10 z 10 Die elektronische Patientenakte Inhalt Suchen Hilfe Treffer 10 z 10 Die elektronische Patientenakte Mai 2000 Hans-Ulrich Prokosch inhaltsüberblick Die Einführung einer „elektronischen Patientenakte“ wird in den letzten Jahren immer häufiger diskutiert und als ein probates Mittel zur Verbesserung der „Aktenführung“ im Gesundheitswesen apostrophiert. In den folgenden Abschnitten wird die Strukturierung und Nutzung der traditionellen Patientenakte ausführlich dargestellt. Ziele für die Einführung einer elektronischen Patientenakte, aber auch die Anforderungen, die sich an eine solche ergeben, werden beispielhaft illustriert. Stufen zur Einführung der elektronischen Patientenakte, nicht nur innerhalb einer abgegrenzten Institution sondern auch übergreifend über verschiedene Versorgungseinrichtungen im Gesundheitswesen, werden beschrieben. z« The medical record is an abomination . . . It is a disgrace to the profession that created it. More often than not the chart is thick, tattered, disorganised and illegible; progress notes, consultant’s notes, radiology reports and nurses notes are all co-mingled in accession sequence. The charts confuse rather than enlighten; they provide a forbidding challenge to anyone who tries to understand what is happening to the patient. (H. Bleich) Patientenakten sind abstoßend . . . Sie sind eine Schande für den Berufsstand, der sie verfasst. Wie oft sind die Akten dümmlich, in Fetzen, durcheinander und unleserlich; Notizen über die gesundheitliche Entwicklung, über Beratungen, Röntgenunter- 1 10 z 10 01 Die traditionelle Patientenakte Inhalt Suchen Hilfe suchungen, Notizen der Pflegekräfte, alles durcheinandergemischt und in willkürliche Reihenfolge gebracht. Statt aufzuklären verwirren die Akten; sie stellen eine Widerwillen erzeugende Herausforderung an jeden dar, der wissen möchte, was eigentlich mit dem Patienten geschehen ist. « 10 z 10 | 01 Treffer Die traditionelle Patientenakte Mit den einleitend zitierten Worten beschreibt Bleich (1993) den seiner Meinung nach katastrophalen Zustand der traditionellen Patientenakten. Die Einführung einer „elektronischen Patientenakte“ wird in den letzten Jahren immer häufiger diskutiert und als ein probates Mittel zur Verbesserung der „Aktenführung“ im Gesundheitswesen apostrophiert (Haas 1999, Klein 1999, Schmücker u. Dujat 1996). Die traditionelle in Institutionen des Gesundheitswesens verwendete Patientenakte beinhaltet Notizen und Aussagen zum Gesundheitszustand sowie zu diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen, die von Ärzten und anderen Mitarbeitern des Gesundheitswesens eingetragen werden. Darüberhinaus fließen in diese Patientenakte Patientenbefunde aus anderen Quellen ein, wie z. B. Ergebnisse von Laboruntersuchungen, Röntgen-, Ultraschall- und EKG-Befunde. Auch wenn sich die meisten Informationen in dieser Akte durch textuelle und numerische Beschreibungen darstellen lassen, so ist die Möglichkeit Patientenzustände auch durch andere Informationstypen zu beschreiben (z. B. EKG-Kurven, sonstige graphische Skizzen, Bilder wie Röntgen-, CT- oder Ultraschall-Bilder, Photographien, Tonaufzeichnungen oder sogar Videos) ein wichtiges Charakteristikum der traditionellen Patientenakte. 2 Die traditionelle Patientenakte Inhalt Suchen 10 z 10 01 Hilfe Treffer z! Eine Patientenakte ist somit eine Sammlung medizi- Mai 2000 nischer Dokumente zum Gesundheits-/Krankheitsgeschehen einer Person aus der Sicht einer bestimmten Institution (bei der die jeweilige Person als Patient in Behandlung ist). Für das Wiederauffinden einmal in die Akte aufgenommener Dokumente ist es wichtig, die Struktur und Ordnung dieser Akte zu kennen. In vielen Beispielen für Patientenakten – so auch schon in einer von Hippocrates vor ca. 2600 Jahren angelegten Akte – findet man typischerweise eine sequentielle zeitliche Anordnung von Dokumenten innerhalb einer Akte. Eine rein zeitlich sortierte Patientenakte hat allerdings den Nachteil, dass sie Trendanalysen bestimmter einzelner Patientenzustände (z. B. der Verlauf charakteristischer Laborparameter) erschwert, so dass man häufig auch eine Gruppierung nach Dokumententypen (z. B. Untersuchungsergebnisse, Laborergebnisse, Röntgenbefunde, EKG-Befunde, etc.) vorfindet. Trotz vieler Ansätze zur Strukturierung und inhaltlichen Standardisierung der Patientenakte wird die Realität der traditionellen Aktenführung leider sehr häufig noch geprägt von einer verhältnismäßig unsystematischen Sammlung von ärztlichen Untersuchungsberichten und Notizen zum klinischen Verlauf einer Erkrankung, ergänzt durch Befundberichte, Verdachtsdiagnosen sowie Anordnungen bzw. Beschreibungen therapeutischer Maßnahmen. Besonders wenn Patienten aufgrund mehrerer paralleler Beschwerden gleichzeitig behandelt werden und viele Partner bzw. Funktionsbereiche in die Behandlung eines Patienten involviert sind, führt dies zu derart unübersichtlichen Patientenakten, dass eine schnelle Orientierung in der Akte kaum noch möglich ist. 3 Organisationsformen der Krankenakte 10 z 10 01 Die traditionelle Patientenakte Inhalt Die problemorientierte Krankenakte Suchen Treffer Hilfe Einer der ersten Ärzte, die sich der Herausforderung annahmen, die Organisation der Patientenakte zu verbessern, war Lawrence Weed (Weed 1969). Seine Überlegungen mündeten in der Definition der problemorientierten Patientenakte. Nach diesem Ansatz werden jedem Patienten in seiner Patientenakte zunächst ein oder mehrere Probleme zugeordnet, so dass sich alle weiteren Aktivitäten im Krankenhaus immer mindestens einem dieser Probleme zuordnen lassen. Medizinische Informationen zum Patienten werden darüber hinaus immer anhand des so genannten SOAP-Schemas strukturiert. Das heisst, dass eine Aussage zu dokumentieren ist als Teil entweder z der subjektiven Informationen (S = subjektiv: Beschwerden des Patienten so wie sie dieser rein subjektiv empfindet und z. B. im Rahmen einer Anamnese beschreibt), z der objektiven Beschreibung (O = objektiv: die Befunde wie sie z. B. durch ärztliches bzw. pflegerisches Personal erhoben wurden), z der klinischen Erhebungen (A = Assessment: z. B. Laborergebnisse oder Schlussfolgerungen wie z. B. Diagnosen, die daraus abgeleitet wurden), oder z des Behandlungsplans (P = Plan; wie z. B. eine angeordnete Medikation oder durchgeführte Operation). Jede Eintragung in der Patientenakte ist somit sowohl mindestens einem Problem (in der Problemliste des Patienten) als auch einer der Kategorien im SOAP-Schema zuzuordnen. Ziel dieser Organisationsstruktur der Patientenakte ist es, den Zusammenhang zwischen klinischen Patientenzuständen, ärztlichen Schlussfolgerungen und medizinische Handlungen in der medizinischen Dokumentation offensichtlich zu machen und damit eine bes4 Die traditionelle Patientenakte Mai 2000 Inhalt Suchen 10 z 10 01 Hilfe Treffer sere Transparenz eines Behandlungsgeschehens zu gewährleisten. Es ist offensichtlich und wurde auch generell akzeptiert, dass eine derartige Organisation der Patientenakte wünschenswert wäre und zur Übersichtlichkeit der Dokumentation, dem Wiederauffinden von Einzelinformationen und dem Nachvollziehen medizinischer Handlungen wesentlich beitragen würde. Dennoch konnte sich diese Vorgehensweise in der klinischen Praxis nicht durchsetzen, da sie sowohl eine sehr strenge Disziplin bei der medizinischen Dokumentation als auch die Mehrfachdokumentation bestimmter Fakten (wenn diese z. B. mehreren Patientenproblemen zuzuordnen sind) erfordert. Eine sehr anschauliche Gegenüberstellung von beispielhaften Auszügen einer Patientenakte, jeweils dokumentiert in einer zeitlich organisierten Patientenakte (Time-Oriented Medical Record), einer nach Dokumententypen organisierten Patientenakte (Source-Oriented Medical Record) und einer nach Problemen organisierten Patientenakte (Problem-Oriented Medical Record) findet sich bei Van Bemmel und Musen (1997 Panels 7.2–7.4); diese Panels sind auch online nachzulesen unter http://www.mieur.nl/ mihandbook/r_3_3/handbook/home.htm. Bevor man weitergehende Überlegungen anstellt, in welcher Weise diese traditionelle Patientenakte elektronisch umgesetzt werden kann und welche Vorteile sich dadurch erzielen ließen, ist es wichtig zu reflektieren, welche Aufgaben die traditionelle Krankenakte heute zu erfüllen hat und mit welchen Zielen sie geführt wird. Während McDonald und Barnett (1990) dies noch sehr grob mit 5 10 z 10 01 Die traditionelle Patientenakte Inhalt Suchen Treffer Hilfe z der Unterstützung der Krankenversorgung, z der Erfüllung gesetzlicher und abrechnungstechnischer Anforderungen, sowie z der Unterstützung von medizinischer Forschung beschreiben, finden sich in dem amerikanischen Standarddokument zum „Inhalt und der Struktur der Computer-basierten Patientenakte“ (ASTM 1999 S. 264 ff.) sowie bei Van Bemmel und Musen (1997 S. 104) wesentlich spezifischere und weitergehende Aufgaben der Patientenakte. Aufgaben der Krankenakte Diese umfassen die Unterstützung der Krankenversorgung, — im Sinne der Informationsbereitstellung einer möglichst vollständigen Geschichte aller Patientenzustände und aller mit einem Patienten durchgeführten diagnostischen/therapeutischen Maßnahmen als Basis für weitere medizinische Entscheidungen und — mit dem Ziel der Bereitstellung einer Informationsquelle, die die Kommunikation und Planung des Behandlungsgeschehens zur gemeinsamen Behandlung eines Patienten durch eine Vielzahl von Personen des Gesundheitswesens fördert, z die Bereitstellung einer juristisch anerkannten Dokumentation zum Behandlungsgeschehen eines Patienten, z die Unterstützung der medizinischen Forschung (z. B. durch klinische Studien, epidemiologische Studien und sonstige Studien zur Qualität der Krankenversorgung), z die Unterstützung der Aus- und Weiterbildung von Medizinern aber auch von Personen in medizinischen Hilfsberufen, sowie z die generelle Managementunterstützung im Krankenhaus z 6 Die traditionelle Patientenakte Inhalt Suchen 10 z 10 01 Hilfe Treffer Mai 2000 — z. B. für alle Vorgänge zur Abrechnung und Kostenerstattung durch die jeweiligen Kostenträger, — aber auch für die Planung, Nutzung und Kontrolle von finanziellem, materiellem und personellem Ressourceneinsatz im Krankenhaus. Damit für das klinische Personal hinsichtlich der Durchführung der obigen Aufgaben durch die Einführung einer elektronischen Patientenakte tatsächlich eine Verbesserung erreicht werden kann, müssen ebenfalls die Nachteile der traditionellen Patientenakte analysiert und bei der Überführung in die elektronische Form vermieden werden. Die papiergebundene Patientenakte hat die folgenden Nachteile: z Sie ist zu einem bestimmten Zeitpunkt immer nur an einem Ort und für eine Person verfügbar und einsehbar. z Es ist schwierig eine Organisation/Strukturierung der Patientenakte festzulegen, die sowohl für den klinischen Alltag praktikabel als auch für die verschiedenen Aufgaben und Nutzer gleichermaßen übersichtlich und zweckmäßig ist. z Für wissenschaftliche Auswertungen benötigte Einzelinformationen müssen in mühsamer Handarbeit aus vielen Akten herausgesucht und durch Eingabe in ein Computersystem für statistische Analysen nutzbar gemacht werden (durch die dazu notwendige Datenübertragung ergeben sich zusätzliche Fehlerquellen). z Sie ist grundsätzlich passiv, d. h. von sich aus besitzt die traditionelle Patientenakte keinerlei aktive Hinweis- bzw. Warnfunktion. 7 Nachteile der traditionellen Patientenakte 10 z 10 01 Die traditionelle Patientenakte Inhalt Einführung der elektronischen Patientenakte Der Faktor Mensch Suchen Treffer Hilfe Auf der anderen Seite muss aber bedacht werden, dass auch die Einführung einer elektronischen Patientenakte mit Problemen verbunden ist. Aufgrund der normalerweise damit verbundenen hohen Erstinvestitionskosten für Infrastrukturmaßnahmen (Verkabelung) sowie Hard- und Software wird eine elektronische Patientenakte in der Regel in vielen kleinen Schritten über einen längeren Zeitraum hinweg aufgebaut. Die Vorteile der elektronischen Patientenakte werden für die MitarbeiterInnen eines Krankenhauses aber erst ab einem bestimmten Grad der Vollständigkeit offensichtlich. Dies bezieht sich sowohl auf die vollständige Abdeckung aller Krankenhausbereiche als auch die inhaltliche Abdeckung aller zu dokumentierenden Daten zu einem Patienten. Durch den Aufbau der elektronischen Patientenakte wird eine immer größere Abhängigkeit des Krankenhauses von der Verfügbarkeit der Hard- und Software, mittels derer auf die elektronische Patientenakte zugegriffen werden kann, aufgebaut. Somit wachsen parallel die Anforderungen, die an ein solches Computersystem hinsichtlich Datensicherheit, Datenverfügbarkeit und natürlich auch Datenschutz zu stellen sind. Während diese Anforderungen letztlich durch entsprechend leistungsfähige und ausfallsicher ausgelegte DVAnlagen und Anwendungsprogramme sowie technisch-organisatorische Maßnahmen zum Datenschutz erfüllt werden können (und meist nur eine Kosten-/Nutzenabwägung erfordern), bleibt die größte Herausforderung für den Aufbau der elektronischen Patientenakte die Aufgabe, klinisches Personal zur Eingabe der im Laufe der Patientenversorgung erhobenen Daten in das Computersystem zu motivieren. 8 Medizinische Informationssysteme und die elektronische Patientenakte Inhalt Suchen 10 z 10 02 Hilfe Treffer Vor allem aus diesem Grund ist es wichtig, im Vorfeld der Entwicklung eines entsprechenden medizinischen Anwendungssystems sehr genau zu überlegen, in welches Arbeitsumfeld dieses eingebettet werden muss und welche Konsequenzen dies für die zu realisierenden Funktionalitäten und die Gestaltung der Benutzeroberfläche hat. 10 z 10 | 02 Mai 2000 Medizinische Informationssysteme und die elektronische Patientenakte Der Zugriff auf die elektronische Patientenakte wird über medizinische Informationssysteme ermöglicht. Diese sind in der Regel für drei Zwecke konzipiert: z die Erhebung derjenigen medizinischen Daten, die in die elektronische Patientenakte einfließen, z die Aufbereitung und Präsentation der Dokumente bzw. Daten, die in der elektronischen Patientenakte enthalten sind, und z die Unterstützung der Arbeitsabläufe desjenigen Bereiches, in dem sie zum Einsatz kommen. Die Größe des Arbeitsbereiches, der durch das entsprechende medizinische Informationssystem unterstützt werden soll, bestimmt dabei normalerweise auch das Spektrum derjenigen Bestandteile der Patientenakte, die über dieses medizinische Informationssystem elektronisch abgebildet werden. So beschränkt sich ein Laborinformationssystem typischerweise auf die Erhebung und Präsentation von Analyseergebnissen eines Klinisch-Chemischen Laboratoriums oder ein Radiologieinformationssystem auf die Dokumentation und Präsentation radiologischer Untersuchungsergebnisse. Da diese Systeme speziell zur Unterstützung von Arbeitsabläufen in einer bestimmten Krankenhausabteilung gedacht sind, werden sie üblicher9 Varianten medizinischer Informationssysteme 10 z 10 02 Medizinische Informationssysteme und die elektronische Patientenakte Inhalt Suchen Treffer Hilfe weise als Abteilungssystem bezeichnet. Praxisinformationssysteme hingegen sollen die Arbeitsabläufe eines niedergelassenen Arztes unterstützen und beinhalten deshalb auch einen völlig anderen Ausschnitt aus der Krankengeschichte einer Person. Klinische Arbeitsplatzsysteme im Krankenhaus (oft auch Order-Entry-Systeme oder medizinische Dokumentationssysteme genannt) zielen auf die Integration verschiedener anderer Abteilungssysteme und damit eine bereichsübergreifende Unterstützung. Sie bieten dadurch meist einen Einblick auf einen verhältnismäßig großen Ausschnitt der Patientenakte. Werden solche medizinischen Dokumentationssysteme jedoch speziell für die Dokumentation einer einzelnen Klinik oder Fachrichtung konzipiert, so beschränkt sich der Ausschnitt der elektronisch geführten Patientenakte auch lediglich auf die Daten einer bestimmten Fachrichtung des Krankenhauses. z! Die obigen Beispiele veranschaulichen, dass ein medi- zinisches Informationssystem als Fenster auf die elektronische Patientenakte verstanden werden kann. Der Ausschnitt der gesamten Patientenakte, der im jeweiligen Fall über das medizinische Informationssystem in elektronischer Form präsentiert werden kann, ist abhängig vom Einsatzgebiet des entsprechenden Systems und den Zugriffsrechten der in diesem System definierten Benutzer. 10 Medizinische Informationssysteme und die elektronische Patientenakte Inhalt Suchen 10 z 10 02 Hilfe Treffer z« A HIS serves essentially as a medium for commu- Mai 2000 nication ... and acts as a skeleton to facilitate integration of various subsystems. (Van de Velde 1992) Ein Krankenhausinformationssystem dient hauptsächlich als ein Mittel der Kommunikation . . . und funktioniert als ein Gerüst, welches die Integration verschiedener Untersysteme erleichtert. Aus dieser beispielhaften Auflistung verschiedener Typen medizinischer Informationssysteme, wie sie sich in der Praxis in fast jedem Krankenhaus finden, wird deutlich, dass ein Krankenhausinformationssystem normalerweise nicht als ein in sich abgeschlossenes Produkt bei einem einzelnen Software-Hersteller erworben werden kann. Stattdessen handelt es sich dabei, wie auch schon vorstehend von Van de Velde (1992) beschrieben, vielmehr um ein „Gerüst“, das die verschiedenen medizinischen Informationssysteme eines Krankenhauses zu einem möglichst homogenen Gesamtsystem integriert. Speziell für die Anwendersicht auf die elektronische Patientenakte eines Krankenhauses ergibt sich daraus, dass diese Sicht umso weniger einheitlich und durchgängig ist, je unterschiedlicher die medizinischen Informationssysteme sind, die innerhalb des Krankenhausinformationssystems zum Einsatz kommen. Noch einen Schritt weiter geht dies, wenn man sich von den bisher fast überall noch fest verankerten Grenzen eines Krankenhauses löst und die Patientenakte als zentrales Informationsobjekt innerhalb eines regionalen Gesundheitsversorgungsnetzes betrachtet. Stellt heute meist die zeitnahe Übertragung von einzelnen Ausschnitten der Gesamt-Patientenakte aus einer Institution dieses Versor11 Informationssystem als Gerüst Herausforderung Gesundheitsverbund 10 z 10 03 Anforderungen an die elektronische Patientenakte Inhalt Suchen Treffer Hilfe gungsnetzes zu einer anderen bereits ein Problem dar, so ist gar der Aufbau einer institutionsübergreifenden einheitlichen Sicht auf die elektronische Patientenakte innerhalb eines solchen Verbundes von Einzelinstitutionen noch als die große Herausforderung für die kommenden Jahre zu betrachten. 10 z 10 | 03 Anforderungen an die elektronische Patientenakte Der Kontext ist zu beachten Für die Akzeptanz eines medizinischen Informationssystems als „Fenster“ auf die elektronische Krankenakte ist es wichtig, dass dieses zur Erfüllung der Ziele, mit der eine Patientenakte traditionell geführt wird, besser beiträgt als die traditionelle Papierakte. Dies bedeutet, dass die elektronische Patientenakte nicht nur als statisches Speichermedium für medizinische Daten angesehen werden darf, sondern vielmehr im Kontext der jeweiligen medizinischen Informationssysteme als dynamisches Werkzeug für Kommunikationsprozesse, Informationsrecherchen und Planungsprozesse. Damit ein medizinisches Informationssystem diese Aufgaben möglichst optimal erfüllt, muss es eine Vielzahl von Anforderungen erfüllen, von denen im Folgenden nur einige beispielhaft illustriert werden sollen. Der Zugriff auf einzelne Akten erfolgt über „virtuelle“ Arbeitslisten Der Zugriff auf einzelne Patientenakten In der klinischen Routine bestimmt die Versorgung der Patienten die Arbeitsprozesse der Ärzte. Das Arbeitsumfeld ist geprägt vom Arbeitsbereich (Ambulanz, Station, Untersuchungszimmer, Funktionsbereich), in dem man sich gerade befindet und von dem Kontext, aus dem heraus man auf Patienteninformationen zugreifen muss (z. B. die Visite auf Station, der Aufruf von wartenden Patienten in der Poliklinik, das Abarbeiten eines Stapels 12 Anforderungen an die elektronische Patientenakte Mai 2000 Inhalt Suchen 10 z 10 03 Hilfe Treffer von Patientenakten zur Erstellung von Entlassungsbriefen für den niedergelassenen Arzt). Der Zugriff auf die Akte eines einzelnen Patienten erfolgt damit meist aus einer Art „virtuellen Arbeitsliste“ heraus (Abb. 1). Im Rahmen der Kommunikation zwischen einzelnen Krankenhausbereichen werden einzelne Dokumente einer Patientenakte oft in Duplikaten erzeugt, von denen eine Kopie in der Originalakte verbleibt, während eine zweite Kopie als Kommunikations- und Informationsmedium zwischen unterschiedlichen Kommunikationspartnern wandert. Ein Beispiel wäre ein Anforderungsformular für eine endoskopische Untersuchung, das zwischen Station und Endoskopieabteilung „wandert“, um zunächst die Charakteristika der angeforderten Untersuchung der Endoskopieabteilung mitzuteilen und anschließend den Befund der Untersuchung an die anfordernde Stelle zurück transportiert. Auf der Basis der traditionellen Patienten- Abb. 1: Beispiele von „Arbeitslisten“ im klinischen Alltag 13 10 z 10 03 Anforderungen an die elektronische Patientenakte Inhalt Elektronische Arbeitslisten als Ausgangsbasis für den Zugriff auf die elektronische Patientenakte über einen klinischen Arbeitsplatz-PC Problem des Auffindens Suchen Treffer Hilfe akte wird dies charakterisiert dadurch, das die Inhalte der verschiedenen Kopien im Laufe dieses Prozesses voneinander abweichen und eine bestimmte Ausfertigung zu einem Zeitpunkt nur an einem bestimmten Ort des Krankenhauses verfügbar ist. Hier zeigt sich der erste Vorteil der elektronischen Patientenakte: Ein bestimmtes Dokument (also z. B. eine Endoskopieanforderung) sollte normalerweise nicht physikalisch dupliziert werden. Vielmehr sollte das Original immer von allen Bereichen des Krankenhauses (für die jeweils berechtigten Personen) gleichermaßen abrufbar sein. Veränderungen an einem solchen Dokument sollten sich damit sofort auf alle möglichen Sichten auf dieses Dokument auswirken, so dass Redundanzen und damit auch die Gefahr von inkonsistenten Inhalten der Patientenakte vermieden werden. Die einzelnen Partner, die in einen solchen Kommunikationsprozess involviert sind, greifen auf eine bestimmte elektronische Patientenakte (bzw. die jeweils für sie relevante Teilmenge der Patientenakte) jeweils aus unterschiedlichen „elektronischen Arbeitslisten“ heraus zu (Abb. 2). In Layout und Struktur sollte eine solche Arbeitsliste dem jeweiligen Arbeitsumfeld möglichst optimal angepasst sein. Übersicht und Navigation in einer Patientenakte Neben der „Nichtverfügbarkeit“ kann das Auffinden einer einzelnen Information in einer umfangreichen Akte als zweites gravierendes Problem der traditionellen Patientenakte angesehen werden. Papiergebundene Akten besitzen in der Regel kein Inhaltsverzeichnis, welches einen schnellen Überblick über die in ihr enthaltenen Dokumente ermöglichen würde. Alle Dokumente werden nor14 Anforderungen an die elektronische Patientenakte Suchen Hilfe Treffer Mai 2000 Inhalt 10 z 10 03 Abb. 2: Beispiele von elektronischen Arbeitslisten zum Zugriff auf die elektronische Akte eines einzelnen Patienten: oben eine graphische Stationsübersicht, unten die Liste von Untersuchungsanforderungen für einen Funktionsbereich mit abzuarbeitenden Anforderungen 15 10 z 10 03 Anforderungen an die elektronische Patientenakte Inhalt Inhaltsübersichten der elektronischen Patientenakte Suchen Treffer Hilfe malerweise in der Reihenfolge ihres Anfallens bzw. Eintreffens in der Akte abgeheftet. Teilweise erfolgt eine Gruppierung von Dokumenten nach Dokumentenklassen oder Herkunftsorten (z. B. alle Laborbefunde gemeinsam in einer Gruppe). Leider wird eine solche Gruppierung in der Hektik des Klinikalltages häufiger nicht eingehalten, so dass das Wiederfinden von Dokumenten erschwert wird. Neben dem schnellen Blättern durch die gesamte Patientenakte bleibt dem Arzt oft nur das sorgfältige Betrachten jedes einzelnen Dokumentes, um z. B. einen bestimmten pathologischen Befund wiederzufinden. Dabei können farbliche Markierungen an einer Ecke des Formulars, Papiergrößen, die Farbe von Formularen oder andere augenscheinliche Kriterien zum schnelleren Auffinden beitragen. Medizinische Informationssysteme bieten demgegenüber den Vorteil, dass sie ein strukturiertes Inhaltsverzeichnis aller in der Akte enthaltenen Dokumenten bieten und üblicherweise sehr unterschiedliche Sichten, Gruppierungen und Sortierungen der elektronischen Patientenakte quasi auf Knopfdruck erzeugen können. So existieren Beispiele, in denen die gesamte elektronische Patientenakte zunächst in Dokumentengruppen unterteilt ist (wobei eine solche Unterteilung eventuell sogar in mehreren Hierarchieebenen aufgebaut sein kann) und innerhalb jeder Gruppe eine zeitlich sortierte Auflistung erfolgt. Ein typisches Beispiel für eine zweistufige Strukturierung ist die Aufteilung in administrative Fall- und Bewegungsdaten, Anforderungen, Diagnosen, Untersuchungsbefunde, Prozeduren und Arztbriefe auf der ersten Stufe und z. B. eine Unterteilung des Bereichs Untersuchungsbefunde in Laborbefunde, Röntgenbefunde, Mikrobiologiebefunde, EKG-Befunde etc. 16 Anforderungen an die elektronische Patientenakte Inhalt Suchen 10 z 10 03 Hilfe Treffer Hierarchische Gruppierung der elektronischen Patientenakte Mai 2000 Ein erster Schritt zur elektronischen Patientenakte lässt sich bereits durch das Zusammenführen von Befunden verschiedener Funktionsbereiche im Rahmen eines Befundpräsentationssystems erreichen. Abb. 3 zeigt ein Beispiel, wie die einzelnen Befunde über eine zweistufige Hierarchie erreichbar sind. Ein weiteres Beispiel für eine mehrstufige hierarchische Gruppierung von Befunden Abb. 3: Ein Beispiel, wie die einzelnen Befunde über eine zweistufige Hierarchie erreichbar sind 17 10 z 10 03 Anforderungen an die elektronische Patientenakte Inhalt Filter zur selektiven Präsentation der elektronischen Patientenakte Suchen Treffer Hilfe stellt Abb. 4 dar. Es wird zunächst ganz grob unterschieden zwischen Stammdaten, Falldaten, Diagnosen, Aufträgen und Arztbriefen. Die Menge aller Aufträge mit zugehörigen Befunden ist dann noch einmal gruppiert nach den unterschiedlichen leistungserbringenden Bereichen (z. B. Labor, Radiologie, Mikrobiologie, Kardiologie). Innerhalb der Liste von Aufträgen eines Bereiches erfolgt eine zeitliche Sortierung, wobei jeweils eine Zuordnung zwischen einem Untersuchungsauftrag und dem zugehörigen Befund erfolgt. Eine etwas andere Möglichkeit zur Darstellung des Inhalts einer elektronischen Patientenakte besteht in der Abb. 4: Ein weiteres Beispiel für eine mehrstufige hierarchische Gruppierung von Befunden 18 Anforderungen an die elektronische Patientenakte Mai 2000 Inhalt Suchen 10 z 10 03 Hilfe Treffer rein zeitlichen Anordnung aller Dokumente, die in die Akte einfließen, und der gleichzeitigen Möglichkeit zur Definition von Filtern. Ein solcher Filter kann z. B. aus einer sehr umfangreichen Menge aller Dokumente der Patientenakte alle Laborbefunde oder alle Ergebnisse körperlicher Untersuchungen herausfiltern. Gegenüber den bisherigen Beispielen hat dies noch den Vorteil, dass bei diesem Gliederungskonzept jederzeit ein Überblick über die gesamte Akte (zeitlich sortiert, aber unabhängig vom Dokumententyp) erzeugt werden kann, wohingegen die bisherigen Beispiele meist zumindest eine Gruppierung nach Dokumententypen oder Herkunftsorten auf der obersten Stufe vorsehen und keinerlei Gesamtübersicht bieten. Ein zusätzlicher Vorteil für die übersichtliche Darstellung der Inhalte einer elektronischen Patientenakte besteht darin, dass für jedes einzelne Dokument in der Akte automatisch aus seinen jeweiligen Inhalten eine Art „Kurzzusammenfassung“ generiert werden kann, um diese in der Inhaltsübersicht mit anzuzeigen (Abb. 5). Beinhaltet eine Akte z. B. eine Vielzahl von radiologischen Untersuchungen, von denen aber nur eine einen auffälligen Befund hatte, so kann man dieses eine Befundformular aus der Inhaltsübersicht heraus (aufgrund der Information in der Zusammenfassung) auf einen Blick finden. Ein zeitaufwendiges „Durchsuchen“ jedes einzelnen Dokumentes kann dadurch vermieden werden. Führen einer Bearbeitungshistorie Eine wichtige juristische Anforderung an die Patientenakte ist es, dass nachvollziehbar sein sollte, wann, durch wen und in welcher Form (schreiben, modifizieren, lesen, stornieren etc.) auf ein bestimmtes Dokument der Patien19 Revisionsfähige Zugriffsprotokollierung 10 z 10 03 Anforderungen an die elektronische Patientenakte Inhalt Suchen Treffer Hilfe Abb. 5: Beispiel der automatischen (aber vom Krankenhaus definierbaren) Generierung einer Zusammenfassung, die in das Inhaltsverzeichnis der elektronischen Krankenakte einfließt tenakte zugegriffen wurde. Ein Wunsch aus der Sicht des Datenschutzes ist es sogar, dass z. B. jeder Zugriff auf die Patientenakte revisionsfähig und personenbezogen (möglichst in der Patientenakte selbst) zu dokumentieren ist. Während diese Zielvorstellungen bei traditionellen Patientenakten mit vertretbarem Aufwand kaum zu realisieren sind, bietet die elektronische Patientenakte durchaus und ohne Zusatzaufwand durch die Anwender die Möglichkeit, jeglichen Zugriff auf die Dokumente dieser Akte zu protokollieren und bei Bedarf auf Knopfdruck den berichtigten Personen auch anzuzeigen (vgl. als Beispiel Abb. 6). 20 Mai 2000 Inhalt Suchen Treffer Hilfe Anforderungen an die elektronische Patientenakte 21 10 z 10 03 Abb. 6: Auf Bedarf kann berechtigten Personen angezeigt werden, wer wann und in welcher Form auf ein Dokument in der Patientenakte zugegriffen hat 10 z 10 03 Anforderungen an die elektronische Patientenakte Inhalt Digitale Signatur zur Freigabe von Dokumenten Stornierung von falschen Aussagen Suchen Treffer Hilfe Stornieren von Dokumenten- bzw. Korrektur von Dokumenteninhalten Aussagen über den medizinischen Zustand eines Patienten entstehen meist im Zusammenhang mit einer bestimmten Untersuchung. Die Korrektheit der Dokumentation solcher Aussagen kann in der Regel nicht automatisch und sofort gewährleistet werden. Es ist deshalb wichtig, dass für einzelne Dokumente, die im Laufe der Krankenversorgung anfallen, zu einem bestimmten Zeitpunkt nach entsprechender Verifikation ein verantwortlicher Arzt die Freigabe für diese Dokumente erteilt, um damit für alle weiteren Behandlungsschritte eine entsprechende Verlässlichkeit der Vorinformationen sicherzustellen. Eine solche Freigabe muss in Zukunft über eine digitale Signatur (z. B. unter Verwendung der in Entwicklung befindlichen Health Professional Card) realisiert werden. Als Konsequenz daraus muss für die medizinische Dokumentation aber sichergestellt sein, dass medizinische Inhalte nach ihrer Freigabe durch den verantwortlichen Arzt nicht mehr verändert werden können. Selbst wenn neue Informationen dazu führen, dass man erkennt, dass bestimmte Informationen eines Dokumentes falsch sind, so dürfen die alten, falschen Inhalte nicht einfach überschrieben werden. Es ist vielmehr eine Stornierung dieser Falschaussagen vorzunehmen und der neue Sachverhalt in einem korrigierten Dokument erneut abzuspeichern. Dadurch kann sichergestellt werden, dass jederzeit nachvollziehbar bleibt, dass bestimmte falsche Informationen zumindest für einen eingegrenzten Zeitraum als „richtig“ in der elektronischen Patientenakte dokumentiert waren und über die Bearbeitungshistorie dieses Dokumentes ist auch erkennbar, welche Person diese Informationen bereits gesehen (und eventuell aufgrund 22 Anforderungen an die elektronische Patientenakte Inhalt Suchen 10 z 10 03 Hilfe Treffer Mai 2000 dieser Information bereits eine neue Maßnahme eingeleitet) hat. Für die Darstellung von stornierten Dokumenten in der elektronischen Patientenakte sollte eine Form gefunden werden aus der die Stornierung rein optisch bereits auf den ersten Blick erkennbar ist. Abb. 7 zeigt ein Darstellungsbeispiel für die Präsentation von stornierten Dokumenten. Dabei gilt, dass einmal signierte Dokumente nie gelöscht, sondern lediglich storniert und korrigiert werden dürfen. Zusätzlich sollte der Anwender über einen einfachen Schalter entscheiden können, ob stornierte Dokumente im Gesamtverlauf mit angezeigt werden sollen, oder ob diese zunächst ausgefiltert und nur bei Bedarf wieder eingeblendet werden. Abb. 7: Ein Darstellungsbeispiel für die Präsentation von stornierten Dokumenten in der elektronischen Patientenakte 23 10 z 10 04 Die elektronische Patientenakte im Gesundheitsversorgungsnetz Inhalt Suchen Treffer Hilfe 10 z 10 | 04 Die elektronische Patientenakte im Gesundheitsversorgungsnetz Ausbaustufen der elektronischen Patientenakte Die Einführung einer elektronischen Patientenakte ist nicht in einem Schritt zu realisieren, sondern muss vielmehr als ein langfristiger mehrstufiger Prozess angesehen werden. Dies spiegelt sich unter anderem in der Charakterisierung von „Ausbaustufen Elektronischer Patientenakten“ wider, die sowohl in einem Strategiepapier des britischen National Health Service NHS (Burns 1998 S. 37 oder online http://www.epr.nhsweb.nhs.uk/) als Stufen 1 bis 6 als auch von Waegemann (1999) als Stufen 1 bis 5 beschrieben sind. In dem NHS-Strategiepapier beziehen sich diese Ausbaustufen auf die Qualität des Ausbaus innerhalb einer Institution, in der Regel ein Krankenhaus: von administrativen Systemen, die zunächst lediglich eine zentrale Patientenidentifikation zur Verfügung stellen, bis hin zu umfassenden medizinischen Anwendungssystemen, die fast alle Krankenhausbereiche abdecken, ein breites Spektrum an multimedialen medizinischen Objekten beinhalten und sowohl mit aktiven Warnhinweisen als auch durch die kontextsensitive Einbindung von Leitlinien und anderen medizinischen Informationsbanken zur Qualitätsverbesserung in der Krankenversorgung beitragen). Waegemann geht bei seiner Charakterisierung dagegen bereits über Institutionsgrenzen hinweg. Dabei spricht er von der z automatisierten medizinischen Akte (Stufe 1 = automated medical record), die parallel zur traditionellen Papierakte geführt wird und mit kleinen inkrementellen Schritten der „Computerisierung“ verbunden ist, z computerisierten medizinischen Akte (Stufe 2 = computerized medical record), die vor allem durch die Digi24 Die elektronische Patientenakte im Gesundheitsversorgungsnetz Inhalt Mai 2000 z z Suchen 10 z 10 04 Hilfe Treffer talisierung (Einscannen) einzelner bisher in Papierform vorliegender Dokumente (mit dem Ziel eines papierlosen Systems) geprägt ist. Dabei wird die bisherige Struktur der traditionellen Patientenakte aber beibehalten und die Erfassung medizinischer Behandlungsdaten erfolgt immer noch überwiegend auf Papierformularen (die dann später als Ganzes gescannt werden); vergleiche hierzu Schmücker u. Dujat (1996) sowie Schmücker et al. (1998), „Versorger-basierten“ elektronischen medizinischen Akte (Stufe 3 = Provider-based electronic medical record), bei der die Mitarbeiter des Gesundheitswesens selbst regelmäßig interaktiv mit Computern arbeiten und damit auch einen Großteil ihrer medizinischen Dokumentation bereits „online“ abwickeln. Im Gegensatz zu den Stufen 1 und 2 erfolgt hier erstmals eine völlige „Neustrukturierung“ der Patientenakte mit dem Vorteil, dass die elektronische Patientenakte von sich aus aktiv werden (z. B. in Form von Warnhinweisen) und durch die Verknüpfung mit elektronischen Wissensbasen die Ärzteschaft in ihren Entscheidungen unterstützen kann. Allerdings ist die elektronische Patientenakte in dieser Stufe noch auf den Wirkungsbereich eines „Versorgers“, also z. B. eines Krankenhauses, beschränkt, elektronischen Patientenakte (Stufe 4 = electronic patient record), bei der die medizinische Akte nicht mehr auf den Bereich eines Versorgers eingeschränkt ist, sondern alle medizinischen Informationen zu einer Person (unabhängig davon, ob sie von einem niedergelassenen Allgemeinmediziner, einem Zahnarzt, einem Krankenhausarzt, einem Physiotherapeuten, ei25 10 z 10 04 Die elektronische Patientenakte im Gesundheitsversorgungsnetz Inhalt Suchen z Rahmenbedingungen der Stufen 4 und 5 Treffer Hilfe ner Apotheke oder einem sonstigen Mitarbeiter im Gesundheitswesen stammen) beinhaltet, elektronischen Gesundheitsakte (Stufe 5 = electronic health record), in die medizinische Informationen darüber hinaus auch von einer Vielzahl weiterer „Versorger“ aufgenommen (und natürlich auch abgerufen) werden können, wie z. B. von Heilpraktikern, Homöopathen und sogar dem Patienten selbst. Inhalte der elektronischen Gesundheitsakte umfassen dadurch auch so genannte „Wellness“-Informationen, wie z. B. Diäten, Rauch- und Trinkgewohnheiten, sportliche Aktivitäten und ähnliches. Die elektronische Gesundheitsakte ist somit eine Akte über alle Gesundheitsinformationen einer Person, die vollständig unter der Kontrolle dieser Person steht, und in Kooperation zwischen dieser Person und allen Personen, die sie irgendwie „gesundheitlich betreuen“, gepflegt wird. Als Voraussetzungen für die Erreichung der Stufen 4 und 5 benennt Waegemann die folgenden drei Rahmenbedingungen: z Aufbau eines nationalen oder sogar internationalen Systems zur eindeutigen Identifikation eines Patienten, z Verabschiedung nationaler oder internationaler Standards für gemeinsame Terminologien und Datenstrukturen, z Erzielung eines nationalen oder internationalen Konsens zur Sicherheit der elektronischen Patienten- bzw. Gesundheitsakten und zum Aufbau dafür benötigter Vertrauensstrukturen. Zu diesem Bereich zählen z. B. alle Fragen der Zugriffsregelungen, der Verschlüsselung, der Authentifizierung, der Datenintegrität und der jederzeitigen Verfügbarkeit von Daten. 26 Die elektronische Patientenakte im Gesundheitsversorgungsnetz Mai 2000 Inhalt Suchen 10 z 10 04 Hilfe Treffer Sind diese Rahmenbedingungen geschaffen, so sind wiederum verschiedene Szenarien denkbar, in denen der schrittweise Aufbau einer elektronischen Gesundheitsbzw. Patientenakte erfolgen kann. Im deutschen Gesundheitswesen lassen sich derzeit zwei unterschiedliche Vorgehensweisen beobachten, die in kleineren Pilotprojekten erprobt werden. Im einen Fall geht die Initiative von einem Krankenhaus aus, das erste Schritte unternimmt, um die Kommunikation mit niedergelassenen Ärzten in seinem näheren Umfeld zu verbessern und diesen Ärzten z. B. einen einfacheren Zugang zu der im Krankenhaus aufgebauten „elektronischen medizinischen Akte“ zu gewähren. In den bisherigen Pilotprojekten handelt es sich aber lediglich um das eingeschränkte „Öffnen“ einer immer noch „Versorger-basierten“ medizinischen Akte, da den niedergelassenen Ärzten in der Regel nur ein Lesezugriff eingeräumt wird. Informationen, die zu einem Patienten im Rahmen der Betreuung durch den niedergelassenen Arzt anfallen, fliessen aber noch nicht in diese medizinische Akte ein, sondern werden weiterhin getrennt davon in einer eigenen Akte bei dem jeweiligen niedergelassenen Arzt gespeichert. Unter dem Gesichtspunkt des Datenschutzes werden in solchen Projekten meist Chipkarten (mit der digitalen Signatur eines Arztes), zur Authentifizierung und Berechtigungsprüfung, eingesetzt. Will man die endgültige Verfügungsgewalt über seine medizinische Akte dem Patienten überlassen, so werden eventuell noch strengere Zugangsregelungen aufgebaut, bei denen ein niedergelassener Arzt nur dann auf die elektronische Akte eines Patienten zugreifen kann, wenn er sich erstens mit seiner eigenen Chipkarte dem System gegenüber identifiziert hat 27 Zugriff durch niedergelassene Ärzte auf die elektronische Patientenakte im Krankenhaus 10 z 10 04 Die elektronische Patientenakte im Gesundheitsversorgungsnetz Inhalt Die elektronische Patientenakte im zertifizierten Trustcenter eines Versorgungsnetzes Suchen Treffer Hilfe und zweitens der Patient mit seiner persönlichen Chipkarte die Freigabe seiner Akte (oder von Bestandteilen der Akte) genehmigt hat. Im zweiten Ansatz spielt das Krankenhaus eine weniger bedeutende Rolle. Die Initiative geht in solchen Projekten meist von so genannten „Ärztenetzen“ aus, also einem Zusammenschluss von Ärzten, die in irgendeiner Form eine Kooperation zur Gesundheitsversorgung einer bestimmten Region vereinbart haben. In vielen Fällen sind in solche Projekte neben den niedergelassenen Ärzten auch Rehabilitationseinrichtungen, Apotheken und sogar die Krankenkassen sowie der Medizinische Dienst der Krankenkassen involviert. Die Tatsache, dass ein Krankenhaus in einem solchen „Netz“ auch ein möglicher Partner sein kann, spielt in den meisten derartigen Projekten eher eine untergeordnete Rolle. Vielmehr dominiert in diesen Projekten keiner der Partner. Die elektronische Patientenakte, die in ihrer physikalischen Form in irgendeiner Datenbank abgelegt ist, wird von allen Partnern gleichberechtigt gefüllt und kann (je nach Zugriffsberechtigung) von allen Partnern gleichberechtigt gelesen werden. Der physikalische Speicherort für die elektronische Patientenakte ist in einem solchen Projekt völlig irrelevant. Er kann bei einem der Partner oder auch bei einem zertifizierten neutralen „Provider“ liegen, der lediglich für die technisch-organisatorischen Maßnahmen zur Sicherstellung der Verfügbarkeit aller Daten und der Einhaltung aller Datenschutzauflagen verantwortlich ist. Während im ersten Fall keinerlei Daten kommuniziert, geschweige denn Daten von verschiedenen Partnern zusammengeführt werden, werden im zweiten Fall Daten aus ihren ursprünglichen Informationssystemen an einen „gemeinsamen Datenbestand“ (die „Versorger-unabhängi28 Die elektronische Patientenakte im Gesundheitsversorgungsnetz Mai 2000 Inhalt Suchen 10 z 10 04 Hilfe Treffer ge“ elektronische Patientenakte) weitergegeben. Letzteres kann als weitreichenderer Schritt zur elektronischen Patientenakte angesehen werden, verlangt aber gleichzeitig auch einen deutlich höheren Grad an Standardisierung und Verabredungen unter den beteiligten Partnern. So müssen z. B. eine einheitliche und übergreifende Patientenidentifikation vereinbart, standardisierte Datenaustauschformate und Terminologien festgelegt und einheitliche Datenstrukturen definiert werden. Zur sicheren Identifizierung der beteiligten Partner wird in diesen Projekten unter Einbeziehung einer „Trusted Third Party“ eine Vertrauensstruktur aufgebaut, in der die Vergabe digitaler Signaturen (sowie eines öffentlichen und eines privaten Schlüssels) und deren Speicherung auf persönlichen Chipkarten eindeutig geregelt ist. Bezieht man in ein solches Netz auch die Patienten unmittelbar ein, und gewährt diesen die endgültige Verfügungsgewalt über ihre Patientenakte, so ist eine entsprechende Chipkarte auch für die betroffenen Patienten auszustellen. Diese Chipkarten dienen hierbei aber lediglich als Schlüssel zu der „elektronischen Patientenakte“ und nicht als eigentlicher Datenträger. Anwendungen, bei denen die Chipkarte eines Patienten auch zum Datenträger wird, findet man heute lediglich in Projekten, die sich auf eine (z. B. durch eine bestimmte chronische Erkrankung) eingeschränkte Patientengruppe konzentrieren. Ein typisches Beispiel für eine solche Chipkarte als Datenträger ist die DIABCARD (Engelbrecht 1996, Engelbrecht 1999). 29 Ohne Standards gibt es keine elektronische Patientenakte Die Chipkarte als Träger der elektronischen Patientenakte 10 z 10 04 Die elektronische Patientenakte im Gesundheitsversorgungsnetz Inhalt Suchen z ausblick Treffer In den letzten Jahren sind in Deutschland bereits viele kleinere Projekte initiiert worden, die alle auf unterschiedlichen Wegen und über voneinander unabhängige „Vertrauensstrukturen“ elektronische Patientenakten für kleinere Patientenpopulationen (entweder regional begrenzt oder durch die einbezogenen Krankheitsbilder eingeschränkt) aufbauen. Hier besteht die Gefahr, dass sich eine Vielzahl von Beständen „elektronischer Patientenakten“ herausbilden, die untereinander wiederum nicht kompatibel sind. Die Weitergabe einer elektronischen Patientenakte, z. B. bei dem Umzug eines Patienten in eine andere Region, ist heute genauso wenig möglich wie die Authentifizierung und gesicherte Kommunikation zwischen Ärzten unterschiedlicher „Netze“. Hier besteht ein dringender Abstimmungs- und Regelungsbedarf, der die von Waegemann aufgeführten Rahmenbedingungen (eindeutige Patientenidentifikation, standardisierte Terminologien und Datenstrukturen, übergreifende Sicherheitsstrukturen) aus der Ebene kleiner Einzelprojekte auf nationalen oder sogar internationalen Level hebt. Die Einführung einer Health Professional Card (die aber in der Praxis auch nicht nur auf eine „Ärztekarte“ beschränkt bleiben darf) und die Weiterentwicklung der Krankenversichertenkarte zu einer standardisierten Chipkarte (mit digitaler Signatur und dem privaten Schlüssel des Patienten) sind die ersten unbedingt notwendigen Schritte, die für die Realisierung einer „echten elektro- Health Professional Card 30 Hilfe Die elektronische Patientenakte im Gesundheitsversorgungsnetz Inhalt Suchen Hilfe Treffer nischen Patientenakte“ innerhalb des deutschen Gesundheitswesens erforderlich sind. Ich bedanke mich bei den Firmen GMD GmbH, GWI Research GmbH, OSM GmbH and SMS Dataplan GmbH für die Erlaubnis, Screen-Shots ihrer klinischen Arbeitsplatzsysteme als Beispiele im Rahmen dieser Publikation benutzen zu dürfen. Ich bedanke mich weiterhin bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Institutes für Medizinische Informatik und Biomathematik, die mich bei der Auseinandersetzung mit den Anforderungen an eine elektronische Patientenakte durch ihre Mitarbeit und rege Diskussionen unterstützen. Mai 2000 10 z 10 04 Literatur ASTM (1999) Standard Guide for Content and Structure of the Computer-Based Patient Record. In: 1999 Annual Book of ASTM Standards Volume 14.01, ASTM West Conshohocken PA, pp E1384–96 Bleich H (1993) MD Computing 10/2: 70 Burns F (1998) Information for Health: An Information Strategy for the Modern NHS 1998–2005 – A national strategy for local implementation. NHS Department of Health Publications, UK Dick RS, Steen EB (eds) (1991) The Computer-Based Patient Record. An Essential Technlogy for Health Care. 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