Einleitung Inhalt Suchen 3 z 05 01 Hilfe Treffer 3 z 05 Kommunikation im Krankenhaus – das gelungene ärztliche Gespräch Marz 2001 Hans-Joachim Hannich inhaltsüberblick In einer allgemeinen Einführung werden die Merkmale der Kommunikation dargestellt werden, die zum einen für das ärztliche Gespräch mit dem Patienten, zum anderen für die interdisziplinäre Kooperation im Krankenhaus grundlegend sind. Der dritte Abschnitt ist den Kommunikationsverhältnissen im Krankenhaus im Speziellen und den daraus resultierenden Konsequenzen für den Umgang miteinander gewidmet. Es werden positive Veränderungsmöglichkeiten für ein verbessertes Beziehungsklima zwischen den dort Tätigen diskutiert. Ein konkretes Beispiel beschreibt ein Arzt-Patienten-Gespräch bei der Visite. Abschließend werden Möglichkeiten dargestellt, über die Kommunikation mit den Mitarbeitern Arbeitszufriedenheit und Leistungsmotivation zu bewahren bzw. zu fördern. 3 z 05 | 01 Einleitung Das Ergebnis einer aktuellen Mitarbeiterbefragung in einem der größten deutschen Krankenhäuser zeigt, dass es mit der Kommunikation in unseren Hospitälern nicht zum Besten bestellt ist. Befragt zur Wirtschaftlichkeit, zur Patientenorientierung und Unternehmenskultur wurden deutliche Mängel angemahnt. Bezogen auf Wirtschaftlichkeit fehlte den Mitarbeitern die Transparenz bei Kostenentscheidungen. Bei der Patientenorientierung wurden aus Mitarbeitersicht fehlende Aufklärung sowie mangelnde Zuwendung und Wertschätzung beklagt. Die Unternehmenskultur litt nach Meinung der befragten Ärzte und Pflegenden unter autoritärem Gehorsamkeits-Denken 1 Unzufriedenheit mit der Kommunikation 3 z 05 01 Einleitung Inhalt Behandlungsfehler wegen Kommunikationsdefiziten Szenario eines Behandlungsfehler Kommunikation als Qualitätsmerkmal Suchen Treffer Hilfe und einer Einbuße an Kooperation und Austausch zwischen den beteiligten Berufsgruppen. Die Verbesserungswürdigkeit der Kommunikation in der Arbeitsgruppe sowie im Patientenkontakt wurde auch anhand einer Diskussion anlässlich des Deutschen Ärztetages 2000 deutlich. Es wurde herausgestellt, dass neben den schlechten Arbeitsbedingungen von Ärzten im Krankenhaus vor allem Kommunikationsdefizite eine wichtige Ursache von Behandlungsfehlern sind. Deren Auftreten in Deutschland hat – wie Krankenkassen und Patientenorganisationen alarmierend feststellen – die erschreckende Zahl von 400 000 Fällen pro Jahr angenommen. Beispiel. Das Szenario, in dem die Behandlungsfehler auftreten, wird dabei als eine Verkettung mehrerer Missgeschicke skizziert. Im Extremfall kann das so ablaufen: Bei der Übergabe eines Patienten von der Aufnahme in die Station passiert ein Übermittlungsfehler. Auf der Station hat gerade ein unerfahrener Arzt Dienst, dem das nicht auffällt. Und der Operateur, der vor dem Eingriff noch einmal selbst den Patienten sprechen will, trifft diesen nicht an, weil er gerade auf der Toilette ist. Am Ende wird dann statt der linken die rechte Niere entfernt. Die Fähigkeit, die Kommunikation mit dem Patienten und im Behandlungsteam zu suchen und zu sichern, ist demnach eine Anforderung der Praxis, deren Erfüllung als Qualitätsmerkmal der Behandlung zu werten ist. So ist und bleibt – bezogen auf den kranken Menschen – das gelungene ärztliche Gespräch Voraussetzung einer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung. Diese wiederum sichert die Mitarbeit des Patienten an der Therapie und wirkt sich förderlich auf eine konstruktive Krankheitsbewältigung aus. Bezogen auf die Zusammenarbeit 2 Einleitung Marz 2001 Inhalt Suchen 3 z 05 01 Hilfe Treffer mit Kollegen und anderen Berufsgruppen ist der interdisziplinäre Austausch allein durch die Spezialisierung in der Medizin mit der Folge der Aufsplittung von Wissen unumgänglich. Dieses gilt insbesondere in einem solchen hochdifferenzierten sozialen Gefüge wie dem modernen Krankenhaus (Kap. 11.01.02). Alle im Krankenhaus arbeitenden Berufsgruppen kommunizieren miteinander: Verwaltung, ärztlicher Dienst, Pflegekräfte. Aus Platzgründen beschränkt sich dieser Beitrag auf das ärztliche Gespräch. Doch angesprochen fühlen sollten sich alle Personen, die in der Klinik mit Führungsaufgaben betraut sind. Denn wie die Grundprobleme des Personalmanagements im Allgemeinen sind die der Kommunikation im Besonderen letztlich in allen Bereichen gleich. Speziell im Pflegebereich Tätige seien darüberhinaus auf Beiträge im Teil 5 hingewiesen, entsprechende Verweise sind im Text eingefügt. Zusammenfassend lässt sich demnach feststellen, dass neben dem medizinischen Können die kommunikativen Fähigkeiten im Umgang mit Patienten und Mitarbeitern durchaus als Kernkompetenzen des Arztes zu betrachten sind. Aufgrund einer Metaanalyse von Krankenhäusern formuliert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung dementsprechend: z« Fachliche und soziale Kompetenz gehören zusammen. Im Folgenden sollen nun in einer allgemeinen Einführung die Merkmale der Kommunikation dargestellt werden, die einmal für das ärztliche Gespräch mit dem Patienten, das andere Mal für die interdisziplinäre Kooperation im Krankenhaus grundlegend sind. In einem speziellen Teil 3 Ärzte, Pflegedienstleitung, Manager: Alle sind „angesprochen“! Fachliche und soziale Fähigkeiten 3 z 05 02 Grundlagen zwischenmenschlicher Kommunikation Inhalt Suchen Treffer Hilfe wird auf die krankenhausspezifischen Kommunikationsprobleme sowie auf Möglichkeiten ihrer Lösung eingegangen. 3 z 05 | 02 Grundlagen zwischenmenschlicher Kommunikation Vier Aspekte einer Nachricht Kommunikation ist nicht nur simpler Austausch von Nachrichten zwischen zwei oder mehreren Personen, sondern ein hochkomplexer psychologischer Prozess. Einund dieselbe Nachricht enthält stets viele Botschaften gleichzeitig (Schulz v. Thun 1987). So besitzt jede Nachricht eines Senders: z einen Sachaspekt, der die Informationen über mitzuteilende Dinge enthält, z einen Selbstoffenbarungsaspekt, mit dem der Sender Informationen über seine Befindlichkeit und seine Einstellung zum Gesagten vermittelt, z einen Beziehungsaspekt, durch den sich Aussagen über die Beziehung des Senders zum Empfänger mitteilen, z einen Appellaspekt, der dem Empfänger kundgibt, was der Sender mit der Nachricht bei ihm bewirken will. Fragen zur Entschlüsselung der Botschaft Diese komplexen Aspekte der Nachricht müssen vom Empfänger entsprechend seiner Wahrnehmung der Information interpretiert werden. Stellt der Empfänger den Sachaspekt in den Vordergrund, entschlüsselt er den sachlichen Informationsgehalt, z. B. mit Hilfe der Fragen: „Was sagt der Sprecher objektiv aus? Welche Behauptungen, Tatsachen bringt er zum Ausdruck?“ Ist der Selbstoffenbarungsaspekt leitend, versucht der Empfänger die mit der Nachricht verbundenen Gefühle und Motive des anderen nachzuvollziehen, etwa durch die Fragen: „Was ist der andere für einer? Was ist mit ihm los?“ Die Beziehungsbotschaften einer Nachricht rücken in den Vorder4 Grundlagen zwischenmenschlicher Kommunikation Marz 2001 Inhalt Suchen 3 z 05 02 Hilfe Treffer grund, wenn beim Kommunikationspartner folgende Fragen zum Tragen kommen: „Wie redet der Sprecher mit mir? Wen glaubt er vor sich zu haben?“ Und unter dem Appellaspekt hört der Empfänger die mehr oder minder deutlichen Aufforderungen des Senders an seine Person heraus, etwa in dem Sinne: „Was soll ich aufgrund seiner Meinung tun, fühlen, denken?“ Häufige Missverständnisse in der Kommunikation erklären sich aus Empfangsfehlern der Kommunikationspartner. Beispielsweise kann einer der Partner aufgrund bestimmter Befindlichkeiten oder auch situativer Gegebenheiten die Nachricht des anderen nicht mehr in ihrer Gesamtheit verstehen, sondern nur unter einem bestimmten Aspekt hören. Und so wird dann eine Äußerung wie „Sie wirken heute sehr schwungvoll!“ von einem Partner, der auf der „Beziehungslauer“ liegt und damit in jeder Nachricht eine gegen ihn gerichtete Gemeinheit vermutet, beantwortet werden mit „Ja, ja, ich weiß, dass ich normalerweise einen schlaffen Eindruck mache.“ Eine Frage wie „Ist noch Kaffee da?“ kann bei einem auf dem „AppellOhr“ trainierten Empfänger die Reaktion auslösen: „Ich koche sofort welchen.“ Die berufliche Entwicklung kann eine Sensibilisierung für einen bestimmten Aspekt der Nachricht fördern. Ärzte und Krankenpflegepersonal scheinen besonders den Sach- und Appellaspekt zu akzentuieren, Psychologen und Psychotherapeuten dagegen eher den Selbstoffenbarungs- und Beziehungsaspekt. Das partnerzentrierte Gespräch Das Wissen um grundlegende zwischenmenschliche Kommunikationsprozesse ermöglicht nicht nur, durch das Lesen „zwischen den Zeilen“ den anderen in seinen Inten5 Empfangsfehler führen zu Missverständnissen Im Krankenhaus: Sach- und Appellaspekt 3 z 05 02 Grundlagen zwischenmenschlicher Kommunikation Inhalt Konfliktlösungen verlangen Akzeptanz Die „Ich-Botschaft“ Suchen Treffer Hilfe tionen besser kennenzulernen, sondern erleichtert auch die Bearbeitung und Lösung von Konflikten zwischen Kommunikationspartnern – sei es im ärztlichen Gespräch, im Mitarbeiterkontakt oder in einer Arbeitsgruppe. Dabei spielt die Transparenz/Offenheit, mit der ich mir selbst und dem anderen begegne, eine wichtige Rolle. So besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Akzeptanz eines Menschen in Hinblick auf sich selbst und seine Mitmenschen und der Fähigkeit und Bereitschaft, Konflikte zu lösen bzw. zu regeln (Lumma 1988). Als besonders hemmend für eine adäquate Konfliktlösung betrachtet Lumma die „falsche Akzeptanz meiner selbst und der anderen“: die Ansprache bestehender zwischenmenschlicher Konflikte wird vermieden, so dass sie nur indirekt, in Form von „Schwelbränden“, zum Ausdruck kommen. Dagegen ist das konkrete und offene Äußern von Akzeptanz/Nichtakzeptanz Voraussetzung für eine wirkungsvolle Konfliktlösung. Dabei hilft es, innere Regungen möglichst authentisch und der inneren Befindlichkeit entsprechend zu artikulieren. Diese sog. „Ich-Botschaften“ beschreibt Mann (1991) am Beispiel eines Arzt-Gespräches mit einem Patienten, der die Mitarbeit an der Therapie verweigert: Beispiel. „Empfinde ich als Arzt in dem Gespräch mit dem Patienten starke Sorge und Verantwortung diesem gegenüber, weil er wiederholt die Einnahme eines lebenswichtigen Medikamentes (z. B. Digitalispräparat) verweigert, dann besteht das Senden einer Ich-Mitteilung darin, dass ich dem Patienten in Ich-Form konkret und in Übereinstimmung mit meinem non-verbalen Verhalten genau 6 Grundlagen zwischenmenschlicher Kommunikation Marz 2001 Inhalt Suchen 3 z 05 02 Hilfe Treffer diese Empfindungen direkt zum Ausdruck bringe“ (Mann 1991 S. 333). Eine solche Ich-Botschaft könnte etwa lauten: „Mir bereitet das Sorgen, dass Sie Ihr Medikament nicht nehmen.“ Diese Mitteilung – authentisch vorgebracht – macht transparent, was momentan im Arzt vor sich geht. Sie ermöglicht dem Patienten, den Arzt als Partner zu erleben, ohne dass die Rollenunterschiede zwischen beiden verwischt werden. Die Offenheit des Arztes kann den Kranken besser dazu motivieren, sich mit der Medikamenten-Frage und mit den Hintergründen seines Widerstandes zu beschäftigen. Der Ich-Mitteilung steht die sog. „Du-Botschaft“ gegenüber, mit der die eigene innere Befindlichkeit in verzerrter, indirekter Form wiedergeben wird. Dabei ist diese Botschaft in der Regel nicht mehr eine Mitteilung über mich selbst, sondern über den Gesprächspartner. Beispiel. In dem Arzt-Patienten-Beispiel könnte eine „DuBotschaft“ des Arztes wie folgt lauten: „Sie müssen sich schon an meine Anweisungen halten, sonst hat die ganze Therapie keinen Zweck.“ Hier verschlüsselt der Arzt die Empfindung von Sorge so, dass sie nicht mehr offenkundig wird. Sie wird vielmehr durch eine belehrende Mitteilung ersetzt, durch die der Patient sich als klein und uneinsichtig betrachtet und damit herabgesetzt fühlen kann. Auch wird der Therapeut nicht mehr als offenes Gegenüber, sondern als unpersönliche und bestrafende Autorität erlebt. Dieses kann beim Patienten vielleicht vordergründig Anpassung, aber inneren Widerstand bewirken. Die Wahrscheinlichkeit, dass er sich konstruktiv um eine Auseinandersetzung mit dem Medikamenten-Problem bemüht, wird verringert. 7 Der Arzt als Partner Die „Du-Botschaft“ Der Arzt als „Belehrer“ 3 z 05 02 Grundlagen zwischenmenschlicher Kommunikation Inhalt Suchen Treffer Hilfe Neben der Belehrung sind weitere Formen der DuMitteilungen: z moralisieren („Sie müssen dieses Medikament gewissenhaft nehmen. Sie wollen doch wieder gesund werden, nicht wahr?“), z drohen („Wenn Sie so weitermachen, ist Ihre Pumpe bald hin!“), z kritisieren, Vorwürfe machen („Sie wissen doch genau, dass Sie dieses Medikament nehmen müssen. Warum tun Sie es denn nicht?!“), z pauschalieren („Die Patienten glauben doch immer, alles besser wissen zu müssen.“). Und auch Selbstakzeptanz muss sein Einfühlung Aktives Zuhören Wichtig ist nochmals darauf hinzuweisen, dass Interventionen im Sinne einer Ich-Botschaft nur möglich sind auf dem Hintergrund der Haltung von Selbstakzeptanz: Man muss sich annehmen, um seine inneren Signale hören zu können. Erst wenn sie vorurteilsfrei angenommen und als wichtig erachtet werden, ist eine offene Kommunikation mit sich selbst und dem Partner möglich. Gegenüber dem Anderen realisiert sich eine akzeptierende Einstellung durch ein zugewandtes, um Verstehen bemühtes Gesprächsverhalten. Dieses fördert ein Klima, das dem Einzelnen Mut macht, sich selbst und andere realistisch zu sehen. Einfühlendes Verstehen in die Erlebenswelt des anderen verwirklicht sich durch das sog. aktive Zuhören. Diese vom amerikanischen Psychotherapeuten und Begründer der „klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie“ Carl Rogers explizit beschriebene Form der Gesprächsführung beinhaltet den Versuch, auf die innere Befindlichkeit (auf Affekte, emotionale Erlebnisinhalte usw.) des Anderen einzugehen und diese mit eigenen 8 Grundlagen zwischenmenschlicher Kommunikation Inhalt Suchen 3 z 05 02 Hilfe Treffer Marz 2001 Worten an den Partner zurückzugeben. Das Gegenüber macht damit die positive Erfahrung, dass ihm zugehört wird und dass seine Äußerungen ernst genommen werden. Da er vom Zuhörer akzeptiert wird, braucht er seine Kraft nicht zu benützen, um den Anderen zu überzeugen, wie recht er hat. Er kann sie vielmehr einsetzen für die Entwicklung neuer Einsichten. Beispiel. Ein Beispiel für eine förderliche Antwort im beschriebenen Sinne wäre auf die Äußerung eines Patienten nach Diagnosemitteilung: „Damit muss jeder allein fertig werden, jeder von uns“ etwa die: „Im Augenblick können Sie sich keine Unterstützung vorstellen“. Dagegen stellt die Antwort: „Ach, das glaube ich nicht. Sie haben doch sicherlich Unterstützung. Ihre Familie steht Ihnen doch bei.“ eine wenig einfühlsame und damit blockierende Reaktion dar. Mit einer solchen Äußerung wird dem anderen das Recht auf seine Gefühle/Einstellungen genommen bzw. ihm werden Gefühle der Unterlegenheit/Bedeutungslosigkeit vermittelt. Hindernde Reaktionsweisen sind weiterhin folgende: z Wechsel des Themas ohne Erklärung, z Interpretationen und Belehrungen, z Ratschläge und Überredung, z Verneinung der Gefühle, z emotionale Verpflichtungen (z. B.: „Wie kannst Du nur so schlecht über X reden, wo er doch immer so nett zu Dir war.“). Rücksicht auf Einstellungen und Gefühle Festzuhalten ist, dass durch das aktive Zuhören sich der Partner angenommen und verstanden fühlt. Er wird ermutigt, seine Einstellung zu hinterfragen und möglicherweise neue, bislang unberücksichtigte Aspekte der Reali- Aktives Zuhören bringt wichtige Vorteile 9 3 z 05 02 Grundlagen zwischenmenschlicher Kommunikation Inhalt Geltung auch für Institutionen Lösungen nur bei gegenseitigem Vertrauen Suchen Treffer Hilfe tät in seinen Gedankengang miteinzubeziehen. Der weitere Vorteil des aktiven Zuhörens ist, dass auch der Zuhörer ein ihm zuerst unverständliches Verhalten des Partners besser verstehen und einordnen lernt. Die Grundeinstellung von Transparenz/Offenheit und einfühlendem Verstehen in der Kommunikation und ihre Verwirklichung mittels Ich-Botschaften und aktivem Zuhören wurde von Gordon (1979) gezielt auf den institutionellen Bereich übertragen. Am Beispiel von Familien-, Schul- und Managerkonferenzen konnte die Effektivität der partnerzentrierten Konflikt- und Problemlösung belegt werden. Demnach liegt ihr praktischer Wert darin, dass der zwischenmenschliche Austausch in einem Klima des gegenseitigen Vertrauens, Verständnisses und der Offenheit stattfindet. Das Miteinander und die Zusammenarbeit gestalten sich fruchtbarer und kreativer. Die Kommunikationspartner werden in die Lage versetzt, gemeinsam die sachlichen Aspekte ihres Problems zu reflektieren sowie unter Berücksichtigung des sozio-emotionalen Aspektes nach für beide Seiten befriedigenden Lösungen zu suchen. Aufbauend auf den Grundlagen der zwischenmenschlichen Kommunikation und der partnerschaftlichen Gesprächsführung soll nun im Folgenden auf die Kommunikationsverhältnisse des Krankenhauses im Speziellen mit den daraus resultierenden Konsequenzen für den Umgang miteinander dargestellt werden. Auch sollen positive Veränderungsmöglichkeiten für ein verbessertes Beziehungsklima zwischen den dort Tätigen diskutiert werden. 10 Kommunikation im Krankenhaus Inhalt Suchen Hilfe Treffer 3 z 05 | 03 Kommunikation im Krankenhaus Marz 2001 3 z 05 03 Das moderne Krankenhaus stellt ein hochkomplexes soziales Gefüge dar. Es wird wesentlich bedingt durch die Spezialisierung der Heiltätigkeiten in eine Vielzahl von Berufsgruppen. Neben Ärzten und Pflegern als die zahlenmäßig größte Gruppe finden sich eine Vielzahl anderer Berufssparten. Medizinisch-technische Assistenten, Krankengymnasten, Beschäftigungstherapeuten, Sozialarbeiter, Lehrer und Theologen stellen nur eine kleine Auswahl aus der Palette der im Krankenhaus Tätigen dar. Die Berufsgruppen sind sämtlich eingebunden in einen diffizilen Ablauf wechselseitiger Abhängigkeit, dessen Ziel die Heilung des kranken Menschen ist. Der befindet sich dabei am Ende einer Reihe von Handlungsketten, die im Wesentlichen nach vertikalen Hierarchiegesichtspunkten geordnet sind. So stehen an der Spitze der Ärztegruppe Chef- und Oberarzt, gefolgt vom Assistenzarzt. Den Schluss bildet der Medizinstudent im Praktischen Jahr. Die Pflegegruppe ihrerseits ist gegliedert in eine Kommandostruktur von der Pflegedienstleitung über die Stationsleitung bis zur Pflegekraft am Krankenbett und dem Pflegeschüler. Der Patient, auf den sich diese Strukturen ausrichten, hat die geringsten Möglichkeiten zu deren Beeinflussung. Er ist – wie der Medizinsoziologe Rhode (1973) sarkastisch anmerkt – Untergebener seiner Diener. Diese Asymmetrie in den Beziehungsstrukturen zwischen Therapeutenteam und Patient mit dem Gefälle von „oben“ nach „unten“ wird in der ärztlichen Visite am Krankenbett besonders auffällig. Wie sie sich konkret realisiert, soll im Folgenden näher dargelegt werden. 11 Eine Vielzahl von Berufsgruppen Gegenseitige Abhängigkeit und Hierarchie Patient als Untergebener seiner Diener Asymmetrische Beziehungen 3 z 05 03 Kommunikation im Krankenhaus Inhalt Suchen Treffer Hilfe Das Arzt-Patienten-Gespräch am Beispiel der Visite Das ärztliche Visitengespräch stellt einen Spezialfall der am Krankenbett stattfindenden Kommunikationssituationen dar. Es nimmt sowohl für die Behandelnden als auch für den Patienten eine zentrale Stellung im Stationsablauf ein. So bestimmen die während der Visite getroffenen Entscheidungen bezüglich der Diagnose und Therapie das weitere Handeln der Betreuer. Für den Patienten besteht bei ihr die hauptsächliche Gelegenheit, Informationen über seinen Zustand zu erhalten. Sein Informationsbedürfnis bezieht sich – so Raspe (1981) – vor allem auf die z Prognose der Erkrankung, z Art der Krankheit, z diagnostische Maßnahmen, z Behandlung und z Dauer des Krankenhausaufenthaltes. Drei Motive des Patienten Sprachverhalten des Arztes Hinter dem Wunsch nach Aufklärung stehen drei Bedeutungen: eine kognitiv-orientierende, eine praktisch-leitende zur Vorwegnahme und Planung möglicher krankheitsbedingter Umstellungen sowie eine emotional-sichernde Bedeutung zur Abwehr von ängstigenden Spekulationen und von Grübelei. Trotz ihrer Wichtigkeit für den Patienten verläuft die Visite – wie eine Vielzahl von Untersuchungen zu derem Ablauf zeigen – weitgehend ohne Einbezug des Kranken. Das Gespräch findet über ihn und nicht mit ihm statt. So konnte z. B. Nothdurft (1982) in seinen Kommunikationsanalysen feststellen, dass der Patient von der Teilnahme an der Visite weitgehend ausgeschlossen wird. Der Arzt bedient sich dabei eines Sprachverhaltens, das das Gespräch für den anderen undurchschaubar macht. Es ist gekennzeichnet durch 12 Kommunikation im Krankenhaus Inhalt z z z z Marz 2001 z Suchen 3 z 05 03 Hilfe Treffer Veränderung der Lautstärke: Der Arzt senkt am Krankenbett die Lautstärke der Unterhaltung, mangelnden Personenbezug: Der Visitenführende kommt während der Visite immer wieder auf bereits „abgearbeitete“ Patienten zurück, Verkürztheit der Sprache: Das untereinander Gesprochene ist nur auf einem gemeinsamen Hintergrundwissen verständlich, Austauschspreizung: Ein thematischer Schwerpunkt (z. B. Medikation) wird weitschweifig behandelt, Gebrauch von Fachtermini und Stationsjargon. Ähnliche Gesprächsbehinderungen für den Patienten stellen Bliesener und Siegrist (1981) fest. Der fehlende Einbezug des Kranken in das Gespräch erfolgt nach Beobachtung dieser Autoren durch Vermeidung der Anrede des Patienten, Vermittlung des Eindrucks von Eile und Beschäftigung, Besprechung eines Themas ohne Bezug zum Patienten, Nichtbeachtung von Patientensignalen, und durch Adressaten- und Themenwechsel. Das Ausmaß dieser asymmetrischen Verbalhandlungen ist abhängig vom Schweregrad der Erkrankung des Patienten: Im Umgang mit Schwerstkranken und Sterbenden besteht die Tendenz, die Kommunikation vollständig einzustellen (Glaser u. Strauss 1974; Begemann-Deppe 1976; Koch u. Schmeling 1982). Den nonverbalen Aspekten der Arzt-Patienten-Kommunikation wendeten sich Steinmann et al. (1978) zu, indem sie das mimische und gestische Ausdrucksverhalten der an der Visite Beteiligten erfassten. Sie stellten fest, dass dem durchschnittlichen Patienten ein eher interaktionsbereites, positiv zugewandtes, motorisch aktives und gespanntes Kommunikationsverhalten zu eigen ist. Der 13 Asymmetrische Gesprächshandlungen Nonverbale Kommunikation 3 z 05 03 Kommunikation im Krankenhaus Inhalt Aufmerksamkeit gilt dem Visiteführer Interaktionsprobleme Suchen Treffer Hilfe durchschnittliche Arzt dagegen ist in seinem Ausdruck eher dominant, statusbetont, distanziert und interaktionsdesinteressiert. Ein solches Arztverhalten ist nach Ansicht der Autoren mitverantwortlich für die Kritik, welches hinsichtlich des Umgangs von Ärzten mit ihren Patienten geäußert wird. Eigene Untersuchungen zum nonverbalen Verhalten des medizinischen Personals während der Visite auf der Intensivstation (Hannich 1987) zeigten auf Seiten des visiteführenden Oberarztes eine primär organ- und krankheitsbezogene Aufmerksamkeitsrichtung. Der nonverbale Ausdruck der übrigen Visitenteilnehmer war – entsprechend der Stationshierarchie – auf den Leiter zentriert. Der Patient war aus dem Blickfeld der Beteiligten gerückt. Zusammenfassend weist Begemann-Deppe (1978 S. 107 ff.) aufgrund ihrer Studien zum Visitengeschehen auf folgende aktuell wirksame Interaktionsprobleme zwischen Arzt und Patient hin: z Die Sprache des Arztes ist nicht die des Patienten. z Widersprüchliche Informationen kann der Patient nicht ohne Unterstützung lösen. z Der Patient hat sich den Interaktionsbedürfnissen des Personals unterzuordnen. z Bei Personalkonflikten ist der Patient nur hilfloser Zuschauer. z Beziehungsprobleme werden als solche weder wahrgenommen noch versprachlicht. z Der Patient muss sich die Wirklichkeit des Krankenhauses aneignen. 14 Kommunikation im Krankenhaus Marz 2001 Inhalt Suchen 3 z 05 03 Hilfe Treffer Möglichkeiten einer partnerschaftlichen Arzt-PatientenKommunikation in der Visite Aus der bisherigen Beschreibung des Arzt-Patienten-Gespräches am Beispiel der Visite geht die indirekte Forderung an den Kranken hervor, sich an das medizinische Geschehen anzupassen. Mitgestaltung wird weniger verlangt. Es wird am Patienten, nicht mit ihm gearbeitet. Mit der Ausklammerung des Patienten vom Geschehen bleibt unberücksichtigt, dass Krankheit ein Geschehen von hohem personalen Wert ist und damit auch die Chance zu persönlicher Reifung beinhaltet. Dieses ist in der Regel Patienten eher bewusst. So zeigen z. B. Untersuchungen zur Einschätzung von Kranksein – das eine Mal durch medizinisches Personal, das andere Mal durch Kranke selbst –, dass die eigenen Stärken den Patienten in der Regel sehr viel eher präsent sind als der Gruppe der Helfer. Die professionellen Therapeuten schätzen das Erleben der Krankheit nicht nur systematisch negativer ein als die Betroffenen. Vielmehr besteht bei ihnen eine generelle Unkenntnis darüber, welche positiven Lebensziele ein Mensch noch hat, die ihm Kraft und Hoffnung geben (Verres 1990). Um diese aktiv für das Heilungsgeschehen verfügund nutzbar zu machen, bedarf es des Dialoges zwischen Helfer und Hilfesuchendem. Indem der Arzt während der Visite den Kranken in seiner eventuellen Angst, Depression und Zurückgezogenheit beachtet und wertschätzt, kann daraus ein Prozess entstehen, der dem Patienten die psychische Aufarbeitung seiner Situation ermöglicht. Durch Stärkung seines Selbstwertes wird seine Fähigkeit ausgebaut, die Erkrankung in zeitweiliger reflexiver Distanz anzugehen, realistische Bewältigungsformen und gangbare Zukunftsperspektiven zu entwickeln. 15 Die Realität: Patient soll sich anpassen Das Modell: Patient wird mit einbezogen Heilung nur im Dialog 3 z 05 03 Kommunikation im Krankenhaus Inhalt Neue Gestaltung des Visitenverlaufs Erster Teil: Vorbesprechung ohne Patient Zweiter Teil: Visite am Bett Drei Gesprächsmerkmale für bessere Verständlichkeit Suchen Treffer Hilfe Diese unspezifisch psychotherapeutische Funktion des Visitengeschehens (Westphale u. Köhle 1982) gilt es in der Gestaltung des Visitenablaufes zu berücksichtigen. Hierzu sind Modelle auf psychosomatischen Krankenstationen entwickelt worden (vgl. Köhle 1981). Sie wurden auf internistische, aber auch operative Intensivstationen (Hannich 1994) übertragen. Ihr wesentliches Merkmal ist die Zweiteilung des Visitengeschehens. Die Visite beginnt außerhalb des Krankenzimmers mit der Vorbesprechung, in der die aktuellen diagnostischen und therapeutischen Befunde und Ziele der Behandlung erörtert werden. Im gemeinsamen Gespräch zwischen Ärzten und Pflegenden werden Anamnese, Kurvenwerte sowie Angaben zur weiteren Diagnostik und Therapie diskutiert. Aus dem gemeinsamen Austausch erfolgt die Aufstellung des Therapieplanes. Bei der Visite am Krankenbett werden dem Patienten die wichtigsten Informationen und Interpretationen bezüglich seines körperlichen Zustandes gegeben. Der Arzt orientiert sich dabei am Informationsbedürfnis seines Gegenübers. Das kann u. U. bedeuten, die Informierung nur gering zu halten, etwa, wenn ein Patient aufgrund von Verleugnung zu erkennen gibt, dass er keine weiterreichende Informationen zu erhalten wünscht. Bei der Aufklärung muss sich der Arzt verständlich ausdrücken. Aufgrund von Untersuchungen lässt sich zeigen, dass Verständlichkeit der Informationsvermittlung sich sichern lässt durch z sprachliche Einfachheit (durch kurze, einfache Sätze, Erklärung von Fachwörtern, Konkretheit, Gebrauch aktiver Verben), z Prägnanz (durch Verdeutlichung mithilfe von Beispielen) und 16 Kommunikation im Krankenhaus Inhalt Marz 2001 z Suchen 3 z 05 03 Hilfe Treffer kognitive Gliederung (durch Vorschalten einer kurzen theoretischen Einleitung vor die eigentliche Fakteninformation). Die Berücksichtigung dieser drei Gesprächsmerkmale fördern die Entwicklung eines realistischen Krankheitskonzeptes beim Patienten. Dieses ist die Grundlage dafür, dass er ängstigende Gefühle der Unsicherheit und Hilflosigkeit gegenüber der Krankheit verliert und zunehmend Kontrolle über seine Situation auszuüben beginnt. Wie Ley (1993) ausführt, ist damit die erste Voraussetzung für die Mitarbeit an der Therapie (die sog. Compliance) geschaffen. An die Informationsvermittlung kann sich in der Visitengestaltung die körperliche Untersuchung anschließen, in deren Verlauf der vorläufige Therapieplan anhand des aktuellen Befundes validiert bzw. verändert wird. Das Resultat der Untersuchung muss dem Patienten mit dem Hinweis auf mögliche nächste Schritte mitgeteilt werden. Im Anschluss daran vergewissert sich der Arzt durch Nachfragen, ob der Patient noch weitere Informationen wünscht. Um das Vertrauen des Kranken in das Behandlungsteam und die Therapie zu stärken, hat die gesamte Visite unter dem Eindruck ruhiger Sicherheit stattzufinden. Weiterhin muss der Arzt zum Ausdruck bringen, dass er auf Sorgen und Nöte des Patienten hinhört. Hilfreich sind dabei die oben dargestellten Regeln des „aktiven Zuhörens“. Eine Diskussion der Befunde dieses oder eines anderen Patienten am Krankenbett ist nach Möglichkeit zu vermeiden. 17 Entwicklung eines realistischen Krankheitskonzeptes Und wieder: Den Patienten einbeziehen Sicherheit vermitteln 3 z 05 03 Kommunikation im Krankenhaus Inhalt Dem Patienten Mitverantwortung geben Konflikte an der Tagesordnung Statt Engagement herrscht Resignation Suchen Treffer Hilfe Am Beispiel der Arzt-Patienten-Kommunikation während der Visite wurde aufgezeigt, welche Möglichkeiten bestehen, das hierarchische Beziehungsgefälle zwischen Therapeut und Krankem zugunsten eines partnerschaftlichen Miteinanders zu verändern. Indem der Patient in das Geschehen einbezogen wird, übernimmt er Mitverantwortung für den Heilungsprozess. Er ist nicht mehr bloßer Empfänger therapeutischer Maßnahmen, sondern kann durch seine Mitarbeit das ärztliche Bemühen um Genesung unterstützen (Ley 1993). Eine solche Förderung und Sicherung der Patienten-Compliance durch den Arzt wird angesichts der Kostendämpfung im Gesundheitswesen zunehmend an Bedeutung gewinnen (speziell im Pflegebereich siehe dazu Kap. 5.02.02). Im Folgenden soll nun die Kommunikation zwischen den Berufsgruppen im Krankenhaus im Vordergrund stehen. Dabei wird vorwiegend auf das Miteinander von Ärzten und Pflegenden als die größten im Krankenhaus vertretenen Berufsgruppen eingegangen. Kommunikationsprobleme zwischen Ärzten und Pflegenden Ärzte wie Pflegende arbeiten im Krankenhaus nicht losgelöst voneinander, sondern in enger Kooperation. Obgleich aufeinander angewiesen, treten häufig Spannungen zwischen beiden Gruppen auf. Quelle von Konflikten sind oftmals die hierarchischen Abstufungen auf der Station, die dem medizinischen Denken und Tun ein absolutes Primat einräumen. Pflegerischen Tätigkeiten wird im Vergleich dazu ein niedrigerer Stellenwert zugeordnet (siehe Kap. 5.01.01). Die Erfahrung, zwar viel Verantwortung tragen zu müssen, aber infolge der Krankenhaus- und Stationshie18 Kommunikation im Krankenhaus Marz 2001 Inhalt Suchen 3 z 05 03 Hilfe Treffer rarchie nur ein stark eingeschränktes Mitspracherecht zu haben, findet ihren Ausdruck in der Äußerung von Pflegenden wie: „Ich habe zu funktionieren und den Mund zu halten.“ Statt Identifikation mit der Arbeit und Engagement ist ein innerer Rückzug die Folge, der sich in Resignation und dem Gefühl, doch nichts ändern zu können, äußert. Besonders augenfällig wird das fehlende Mitspracherecht von Seiten der Pflege bei der Visite. Wie Analysen von Visitengesprächen zeigen (vgl. Hannich 1987), werden die Beobachtungen von Pflegekräften kaum in den Entscheidungsprozess einbezogen. Eine Ansprache der Pflegenden erfolgt oftmals nur dann, wenn ihr ein Pflegefehler nachzuweisen ist. Diese Ausblendung vom Geschehen erfolgt, obgleich die Pflegekraft im Vergleich zum Arzt eine sehr viel größere Nähe zum Krankenbett einnimmt. Ihre Tätigkeit zeichnet sich in der Regel vor allem durch die Konzentration auf einige wenige Patienten aus. Die Pflegekraft ist damit Empfänger für sämtliche Bedürfnisse, Wünsche und Ängste des kranken Menschen. Sie kann sich ihnen infolge ihres unmittelbaren Kontaktes nicht ohne weiteres entziehen. Je hilfloser ein Patient ist, desto mehr nehmen Schwestern und Pflegekräfte seine Interessen wahr. Demgemäß überwiegt beim Pflegepersonal aufgrund ihrer spezifischen Tätigkeit eine eher patientenorientierte Sichtweise. Der Arzt hingegen ist für eine Vielzahl von Patienten auf der Station zuständig. Nach Festlegung der Diagnose sind für den Mediziner im weiteren Krankheitsverlauf in der Regel nur noch die Fakten von Bedeutung, die einen Therapieerfolg bzw. eine davon abweichende Entwicklung signalisieren. Wichtige Informationen darüber erhält er 19 Keine Mitsprache bei der Visite Patientenorientierung des Pflegepersonals Krankheitsorientierung der Ärzte 3 z 05 03 Kommunikation im Krankenhaus Inhalt Suchen Treffer Hilfe über das Pflegepersonal bzw. bei der Routinebefragung und -untersuchung des Patienten bei der Visite. Diese Daten stellen neben den objektiven Befunden die Entscheidungsgrundlage dar, auf der der Arzt sein naturwissenschaftliches Vorgehen gründet. Sein Kontakt zum kranken Menschen bleibt daher weitgehend von einer krankheitsbezogenen Perspektive geprägt. Ursprung für Konflikte Situationsbeispiel Wie aus folgendem Situationsbeispiel auf einer operativen Intensivstation hervorgeht, können die skizzierten unterschiedlichen Sichtweise miteinander in Kollision geraten und damit zur Quelle von Konflikten werden. Patient Zum Kontext der Situation. Die tägliche Oberarzt-Visite findet bei einer 52-jährigen Frau mit Zustand nach Cholezystektomie statt, die seit 16 Tagen auf der Intensivstation behandelt wird. Sie wird künstlich beatmet, ihre Bewusstseinslage ist eingetrübt. Sie reagiert allein auf laute Ansprache, ansonsten ist sie motorisch unruhig und desorientiert. Sie muss ständig von einer Pflegekraft überwacht werden, um die Gefahr der Selbstextubation zu verhindern. Die sie betreuende Pflegekraft ist weiterhin für einen anderen Patienten zuständig, der unmittelbar gegenüber der visitierten Frau liegt. Oberarzt, Assistent, Pflegekraft Zum Situation selbst. Die Visite am Bett der unruhigen Patienten hatte sich bislang auf die Kurvenwerte bezogen. Der Oberarzt (OA) bricht die Diskussion mit dem Assistenten (ASS) abrupt ab und es entsteht folgendes Gespräch mit der Pflegekraft (PK): 20 Kommunikation im Krankenhaus Inhalt Suchen 3 z 05 03 Hilfe Treffer Marz 2001 z OA: „Ja, was drainiert sie noch hier aus dem rechten Drain?“ ASS: „Da hat sie 6oo . . .“ OA (unterbricht): „Also jetzt bin ich aber sauer. Ich sage das nicht drei Mal am Tag. Dieses Drain hat nie unter dem Arm der Patientin zu liegen. Jetzt reicht’s mir aber!“ PK: „Ja, sie liegt die ganze Zeit immer. . .“ OA: „Also, es hat da nicht drunter zu liegen, ohne Diskussion jetzt. Ich wünsche das nicht noch einmal zu sehen. Mensch! Dann zieht sich das doch raus. Wenn das T-Drain raus ist, dann ist wirklich hier was Schlimmes passiert. Also, das muss hier immer spannungsfrei liegen. Ich hab’ das doch nun vorgestern früh, gestern früh, gestern nachmittag, gestern abend . . . Ich bin doch keine tibetanische Gebetsmühle! Also, Sie müssen das hier irgendwie noch lockerer am Bauch fixieren. PK: „Also, wenn ich das da nur festmach’... Sie bewegt sich nämlich andauernd. Ich kann ihr nicht befehlen, dass sie den Arm still liegen lässt. Dann schlägt sie das hoch und dann ist wieder. . . OA (unterbricht): „Hören Sie mal auf. Schlagen Sie das nach oben oder irgendwie . . . Die kann sich doch nicht wie ein Schlangenmensch unter die Drainage fassen, wenn man sie irgendwie geschickt anbringt, ne?!“. . . Ja, wieviel ist da mengenmäßig rausgekommen?“ (Die Visite wird fortgesetzt.) Auf dem Hintergrund der krankheitsbezogenen Handlungsperspektive des Arztes ist die heftig vorgetragene Beschwerde gerechtfertigt. In der Tat wird die Patientin durch die unsachgemäße Lagerung des T-Drains einer 21 Zwar tatsächliche Gefährdung . . . 3 z 05 03 Kommunikation im Krankenhaus Inhalt . . . aber keine Abhilfe Zwei Handlungsperspektiven Keine sachbezogene Lösung erreichbar Ausweg: gemeinsame Lösungssuche Suchen Treffer Hilfe unbedingt vermeidbaren Gefährdung ausgesetzt. Diese gilt es, schleunigst zu beheben. Aus dem Gespräch geht hervor, dass die Pflegende das Problem der unsachgemäßen Ableitung des T-Drains wohl erkannt haben mag. Sie sieht sich aber außerstande, es zu lösen: Die falsche Lagerung ist für sie Folge der Verwirrtheit und Unruhe der Patientin. Dieser Zustand ist für die Pflegekraft schlussendlich nicht zu beherrschen. Im Verlauf des Geschehens findet keine Annäherung beider Handlungsperspektiven statt. Form und Inhalt des Gesprächs zeigen deutlich, dass der Arzt seinen Standpunkt als einzig gültigen herausstellt und dem der Pflegekraft keinen Raum zubilligt. Mehr noch, er verneint die Argumente seines Gegenübers und macht damit auf der Beziehungsebene kenntlich, dass er die Pflegekraft nicht als gleichwertigen und kompetenten Gesprächspartner versteht. Eine sachgerechte Lösung des Problems unter Einbezug beider Perspektiven wird damit nicht erreicht. Das Problem würde sich nämlich dann von der unsachgemäßen Lagerung des T-Drains verschieben auf die Person der Patientin und deren Verwirrtheit. Fragen nach Ursachen für die Bewusstseinsstörung (z. B. Schlafentzug, Medikamentenüberhang usw.) könnten Folge sein, ebenso wie die Diskussion über mögliche Behandlungsschritte und deren Umsetzbarkeit. Eine solche sachbezogene Form der Problemlösung ohne Beeinträchtigung der Beziehungsebene setzt natürlich voraus, dass man einander ernst nimmt, zuhört und das Problem gemeinsam definiert (siehe obenstehende Regeln der partnerzentrierten Gesprächsführung). Eine Überprüfung der erarbeiteten Lösungsmöglichkeiten 22 Kommunikation im Krankenhaus Marz 2001 Inhalt Suchen 3 z 05 03 Hilfe Treffer könnte die Richtigkeit der getroffenen Entscheidungen sichern. Vermieden worden wäre damit, dass die Pflegekraft am Krankenbett unter größeren Druck gerät. Für sie entsteht nämlich so das Dilemma, die ärztlichen Anordnungen bei einer Patientin durchzusetzen, die sich dagegen sträubt. Fügt sie sich nun der ärztlichen Perspektive, bedeutet das u. U., den Willen der Patientin zu brechen und sie zu fixieren. Lässt die Pflegekraft ihr dagegen Raum, heißt das, die Kranke einer körperlichen Gefährdung auszusetzen. Aufgrund der dominanten Geltung der medizinischen Handlungsperspektive im Krankenhaus, an der sich pflegerische und andere Betreuungsansätze messen lassen müssen, erleben Ärzte die Kommunikationsprobleme mit der Pflegegruppe in der Regel nicht als besonders belastend. Während Pflegekräfte – wie eine Untersuchung von Herschbach (1991) zeigt – Konflikte mit dem ärztlichen Bereich als einen wesentlichen Stressfaktor für ihre Arbeit angeben, leidet die Ärzte-Gruppe eher unter den Anforderungen, die das Gespräch mit dem Patienten mit sich bringt. Dieses Ergebnis mag erklären, dass in der herkömmlichen Krankenhausorganisation für den wechselseitigen Austausch beider Arbeitsbereiche kaum entsprechende Gremien, etwa in Form von gemeinsamen Teamsitzungen, bereitgestellt werden. Ein weiterer Grund dafür ist der, dass sowohl Ärzte als auch Pflegende unter einem hohen Arbeitsdruck stehen, der den Raum für das Gespräch miteinander kaum zulässt (vgl. Herschbach 1991). Dabei tritt aber auch ein besonderes Verständnis von „Arbeit“ zutage, welches Ärzte und Pflegende gleichermaßen betrifft und welches sich beeinträchtigend auf die 23 Kommunikationsprobleme? Ärzte: nein! Pflegepersonal: ja! Keine institutionelle Aussprache Reden ist nicht „Arbeit“ 3 z 05 03 Kommunikation im Krankenhaus Inhalt Problem der Organisationskultur Schwerwiegende Folgen Suchen Treffer Hilfe Kommunikationsrate untereinander auswirkt: Dieser Einstellung zur Folge ist „richtige Arbeit“ mit direkter Aktion und mit beobachtbaren Effekten gleichgesetzt. Das Führen eines Gespräches ist unter diesem Gesichtspunkt keine wünschenswerte und akzeptierte Tätigkeit. Diese latente Entwertung der Bedeutung von zwischenmenschlicher Kommunikation ist somit auch Ausdruck einer primär auf Effizienz ausgerichteten Organisationskultur, die die geistige Wirklichkeit des modernen Krankenhauses prägt. Sie wird durch ein Führungsverhalten seitens der leitenden Kräfte, welches von den Mitarbeitern Anpassung statt Mitgestaltung fordert, gestützt (Kap. 5.01.05). Die Folgen der Vernachlässigung der kommunikativen Aspekte von Zusammenarbeit sind beträchtlich. Sie wirken sich beeinträchtigend auf Arbeitsabläufe aus, indem z. B. der Informationsaustausch zwischen den Berufsgruppen nur eingeschränkt stattfindet. Als Beispiel sei wieder die Visite genannt, die durch den fehlenden Einbezug der Beobachtungen von Pflegenden nicht sämtliche zur Verfügung stehenden Informationsquellen nutzt. Der Entscheidungsprozess über den Patienten läuft somit suboptimal ab. Ebenso wird der Informationsfluss über weitere medizinisch-pflegerische Maßnahmen zwischen Ärzten und Pflegenden beeinträchtigt, wenn eine dritte Person zur Weitergabe der Therapieentscheidungen an die Pflegekraft notwendig wird. Ein dadurch bedingter Verlust an Informationen bedeutet zumindest potenziell eine vermeidbare Gefährdung des Patienten. Fehlende Absprache zwischen den Behandlern kann weitere, z. T. fatale Folgen haben, etwa wenn eine gegenseitige Informierung über den Aufklärungsstand des Patienten nicht erfolgt ist. Ein dem Heilungsprozess abträg24 Kommunikation im Krankenhaus Marz 2001 Inhalt Suchen 3 z 05 03 Hilfe Treffer licher Vertrauensverlust auf Seiten des Kranken und damit eine Behinderung des kooperativen Arbeitsbündnisses zwischen Patient und Therapeutenteam ist dann unvermeidbar. Gleiches scheint auf die Angehörigen-Gruppe zuzutreffen. Deren Zufriedenheit mit der Behandlung ihres Familienmitgliedes hängt wesentlich damit zusammen, in welchem Maße sie den Helfern Vertrauen entgegenbringen kann. Das Gefühl, dass „alle bemüht an einem Strang ziehen“, ist dafür unverzichtbar. Es durch mangelndes „Teamwork“ aufs Spiel zu setzen heißt im schlimmsten Falle auch, sich strafrechtlichen Konsequenzen ausgesetzt zu sehen. Auf der Ebene des Teams wirkt sich die Trias (Primat der krankheitszentrierten Perspektive – Arbeitsdruck – autoritärer Führungsstil) mit der dahinter stehenden Kommunikations-„Feindlichkeit“ dahingehend aus, dass Teamspannungen nicht offen und damit prinzipiell lösbar ausgedrückt werden. Sie treten vielmehr als „Schwelbrände“ zutage in Form von latenter Opposition mit Machtkämpfen, Arbeitsunlust bis hin zu „innerer Kündigung“, erhöhter Rate an Krankmeldungen und Fluktuation. Sie beeinträchtigen nicht nur die Effektivität der Tätigkeit, sondern auch das sozio-emotionale Klima der Station. Statt von einem positiven wird die Station von einem negativen Heil-Klima beherrscht, das sich auch entsprechend auf das Erleben des Patienten auswirkt. Welches Arbeitsklima auf einer Station herrscht, in der folgendes Beispiel möglich ist, ist leicht nachvollziehbar: Beispiel. Ein Fachpfleger berichtet in einer Supervisionsgruppe mit großer Betroffenheit, dass der leitende Arzt der Station an einem Neujahrsmorgen den diensthaben25 Sogar Risiko strafrechtlicher Konsequenzen Vergiftung des Arbeitsklimas 3 z 05 03 Kommunikation im Krankenhaus Inhalt Schlechtes Arbeitsklima macht krank Eklatante Fehlzeiten im Krankenhaus Erschöpfung, „burn-out“ Suchen Treffer Hilfe den Ärzten persönlich mit einem Händedruck viel Erfolg für das Neue Jahr gewünscht habe. Ihn als Danebenstehenden habe er mit den Worten übergangen: „Ich gebe nur Akademikern die Hand.“ Dieses ist sicherlich ein sehr drastisches Beispiel für destruktives Führungsverhalten und für schlechtes Betriebsklima. Es macht aber leicht verstehbar, dass diese den Nährboden für Frustrationen und Arbeitsunlust bilden. Nicht nur die wirtschaftlichen Folgekosten davon sind enorm: Sie werden gesamtgesellschaftlich auf jährlich 100 Milliarden DM geschätzt! Auch auf der individuellen Ebene zeigt sich, dass krank macht, was kränkt. So weisen Untersuchungen auf, dass fehlendes „Wir-Gefühl“ des Personals eng korreliert mit psychosomatischen Störungen wie Magenkatarrh, Herz-Kreislauf-Störungen, MagenDarm-Erkrankungen (vgl. Rheinz 1994). z! In die gleiche Richtung weisen die Ergebnisse von Herschbach (1991). Er berichtet in seiner Studie zu Stress im Krankenhaus von alarmierenden Zahlen hinsichtlich des Auftretens psychovegetativer Störungen. Insbesondere Krankenpflegende sind in Bezug auf psychosomatische Erkrankungen doppelt so stark belastet wie die Durchschnittsbevölkerung. Ihre durchschnittlichen Fehlzeiten betragen 13,6 Tage, für das ärztliche Personal werden lediglich 2,8 Tage genannt. Gemäß Herschbach sind in diese Daten als klinisch relevant anzusehen. Die Inzidenz dieser körperlichen Störungen weisen auf ein Zustandsbild hin, welches unter dem Begriff des „burn-out“ Eingang in die Literatur gefunden hat (Aronson et al. 1983). Damit ist ein psychophysischer Er26 Kommunikation im Krankenhaus Marz 2001 Inhalt Suchen 3 z 05 03 Hilfe Treffer schöpfungszustand auf Seiten der Helfenden gemeint, der mit einer dehumanisierenden Haltung dem leidenden Menschen gegenüber einhergeht. Aufgrund des eigenen „Ausgebranntseins“ behandelt man den anderen Menschen so als wäre er keiner. Dem Patienten wird die Schuld an seiner Erkrankung zugewiesen, in seiner Abwesenheit fallen oftmals zynische Bemerkungen über seine Person und seine Krankheit. Der neurochirurgische Patient wird dann zur „Birne“, der Sterbende „reif für die Kiste“. Dienst wird nur noch nach Vorschrift durchgeführt, Vertretern von Neuerungen wird mit offenem Misstrauen begegnet und ihr Scheitern als unausweichlich vorausgesagt. Dabei wird alles getan, um selbst – durch passiven Widerstand oder durch ständiges Entmutigen des Anderen – an der Erfüllung dieser Prophezeiung mitzuarbeiten. Bei alledem darf nicht übersehen werden, dass Resignation und Perspektivlosigkeit häufig das Resultat einer Entwicklung sind, die mit dem Motto: „Erst Feuer und Flamme – dann ausgebrannt“ überschrieben werden kann. Das bedeutet, dass eine vormals hohe Arbeits- und Leistungsmotivation des Helfers durch eine Vielzahl von Enttäuschungen während seines Arbeitslebens zerstört worden ist. Schlechtes Betriebsklima mit Isolation des Einzelnen, mangelnde Förderung der Eigeninitiative durch übermäßig starke Kontrolle sowie fehlende Wertschätzung des geleisteten Arbeitseinsatzes steuern einen wichtigen Beitrag dazu bei. Hingegen zeigt sich, dass die Einbindung in ein gut funktionierendes Team mit einem ausgeprägten „WirGefühl“ die wirksamste Prophylaxe gegen eine derartige Entwicklung darstellt. Aus diesem Grunde werden im Folgenden Möglichkeiten dargestellt, über die Kommunikati27 Entmutigung, Widerstand Alles zusammen ergibt verhängnisvolle Entwicklung 3 z 05 03 Kommunikation im Krankenhaus Inhalt Suchen Treffer Hilfe on mit den Mitarbeitern Arbeitszufriedenheit und Leistungsmotivation zu bewahren bzw. zu fördern. Kultur der Organisation Gleichwertigkeit als Voraussetzung Das Zusammenwirken bringt den Behandlungserfolg Möglichkeiten mitarbeiterorientierter Kommunikation Das wirksamste Mittel, dem „Ausbrennen“ des Helfers mit schlussendlicher Resignation und Rückzug aus dem Arbeitsbereich zu begegnen, sind wie erwähnt vorbeugende Maßnahmen. Sie müssen den Bereich der Organisationskultur und -struktur der Klinik betreffen. Mit der Kultur der Organisation ist die Philosophie gemeint, die für das gemeinsame Tun der Behandler verbindlich ist. Sie schafft die „geistige Wirklichkeit“ auf der Station und ist erkennbar in der Verwirklichung von Werten, von Regeln und Ritualen, in der Art der Beziehungsgestaltung, in der Sprache usw. Wesentliche Voraussetzung für eine mitarbeiterorientierte Organisationskultur ist ein Verständnis, das von der prinzipiellen Gleichwertigkeit der am Therapieprozess Beteiligten ausgeht. So muss etwa allen deutlich sein, dass z. B. Pflegende einen zwar anderen, aber ebenso wichtigen Aspekt der Behandlung abdecken (vgl. Kap. 5.01). Der auf dem Hintergrund von Gleichwertigkeit – nicht etwa Gleichheit – basierende Umgang miteinander wird getragen von dem Bewusstsein, dass jedes Teammitglied mit seinen Möglichkeiten und Kompetenzen wertvolle Hilfe zum Gelingen des Ganzen beiträgt. Therapeutische Aktivitäten werden damit nicht isoliert, sondern als untereinander vernetzt betrachtet. Erst das Zusammen- und Ineinander-Wirken sämtlicher Bemühungen unter Berücksichtigung der Person des Patienten bestimmen den Behandlungserfolg. Mit anderen Worten bedeutet das: Eine gute Medizin ist nur mit guter Pflege möglich, eine gute Pflege nur mit einer guten Medizin. 28 Kommunikation im Krankenhaus Marz 2001 Inhalt Suchen 3 z 05 03 Hilfe Treffer Eine solche Grundhaltung ist in sich dialogisch. Sie geht von dem prinzipiellen Vertrauen in das Können und Wollen des Anderen aus. Und in der Tat ist aus Untersuchungen zur Arbeitszufriedenheit bekannt, dass die sachbezogene Motivation und das Interesse von Helfern, im Krankernhaus zu arbeiten, überdurchschnittlich hoch ist (Lückmann 1985; Fricke 1991). Sie darf nicht zerstört werden, indem der Andere allein als „Befehlsempfänger“ angesehen wird. Indem dem Einzelnen vermittelt wird, dass er von Wichtigkeit für das Ganze ist, wird Identifikation mit der Organisation hergestellt. Diese wiederum ist Grundlage für den Erhalt der Leistungsmotivation und damit primär für den Erfolg und für die Effektivität einer Institution verantwortlich. Formale Strategien spielen dagegen eine untergeordnete Rolle. Die Verwirklichung der Organisationskultur ist Aufgabe der Führung (Kap. 2.11.02). Sie muss aufgrund ihres Auftretens dem Mitarbeiter glaubwürdiges Vorbild sein. Ihre „natürliche“ Autorität schafft und erhält Identifikation und vermittelt dem Einzelnen die Sinnhaftigkeit seines Tuns. Dieses stellt hohe Anforderungen an die Qualifikation der Leitenden in Hinsicht auf kommunikative Kompetenz, auf die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung sowie auf die Fähigkeit zu innovativem Denken. Dagegen ist die auf reiner Amtsautorität basierende Mitarbeiterführung aus motivations- und kommunikationspsychologischer Sicht der Ausdruck von Ohnmacht. Sie schafft das Problem, dass hier Autoritäten führen, die von den Mitarbeitern psychologisch bereits abgewählt worden sind. Auf der Ebene der Organisationsstruktur muss der Rahmen bereitgestellt werden, in dem die Kultur aus29 Vorhandene Motivation nicht zerstören Identifikation mit der Organisation Die Bedeutung der Mitarbeiterführung 3 z 05 03 Kommunikation im Krankenhaus Inhalt Teambesprechungen ermöglichen den Austausch Damit Arbeitsgruppen funktionieren Gruppensupervision gegen „Betriebsblindheit“ Suchen Treffer Hilfe gedrückt und gelebt werden kann (Kap. 5.01.05). Das bedeutet als ein wesentliches Moment die Schaffung von (Frei-)Raum zum wechselseitigen kommunikativen Austausch. Dazu dienlich sind regelmäßige Teambesprechungen, die den Einbezug der Mitarbeiter in die Entscheidungsprozesse ermöglichen. Sie werden über aktuelle Entwicklungen auf der Station auf dem Laufenden gehalten. Planungen, die ihren speziellen Arbeitsbereich betreffen, werden in Absprache mit ihnen vorgenommen, Entscheidungen darüber über einen „informierten Konsensus“ hergestellt. Verantwortlichkeiten können auf die Gruppe dadurch verteilt werden, dass z. B. Arbeitskreise von Interessierten Lösungsvorschläge zu anstehenden Fragen etwa der Arbeitsorganisation entwickeln. Erarbeitete Lösungen werden im Team diskutiert und nach gemeinsamer Abstimmung umgesetzt. Aufgabe des Leiters ist es, die Gruppenprozesse im Sinne eines kooperativen Arbeitsbündnisses zu steuern. Zur Entwicklung und Wahrung des „WirGefühls“ muss er folgende Merkmale der Arbeitsgruppe akzentuieren: z die Orientierung an der gemeinsamen Aufgabe, z die Duldung unterschiedlicher Meinungen, z die intensive Kommunikation der Gruppenmitglieder untereinander, z eine angemessene Leistungsanforderung mit konstruktiver Kritik sowie z eine grundsätzliche Offenheit gegenüber Außenstehenden. Die in jeder Gruppe auftretende „Betriebsblindheit“ kann am ehesten von einem neutralen Dritten aufgegriffen und bewusst gemacht werden, der nicht in die gruppeninterne 30 Kommunikation im Krankenhaus Marz 2001 Inhalt Suchen 3 z 05 03 Hilfe Treffer Dynamik verquickt ist. In regelmäßigen zeitlichen Abständen sind deshalb Teamsupervisionen sinnvoll, in denen sich die Gruppe in ihrem Verhalten zueinander und zum Patienten „kontrollieren“ lässt. Vorurteile, „blinde Flecken“ in der Selbstwahrnehmung sowie Projektionen eigener Bedürfnisse und Gefühle auf die anderen können bearbeitet werden. Gleichermaßen können Strategien zur Überwindung institutioneller Schwierigkeiten entwickelt und eingeübt werden. Ein weiterer Schritt bei der Entwicklung dialogischer Kommunikationsstrukturen ist das Angebot zur freiwilligen Teilnahme an sog. Balint-Gruppen. Hier werden intrapsychische Konflikte, die im Wesentlichen unbewusst ablaufen, bearbeitet. Konkret bedeutet das, dass Schwierigkeiten mit Mitarbeitern und Patienten in einem kleinen Kreis wohlwollender Kollegen angesprochen und zu lebensgeschichtlichen Ereignissen des Erzählers in Beziehung gesetzt werden. Ein geschulter Psychotherapeut in seiner Funktion als Teamleiter übernimmt die führende und sichernde Aufgabe, einem Bergführer in einer Seilschaft vergleichbar. Die Erfahrungen eigener mehrjähriger Balint-Gruppenarbeit mit dem Personal einer Station zeigen eine kontinuierliche Vertiefung von patientenzentrierten Konflikten über Teamspannungen hin zu Selbsterfahrung mit Erkennen und Lösen eigener Ängste und Abwehrstrategien. Wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche BalintArbeit sind neben Freiwilligkeit eine problembejahende Einstellung der Führenden, die Bereitschaft zur Selbstreflexion sowie zeitliche Kontinuität der Gruppe außerhalb der Stationshektik. Diese Angebote zu Gespräch und Selbstreflexion stellen im weitesten Sinne eine Weiterbildungsmaßnahme 31 Balint-Gruppen 3 z 05 04 Ausblick Inhalt Motivierung zu Fort- und Weiterbildung Das Zwischenmenschliche nicht vergessen „Ich-Stärke“ muss sein 3 z 05 | 04 Suchen Treffer Hilfe dar. Durch die Verbesserung der sozialen Kompetenzen befähigen sie zu therapeutischer Professionalität auf diesem Gebiet. Auch in Bezug auf die fachliche Sicherheit sollte unter der gleichen Zielsetzung die Teilnahme an Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen verpflichtend gemacht. Auf eine entsprechende Motivierung der Mitarbeiter ist hinzuarbeiten. Das bedeutet letztlich, dass nicht nur Führende, sondern auch die Mitarbeiter in einem besonderen Maße gefordert werden. Sie stehen vor der Aufgabe, sich für das Begehen neuer Wege offen zu halten, und nicht nur im Medizinischen und Pflegerischen, sondern auch im Zwischenmenschlichen. Das heißt, dass sie bestimmte persönliche Voraussetzungen mitbringen müssen, die bei der Auswahl der Teammitglieder zu berücksichtigen sind. Gemeint sind Fähigkeiten, die für eine gewisse „Ich-Stärke“ der Person sprechen. Dazu zählen Kontakt-, Entscheidungs- und Lernfähigkeit, ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz sowie eine weitgehend positive Grundeinstellung. Diese Fähigkeiten sind in unvermeidbaren Zeiten, in denen Tiefs im Stationsalltag zu überwinden sind, eine große Hilfe. Ausblick Die vorgestellten Konzepte zur zwischenmenschlichen Kommunikation allgemein und im Krankenhaus im besonderen sollen deutlich machen, dass Gedanken darüber keine humane Verzierung der medizinischen und pflegerischen Behandlungstätigkeit darstellen. Sie sind notwendig, weil ihre Umsetzung dem Wohle des Patienten dient, Arbeitszufriedenheit und -effektivität der im Krankenhaus Tätigen steigert und langfristig – so paradox es klingen mag – zu einer Kostensenkung führt. 32 Ausblick Inhalt Suchen Hilfe Treffer Viele der gemachten Vorschläge mögen noch utopisch anmuten, zumal eine Reihe von Behinderungen ihrer Verwirklichung entgegenstehen. Sie zielen letztlich auf das hin, was die ehemalige Krankenschwester Sigrid Andersen (1987) in ihrem Buch „Herzalarm“ als wichtige Voraussetzung für ein humanes Gesundheitswesen so formuliert: z« „Ein menschliches Krankenhaus darf seine Helfer nicht allein lassen.“ Literatur Marz 2001 3 z 05 04 Andersen S (1987) Herzalarm – Beruflicher Druck, persönliche Konflikte: Schwestern und Helfer im Krankenhaus. Kreuz, Stuttgart Aronson E, Pines A, Kafry D (1983) Ausgebrannt. Vom Überdruß zur Selbstentfaltung. Klett-Cotta, Stuttgart Begemann-Deppe M (1976) Im Krankenhaus sterben. 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