qualitätsmanagement auf der institutionellen Ebene. Sie sind auch Voraussetzung, dass die vom Gesetzgeber geäußerten Erwartungen konkret erfüllt werden können. Allerdings braucht es auch Anstöße aus der Makro- und Meso-Ebene, um Professionals zu einer breiten Auseinandersetzung mit Qualität zu motivieren. z Die aktuellen Entwicklungen machen deutlich, dass sich die drei Ebenen gegenseitig bedingen, um ein umfassendes Qualitätsmanagement zu erreichen. Der Staat schafft über die Systemstrukturen die Voraussetzungen dazu, welche dann allerdings erst auf der Meso- und Mikro-Ebene umgesetzt werden können. Durch die geplante Einführung des neuen Finanzierungssystems für Krankenhausleistungen im Jahr 2003 werden der Rolle des Qualitätsmanagements neue Aspekte hinzugefügt. Die unterschiedlichen Ansätze der Qualitätssicherung auf der Mikro-Ebene und dem institutionellen Qualitätsmanagement der Meso-Ebene werden näher zusammenrücken müssen. Eine externe Qualitätssicherung durch Staat und Selbstverwaltung kann hier nur unterstützend wirken, d. h. die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. Der Erfolg des neuen Vergütungssystems wird letztlich von der Akzeptanz der neuen Vergütungsstrukturen auf der Mikro-Ebene abhängen, also in der konkreten Beziehung zwischen Health Professional und Patient (Offermanns u. Güntert 2000 b). 30 Zusammenfassung und Ausblick Inhalt Suchen Hilfe Treffer z Ein umfassendes Qualitätsmanagement erfordert folglich die Verbindung der Qualitätssicherungsansätze auf den drei Ebenen. Insbesondere die Berücksichtigung der Finanzierer (z. B. Krankenversicherer) als Kunden, der Finanzierbarkeit und der Integration schafft die Möglichkeit zum Brückenschlag. Nur das Zusammenführen der Qualitätssicherung der Health Professionals mit den Ansätzen der Qualitätssicherung auf der gesellschaftlichen Ebene und dem Qualitätsmanagement der institutionellen Ebene führt zu einer umfassenden Qualität im Sinne aller Beteiligten. Literatur Januar 2002 16 z 03 05 ANA American Nurses Association (1982) Nursing Quality Assurance Management Learning System. 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